Im Hirtenbrief zur Fastenzeit 2010 habe ich an die “Logik des Schenkens“ erinnert, die in diesem Wortlaut und auch als “Prinzip der Unentgeltlichkeit“ in der Enzyklika Benedikts XVI. “Caritas in Veritate“ eine zentrale Bedeutung hat. Unser Glaube gründet zutiefst darauf, dass wir uns selber als Geschenk betrachten, letztlich als Geschenk Gottes: wir haben uns nicht selber erschaffen; durch andere Menschen, vorab unsere Eltern, sind wir überhaupt da und sind wir so, wie wir sind.
Dieses Bewusstsein stellt uns in der Menschheitsfamilie in eine fundamentale Gleichheit mit allen Menschen: niemand ist aus sich selber, jeder ist die Frucht eines Geschenks – niemand kann sich demnach über den anderen erheben, und jeder teilt mit dem anderen die Gabe des Geschenks. Dadurch wird eine umfassende Solidarität grundgelegt.
In krassem Gegensatz dazu steht die unsägliche Armut der einen und der oft skandalöse Reichtum der anderen. Die Menschheitsfamilie ist zutiefst verwundet und zerrissen. Die Armut legt sich wie ein unheimlicher Nebel über die Erde; im wahrsten Sinn des Wortes sind davon unberührt nur die, die es sich leisten können auf den Höhen zu leben: die in den untersten Gesellschaftsschichten sind am meisten gefährdet in die Armut abzugleiten und sich in dem undurchdringlichen Nebel der Marginalisierung und Exklusion zu verlieren.
Die Brücke über den tiefen Graben der reich und arm trennt heißt Schenken, unentgeltliches Schenken. Das hat Jesus gemeint, wenn er davon spricht, dass beim Schenken die “linke Hand nicht wissen soll, was die rechte tut“ (Mt 6, 3). Man schenkt nicht, wenn man sich Gewinn oder Nutzen davon errechnet. Man schenkt, weil man den anderen liebt, weil man ihn für würdig erachtet, beschenkt zu werden, weil man ihn genau so achtet wie sich selbst. Jesus sagt ausdrücklich, dass die Nächstenliebe Maß nimmt an der Liebe zu sich selbst: “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“.
In einer sich durch und durch wirtschaftlich verstehenden Welt hat es das Prinzip Schenken schwer: wo fast alles in eine Kosten-Nutzen-Rechnung gebracht wird, wo Leistung vor Sein zu stehen scheint, wo der Erfolgreiche oben steht und dafür belohnt und ausgezeichnet wird und wo umgekehrt gesagt wird, der Arme sei selber schuld an seiner Misere, da hat die Rede vom Schenken einen schweren Stand. Ja, die Rede vom Menschen überhaupt und von der Menschlichkeit hat einen schweren Stand!
Deshalb möchte ich dringend einladen und ermutigen, in der jetzt beginnenden Fastenzeit die Lebenswerte mit den Sachwerten wieder in ein gesundes Gleichgewicht zu bringen. Das Geschenkte wird dann wieder als wertvoller erscheinen als alles Gemachte und Geleistete; der Mensch wird als Person wichtiger und wertvoller als sein sozialer Stand, seine Leistungsfähigkeit und seine Konsumkraft. Ich möchte einladen, sich intensiv und nachhaltig, persönlich und in Gemeinschaft, mit dem Prinzip auseinander zu setzen: was sind wir, was haben wir, was uns nicht geschenkt wäre? Weder die Luft zum Atmen noch das Licht und die Wärme der Sonne sind Produkte unseres Tuns, das Leben ist uns geschenkt und bleibt trotz allem wissenschaftlichen Forschen und Können ein nicht machbares Geheimnis.
Wenn wir uns schon selber als Geschenk sehen lernen, um wie viel mehr muss es uns dann bewegen, selber für andere zu Schenkenden zu werden? Wir können die Umstände des Lebens verändern, wir können den anderen Bedingungen für ein besseres Leben schenken, wir können solidarisch etwas tun, damit mehr Gerechtigkeit entsteht, wir können durch Teilen, was grundsätzlich unentgeltlich ist, den Graben zwischen reich und arm überwinden und vielleicht einmal auffüllen.
Ganz eindringlich empfehle ich deshalb die Projekte, die Bridderlech Deelen mit Partnern aus Afrika, Asien und Lateinamerika verwirklicht: diese Arbeit in Partnerschaft ist ein kompetenter Ausdruck der Aufmerksamkeit und der Sorge der Kirche, die in Luxemburg ist. Bridderlech Deelen kann aber nur arbeiten, wenn viele einzelne und die kirchlichen Gemeinschaften sich auf den Weg des Schenkens und des Teilens begeben.
Luxemburg, den 2. Februar 2010