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Von der Unheimlichkeit der Sprache

Vortragsreihe der Arbeitsgruppe „Humanities and Religion“ im Studienjahr 2021-2022

Die Sprache ist das Haus des Seins, sagt Heidegger. Hellen Keller, die aufgrund einer Hirnhautentzündung Seh- und Hörvermögen verloren hatte und stumm geworden war, machte diese Erfahrung mit sieben Jahren. Als sie erfasste, dass jedes Ding einen Namen hat, entdeckte sie nicht nur die Welt der Sprachzeichen, sondern die Wirklichkeit selbst. Sprache eröffnet uns die Welt, um uns sowie in uns. Sie ist Fundament für die menschliche Existenz. Sie fördert und prägt die Entwicklung des menschlichen Lebens in seiner Singularität.

Eingebunden in eine Kultur- und Sprachwelt werden wir durch Diskurse gehalten, aber auch alieniert. Sie bilden unsere bewusste und unbewusste Art mit uns und der Welt umzugehen. Jedes Wort, das wir sprechen oder schreiben, entfernt sich in seiner Bedeutung von unserer selbstbewussten Intention. Sich dessen bewusst werden – etwa in einer talking cure – fördert nicht nur das Erkennen von verborgenen Sachverhalten, sondern auch die Ausarbeitung eines neuen Wissens um uns selbst.

Durch Sprache können wir Menschen uns differenziert verständigen. Sie hilft uns zu unterscheiden zwischen Gut und Böse, gerecht und ungerecht, wie Aristoteles aufzeigt. Allerdings kommt es immer wieder zu Missverständnissen. „Sie verstehen sich weder aufs Hören noch aufs Reden“, schreibt Heraklit. Eingestehen, sich und andere misszuverstehen, ist Grund, dass wir uns nicht überschätzen und totalitär denken (Levinas). Auch Derrida versucht, durch die Dekonstruktion von Texten das autoritäre Spiel von letzten Wahrheiten aufzudecken.

Zu sprechen heißt auch „to do things with words“, wie es u. a. Austin formuliert. Beim Reden sagen wir nicht nur, was der Fall ist, sondern vollziehen zugleich auf der performativen Ebene eine Handlung. Wir loben, ernennen, warnen, überreden oder überzeugen. Wir bedrängen oder sind zurückhaltend, wir versprechen und bekennen, mündlich oder schriftlich.

Die Reden in der Politik, die Predigt in der Kirche, die Erklärungen des Lehrpersonals, das Plädoyer des Juristen oder der Juristin, die Rituale, die Sakramente, das Singen während der Liturgie: Sie alle wollen etwas bewirken beim Hörenden. Rhetorik ist nicht Eloquenz, sondern versucht redend Differenz, vielfältigen Sinn und Abstand zu erzeugen (Sagert).

In dem Sinne zeigt Barbara Cassin am Beispiel von Desmund Tutu wie u. a. durch eine „Politik des Sprechaktes“ ein Neuanfang in Südafrika möglich wurde: Amnestie erfolgte aufgrund der Übernahme von „Ver-ant-wortung“ durch die kriminellen Täter.

Das Gedicht, der Roman soll sich für die Erfahrungen der Teilnehmenden öffnen und neue Erfahrungen ermöglichen. „Die Wagenderen sind die Dichter, aber Dichter, deren Gesang unser Schutzlossein ins Offene wendet.“ (Heidegger). Der poetische Diskurs erschließt ein neues Sein (Ricoeur). Zielt nicht auch die Ästhetik des Performativen auf die geheimnisvolle Unverfügbarkeit des Lebens, auf die Wiederverzauberung der Welt und Prozesse einer Transformation beim Menschen, verstanden als Wesen des Übergangs? (Fischer-Lichte).

Sprache kann verletzen, schon in der Anrede aber auch im Schweigen. „Hass spricht“, behauptet Judith Buttler. Wir merken es im alltäglichen Leben. Vor allem aber im pädagogischen, im politischen Bereich, in den sozialen Medien oder am Arbeitsplatz. Sprache kann heilen und töten, sagte Heinrich Böll. Sie kann unheimlich sein.

Gibt es in unserer nicht nur „dürftigen“, sondern auch gefährlichen Zeit noch eine gute Botschaft? Der „Glanz der Gottheit“ scheint erloschen. Was kann das Wort ‘Gott’ bewirken? Als Zeichen ist es weder offensichtlich noch direkt bestimmbar. Nichtsdestotrotz steht es für die Perspektive einer unbegrenzten schöpferischen Lebensmacht (Kierkegaard, Mark, Hoff).

Für Wittgenstein ist Sprache ungenau und deshalb verwirrend. So behauptet er, dass alle Irrtümer der abendländischen Philosophie auf der „Verhexung durch Sprache“ beruhen. Das Schweigen, das er im Tractatus anmahnt, besagt nicht, dass das Unaussprechbare die Grenze des Bedeutsamen ist. Es weist auf das Unaussprechliche hin, das sich zeigt.

Die Vortragsreihe wird organisiert von der Arbeitsgruppe „Humanities and Religion“ der Universität Luxemburg. Zu den Mitgliedern der Gruppe gehören Gerhard Beestermöller, Jean Braun, Roger Davids, Chris Doude Van Troostwijk, René Gonner, Christian Hourscht, Peter Voss und Jean-Marie Weber.

Von der Unheimlichkeit der Sprache – Vortragsprogramm 2021-2022
 
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