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Lettres pastorales / Hirtenbriefe
Begegnungen auf Augenhöhe
Wort des Erzbischofs von Luxemburg zum Welttag der Menschen mit Behinderung und zum Auftakt des Europäischen Jahres der Menschen mit Behinderungen 2003

Es ist mittlerweile zu einer guten Tradition geworden, dass die Europäische Union jedes Jahr unter ein Thema stellt, dem besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden soll. Das kommende Jahr 2003 wurde zum Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderung ausgerufen. Ziel ist es, die Öffentlichkeit für die Belange behinderter Menschen in ganz Europa zu sensibilisieren und dabei den unverzichtbaren Beitrag dieser Personengruppe für die Gesellschaft in den Mittelpunkt zu stellen und zu würdigen.

In der Vorbereitung auf das Themenjahr von 2003 fand im März dieses Jahres ein europäischer Kongress mit über 600 Delegierten aus 34 Ländern in der spanischen Hauptstadt Madrid statt. Hier wurden Visionen formuliert und Empfehlungen ausgearbeitet, die in einem bemerkenswerten Schlusstext - der sogenannten Deklaration von Madrid - ihren Niederschlag gefunden haben. Ein erster grundlegender Punkt aus dieser Charta ordnet Behinderung in die Reihe der Menschenrechtsthemen ein. Immerhin handelt es sich dabei um die Rechte von über 50 Millionen europäischen Bürgerinnen und Bürgern, die mit einer Behinderung leben. Ihre Forderung nach größerer Chancengleichheit statt Wohltätigkeit unterstreicht die Kehrtwende in der Haltung gegenüber behinderten Menschen: von einer Philosophie der Bevormundung hin zur Befähigung das eigene Leben mit den notwendigen Hilfestellungen zu meistern.

In den letzten Jahren und Jahrzehnten sind von unterschiedlicher Seite - sowohl von staatlichen Stellen und von zahlreichen gesellschaftlichen Kräften als auch und vor allem von den Betroffenen selbst - viele Anstrengungen unternommen worden, um Barrieren, nicht nur solche materieller Natur, abzubauen. Vieles bleibt allerdings noch zu leisten. Letztlich sind es auch nicht die Behinderten, die ihre Integrationsfähigkeit unter Beweis stellen müssen, sondern es ist die Gesellschaft insgesamt, die durch die Änderung von sozialen Normen, Politiken und Kulturen, eine unterstützende und zugängliche Umwelt für alle herstellen muss.
Das Motto des diesjährigen Internationalen Tages „Ausbildung für alle“ unterstreicht die Bedeutung integrativer Bildungsmöglichkeiten. Gerade für Jugendliche und junge Erwachsene ist eine an ihren jeweiligen Fähigkeiten und Talenten angepasste Ausbildung von entscheidender Bedeutung. Unter den Aspekt des Lernens und Erfahrens rechne ich auch die Möglichkeit, Gott und den Glauben kennenlernen zu dürfen über den Religionsunterricht und über die Vorbereitung auf den Empfang der Sakramente. Die Kirche in Luxemburg engagiert sich seit Jahren über eine eigene Dienststelle auf dem vielschichtigen Gebiet der Behindertenseelsorge.

Begegnungen auf Augenhöhe

Einander auf Augenhöhe oder auf gleichem Niveau begegnen, meint das Gegenteil eines sorgenvoll herablassenden Blicks. Begegnung von Menschen mit und ohne Behinderung werden zu Begegnungen auf Augenhöhe, wenn nicht in erster Linie die Behinderung, sondern die Person mit ihren ganz individuellen Fähigkeiten gesehen wird.
Ein Umgang auf Augenhöhe setzt natürlich voraus, dass Menschen mit und ohne Behinderung sich im Alltag überhaupt begegnen können. Hier greift dann wieder die berechtigte Forderung nach Ausbildung, nach Integration und ganz allgemein nach der Teilnahme am ganz normalen Leben der Gesellschaft in allen Dimensionen und auf allen Ebenen (vgl. Johannes Paul II., Enzyklika „Laborem exercens“, Nr. 22).
Begegnungen auf Augenhöhe hat auch Jesus gesucht. Er holte Menschen, die am Rand der damaligen Gesellschaft gelebt haben, in die Mitte des Geschehens zurück. Er suchte ihre Begegnung, blickte sie an. Bei Jericho wendet sich Jesus an den Blinden mit der auf Augenhöhe gerichteten Frage „Was soll ich dir tun?“ (Mk 10,51).

Aktionen im Jahr 2003

Im Laufe des Europäischen Jahres der Menschen mit Behinderungen von 2003 werden hier in Luxemburg, wie in den anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Union auch, zahlreiche Aktivitäten und Veranstaltungen stattfinden. Ich möchte insbesondere auf die Sensibilisierungsaktion der Katholischen Kirche unter dem Motto „(K)ee Mënsch wéi en aneren“ hinweisen. Dieses Projekt sammelt darstellerische Objekte oder Textbeiträge zu den Themen Kirche und Glaube, Arbeitswelt und Alltag. In einer Wanderausstellung sollen die Exponate, von einem Rahmenprogramm begleitet, durch das Land gehen. Mögen viele Betroffene sich daran beteiligen, auf dass das Projekt zu einem größeren gegenseitigen Verständnis und zu echter Solidarität beiträgt! In diesem Sinn wünsche ich dieser und allen anderen Aktionen im Jahr der Behinderten viel Erfolg und Gottes Segen.

Luxemburg, am Tag des Apostels Andreas, dem 30. November 2002

 
Fernand FRANCK Mgr
Archevêque . Erzbischof
 
 
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