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Armut
Was fehlt Dir? Mit dieser Frage werden Menschen angesprochen, denen offensichtlich etwas fehlt, das sie in ihrem Leben glücklich(er) machen würde. Oftmals sind es materielle Güter, aber auch Beziehungen oder Sinnelemente, die fehlen und damit arm machen. Armut betrifft den Menschen ganz und beschreibt einen Mangel, der andere Menschen, die Gesellschaft und die Kirche herausfordert.
1.1. Analysen und FeststellungenArmut sei ein relativer Begriff, so heißt es allenthalben. Wer Armut in ihrer radikalsten Ausprägung nicht an der Überlebensgrenze fest macht, sondern zum jeweiligen Lebensumfeld in Beziehung setzt, nimmt den Menschen in seiner geschichtlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Verfasstheit ernst. Wer mit weniger als sechzig Prozent des Medians des bedarfsgewichteten Haushaltseinkommens in einer gegebenen Gesellschaft auskommen muss, gilt nach EU-Maßstäben als arm. Nach den sozialen Transferleistungen leben in Luxemburg immerhin noch zwölf Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze, darunter viele Alleinerziehende mit kleinen Kindern, Menschen mit Migrationshintergrund, Asylbewerber, alte Menschen mit Kleinstrenten, junge Menschen unter fünfundzwanzig Jahren, die noch keinen Anspruch auf RMG (Revenu Minimum Garanti, Garantiertes Mindesteinkommen) haben. Ohne das Eingreifen des Sozialstaates lebten gar an die zwanzig Prozent unterhalb der Armutsgrenze. Es ist also gleichermaßen falsch zu behaupten, materielle Armut gäbe es in Luxemburg nicht, sowie der Sozialstaat hätte seine Aufgaben bereits gänzlich erfüllt. Ein paar Zahlen zur Verdeutlichung: Nach aktuellen Angaben liegt die Armutsgrenze in Luxemburg für einen alleinstehenden Erwachsenen bei 1.287 € im Monat, für ein Paar mit zwei Kindern bei 2.703 € im Monat. Das RGM, das garantierte Mindesteinkommen, liegt zur Zeit bei 1.070,92 € für einen alleinstehenden Erwachsenen, bei 1.801,29 € für ein Paar mit zwei Kindern. Armut wird aber nicht nur durch materielle Defizite hervorgerufen, sondern auch durch Defizite an Bildung, Sozialkontakten, Teilhabe an der Gestaltung und Mitbestimmung in der Gesellschaft. Wer seine materielle Armut, seine Bildungsdefizite oder seinen Ausschluss von Kultur und offener Begegnung im wohlhabenden Luxemburg zu leben hat, ist manchem Druck aus Gesellschaft, Wirtschaft und Politik ausgesetzt. So erzählen z.B. obdachlose Menschen oder Konsumenten von leichten und stärkeren Drogen von verletzenden Erfahrungen im Kontakt mit der bürgerlichen Gesellschaft. Kommen Armutserfahrungen mit Ausschlusserlebnissen zusammen, entwickeln viele Betroffene eine Rückzugsstrategie an den Rand der Gesellschaft. Dieser Überlebensreflex macht sie als Menschen mit einem Fuß in der Gesellschaft und dem anderen Fuß außerhalb noch anfälliger für Vorurteile und Anschuldigungen. Wer im Gefängnis oder in der offenen bzw. geschlossenen Psychiatrie leben muss, wird meist nur noch als Problemfall wahrgenommen. Auch Kinder und junge Menschen müssen schon den verächtlichen Blick von Gleichaltrigen und Erwachsenen ertragen, wenn sie nicht den Gepflogenheiten und Normen entsprechen – und seien dies Mode und Kleiderverhalten oder der Umgang mit Geld und Ferienerlebnissen. Wer in der Gesellschaft dabei sein will, der muss mindestens mit dem bürgerlichen Mittelfeld mithalten, ansonsten wird er ab- und ausgehängt. Solch konkretes Lernen prägt nicht nur junge Menschen. Ihnen wird vermittelt, dass nicht das Spiel zählt, sondern das Gewinnen. Nicht die Arbeit, sondern der Lohn. Nicht die Zufriedenheit, sondern der Status. Mit Sorge verfolgt die Kirche diesen Trend der Auflösung von zwischenmenschlichen Solidaritäten und des Auseinanderdriftens zwischen denen, die haben, und jenen, die mit weniger auskommen müssen. Es stellen sich hier Fragen des innergesellschaftlichen Zusammenhalts und der staatlichen Gerechtigkeitspolitik. Es stellen sich Fragen der Mentalitäten in unserer Gesellschaft. Eine Einheitsgesellschaft ist weder wünschens- noch erstrebenswert. Eine Gesellschaft aber, in der alle mit ihren Rechten und Pflichten zum Gemeinwohl bereit sind beizutragen, entspricht einem christlichen Menschen- und Weltverständnis. Unser besonderes Augenmerk gilt den Menschen, die ihre Armut in Institutionen und Einrichtungen zu leben haben. Schicksalsschläge und freie Entscheidungen mögen sich bisweilen so vermischen, dass sie nicht einmal für die betroffenen Menschen durchsichtig und durchschaubar sind. Ihnen wieder Einstiegsmöglichkeiten in die Gesellschaft zu gewähren, fordert staatliche Interventionen, gesellschaftliche Akzeptanz und aktive Mitarbeit gleichermaßen. Eine humane Gesellschaft kann sich den Ausschluss nicht leisten. Mit Sorge verfolgt die Kirche die Situation der Menschen, die trotz einer geregelten bezahlten Arbeit in Armut leben, weil die Lebenshaltungskosten, wie z.B. Mietkosten, Kosten für Ernährung und Bekleidung, einen großen Teil des Einkommens verschlingen. Diese so genannten „Working Poor“ haben es in unserer Wohlstands- und Anspruchsgesellschaft besonders schwer. Dazu kommt für Bezieher kleiner Einkommen, dass durch einzelne politische Entwicklungen Besserverdienende bewusst bevorteilt werden (z.B. bei der Steuerpolitik: Abschaffung der Vermögenssteuer). In diesem Kontext sollte die Frage nach der sozialen Verpflichtung, die sich durch Eigentum ergibt, konkreter gestellt werden. Mit Sorge sieht die Kirche, dass arme und ausgegrenzte Menschen wenig an gesellschaftlichen und politischen Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozessen beteiligt sind und auch häufig von kulturellen Ereignissen ausgeschlossen bleiben. Mit Sorge verfolgt die Kirche die Entwicklungen auf dem Wohnungsmarkt. Wohnen im Eigenheim oder in der Mietwohnung verlangt vielen mehr als ein Drittel ihres Einkommens ab. Gewinnsüchtige Bodenspekulation zusammen mit überteuertem Bauen sowie einem mangelhaften politischen Willen haben zu einer bedenklichen Situation geführt. Trotz wiederholter politischer Absichtserklärungen scheint der Mut zur politischen Umsetzung immer noch zu fehlen. Ungestraft können große Spekulanten wie kleine Bodenbesitzer und Bauplatz-Erben profitieren. Mit Sorge verfolgt die Kirche auch die zunehmende Zahl von überverschuldeten Haushalten: der Wunsch, dazuzugehören und zu sein „wie die anderen“, verleitet viele, über ihre aktuellen Verhältnisse zu leben. Dieses Verhalten wird häufig noch durch unseriöse Angebote von Geld- und Kreditinistituten gefördert. Ebenso können die aktuellen Auflösungserscheinungen traditioneller Familienformen in der Gesellschaft in diese Verschuldungssituation führen: Scheidungen stellen die Betroffenen nicht nur vor emotionale, sondern häufig auch vor große materielle Schwierigkeiten. 1.2. Pisten zur Stärkung der sozialen KohäsionL’exclusion et l’intégration sont des processus sociaux sur lesquels chaque individu a une influence directe. Et cela vaut dans la même mesure pour nos semblables, tant intégrés qu’exclus. Il existe déjà de nombreuses initiatives estimables dans notre société pour réinsérer les marginaux. Beaucoup de bonnes choses se font aussi dans l’ombre. En raison de l’efficacité de tels gestes engageants, ceux-ci pourraient être rendus publics et être pratiqués à titre d’exemple par des personnes publiques. 1.2.1. Menschen am Rande Gastfreundschaft anbieten Ausschluss und Einschluss sind gesellschaftliche Prozesse, auf die jeder Einzelne direkten Einfluss hat. Und dies gilt im selben Sinne und Masse für den eingeschlossenen wie für den ausgeschlossenen Mitmenschen. Es gibt schon viele wertschätzende Initiativen in unserer Gesellschaft, um Menschen vom Rande in die Mitte einzuladen. Dabei geschieht viel Gutes im Verborgenen. Wegen der Wirkmächtigkeit solcher einladenden Gesten könnten diese öffentlich gemacht werden und beispielhaft von öffentlichen Personen selber praktiziert werden. 1.2.2. Berührungsängste zwischen sozialen Einrichtungen und Gesellschaft in beiden Richtungen abbauen Einrichtungen für Menschen mit einer Behinderung, Kranke und Senioren, psychisch angeschlagene und gefangene Menschen sind aus der Not geboren und führen zum Teil aus guten Gründen ihr eigenes Innenleben. Damit gewähren sie den Menschen innerhalb der Einrichtung und außerhalb der Einrichtung Schutz und Sicherheit. Gleichzeitig vertreten diese Einrichtungen einen integrativen Ansatz und sind dem Ziel verpflichtet, ihren Bewohnern und Bewohnerinnen Lebensräume in der offenen Gesellschaft zu ermöglichen und zu gestalten. Auch hier gibt es vielerlei lobenswerte Initiativen von Einrichtungen, Vereinen und lokalen Gemeinschaften. Und dennoch bleibt viel Spielraum für neue Initiativen, wo Helfer und Helferinnen betroffenen Menschen begegnen und gegenseitig Erfüllung finden können. 1.2.3. Wohnprojekt GemeindeDort, wo eine Pfarrei oder ein Pfarrverband sich als lebendige Gemeinde versteht, können neue Formen des Zusammenlebens wachsen. Lebens- und Wohnräume werden nicht nur durch die Mauern von Wohnungen und Siedlungen bestimmt, sondern vor allem auch durch gemeinsame Projekte. Tun sich Menschen örtlich zusammen, um Gemeinsames zu erreichen, entstehen Interessensverbände; wagen sie den Schritt, ihren Lebensalltag gemeinsam und zum Teil gemeinschaftlich zu bewältigen, entsteht bürgerschaftlich - und christlich - gesprochen eine Gemeinde. Diese auf dem Prinzip der Gemeinschaft und der Selbsthilfe aufbauenden Projekte könnten ihre Aufnahmekapazität gegenüber ärmeren Mitmenschen ausbauen und dabei erfahren, dass in der Gemeinde jedes Mitglied seinen guten Beitrag leisten kann, wenn es dabei auf die Unterstützung aller zählen darf. Vielleicht könnten gerade in diesem Feld die klösterlichen Gemeinschaften ihre bewährte Vorreiterrolle wieder übernehmen, wenn sie sich noch mehr für Suchende, starke und schwache, öffnen würden. 22. September 2006
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