Den Armen wird die Gute Nachricht verkündet!
Kommentar zum dritten Adventssonntag, Jahr A – Abbé Henri Hamus (14.12.2025)
Johannes sitzt in der Gefängniszelle. Im Dunkeln. Fragen quälen ihn: habe ich auf den Falschen gezeigt? Habe ich vergebens gehofft? War mein hartes Leben umsonst? Habe ich die Leute irregeführt?
Er lässt Jesus fragen, ob er der Erwartete ist. Oder müssen wir auf einen anderen warten?
Jesus antwortet nicht mit Worten. Er zeigt auf die Menschen um ihn – und er lässt die alten Propheten sprechen: "Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben werden geöffnet. Dann springt der Lahme wie ein Hirsch und die Zunge des Stummen frohlockt" (erste Lesung) – ja, erzählt Johannes, was geschieht, wie Kranke geheilt werden, wie den Armen eine Gute Nachricht gesagt wird!
Wir warten heute auf Frieden, auf den Erhalt des Wohlstandes, auf gutes Wetter, auf die nächste Lohnerhöhung, auf den Urlaub, auf ein bestandenes Examen, auf eine gesicherte Zukunft für die Kinder und Enkelkinder, auf die große Liebe…
Und im Advent? Wir warten auf ein frohes Fest, hoffentlich ohne Streit. Wir warten auf eine schöne Atmosphäre, auf gute Musik, auf eine stimmungsvolle Mitternachtsmesse…
Ist das alles? Manchmal denke ich, es könnte dem Jesuskind gehen wie dem kleinen Neugetauften. Bei der fröhlichen Feier fragte auf einmal die Tante: wo ist denn das Kind? Aufgeregt suchte man und fand es im Kinderwagen, auf den die Gäste ihre Mäntel abgelegt hatten. Gottseidank wurde das Kind noch rechtzeitig entdeckt!
Wir warten – wie Johannes werden wir an die Menschen um uns verwiesen. Sehen wir, was in Jesu Namen geschieht! Unser Warten wird zum Aufmerksam-Sein! Denn Er ist gekommen, Er ist da!
Ja, die Jesusfreundinnen und Jesusfreunde sind Jesus nachgefolgt, sie haben getan, was er getan hat: sie haben das Gute Wort gesagt – und sie haben den Worten Taten folgen lassen. Sie gehen dorthin, wo Menschen leiden, krank oder einsam sind, wo getrauert und gelitten wird, wo Angst und Schrecken umgehen, wo Hunger quält, wo Trinkwasser fehlt, wo gefoltert und vergewaltigt und gemordet wird, wo Drohnen und Raketen nächtlichen Tod bringen, wo Ausbeutung und Kinderarbeit wüten, wo der Mensch seiner Würde und Rechte beraubt wird.
In Jesu Namen bauen sie Krankenhäuser und Lazarette, Schulen und Rehabilitationszentren, öffnen Häuser für Geflüchtete und Vertriebene, sitzen an Krankenbetten und nehmen Kinder auf… Sie gehen dorthin, wo andere nicht mehr gehen.
Heinrich Böll sagte einmal: "Ich möchte lieber in der schlechtesten christlichen Welt leben als in einer nichtchristlichen, denn in einer christlichen Welt ist immer auch Raum für die Schwachen.“
Papst Leo XIV. schreibt in seiner apostolischen Exhortation Dilexi te: "Die Armen sind für die Christen keine soziologische Kategorie, sondern das Fleisch Christi selbst. Es genügt nämlich nicht, die Lehre von der Menschwerdung Gottes allgemein zu verkünden; um wirklich in dieses Geheimnis einzutreten, muss man genauer sagen, dass der Herr Fleisch angenommen hat, das hungert, dürstet, krank ist und gefangen. Eine arme Kirche für die Armen tut ihren ersten Schritt, indem sie auf den Leib Christi zugeht."
An diesem dritten Adventssonntag hören wir die Frage des Johannes. Hören wir auch die Stimme der Armen unserer Zeit, den Schrei der Menschen in der Ukraine, im Südsudan, in Gaza? Wo seid ihr? Seht und hört ihr uns nicht? Müssen wir weiter warten und leiden, hungern und Angst haben?
"Die Kirche, wenn sie Kirche Christi sein will, muss eine Kirche sein, die arm und zusammen mit den Armen auf dem Weg ist, und die ein Ort ist, an dem die Armen einen privilegierten Platz haben", sagt Papst Leo. Wie zur Illustration dazu schreibt Jean de Saint-Cheron in La Croix vom 12. November: "Als die Kommunionprozession beginnen sollte, war ich überrascht, ein treues Gemeindemitglied, das oft in den ersten Reihen der Kirche saß, entschlossen den Mittelgang entlang in Richtung Ausgang gehen zu sehen. Dreißig Sekunden später tauchte er wieder auf, nicht allein, sondern in Begleitung der Frau, die auf den Stufen unserer Kirche bettelt. Er hatte sie geholt, damit sie endlich den Platz einnehmen konnte, der ihr zustand. Sie ging mit ihm den Gang hinauf bis zu dem Geistlichen, der die Kommunion austeilte… Radikalität ist nicht unrealistisch. Man muss sich nur entscheiden, sie zu leben."
Zum Schluss von Dilexi te schreibt Papst Leo XIV.: "Eine Kirche, die der Liebe keine Grenzen setzt, die keine zu bekämpfenden Feinde kennt, sondern nur Männer und Frauen, die es zu lieben gilt, das ist die Kirche, die die Welt heute braucht."