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2. Februar 2019

Es ist Zeit, um „Warum“ zu fragen

Der Regard protestant von Sjöfn Müller-Thor (3.2.2019)

Es hat tatsächlich geschneit. Bei uns ist das sehr selten. Der Wetterbericht auf meinem Handy zeigt zwar ab und zu mal Schnee für den nächsten Tag an, aber irgendwie kommt er bei uns in echt nicht an. Kein Schnee auf der Erde.

Aber jetzt ist es tatsächlich passiert: Wir sind schlafen gegangen, und am nächsten Morgen war die Welt schwarz-weiß. Die Kinder sind mit Schneehosen, die bisher nur ein paar Mal gebraucht geworden waren, zur Schule gegangen. Auch in der Pause sind die Schneehosen richtig benutzt worden. Nach der Schule sind die Kinder schnell nach Hause gekommen und haben fröhlich gefragt, ob sie die Hausaufgaben später machen können. Sie wollten unbedingt im Schnee spielen. Ich habe mir die Hausaufgaben gar nicht angeguckt, man weiß ja hier nie, wie lange der Schnee bleibt. Meistens verschwindet er schnell. Darum ist es wichtig, keine Minute zu verlieren. Warmer Kakao und Toastbrot wurden schnell gegessen, und danach sind die Kinder mit ein paar Möhren und Schals rausgegangen, um einen Schneemann zu bauen.

Wir haben die Tür aufgemacht und erwarteten natürlich, dass alle Straßen voller Kinder sind, die fleißig rollen, bauen, rutschen und Schneebälle werfen. Aber nein. Wir hörten keine Kinder lachen, keine Schneemänner waren zu sehen.

Nach einigen Fragen auf Whatsapp wurde schnell klar, dass zuerst die Hausaufgaben zu erledigen waren, ehe man spielen dürfe.

Um vier Uhr war der Schnee schon weg. Der Schneemann hatte seine Möhre verloren. Sein Schal hat es etwas länger geschafft, aber als es Zeit wurde, ins Bett zu gehen, lag sein Schal, nass und dreckig auf dem Erdboden.

Schneehosen, Winterstiefel und Handschuhe dekorierten jeden Heizungskörper des Hauses, und die Kinder konnten gut und schnell einschlafen. Trotz halb fertiggemachter Hausaufgaben.

Die Frage, die uns Erwachsene in den Feierabend begleitet hat, ist „Warum?“ Warum durften die Kinder nicht raus? Warum sind Hausaufgaben wichtiger als Kindheit? Warum wird es so gemacht? Warum musste es an dem Tag überhaupt Hausaufgaben geben? Haben die Lehrer denn den Schnee nicht gesehen? Was hat es gebracht? Seit wann ist es so? Wer hat das entschieden?

Es ist nämlich so, dass die Kindheit nur ein Mal kommt, und so kurz dauert. Danach haben wir das ganze Leben lang Zeit, um Aufgaben zu lösen, aufzuräumen, Wäsche zu machen, zu kochen und zu putzen, früh zur Arbeit zu gehen und spät davon zurückzukommen.

Kinder sollen Zeit haben, um zu spielen, sich zu treffen, auch um gemeinsam Langeweile zu haben oder etwas Blödsinn zu machen. Ohne all das verpassen sie einen großen Teil ihrer Entwicklungsmöglichkeiten.

Wir, die Großen, haben die Aufgabe, den Kindern die besten Möglichkeiten für ihr Leben mitzugeben. Und dazu gehört manchmal, dass man sie raus in den Schnee schickt und die Hausaufgaben liegen lässt. Gott gebe uns dafür Mut.

Die Autorin ist Pastorin der isländisch-protestantischen Gemeinde in Luxemburg.

Quelle: Luxemburger Wort

 
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