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Lettres pastorales / Hirtenbriefe
„Fasten – Zeit schenken“
Theologisch-pastorale Weisungen zum Beginn der Fastenzeit 2012

Das Essen, als Grundbedürfnis des Menschen, war und ist seit vielen Jahrhunderten ein bevorzugter Ort, das Fasten anzusiedeln. Der einzelne Mensch und ganze Gemeinschaften haben sich ihrem Verhalten beim Essen bewusst gestellt und sich von ein-gefleischten Gewohnheiten befreit. Andere Nahrungsmittel und -zeiten wurden ausprobiert, oder sogar der völlige Verzicht auf Nahrung während bestimmten Tageszeiten erfahren. Hunger und Durst werden wieder entdeckt als Orte der Selbst-Erfahrung und der Erfahrung Gottes und seiner Welt.
Das Fasten ist eine doppelte Herausforderung. Wer fastet, der verzichtet auf der einen Seite und gewinnt auf der anderen. Doch worauf soll ich und weshalb soll ich verzichten ? Und welchen Gewinn kann und soll mir die neu gewonnene Freiheit geben ?

Fasten, um fit und schlank zu werden ?

Heute ist das Fasten nicht mehr nur eine rein religiöse Angelegenheit. Fasten ist längst auch zu einem gesellschaftlichen Phänomen geworden. Das sogenannte „Fastenwandern“ ist beispielsweise zu einer Mode und wirtschaftlichen Nische geworden. Es gibt genügend Leute, die bereit sind, sich das Fasten viel Geld kosten zu lassen. Fasten verkaufen und bewerben ist durchaus lukrativ. Wer bereit ist, sich sein Fasten « einzukaufen », möchte wohl sicherstellen, dass durch seinen Verzicht auf Geld für andere Dinge, für ihn selber neue Erfahrungen zum Teil zusammen mit anderen Menschen greifbar werden.
Oder man nutzt das Fasten gerne dazu, um einfach nur abzunehmen. Doch auch das führt nicht unbedingt in eine neue Freiheit hinein : dem Fett und dem Speck weichen die Sucht und Bilder eines idealen Gewichts und Körpers. Ein manchmal krankhaftes Streben, um eine bestimmte Figur zu erlangen, bringt eine neue Abhängigkeit, die dem eigentlichen Sinn des Fastens entgegenläuft.

Fasten als Verzicht auf Unterhaltung ?

Der Verzicht auf Unterhaltung, oder sollte man Ablenkung sagen, ist ein anderes beliebtes Thema, wenn es um das Fasten geht. Weniger oder kein Fernsehen, weniger oder kein Autofahren, weniger oder kein Kino, weniger oder kein Ausgang, das und vieles mehr sind weitere reale Möglichkeiten, bewusst Einfluss auf das eigene Verhalten zu nehmen und neue Freiheiten im Verzicht und der neuen Wahlfreiheit zu suchen und zu finden. Das Fasten kann unsere Freiheit herausfordern, positiv und negativ. Abstand von alten und eingesessenen Gewohnheiten nehmen, um neue Felder der Selbstverwirklichung und der Begegnung zu entdecken, lautet die Einladung zum Fasten.

Fasten, um Zeit zu schenken

Erzbischof Jean-Claude Hollerich bringt es in seinem Hirtenwort zur Fastenzeit auf den Punkt des „Zeit-Schenkens“ ! Wer verzichtet und etwas nicht tut, gewinnt in der Tat Zeit. Damit verlagert der Bischof den Blick nach dem Sinn des Fastens in den Horizont der Zukunft und der Freiheit. Wem kann und will ich Zeit schenken ? Allein die Frage öffnet Entscheidungsräume, die zeigen, dass wir nicht einfach keine Zeit haben, sondern bewusst über unsere Zeit verfügen können, wenn wir auf andere Zeitfresser verzichten.

Viele Sitzungen, die unzureichend vorbereitet sind, stehlen Zeit und kosten viel Geld. Zeit geht auch durch unsinnige Verschwendungen im Freizeit- und Medienbereich verloren. Aber auch Unentschiedenheit und Ziellosigkeit gehören zu den schwarzen Löchern, die unsichtbar Zeit verbrauchen und zunichte machen.

Zeit für Gott und Zeit für die Menschen

Die angebotene Alternative ist einfach : Anderen Menschen und Gott Zeit schenken. Das Doppelgebot der Liebe scheint durch und lässt die eine Wirklichkeit der Liebe, die Gott selber ist, als das Fundament unseres Seins und Zusammenseins aufleuchten. Sich Zeit für den Nächsten und Gott selber nehmen, heißt immer auch, sich zu verbinden, auf Beziehung einzulassen, und damit selber zu sein. Um dieses Sein als Mensch unter Menschen und in der Gesellschaft geht es in der vorösterlichen Fasten- und Bußzeit. Die Be-sinnung auf die eigene Menschwerdung und das Gehaltensein in Gottes Liebe und Geist geraten dort wieder in den Vordergrund und in Reichweite, wo die eigene und der anderen Freiheit freigeschaufelt werden – durch Fasten und Beten.

Pastorale Weisungen

Die Fastenzeit dient der Vorbereitung auf die Feier des Todes und der Auferstehung Christi. Sie ist eine bevorzugte Zeit der Gnade für die Umkehr und die Rückkehr zur vollen Gemeinschaft mit Christus. Dies geschieht insbesondere durch die volle Teilnahme an der Feier der Eucharistie, aber auch in besonderem Maß durch den Empfang des Buß-sakramentes.
In der Feier der Eucharistie wird die volle Gemeinschaft der Getauften mit dem Herrn und seiner Kirche sichtbar. Die Kirche empfiehlt daher den ehrfürchtigen Kommunionempfang bei jeder Messfeier. Jeder Gläubige aber soll wenigstens einmal im Jahr, nach Möglichkeit in der österlichen Zeit (zwischen Aschermittwoch und Pfingsten), die Kommunion empfangen und durch diese volle Teilnahme an der Eucharistie seine Gemeinschaft mit der Kirche zum Ausdruck bringen.
Im Bußsakrament wird dem Christen, der seine Sünden bereut und aufrichtig bekennt, im Namen Gottes die Vergebung geschenkt; er wird mit Gott und der Kirche versöhnt. Jeder Christ soll sich regelmäßig prüfen, ob er in einer wichtigen Sache bewusst und freiwillig gegen Gott und gegen die Kirche, gegen seine Mitmenschen oder gegen sich selbst schuldig geworden ist. Wer sich in diesem Sinne einer schweren Sünde bewusst ist, soll diese möglichst bald, wenigstens aber innerhalb eines Jahres in der Feier des Bußsakramentes bekennen. Er ist aber auch verpflichtet, allen angerichteten Schaden nach besten Kräften gutzumachen. Auch den Gläubigen, die keine schweren Sünden zu beichten haben, wird zur Erneuerung und Vertiefung der Bußgesinnung sowie zur sakramentalen Sündenvergebung die öftere Feier des Bußsakramentes empfohlen. Sie fördert zudem die Selbsterkenntnis und trägt zur inneren Reife bei.
Die Zeit für die österlichen Sakramente (Bußsakrament, Kommunion) erstreckt sich in unserer Erzdiözese von Aschermittwoch bis Pfingstmontag einschließlich. Das Abstinenzgebot mit dem Verzicht auf Fleischspeisen am Aschermittwoch und Karfreitag verpflichtet alle ab dem vollendeten 14. Lebensjahr. Das Fastengebot mit dem „Fastenopfer“ nach der freien Verantwortung des einzelnen Christen verpflichtet zwischen dem 18. bis zum Beginn des 60. Lebensjahres. Entschuldigt ist, wer durch Krankheit, auf Reisen, am fremden Tisch oder durch schwere körperliche Arbeit am Fasten oder an der Abstinenz gehindert ist. Seelsorger und Eltern sollen dafür sorgen, dass auch diejenigen, die wegen ihres jugendlichen Alters zu Fasten und Abstinenz nicht verpflichtet sind, zu einem echten Verständnis der Buße geführt werden.

Der Gott des Lebens lädt uns alle ein, die Sattheit und Unbeweglichkeit unseres Alltaglebens hinter uns zu lassen, auf sie als alte Sicherheiten zu verzichten, um uns eine neue Zukunft und neue Möglichkeiten erschließen zu lassen. Nutzen wir diese Zeit des Fastens, um Zeit zu gewinnen für uns selbst, für den anderen Menschen, für Gott !

Luxemburg, an Aschermittwoch 2012

(mitgeteilt vom Erzbischöflichen Ordinariat)

 
 
 
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