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Lettres pastorales / Hirtenbriefe
Theologisch-pastorale Weisung zum Beginn der Fastenzeit 2004

„Gottes Zeit - Heilige Zeit“ - Gott schenkt uns Zeit, viel mehr als wir sie nützen und auch nützen können. „Alles hat seine Stunde“, heißt es beim alttestamentlichen Weisheitslehrer Kohelet. „Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen“ (Koh 3,1-2). Ja, Gott geht durch die Zeit - „Sein ist die Zeit!“, heißt es auch. Alles aber, was Gott uns schenkt, ist uns nicht gegeben, damit wir es für uns alleine behalten, sondern mit anderen teilen. Insofern ist unser Umgang mit der Zeit auch eine Frage der Gottes- und Nächstenliebe. Das werden wir vor allem wahrnehmen, wenn wir uns auch Zeit für ihn nehmen. Eine Zeit, in der wir uns für ihn öffnen, ist „heilige Zeit“. Die Wochen der Fastenzeit laden in herausragender Weise ein zur Unterbrechung des Alltags und zur Öffnung für die Wirklichkeit des Reiches Gottes. Sei es, dass wir im Gebet, in der Anbetung oder der Meditation den Kontakt mit Gott suchen, sei es dass wir durch das Lesen der Heiligen Schrift oder anderer religiöser Werke unser Wissen über Gott vertiefen.

Die Beachtung solcher herausgehobener Zeiten spielt in der Heiligen Schrift und in der kirchlichen Tradition eine wichtige Rolle. Dies auch im Zusammenhang mit Zeiten des Fastens. Vom Geist getrieben, hat Jesus vor seiner öffentlichen Wirksamkeit vierzig Tage lang in der Wüste gefastet. Damit gibt er zum Ausdruck, dass er sich vertrauensvoll dem Willen Gottes überlässt. In Anlehnung an die biblischen Zeugnisse hat die kirchliche Tradition die Praxis des Fastens stets hoch in Ehren gehalten. Es erleichtert die Öffnung des Menschen für eine andere Speise, die des Wortes Gottes (vgl. Mt 4,4) und der Erfüllung des Willen des Vaters (vgl. Joh 4,34).

Die Praxis des Fastens richtet sich an die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. An die Vergangenheit als Ausdruck der Reue für begangene Fehler gegenüber Gott und den Mitmenschen; an die Gegenwart, um den Blick für unsere Verantwortung für andere und für die Wirklichkeit zu schärfen; an die Zukunft, um im Herzen das Geschenk des Friedens und der Umkehr zu erlangen und Gott dadurch immer mehr Raum zu geben.

* * *

Heutzutage beginnen viele Christen an Aschermittwoch zeichenhaft und ganz bewusst ihre „Fastenzeit“, indem sie sich beispielsweise in freier Entscheidung etwas für die Wochen der österlichen Bußzeit vornehmen: Einschränkung im Konsum, Verzicht auf eine unliebsame Angewohnheit oder auf ein zeitraubendes Vergnügen. Durch jeden Verzicht werden Zeit und Mittel frei für die Auseinandersetzung mit der eigenen Person, für die Begegnung und die Solidarität mit dem Nächsten, für das Gebet zu Gott und die Meditation. Nach christlichem Verständnis bilden seit jeher die persönliche, soziale und religiöse Dimension des Fastens eine untrennbare Einheit. Weil es die Bedeutung der Fastenzeit unterstreicht, sich selbst und den eigenen Lebensstil zu ändern, unterstütze ich ausdrücklich den Sinn eines persönlichen Fastenopfers, das ganz verschiedene Formen annehmen kann. Gerade für die Wochen der österlichen Bußzeit möchte ich auch auf die besondere Bedeutung des gemeinsamen Freitagsopfers hinweisen.

Pastorale Weisung

Es obliegt dem Bischof, näher zu bestimmen, welche Gestalt das Fasten während der österlichen Bußzeit auf dem Gebiet der Teilkirche haben soll. Buße kann dabei verschiedene Formen annehmen. Die Kirche hat seit langem das rigorose Fastengebot für diese Zeit gemildert, um die Buße persönlicher und deshalb auch authentischer werden zu lassen. Auch im Verständnis der Gestaltung der Buße appelliert die Kirche demnach an die freie Entscheidung und die Eigenverantwortlichkeit aller Christen. Die Fastenzeit soll vor allem in einem erweiterten Sinn verstanden werden, der die Gläubigen aller Altersgruppen mit einbezieht: seien es Kinder, die zu Gunsten ihrer Altersgenossen in fremden Ländern Verzicht üben oder Geld- und Sachspenden sammeln, Jugendliche, die zu Frühschichten zusammenkommen oder für die Anliegen von Gerechtigkeit und Frieden eintreten, Erwachsene, die in ihrem Alltag oftmals vielfachen Einsatz zugunsten ihrer Mitmenschen beweisen. Durch die große Fastenaktion des Diözesanwerkes „Bridderlech Deelen“ unterstützen die Gläubigen hierzulande die Menschen in den Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas.
Einzig an zwei Tagen im Kirchenjahr - an Aschermittwoch und Karfreitag - hält die Kirche das strenge Fasten- und Abstinenzgebot aufrecht. An diesen beiden Tagen soll neben einer Stärkung morgens und abends nur eine volle Mahlzeit eingenommen (Fasten) und auf Fleischspeisen verzichten werden (Abstinenz). Das Fastengebot verpflichtet alle Gläubigen, die das 18. Lebensjahr vollendet haben bis zum Beginn des 60. Lebensjahres. Das Abstinenzgebot verpflichtet alle Gläubigen, die das 14. Lebensjahr vollendet haben. Entschuldigt ist, wer durch Krankheit, auf Reisen, am fremden Tisch oder durch schwere körperliche Arbeit am Fasten oder an der Abstinenz gehindert ist.

In Anlehnung an das kirchliche Recht und gemäß den Bestimmungen der Nachbardiözesen lege ich neben den beiden gebotenen Fasten- und Abstinenztagen folgendes fest:

Zur österlichen Vorbereitungs- und Festzeit gehört die volle Teilnahme an der Feier der Eucharistie. Sie ist feierliches Andenken und Geschenk des sich opfernden und auferstandenen Herrn. Darum soll jeder Christ in der österlichen Zeit am Tisch des Herrn teilnehmen. Jeder, der sich einer schweren Schuld bewusst ist, soll notwendig vor dem Empfang der Kommunion auch das Sakrament der Versöhnung empfangen. Auch allen anderen Gläubigen empfiehlt die Kirche, das Bußsakrament in überschaubaren Zeitabständen zu empfangen. Die Zeit für die österlichen Sakramente (Bußsakrament, Kommunion) erstreckt sich in unserer Diözese von Aschermittwoch bis Pfingstmontag einschließlich.

Liebe Schwestern und Brüder, beginnen wir mit Zuversicht die diesjährige Fastenzeit, ermutigt durch das intensive Gebet, durch die aufrichtige Bußgesinnung und durch die liebende Aufmerksamkeit gegenüber unseren Mitmenschen. Der Weg zu Gott führt über den Menschen. Uns mit Engagement und Geduld all jenen zuwenden, die unsere Hilfe benötigen, das sei unser besonderes Vorhaben für die diesjährige Fastenzeit. Wenn wir uns Zeit nehmen für unsere Mitmenschen, erfahren wir, dass wir mit unserer Zuwendung auf die unzähligen Gaben antworten, die der Herr uns fortwährend schenkt. Umsonst haben wir empfangen, umsonst sollen wir geben (vgl. Mt 10,8).

Mit dieser Aufforderung erbitte ich für die Gemeinschaft aller Gläubigen die Fürsprache Mariens, der Mutter der Barmherzigkeit. Sie, die sich ganz an ihren Sohn verschenkte, ist auch uns zur Mutter und Wegweiserin geworden. So möge sie uns in den kommenden Wochen der österlichen Bußzeit führen und begleiten, auf dass jeder dort, wo er lebt, ein Zeugnis der Liebe Christi unter den Menschen gibt.

Luxemburg, an Aschermittwoch 2004

+ Fernand Franck
Erzbischof von Luxemburg

 
Fernand FRANCK Mgr
Archevêque . Erzbischof
 
 
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