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Liturgie
Der Annuntiate-Ruf aus dem Radio
Vor 75 Jahren, im Advent 1936, wurde zum ersten Mal im Luxemburger Rundfunk eine wöchentliche Krankenmesse übertragen
Radio Luxemburg war nicht nur die größte und wichtigste Radioanstalt Europas, sondern der 1931 gegründete Sender hat in den Pionierjahren ein wichtiges Apostolat ausgeübt : Die Übertragung einer wöchentlichen Krankenmesse machte aus dem geflügelten Löwen von Radio Luxemburg eine europaweit strahlende Ikone in der Verkündigung des Glaubens. Die Gretchenfrage des Luxemburger Senders
Das „apostolat radiophonique“ beim Luxemburger Langwellensender beginnt mit der Verstaatlichung des französischen Posten Radio Paris, wo die religiösen Sendungen im Januar 1934 eingestellt werden. Seit 1927 hat sich hier insbesondere der Jesuitenpater Pierre Lhande (1877-1957) als Radioprediger „über die Häuserdächer hinweg“ einen Namen gemacht[i]. Der Redakteur der von den Jesuiten veröffentlichten Zeitschrift Les Etudes wendet sich an den Luxemburger Privatsender, der sich in Frankreich grosser Beliebtheit erfreut und dies nicht zuletzt durch die Musikdarbietungen des Rundfunkorchesters unter Henri Pensis. Erinnerte sich Lhande vielleicht auch an den Jesuitenprediger Augustin Catillion aus Metz, der sechzig Jahre zuvor in Luxemburg eine Jesuitenuniversität zu gründen versuchte ? Wie auch immer : Radio Luxemburg, das im März 1933 mit der Ausstrahlung eines französischen und englischen Programms den Sendebetrieb aufnimmt, präsentiert ab Februar 1934 die „causerie religieuse dominicale“ von und mit Père Lhande. „Man darf sich aber die Sache nicht so vorstellen, daß Pater Lhande jeden Sonntag nach Luxemburg gefahren kommt. Er läßt vielmehr jeden Samstag in Paris seine Predigt auf eine Phonoplatte übertragen, die dann nach Luxemburg gesandt wird“, so schreibt das Tageblatt am 12. Januar 1934 und stellt die Neutralität des Senders in Frage. Zwei Jahre später - anlässlich der Ausstrahlung einer wöchentlichen Krankenmesse über die Wellen des Luxemburger Rundfunks - stellt dieselbe Tageszeitung erneut die Gretchenfrage des „mächtigsten Posten Europas“: „Die wöchentliche Übertragung einer sogenannten ‚Krankenmesse‘ aus der Clerfer Abtei durch Radio-Luxemburg wurde anscheinend durch eine Petition ‚erzwungen‘, die von einigen Tausend Katholiken Frankreichs unterzeichnet wurde. Wir haben im Prinzip nichts gegen diese Übertragung einzuwenden, denn eine Messe in der Clerfer Abtei ist nicht nur ein religiöses Ereignis. Aber wir denken uns mal aus, was geschehen würde, wenn einige Tausende, oder sogar einige Millionen Franzosen eine Petition unterzeichnen würden, in denen sie freiheitliche Sendungen von Radio-Luxemburg verlangten. Radio-Luxemburg müsste ja eigentlich genau so freiheitlich sein wie es katholisch ist. Trotzdem wagen wir nicht, uns das Resultat einer solchen Petition auszudenken“[ii]. Tatsächlich geht die Idee einer wöchentlichen Radiomesse von französischen Katholiken aus. Aber die Petition vom 24. Februar 1935[iii] – 6.000 Unterschriften (andere Quellen sprechen von 10.000 Unterschriften) - richtet sich in erster Linie an das Ministère des P.T.T.. Als diese Unterschriftenaktion in Frankreich erfolglos bleibt, richten die Initiatoren – die 1934 gegründete Centrale Catholique du Cinéma et de la Radio (C.C.R.) und deren geistlicher Berater R.P. Aimon-Marie Roguet (1906-1991) – den Blick nach Luxemburg, wo Radio Luxemburg in Kooperation mit der C.C.R. bereits Sendungen produziert. Im Januar 1936 organisiert die C.C.R. auf Radio Luxemburg einen Konferenzzyklus „Le catholicisme en face du monde moderne“ mit u.a. Georges Goyau, François Mauriac, Stanislas Fumet und dem Erzbischof von Paris, Kardinal Verdier[iv]. Die „Radio-Mönche“ aus Clervaux„A vrai dire, si à première vue la chose paraissait aisée à réaliser, puisque déjà à maintes reprises des postes émetteurs français avaient radiodiffusé des offices religieux, la collaboration suivie entre techniciens de la radio et membres du clergé se montra impossible en France. Heureusement, le R. P. Roguet, qui connaissait Monsieur Peulvey, Directeur de Radio-Luxembourg, eut l’idée de tenter une dernière démarche dans le Grand-Duché“[v], schreibt der Benediktiner Dom Fernand Weisgerber aus Clervaux. Der Dominikaner Roguet findet in Radio Luxemburg einen zuverlässigen Partner, dem er jahrzehntelang verbunden bleiben wird – als Kommentator der Krankenmessen und Animateur der „religiösen Sonntagsvorträge“, insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg[vi]. Die erste Krankenmesse in der Geschichte des Luxemburger Rundfunks wird am 3. Dezember 1936 „life“ aus der Benediktiner-Abtei in Clervaux übertragen. Es ist nicht das erste Mal, daß die Mönche aus Clervaux vor dem Mikrophon von Radio Luxemburg stehen. Bereits 1933, an Heilig Abend, werden „motets, hymnes et versets du temps de Noël“ aus dem Kleinod des Gregorianischen Chorals in den Luxemburger Ardennen über die Wellen von Radio Luxemburg getragen[vii]. Das war damals keine Selbstverständlichkeit, denn in der gleichen Zeit haben die Benediktinermönche aus Solesmes in-extremis eine Rundfunkübertragung aus ihrem Kloster abgelehnt[viii]. Auch hat der Luxemburger Sender bereits religiöse Feiern ausgestrahlt wie das Pontifikalamt am ersten Weihnachtsfeiertag des Jahres 1935 aus der Kathedrale von Luxemburg. Sporadisch werden in ganz Europa Gottesdienste ausgestrahlt, aber zum ersten Mal wird eine sogenannte Krankenmesse wöchentlich von einem Sender institutionalisiert. „La messe était, semble-t-il, la première messe régulièrement diffusée de l’histoire“, schreibt 1997 Frère Henri Delhougne OSB[ix]. Immerhin sind die 45 Minuten der Krankenmesse ein wichtiger Bestandteil in den wöchentlichen 110 Sendestunden eines Senders, der täglich 4 Millionen Zuhörer (im Jahr 1936) erreichen kann[x]. Bedenkt man, daß die Krankenmesse bis 1993 von Radio Luxemburg übertragen wird (Radio DNR übernimmt die wöchentliche Übertragung bis ins Jahr 2002), so kann die Initiative als eine „success story“ bewertet werden. Die erste Übertragung am 3. Dezember 1936„Radio-Luxemburg hat dem heißen Wunsch viel tausend Kranker willfahrt und seinem jeweiligen Donnerstagsprogramm eine sogenannte Krankenmesse einverleibt, welche in der rühmlichst bekannten Benediktinerabtei St. Mauritius und St. Maurus Clerf, Luxemburg, gesungen wird. Heute Donnerstagmorgen 10 Uhr 45 fand die 1. Übertragung statt, die als ein voller Erfolg anzusprechen ist. Der hochwürdigste Pater Abt selbst zelebrierte die Messe. Die einzelnen Gesänge wurden vom sattsam bekannten Sängerchor ausgeführt. (...) die Clerfer Sänger können ruhig jeder Kritik standhalten, denn krasses Versagen ist bei diesen Meistern des Chorals ebenso ausgeschlossen wie ein Versagen bei der Sixtinischen Kapelle auf dem Gebiete der Polyphonie“, schreibt ein Hörer am Anschluß an die Übertragung“[xi]. Symbolträchtig ist das Datum der ersten Krankenmesse, die über die Wellen von Radio Luxemburg weit über die Grenzen unseres Landes hinaus ausgestrahlt wird. Der 3. Dezember ist nämlich das Fest des Heiligen Franz Xaver (1506-1552), der die christliche Botschaft bis nach Indien und Japan brachte. Missionarisch wirkt auch die aus dem kleinen Großherzogtum gesendete „messe des malades“, die in Belgien, Frankreich, Deutschland, der Schweiz, England, Irland, im Balkan, Marokko und sogar im Kongo empfangen werden konnte[xii]. Die Übertragung der Krankenmesse, die innerhalb der Klostermauern in Clervaux zelebriert wird, ist eine liturgische wie technische Herausforderung, denn der Gottesdienst wird integral auf der Orgelempore gelesen und aufgezeichnet. Eine Besonderheit ist, daß es während der Messe keine Predigt gibt, aber Kommentare im Radio von Pater Roguet. „La radio avait fait découvrir au Père Roguet la puissance du rite expliqué“[xiii]. An der Cavaillé-Coll-Orgel sitzt der Komponist und Organist der Abtei Dom Paul Benoît (1893-1979). „L’oeuvre était tentante. Monastique, tout devant se passer à l’intérieur de la clôture; liturgique, apostolat par la Sainte Messe; moderne, mettre les derniers progrès techniques au service de l’Evangile. Mais c’était une lourde charge. Il s’agissait en effet, pour une communauté déjà obligée à de longs offices, d’y ajouter encore la célébration et le chant d’une messe supplémentaire. Car il ne pouvait être question de retransmettre simplement la messe conventuelle dont l’heure et la durée sont assez variables et qui reste entourée des heures canoniales. Notre Révérendissime Père résolut de tenter un essai. Nous étions engagés et le restons avec enthousiasme“, schreibt der Benediktinermönch Weisgerber im Oktober 1937[xiv]. In ihrem 1964 erschienenen Buch über die Radioprediger bezeichnet Jeanne Moret Dom Weisgerber, Doktor der Medizin - grande distinction de l’Université de Liège – als „le vrai novateur et le grand animateur de cette messe des malades. Il s’enthousiasme pour cette œuvre d’apostolat monastique. Ancien médecin, il va continuer à servir les malades ; premier chantre, il a à sa disposition un merveilleux instrument pour faire rayonner le chant grégorien, moine il peut se livrer à cet apostolat sans sortir de son monastère. La messe des malades de Radio-Luxembourg a frayé la voie à tous les autres postes“[xv]. Am 2. Oktober 1938, also fast zwei Jahre nach Radio Luxemburg, führt der französische Sender Radio Lyon eine wöchentliche Krankenmesse ein, die nun aus Frankreich in zwanzig départements ausgestrahlt wird. Wenn der Donnerstag zum Sonntag wird... Die Resonanz auf die Krankenmesse ist sehr positiv und nicht weniger als Tausend Briefe gehen in den ersten acht Monaten der wöchentlichen Ausstrahlung in der Abtei von Clervaux ein. „Permettez-moi de vous envoyer ce petit mot pour vous dire la grande reconnaissance que
Die wöchentliche Krankenmesse gibt den Benediktinern aus Clervaux sogar den Ansporn ein eignenes Missale herauszugeben : Missel vespéral romain avec traduction et notes explicatives par le R.P. Gérard et les Bénédictins de l’Abbaye St. Maurice et St. Maur de Clervaux. Das Messbuch, das in 20.000 Exemplaren im belgischen Verlag Brepols gedruckt wird, zählt 1814 Seiten. Die Imprimatur des Abtes Joseph Alardo trägt das Datum vom 8. Dezember 1937, dem Fest der Unbefleckten Empfängnis[xix]. Sendepause im Zweiten Weltkrieg und Wiederaufnahme der Krankenmesse ab 1946 „Die Abtei Clerf hatte sich durch die würdige, kunstgerechte und stimmungsvolle Übertragung allenthalben in Frankreich dankbare und begeisterte Zustimmung erworben. Von dort aus war die erste Anregung zu dieser Veranstaltung ausgegangen, von dort aus wurde auch die erste Bitte um Wiederaufnahme der schönen Vorkriegstradition ausgesprochen. Gerne hätte die Abtei darum das Apostolat der Krankenmesse wieder aufgenommen, aber einstweilen muß wegen der Notlage der teilweise zerstörten Abtei und noch mehr wegen des kriegsbeschädigten Zustandes der Telefonleitungen im hohen Norden von einer Übertragung abgesehen werden. Damit aber die von den Kranken so hochgeschätzte Tradition nicht länger unterbrochen werde, haben mit Einwilligung des hochwürdigsten Herrn Bischofs und unter Aufsicht des hochwürdigen Herrn Domchorregenten Dr. J.P. Schmit luxemburgische Pfarreien sich bereit erklärt, die traditionelle Krankenmesse von Radio-Luxemburg zu übernehmen“[xx].
Zu Beginn des Jahres 1946 wird die wöchentliche Krankenmesse in verschiedenen Kirchen des Großherzogtums aufgezeichnet. Als erste Landpfarrei hat Senningen-Niederanven sich eingeschaltet. In den stets kommentierten Messen haben sich vor allem die „Sängerknaben aus Clairefontaine“ einen Namen gemacht[xxi]. Bis März 1947 stehen sie nicht weniger als 28 Mal vor dem Mikrophon. Die Schüler der Ecole Apostolique des Klosters Clairefontaine an der luxemburgisch-belgischen Grenze gestalten sogar in den Jahren 1946-1948 die Christmette auf Radio Luxemburg - bis zu dem Zeitpunkt, wo der Chor aus Limpertsberg diese Aufgabe für ein halbes Jahrhundert übernehmen wird. „Am Vorabend der Krankenmesse begeben sich Techniker der Radiostation und des luxemburgischen Telefonamtes an Ort und Stelle, um die vorbereitenden Veranstaltungen zu treffen. Die verantwortliche Oberleitung liegt in den Händen von Ingenieur Felten, der sich stets persönlich über die örtlichen Verhältnisse erkundigt und für eine möglichst störungslose Übertragung Vorsorge trägt. Am Donnerstagmorgen begibt sich die Technikergruppe mit dem Sprecher, Herrn Prof. Dr. Leo Lommel und dem Organisten, Herrn Delporte, dem bekannten Pianisten von Radio Luxemburg, in die vorher bestimmte Kirche und überprüft noch einmal die Anlage. Dann wird die Messe unmittelbar aus der Kirche übertragen. Es handelt sich also nicht um eine Schallplattenaufnahme, die erst nachträglich weitergegeben wird, sondern die Kranken haben die tröstliche Versicherung, daß es wirklich ihre Messe ist, die in dem Augenblick, wo sie zuhören, gehalten und die für sie, auf ihre besondere Meinung, aufgeopfert wird. Dieser Wunsch wurde mit besonderem Nachdruck vorgebracht. Der anfangs erwogene Plan, das herrliche Sonntagsamt aus der Kathedrale am Donnerstag nachzutragen, ist allseits abgelehnt worden. Auch der Gedanke, daß die Krankenmesse im schlichten Rahmen einer Dorfkirche, in ländlicher Stille gefeiert wird, wirkt an sich schon beruhigend und tröstend“, schreibt das Luxemburger Wort im März 1946[xxii]. Papst Johannes XXIII. würdigt die Krankenmesse als eine „édifiante initiative“Ab 1947 kehrt die Krankenmesse an den ursprünglichen Sendeort nach Clervaux zurück. Anlässlich des 25jährigen Jubiläums überträgt Radio Luxemburg die Krankenmesse am 7. Dezember 1961 aus der Benediktinerabtei in Clerf, wo neben den Ansprachen des „Krankenmessen“-Pioniers Roguet und dem Luxemburger Bischof Léon Lommel auch eine Botschaft des Papstes Johannes XXIII. ausgestrahlt wird. « Aujourd’hui s’accomplit le 25e anniversaire de la messe des malades, diffusée par Radio-Luxembourg. Agréant avec bienveillance la demande filiale de cet émetteur, qu’il convient de féliciter avec le cher évêque Mgr Lommel, pour cette édifiante initiative, Nous sommes très heureux de Nous adresser avec une paternelle confidence à vous qui êtes éprouvés dans votre corps », so lauten die Anfangswort des Bischofs von Rom am 7. Dezember 1961. Der integrale Mitschnitt der Jubiläumsfeier aus Clervaux gehört zu den Beständen des Centre national de l’audiovisuel in Düdelingen, wo auch die Aufzeichnung der Krankenmesse zum 50jährigen Jubiläum am 4. Dezember 1986 aus dem Karmelkloster in Luxemburg-Cents aufbewahrt wird. Am 4. März 1993 übernimmt DNR die Ausstrahlung der Krankenmesse aus dem Karmel bis ins Jahr 2002, wo nach 65 Jahren ein besonderes Kapitel Luxemburger Radiogeschichte zu Ende gehen wird. Aber Donnerstag für Donnerstag erfüllte sich in jener Zeit vor den Geräten die Seligsprechung „Selig die weinen, denn sie werden getröstet werden“ – dank dem Luxemburger Rundfunk und seinen Machern. [i] Siehe MORET Jeanne : Le père Lhande, pionnier du Christ dans la banlieue et à la radio. Beauchesne 1964. Marc Jeck
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