„Ich hab’s satt! Es ist genug!“
Kommentar zum 19. Sonntag im Jahreskreis A - Pater Theo Klein, scj (09.08.2026)
Von Elija wird berichtet, dass er auf dem Höhepunkt des Erfolgs in eine tiefe Niedergeschlagenheit fiel. Er leidet an einer Depression, die sich darin äußert, dass er davonläuft. Er sieht kein Ziel und keinen Sinn mehr in seinem Leben. Und genauso verkriecht er sich in eine Höhle. Er denkt: „Ich hab’s satt! Es ist genug!“. Elija ist kraft- und mutlos, ähnlich wie sich der Beter im Psalm 22 fühlt: „Ich bin hingeschüttet wie Wasser, gelöst haben sich all meine Glieder. Mein Herz ist in meinem Leib wie Wachs zerflossen. Meine Kehle ist trocken wie eine Scherbe, die Zunge klebt mir am Gaumen. Du legst mich in den Staub des Todes!“ (Ps22,15f). Er wünscht sich den Tod; er will nicht mehr leben. Nur Überdruss, Abscheu, Sinnlosigkeit. Er überdenkt noch einmal die ganze Geschichte von der Erfolgslosigkeit seines Daseins. In dieser Situation heißt der Anspruch Gottes: „Komm heraus. Und stell dich auf den Berg vor den Herrn!“
All das, was hier geschieht, dass Elija vor die Höhle gerufen wird, wir könnten sagen, er wird aus seiner Depression herausgerufen, aber er geht nicht. Was sich dann vor der Höhle ereignet, Erdbeben, Sturm, Feuer, das sind die Phänomene, die man in einer Gotteserscheinung auch des Baals in Verbindung bringt. Gott offenbart sich als der „Ich bin-der- ich -bin-für -euch-da“ nicht im Sturm, im Erdbeben und im Feuer. Dann heißt es: „Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln.“ Dieses leise, sanfte Säuseln ist nicht identisch mit Gott, sondern ist die Voraussetzung dafür, Gott sein Wort zu hören, seinen Auftrag zu vernehmen, sein Wort zu tun und ihm zu folgen.
Da ist die Erfahrung, die Elija am Berg Horeb macht: Man muss still sein, schweigen und warten, um zu erfahren, dass Gott nicht im Erdbeben ist, nicht im Sturm oder im Feuer, sondern im leisen Säuseln des Windes. Diese Erfahrung haben viele Gestalten der christlichen Spiritualität gemacht, angefangen von den Wüstenvätern über die Mystiker, bis hin zu großen Heilgen wie Bruno, der Gründer des Kartäuserordens, Benedikt von Nursia, Theresia von Lisieux, Edith Stein. Für sie alle war die Stille der Raum der Gottesbegegnung und das Schweigen der Ort seiner besonderen Nähe und Gottesbegegnung.
Die Welt, die Kirche und wir alle brauchen dringend Stille und Schweigen, um nicht vor sich selbst zu flüchten. Vom dänischen Philosophen Sören Kierkegard stammt der Satz: „Die Welt ist krank! Wenn ich Arzt wäre und mich fragen würde, was getan werden sollt! – Ich würde antworten: Das Erste, was geschehen muss, ist: Schaffe Schweigen! Hilf anderen zum Schweigen.“ In unserer Zeit, die hektisch und lärmerfüllt ist, wissen wir, was Kierkegard fordert, leichter gesagt als getan ist! Aber bei allem Lärm gibt es eine große Sehnsucht nach Ruhe und Stille, die wir nicht ausblenden sollten.
Im Alter vom 16 Jahren stieß ich auf das Buch von Henri Nouwen „Ich hörte auf die Stille- Sieben Monate im Kloster“, das mich bis heute fasziniert. Der Autor gewährt Einblicke in Alltag und Spiritualität. Er beschreibt den Weg der Stille und der Mystik in Verbindung mit dem Zusammenleben der Trappistenmönche. Was mir persönlich an Henri Nouwen gefällt, ist dass er offen von seinen Krisen und Schwächen spricht. Diese 7 Monate im Kloster sind die Erfahrung von Stille, nicht eine Flucht aus dem Alltag. Er resümiert seinen Aufenthalt mit den Worten: „Klöster baut man nicht, um darin Probleme zu lösen, sondern um Gott aus all seinen Problemen zu loben“ (S.430).
Was wir vom Propheten Elija, Henri Nouwen anderen Glaubenszeugen lernen, ist, dass Gott uns nicht vor Krisen schützt und uns in Watt einwickelt, sondern nah ist in den menschlichen Schwächen und Kraft schenkt, aufzustehen um den Weg weiterzugehen. Stille und Schweigen ermöglichen hellhörig zu werden, sensibel und wach. Gott berührt leise, behutsam, zärtlich – und doch kraftvoll, begeisternd, ermutigend. Wie heilsam für uns ist doch die Lesung über Elija, der Gott begegnet im Augenblick seiner größten Verzweiflung, als seine Hände schwach, seine Füße müde waren und sein Leib von der Wüstenwanderung ausgezerrt waren. Nicht das Gewaltige ist der Weg unseres Gottes, sondern das Leise. Der Gott der kleinen Dinge…, der kleinen Leute.