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Lettres pastorales / Hirtenbriefe
Raum für den Menschen und für Gott
Theologisch-pastorale Weisung zum Beginn der Fastenzeit

„Alles hat seine Zeit“ (vgl. Kohelet 3) sagt die Heilige Schrift und zählt Gegensätzliches auf, das sich im Lauf des Lebens abwechselt: Weinen und Lachen, Reden und Schweigen, Gewinn und Verlust, Festhalten und Loslassen, Leben und Tod. Im Laufe der Jahrhunderte hat die Kirche das Kirchenjahr rhythmisch gegliedert und eine jährliche Zeitlinie geschaffen, bei der sich einfachere und festlichere Zeiten alternieren: Advent und Weihnachten, österliche Bußzeit (Fastenzeit) und Ostern. Dieser jährliche Rhythmus ermöglicht ein intensives Erleben und Erinnern der einzelnen Zeiten.

Mit dem Aschermittwoch beginnt die 40-tägige Fastenzeit. Für Christen ist fasten nicht nur eine gesundheitliche Maßnahme, sondern ein sich bewusstes Zurücknehmen, damit andere Menschen und schließlich auch Gott mehr Raum haben kann.

In den kommenden Wochen sind wir wieder unterwegs zum Osterfest – dem Fest des Lebens, dem Fest des Sieges Christi über Sünde und Tod. Christen sollen österliche Menschen sein. Das bedeutet auch, dass sie Freunde des Lebens sind: Freunde des menschlichen Lebens, angefangen beim vorgeburtlichen Leben bis hin zum Leben, das auf den Tod zugeht; Freunde aber auch der Natur als Schöpfung Gottes.

Das spirituelle Fundament der Fastenzeit: Gebet, Fasten und Verzicht, Werke der Nächstenliebe, der Caritas

Das Fasten zielt letztlich nicht auf Äußerliches. Es ist Ausdruck der inneren Gesinnung. Menschen fasten, um durch Besinnung und Gebet, durch heilsamen Verzicht, durch die liebende Sorge füreinander und die Solidarität mit den Armen, Christus wieder mehr Raum in ihrem Leben zu geben. Christliches Fasten ist daher nicht nur ein zeitweiliger Verzicht auf bestimmte Nahrungsmittel, sondern auch ein Teilen von Geld, Zeit und Aufmerksamkeit mit Menschen, die Hilfe und Unterstützung brauchen. Es ist ein bewusstes Offenwerden auf Gott hin durch Gebet, durch Reue und Buße bezogen auf eigene Schuld, und dies besonders durch das weithin vergessene Bußsakrament. Fasten aus christlicher Motivation will die Sinne für religiöse Erfahrungen öffnen und die Glaubenspraxis erneuern.
Nach christlichem Verständnis bilden seit jeher die persönliche, sozial-karitative und religiöse Dimension des Fastens eine untrennbare Einheit.
Die Kirche hat bereits seit langem das ehemals rigorose Fastengebot für diese Zeit gemildert, um die Gestaltung der Buße persönlicher und authentischer werden zu lassen. Demnach setzt sie auch im Verständnis des Fastenopfers auf die freie Entscheidung und die Eigenverantwortlichkeit der Christen aller Altersgruppen.
Lediglich an zwei Tagen im Kirchenjahr – an Aschermittwoch und Karfreitag – hält die Kirche das Fasten- und Abstinenzgebot aufrecht. An diesen beiden Tagen soll neben einer kleinen Stärkung morgens und abends nur eine Mahlzeit eingenommen (Fasten) und auf Fleischspeisen verzichten werden (Abstinenz). Das Fastengebot verpflichtet alle Gläubigen, die das 18. Lebensjahr vollendet haben bis zum Beginn des 60. Lebensjahres. Das Abstinenzgebot verpflichtet alle Gläubigen, die das 14. Lebensjahr vollendet haben. Entschuldigt ist, wer durch Krankheit, auf Reisen, an fremdem Tisch oder durch schwere körperliche Arbeit am Fasten oder an der Abstinenz gehindert ist.

Pastorale Weisung

Es obliegt dem Ortsbischof zu bestimmen, welche Gestalt das Fasten während der österlichen Bußzeit auf dem Gebiet der Diözese haben soll. In Anlehnung an das kirchliche Recht und gemäß den Bestimmungen der Nachbardiözesen lege ich neben den beiden gebotenen Fasten- und Abstinenztagen folgendes fest:
Die Fastenzeit ist eine bevorzugte Zeit der Gnade für die Umkehr und die Rückkehr zur vollen Gemeinschaft mit Christus durch die innige Teilnahme am Geheimnis seines Todes und seiner Auferstehung. Zur österlichen Vorbereitungs- und Festzeit gehört die volle Teilnahme an der Feier der Eucharistie. Die Eucharistie ist die Feier der ‚communio’, d.h. der Gemeinschaft mit Gott. Sie ist aber auch Versammlung, d.h. Feier des Volkes Gottes, das aus der Hingabe Christi lebt.
Jeder, der sich einer schweren Schuld bewusst ist, muss vor dem Empfang der Kommunion das Sakrament der Versöhnung empfangen. Auch alle anderen Gläubigen sollen das Bußsakrament in überschaubaren Zeitabständen empfangen. Die Zeit für die österlichen Sakramente (Bußsakrament, Kommunion) erstreckt sich in unserer Diözese von Aschermittwoch bis Pfingstmontag einschließlich.

„Die Zeit ist kurz ...; denn die Gestalt dieser Welt vergeht“ (1 Kor 7,29.31) sagt der Apostel Paulus, dessen 2000. Jubiläum die Kirche 2008/2009 feiert Und weil die Zeit kurz ist, zieht Paulus Konsequenzen: Es kommt auf das „Jetzt“ an! Der Augenblick ist wichtig und entscheidend. „Die Zeit ist kurz!“ – dafür heißt es „Nutze die Zeit!“

Liebe Schwestern und Brüder, ich wünsche uns allen, dass wir die herausragende Zeit der österlichen Bußzeit nutzen, um den Menschen und Gott mehr Raum zu schenken. Brechen wir auf, verlieren wir keine Zeit, gestalten und formen wir in den kommenden Wochen unser Leben und unser Christsein von innen neu.

Luxemburg, an Aschermittwoch 2009

 
Fernand FRANCK Mgr
Archevêque . Erzbischof
 
 
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