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Eglise 2005 / Kirche 2005
Die Kirche Luxemburgs stellt sich erneut den Zeichen der Zeit
Vom II. Vaticanum über die IV. Diözesansynode zur Diözesanversammlung 1999

Es war im Januar 1959, also vor vierzig Jahren. Ich hatte eben, sechs Monate nach meiner Priesterweihe, den noch verbleibenden Militärdienst absolviert und meine Kaplansstelle angetreten. Drei Monate zuvor war Pius XII. verstorben und Giuseppe Roncalli als Johannes XXIII. zu seinem Nachfolger gewählt worden. Ich entsinne mich noch heute genau daran, wie wir im Offiziersmess der Diekircher Kaserne das erste Auftreten des neuen Papstes am Fernsehschirm verfolgten. Die Enttäuschung war allgemein. Wen hatten die Kardinäle uns in dieser behäbigen, rundlichen, nicht gerade jung aussehenden Figur vorgesetzt? Sollte dieser Mann der Nachfolger eines Eugenio Pacelli sein, der mit seiner asketischen, hochgewachsenen, aristokratischen Gestalt das Papsttum seit nahezu zwanzig Jahren verkörpert hatte und ihm einen Glanz und eine Ausstrahlung verliehen hatte, die schier unüberbietbar schienen. (Von Kritik an der Amtsführung Pius XII., namentlich an seiner Haltung während des Zweiten Weltkrieges war damals noch kaum die Rede). Da konnte Roncalli scheinbar nicht mithalten, und bald machte das Wort vom bejahrten Übergangspapst die Runde.

Doch dann, Anfang 1959, kam die Überraschung: am 25. Januar verkündete der Papst ganz unvermittelt und unerwartet seine Absicht, ein Allgemeines Konzil einzuberufen, das dem „aggiornamento“ der Kirche dienen sollte. Die Fenster der Kirche sollten weit geöffnet werden, um frische Luft hereinzulassen und den Staub der Jahrhunderte zu vertreiben. Und tatsächlich fegte in jenen Tagen ein starker, pfingstlicher Windhauch durch die Kirche: für die einen Luftzug, der zu Erkältungen, Verstimmungen und Verschnupfungen führte; für die anderen Aufwind, der zu neuen Horizonten aufbrechen ließ. Aufbruchstimmung, ja Euphorie erfaßte weite Kreise der Kirche. Es war klar: mit Pius XII. war eine Epoche der Kirchengeschichte zu Ende gegangen. Endlich, so empfanden es viele, würde die Römische Kirche ausbrechen aus dem Ghetto des Vatikans, in das sie sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts schmollend zurückgezogen hatte und aus dem sie, trotz der unter Leo XIII. eingeleiteten Hinwendung zur sozialen Frage nur zaghaft herausfand, selbst nach den Lateranverträgen 1929. Endlich würde das Schiff Petri aus dem engen Hafen einer Eigenwelt auslaufen auf die Weltmeere, um dort, inmitten der Wogen und Stürme der Zeit seine Sendung an und in der realen Welt mit ihren Chancen und Werten, mit ihren Irrungen und Wirrungen zu erfüllen.

Damit war auch die Thematik des Konzils vorgegeben: die Sendung der Kirche in dieser Welt und ihr Verhältnis zu dieser Welt, allem voran jedoch das Sein der Kirche, ihr Mysterium, gründend in ihrer tiefen Christusbezogenheit und Christusförmigkeit: „Lumen Gentium cum sit Christus“, wie es zu Beginn der Kirchenkonstitution heißt. Christus ist das Licht der Völker, und seine Herrlichkeit spiegelt sich wider auf dem Antlitz der Kirche.

Schon in den ersten Tagen des Konzils, das im September 1962 zusammentrat, sollte sich, nachdem die von kurialer Seite fein säuberlich nach bewährtem scholastischem Muster vorbereiteten Schemata weitgehend vom Tisch gefegt waren, diese Thematik als Programm durchsetzen, prägnant zusammengefaßt in der von Kardinal Suenens geprägten Formel: Kirche ad intra, Kirche ad extra. Einerseits Kirche in ihrem Sein, ihrem durch Christus in der Einheit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes gründenden Communio-Geheimnis. Anderseits Kirche in ihrer Sendung, und zwar in dieser konkreten Welt.

Das sind, in der gebotenen Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit nur einige rasche Schlaglichter auf das Konzil, in dessen Erneuerungsdynamik sich auch diese Diözesanversammlung einschreibt.


1959 - 1969: zehn Jahre später. Das Konzil war abgeschlossen und hatte auch bei uns seine ersten Früchte gezeitigt - besonders in der Erneuerung der Liturgie und in der Schaffung erster Communio-Strukturen in unserer Diözese. Aber auch die Schwierigkeiten und ersten negativen Folgeerscheinungen blieben nicht aus. Mai 1968 war ins Land gegangen und hatte in ganz Westeuropa einen gewaltigen Modernisierungsschub ausgelöst. Besonders in den benachbarten Niederlanden führte das Zusammentreffen der konziliären Erneuerungsbestrebungen mit diesen Gesellschaftsveränderungen die katholische Kirche an den Rand einer Existenzkrise.

Bei uns verlief alles gemächlicher. Jedenfalls war der Elan des Konzils und die Erwartung eines gesunden kirchlichen „aggiornamento“ 1969 noch so lebendig, daß die Ankündigung einer Diözesansynode durch Bischof Leo Lommel auf ein breites positives Echo stieß. „Hörend auf das Konzil, müssen wir uns für die Zukunft der Kirche Luxemburgs rüsten“, lautete die Losung, die der Bischof der Diözesansynode im Hirtenwort 1969 mit auf den Weg gab. In diesem Sinn gelte es, „die Zeichen der Zeit zu erforschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten“.

In diesem Kontext ist denn auch die große Umfrage zu sehen, die im Vorfeld der Synode vom Demoskopischen Institut Allensbach durchgeführt und soziologisch ausgewertet wurde, wobei zu bedauern ist, daß eine pastorale Interpretation des reichen Materials weitgehend ausblieb.

Es würde zu weit führen, die zwanzig Themenbereiche der Synode hier auch nur aufzuführen. Insgesamt richtete sich die Arbeit an den Grundlinien des Konzils aus, auch wenn bedauerlicherweise die Vorlage über christliche Gemeinde, und damit das Kernstück des Kircheseins der mangelnden Konsensbereitschaft unterschiedlicher Tendenzen zum Opfer fiel.

Dennoch war die Synode - bei allen Ermüdungserscheinungen, die sich im Gefolge des schleppenden Fortgangs in den letzten Jahren einstellten - ein herausragendes Ereignis und Erlebnis kirchlicher Communio, das in diesem Ausmaß für unserere Kirche erstmalig war, und dem wir es in hohem Maß verdanken, daß die Wellen der Polarisierung, die jene Jahre vielerorts kennzeichnete, bei uns nicht allzu hoch schlugen.

Insofern ist der Wunsch in Erfüllung gegangen, den Bischof Jean Hengen in seiner Eröffnungssprache am 13. Mai 1972 wie folgt formuliert hatte: "Es wird auf der Synode sicherlich zu manchen Auseinandersetzungen und zur Bildung von Gruppen kommen. Das liegt in der Natur der Sache. Aber eine Hoffnung möchte ich aussprechen: daß uns in der Synode die Bildung von harten Fronten und festen Fraktionen erspart bleibe. Dann können wir die Zuversicht hegen, daß wir über alle Verschiedenheiten und Gegensätze hinweg mit Gottes Hilfe zum Zeugnis der Einheit zusammenfinden.

Soll die Synode gelingen, müssen wir uns darum in dieser Stunde gegenseitig das Versprechen abnehmen, wir alle, die wir nun in dieses gemeinsame Boot einsteigen, daß wir nicht voneinander lassen werden, bevor wir nicht - wenn auch in noch so hartem Ringen, unter Gebet und manchmal unter Verzicht auf liebgewonnene Gewohnheiten - zu gemeinsamen Entscheidungen durchgefunden haben, oder doch wenigstens zu der ehrlichen gemeinsamen Überzeugung gelangt sind, daß in einer bestimmten Frage die Spannung vorerst durchgehalten werden muß bzw. die Freiheit der Vielfalt geboten ist. - Erst durch diese totale Verfügbarkeit, in der wir uns vom Herrn zur Einheit verbinden lassen, sind wir innerlich autorisiert, an dieser Versammlung teilzunehmen, und befähigt, eine sachgemäße (d. h. dem Evangelium konforme) Antwort auf die vielen Fragen zu finden, die der Kirche heute gestellt sind". - Ich denke, daß dieser Wunsch und diese Weisung unserer früheren Erzbischofs auch für die gegenwärtige Versammlung nichts an Aktualität eingebüßt hat.

1959 - 1969 - 1999: Diözesanversammlung „Kirche 2005“!

Wiederum ist, an der Schwelle zum dritten Jahrtausend, „aggiornamento“ angesagt! Wieder steht Erneuerung auf der Tagesordnung! Ewiges Einerlei? Drehen wir im Kreise? Oder kommen wir voran auf einer Spirale, die nach oben steigt?

Ich möchte diese Fragen mit einem Wort beantworten: „Ecclesia semper reformanda“. Die Kirche ist stets der Reform und Erneuerung bedürftig. „Während Christus“, so betont es das Konzil, „heilig, schuldlos, unbefleckt war und die Sünde nicht kannte ..., umfaßt die Kirche Sünder in ihrem eigenen Schoß. Sie ist zugleich heilig und stets der Reinigung bedürftig, sie geht immerfort den Weg der Buße und Erneuerung“ (Lumen Gentium 8). „Größerer Gleichförmigkeit (mit Christus) zuliebe unterwirft der Christ sein persönliches Leben, aber auch die Kirche selber ihre geschichtlich gewordenen Institutionen einer fortwährenden Prüfung“ (Viktor Conzemius).

„Ecclesia semper reformanda“. Aber auch „Ecclesia semper reformabilis“. Die Kirche ist auch zu aller Zeit reform - und erneuerungsfähig, weil Christus, der Auferstandene, durch seinen Geist in ihr lebt und wirkt. Kirchliche Reform und Erneuerung sind daher an erster Stelle ein Geschenk des Geistes, der das ein für allemal von Christus vollendete Heilswerk auf den noch unbekannten und unerforschten Wegen der Geschichte vorantreibt. So gilt es auch heute, „zu hören, was der Geist den Gemeinden sagt“ ( Offb 2, 7 //).

„Ecclesia semper reformanda“. Was immer und zu allen Zeiten geboten ist, erhält eine erhöhte Brisanz in Zeiten großer gesellschaftlicher Umwälzungen und Umbrüche, wie sie ohne Zweifel auch in diesen Jahren um die Jahrtausendwende mit einer bisher unvorstellbaren Beschleunigung auftreten.

So ist unsere Kirche in diesen Tagen herausgefordert, den Blick über sich selbst hinaus zu richten in die Gesellschaft, in die reale Welt, in der sie lebt, um die Chancen und Hindernisse, Hoffnungen und Gefahren zu erkennen, die diese Welt für den Glauben, für das Evangelium und letztlich für ein im Vollsinn geglücktes menschliches Leben in sich birgt.

Die wichtigsten dieser Tendenzen und Entwicklungen können hier, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, nur im Telegrammstil genannt werden :

  • Allgemein kennzeichnend für unsere Epoche ist ein Phänomen, das man mit der Bewegung der tellurischen Platten der Erdkruste vergleichen kann, ein Phänomen, das zu ähnlichen Spannungen führen und gelegentlich Seismen auslösen kann. Gemeint ist das Aufeinandertreffen von zwei verschiedenen Gesellschaftstypen: Einerseits die traditionelle, herkömmliche Gesellschaft, die in ihren Strukturen auf das Neolithikum zurückgeht, eine statische, auf Ackerbau und Handwerk gründende Gesellschaft mit festen Ordnungen, in der die Religion das oberste Organisationsprinzip war, eine Welt, die sich in den European Values Studies, z. B. in der Wertschätzung der Familie nicht schlecht behauptet. Doch diese Gesellschaftsform strebt nun, beschleunigt, wie bereits gesagt, ihrem Ende entgegen, während anderseits die seit dem 16. Jahrhundert heraufkommende moderne Gesellschaft mehr und mehr das Feld beherrscht.
  • Der Mensch des ausgehenden 20. Jahrhunderts ist also in unseren westlichen Kulturen immer noch ein Bürger zweier Welten und insofern vielfach entwurzelt und orientierungslos. Dennoch ist er mehr und mehr von der Moderne geprägt und ihren Denk- und Verhaltensmustern verhaftet: Vorrang der instrumentalen Ratio, der die Errungenschaften von Wissenschaft und Technik zu verdanken sind, gepaart mit dem Vorrang der Technokratie vor der Ethik, mit der Segmentierung der Lebensbereiche, mit Utilitarismus, Konsumdenken und prometheischen Machbarkeitsutopien; Vorrang des Subjekts, der Freiheit, der Selbstverwirklichung, der Authentizität, des Erlebens, gepaart mit Individualismus und Pluralismus, Singularisierung und Isolierung, Anonymat, Auflösung geschlossener Milieus und allgemeine Verstädterung, Permissivität und Hedonismus, Subjektivismus, der alle Lebensbereiche, die von der instrumentalen Ratio nicht erfaßt werden, ins Subjektive und Private verweist; Ende der Ideologien, Krise der Institutionen und der Religionen, zumindest in ihrer institutionellen Verfaßtheit, ihren doktrinellen Inhalten und moralischen Geboten.
  • Während viele dieser allgemeinen Trends in unserem Land, infolge des hohen Wohlstands als Frucht der Moderne bzw. ihrer wirtschaftlichen Grundlagen, z. T. noch potenziert sind, gibt es auch spezifisch luxemburgische Erscheinungen.- In diesem Zusammenhang sei stellvertretend für vieles die starke Immigration und der hohe Ausländeranteil an der Bevölkerung und mehr noch an den wirtschaftlich aktiven Kräften in unserem Land genannt. Ein wachsamer Beobachter unserer Gesellschaft, Gilbert Trausch, schreibt, nicht zuletzt im Hinblick auf die Sprachensituation: „Au début de ce siècle, notre survie se jouait sur le plan politique. En cette fin de siècle notre avenir se décide sur le plan culturel“ .

All diese gesellschaftlichen Erscheinungen gilt es, als Zeichen der Zeit wahrzunehmen und sie, gerade darauf wird es ankommen, im Licht des Evangeliums zu deuten. „Prüfet alles, das Gute behaltet“ (1 Thess 5, 21). „Aggiornamento“ heißt eben nicht, wie es Bischof Jean Hengen zu Beginn der IV. Diözesansynode eigens betont hat, „de suivre le courant et de s’aligner sur le monde ambiant en cédant à je ne sais quel concordisme ou mimétisme à la mode ... (Mais) lire les signes des temps, c’est tout différent (cf. Mt 16, 2-3). Cela oblige à passer tout au crible du signe de Jonas qui n’est autre que le Seigneur Ressuscité, nous appelant à la plénitude de sa vie. Lire les signes des temps, c’est soupeser les tendances de l’évolution présente pour voir en quoi elles sont lourdes de cette promesse de vie; cela consiste à explorer tous les creux de l’existence humaine pour voir en quoi ils sont faits de cette pauvreté radicale qui est soif de Dieu; en un mot, c’est avoir la hantise de discerner partout, à travers la trame de l’histoire qui se fait, les appels, les pierres d’attente et les chances de la Bonne Nouvelle et du Royaume de Dieu.“

Das ist, meine Damen und Herren, Schwestern und Brüder, das Abenteuer, das, denke ich, aufregende und zugleich lohnende Abenteuer, das vor allem geistliche Abenteuer, auf das wir uns heute im Vertrauen auf Gottes Geist einlassen:

mit Jesus Christus - miteinander - für die Menschen!

 
Mathias SCHILTZ
 
 
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