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Lettres pastorales / Hirtenbriefe
Nicht nur aus dem Überfluss, sondern auch von der Substanz...
Bischofswort zur Fastenkampagne « Bridderlech Deelen » 2006
„Das Ärgernis soll vermieden werden, dass einige Nationen, deren Bürger in überwältigender Mehrheit den Ehrennamen“Christen„tragen, Güter in Fülle besitzen, während andere nicht genug zum Leben haben und von Hunger, Krankheit und Elend aller Art gepeinigt werden... Es ist jedoch Sache des ganzen Volkes Gottes, wobei die Bischöfe mit Wort und Beispiel vorangehen müssen, die Nöte unserer Zeit nach Kräften zu lindern, und zwar nach alter Tradition der Kirche nicht nur aus dem Überfluss, sondern auch von der Substanz.“ Diese Worte aus der pastoralen Konstitution „Gaudium et Spes“ (hier Nr 88) des 2. Vatikanischen Konzils sind und bleiben die tiefen Wurzeln unseres Diözesanwerks „Bridderlech Deelen“. Im Anschluss an das Konzil wurde es 1966 als Fastenhilfswerk gegründet. Die Bischöfe aus aller Welt haben auf dem Konzil die aufregende und beglückende Erfahrung der Universalität und Katholizität der Kirche gemacht. Lange bevor man von Globalisierung gesprochen hat, haben sie erkannt, dass Kirche nur im weltweiten Austausch und im brüderlichen Teilen leben kann. Wohl hat es noch Jahre und Jahrzehnte gebraucht, bis sich die Erkenntnis und vor allem die Praxis durchsetzen konnte, dass Austausch und Teilen immer in beide Richtungen gehen muss, damit echte Partnerschaft entsteht. Mit der Gegenüberstellung von Reichen und Armen hat das Konzil aber die Dringlichkeit einer neuen Weltordnung aufgezeigt und die Christen auf ihre Verantwortung und Mitarbeit hingewiesen. Das Prinzip des Gebens nicht aus dem Überfluss sondern von der Substanz gibt das Maß an, an dem das christliche Engagement gemessen werden soll. Bischof Leo Lommel und sein Generalvikar Jean Hengen haben die Botschaft des Konzils aufgegriffen und in der Kirche, die in Luxemburg ist, konkret umgesetzt mit der Gründung von Bridderlech Deelen. Wenn wir heute, vierzig Jahre später, auf das Diözesanwerk zurückblicken, erfüllt uns große Dankbarkeit. Zunächst gegenüber den Gründern und Pionieren, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, dann gegenüber allen, die das Werk großzügig unterstützt haben, gegenüber den staatlichen Instanzen und insbesondere dem Kooperationsministerium, die über Kofinanzierungen und jüngst über den accord-cadre die Aktionsmöglichkeiten bedeutend erweitert haben, und nicht zuletzt gegenüber den Partnern in den Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas, die auf ihre Weise mitgeholfen haben, dass Bridderlech Deelen sich zu einem Werk für Entwicklungszusammenarbeit und Partnerschaft weiterentwickelt hat. „Entwicklung ist der neue Name für Frieden“, hat Papst Paul VI. in seiner Enzyklika „Populorum Progressio“ (1967) geschrieben: „Frieden muss Tag für Tag aufgebaut werden mit dem Ziel einer von Gott gewollten Ordnung, die eine vollkommenere Gerechtigkeit unter den Menschen herbeiführt“ (Nr 76). Auch wenn die Kirche den Staat und seine Aufgabe, eine möglichst gerechte Gesellschaft zu verwirklichen, nicht ersetzen kann, „kann und darf sie im Ringen um Gerechtigkeit auch nicht abseits bleiben“ (Deus Caritas est, Nr 28). Bridderlech Deelen wird auch in Zukunft in Zusammenarbeit mit anderen kirchlichen Werken und christlichen Organisationen eine mehrfache Verantwortung haben, damit die Kirche im Ringen um Gerechtigkeit nicht im abseits bleibt. In der Kirche darf zu keinem Zeitpunkt die Sorge um den bedürftigen Menschen verloren gehen. Wir können nicht leben, Liturgie feiern und den Glauben verkünden, ohne die Frage zu stellen, ob unser Tun und Lassen für die Armen dieser Welt mehr Gerechtigkeit bringt oder für sie ein Stein des Anstoßes ist. In unseren christlichen Gemeinschaften muss immer wieder das Gespür und der Sinn geschärft werden für eine Haltung, die klar und ausdrücklich Partei ergreift für die Armen; das bedeutet, dass die Armen immer Vorrang haben, dass die Armen nicht als passive Empfänger unserer Gaben und Spenden betrachtet werden, sondern als gleichrangige und gleichberechtigte Brüder und Schwestern, die selber zu Wort kommen und kommen müssen. Diese Geschwisterlichkeit und Partnerschaft gehören zur Mitte der Nächstenliebe, die sich im Engagement für Solidarität und Gerechtigkeit verwirklicht. „Es genügt nicht, den Menschen das Recht auf das Lebensnotwendige zuzugestehen, wenn man nicht auch nach Kräften dahin wirkt, dass ihnen auch das, was zum Lebensunterhalt gehört, in genügendem Maße zur Verfügung steht“, schreibt Papst Johannes XXIII. in Pacem in Terris (Nr 32). Bewusstseinsbildung und Anwaltschaft für die Armen werden auch in Zukunft nicht den Einsatz für Entwicklung und Partnerschaft in konkreten Projekten ersetzen; im Gegenteil, je intensiver die Partnerschaft gelebt wird, umso größere Finanzmittel werden gebraucht, um die gerechte Verteilung der Güter und Chancen zu verwirklichen. Dabei geht es nicht um Abgabe aus dem Überfluss, sondern um Teilen der Substanz! Diese Aufforderung gilt sicher den Einzelnen, sie gilt aber auch den Gemeinschaften, den Pfarreien und Pfarrverbänden. Mein herzlicher Dank geht an alle Pfarreien und Pfarrverbände, an alle Seelsorger und Verantwortlichen in den Gemeinschaften, an alle Spenderinnen und Spender, an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, an alle, die in irgendeiner Weise an der Verwirklichung der Ziele von Bridderlech Deelen mitgewirkt haben. Und zugleich lade ich alle ein, nicht nachzulassen im Engagement für unsere Brüder und Schwestern in aller Welt, mit denen wir durch Bridderlech Deelen auch in Zukunft partnerschaftlich zusammenarbeiten wollen für mehr Gerechtigkeit und Frieden. Luxemburg, den 19. Februar 2006 Fernand FRANCK Mgr
Archevêque . Erzbischof
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