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Eglise 2005 / Kirche 2005
Die sechs Schwerpunktbereiche

Zukunft des Glaubens

Die Sorge der Menschen um die Zukunft des Glaubens hat in den Reaktionen auf die pastorale Initiative „Kirche 2005“ breiten Raum eingenommen. Diese Sorge betrifft zumindest drei verschiedene Bereiche, die allesamt das Leben der einzelnen und das Leben der christlichen Gemeinschaften berühren.

Zunächst wird die beängstigende Frage nach der Weitergabe des Glaubens gestellt: zunehmend wird erkannt, daß der Glaube nicht mehr nahtlos und problemlos an die nächste Generation weitergegeben werden kann. Die Gefahr wird erkannt: die Zukunft der Kirche hängt davon ab, ob und wie die große Herausforderung der Evangelisierung heute und hier gelingt.

Eng damit verknüpft ist die Sorge um die kirchlichen Gemeinschaften vor Ort: viele Gemeinden vergreisen und verarmen: sowohl christlich-gläubige Substanz als auch junge Träger und Mit-Träger des kirchlichen Lebens fehlen. Wohl wird eine Restrukturierung der Pfarreien und anderer Pastoralebenen unumgänglich sein - und dieser Prozeß wird von allen so manche Umstellung und so manches Umdenken erfordern -, trotzdem bleibt die bange Frage: Wie werden wir hier vor Ort Kirche sein können?

Der Mangel an Priestern, hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und -mitarbeitern und überhaupt an engagierten Christen kann alle optimistischen Zukunftsperspektiven dämpfen. Die kirchlichen Berufe sind eine Art Gradmesser des Zustands der Gemeinden und der Lebendigkeit des Glaubens ihrer Mitglieder. Berufungspastoral ist daher immer Teil einer Pastoral, die Gemeinde aufbaut und die sie in den Grunddimensionen Verkündigung, Liturgie und Diakonie lebendig werden läßt. Die Art und Weise der gemeinsam getragenen Verantwortung aller, der Priester und der Laien, der Hauptamtlichen und der Ehrenamtlichen, ist Bestandteil des Nährbodens, auf dem kirchliche Berufungen sich entfalten können.

Diakonie

Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10) vollzieht Jesus einen grundlegenden Perspektivwechsel: nicht die Frage: „Wer ist mein Nächster?“ ist der Ausgangspunkt, sondern die Frage „Wer hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räubern überfallen wurde?“. Mithin ist für die Frage nach der wahren Liebe nicht der entscheidend, der liebt, sondern der, der Liebe braucht.

Diakonie und Caritas, der Dienst der Glaubende, sind nicht einfach Konsequenz des Glaubens, sie sind der Ort, an dem Glaube gelebt wird und sich verwirklicht. Sie sind eine Grunddimension der Kirche und allen kirchlichen Lebens. Dieser Dienst ist weniger ein „Für-andere-Dasein“, als vielmehr ein „Miteinander“: die Armen sind nicht zuerst Objekte der Nächstenliebe, sie sind Mitakteure in der Kirche. Die diakonische Dimension der Kirche bedeutet deshalb auch, daß sich die Kirche aus ihrem Mitsein mit den Armen verändert und von den Armen das Hören auf Gott erlernt.

Die Konsequenzen, die sich aus diesem Perspektivwechsel ergeben, betreffen sowohl die diakonische Grunddimension, die in allen kirchlichen Gemeinschaften verwirklicht wird, als auch das Zueinander von professioneller Caritas-Arbeit und Diakonie auf der Ebene der Pfarrgemeinden. Die Kirche auf allen Ebenen und in all ihren Gliedern muß sich unmißverständlich an die Seite der Armen unserer Welt stellen und in konkretem Engagement die Kirche derer werden, die „vor Gott arm sind“.

Kirche in der Welt

Der fortschreitende Auflösungsprozeß der weitgehend traditionellen katholischen Milieus sowie der Verlust des Christentums an gesellschaftlicher Relevanz und Verbindlichkeit sind ein Faktum. Die Kirche sieht sich mehr und mehr einer pluralistischen Wirklichkeit ausgesetzt, die weit über einen bloß religiös-konfessionellen Pluralismus hinausreicht. Der Pluralismus ist zu einem umfassenden Problem geworden, das die Vielfalt gesellschaftlicher und politischer Kräfte ebenso betrifft wie die Deutungen der Kategorie „Leben“ oder die individuelle Gestaltung des Lebens (z.B. die Formen von Ehe und Familie).

Die Kirche sieht sich in dieser Situation vor die Aufgabe gestellt, ihren Ort und ihre Funktion neu zu finden und zu definieren. Neue Wege der Vermittlung müssen gesucht werden. Dabei besteht allerdings für die Kirche zunehmend die Gefahr eines Rückzugs ihres Geltungsbereiches in den rein individuell-privaten Raum: auf die Grenzsituationen des Menschen, auf die Situationen von Leid und Krankheit, schließlich auch an die Knotenpunkte und Wendemarken der menschlichen Biographien. In diesem ausschließlichen Sinn wird die Kirche allerdings ihrem öffentlichen Auftrag nicht gerecht und läuft Gefahr ein Servicebetrieb für die letzten Fragen oder ein Dienstleistungsbetrieb zur Verschönerung wichtiger Stunden des Lebens zu werden. Religion und Kirche verlangen von Haus aus einen Blick auf das Ganze; sie beanspruchen Orientierungen grundsätzlicher Art für alle Daseinsbereiche. Die alles beherrschende Frage wird es demnach auch sein müssen, wie wir unter den gesellschaftlichen Bedingungen das Unverwechselbare des christlichen Glaubens in der Welt authentisch verwirklichen können.

Zur Realisierung ihres Auftrags darf die Kirche sich nicht ins stille Kämmerlein des rein Privaten zurückziehen, sie braucht Raum und Freiheit in der Gesellschaft. An ihrem Platz muß sie unverkürzt, gelegen oder ungelegen, die Wahrheit Gottes in der Öffentlichkeit bezeugen können. Daher wird die Kirche immer wieder auch an die Grenzen des Pluralismus mahnen müssen, wenn es z.B. um die Unverfügbarkeit des menschlichen Lebens geht. Ebenso wird sie sich im Hinblick auf die Menschenrechte - gewiß nicht allein, sondern mit anderen gesellschaftlichen Kräften - zum Hüter und Wächter der „Grundwerte“ machen und sie auch an Ort und Stelle entschieden verteidigen.

Jugend und Kirche

Aktuell durchgeführte Untersuchungen beschreiben Jugendliche als „desorientiert aber nicht hoffnungslos“, von ethischem Relativismus angesteckt, aber auch willens, „ein gutes Leben“ zu führen. Die Jugendlichen hätten ein Bedürfnis nach „Heil“, ohne genau zu wissen, wo sie es suchen sollen. Sie lebten in einer ethisch zum Teil neutralen Gesellschaft und hätten in ihren Eltern in vielen Fällen keine Vorbilder.

Zunehmend ergeben sich erschwerte Bedingungen für die heutige kirchliche Jugendarbeit - dies vor allem auf der Ebene der Pfarrei, daneben aber auch bei den kirchlichen Jugendverbänden und Jugendgruppen. Unverständnis und Ablehnung vor manchen kirchlichen Glaubens- und Sittlichkeitsvorstellungen einerseits sowie hohe schulische Anforderungen und ein umfangreiches Freizeitangebot andererseits tragen ihren Teil dazu bei, daß die Jugend im kirchlichen Leben oftmals abwesend ist.

Die Kirche braucht eine Jugendpastoral, die junge Menschen in dieser Lebensphase begleitet, ihnen Orte der Begegnung mit geeigneten Bezugspersonen anbietet, Einübung und Diskussion in Glaubensfragen ermöglicht, jugendgemäße Gottesdienste vorbereitet und feiert, die Gemeinschaft mit Gleichaltrigen und Erwachsenen erleben läßt und Hilfen zu den Sinnfragen des Lebens anbietet. Ein besonderes Anliegen müssen dabei neue Formen der Verkündigung sein, die die Sprache der Jugendlichen treffen und Anworten auf ihre Fragen zu geben vermögen.

Liturgie

Liturgie ist in geschichtlicher Entwicklung geworden. Sie enthält Unwandelbares und Wandelbares; kraft göttlicher Einsetzung sind ihr unveränderliche Elemente eigen und Teile, die veränderlich sind und sich unter Umständen sogar ändern müssen, damit Liturgie unter verschiedenen Lebensverhältnissen als Feier in Gemeinschaft vollziehbar bleibt. Im Anschluß an das Zweite Vatikanische Konzil wurden zahlreiche Anstrengungen unternommen, um den gewandelten Gegebenheiten Rechnung zu tragen. Zahlreich liturgische Vorschläge und Richtlinien sind seither im Hinblick auf die heutigen Bedürfnisse und Empfindungen der Menschen angepaßt worden.

Von ihrem Wesen her hat Liturgie dialogischen Charakter: alles kultische Handeln des Menschen ist Antwort auf das zuvor übermittelte Wort und die zuvor erfolgte Zuwendung Gottes. Die Tätigkeit der Kirche erschöpft sich nicht in der Liturgie, doch sie gehört neben der Glaubensverkündigung und dem helfenden Dienen (Diakonie) zu ihren wesentlichen Lebensäußerungen.

Dennoch erscheint heute das liturgische Geschehen, das häufig allein in der Form der sonntäglichen Eucharistiefeier wahrgenommen wird, als wenig realitätsbezogen. Nicht selten wird es als monologisch erlebt, als monoton, wenig froh und lebendig. Es ist gerade die allzu einseitige Erfahrung eines ritualisierten und formalisierten Gottesdienstes, die viele Menschen heutzutage nicht mehr existentiell zu erreichen scheint. Mit einer differenzierteren Gestaltung der gottesdienstlichen Feiern, mit ansprechenden und berührenden Symbolen, Riten, Gesten und Gesängen wird in Zukunft die Chance zumindest größer sein, daß die Menschen die Liturgie der Kirche als eine für ihre jeweilige Glaubenssituation gemäße Gestalt erkennen und wählen.

Seelsorge

Der Wunsch nach seelsorglicher Zuwendung kann im bisherigen Ergebnis des Prozesses „Kirche 2005“ als das Grundanliegen überhaupt gewertet werden. Der Mensch braucht zu seiner persönlichen Entfaltung nicht nur die Erfüllung gewisser Grundbedürfnisse. Zu seinem Wohl gehört weiter, daß er ein gewisses Maß an sozialer Anerkennung und individueller Zuwendung erfährt. Und schließlich gehört dazu auch, daß jemand glauben, hoffen und lieben kann - dies unter Einschluß der Dimension des Religiösen.

In einer Gesellschaft des Konsums, der materiellen Sattheit, der Modernisierung und Globalisierung gibt es zunehmend auch Verlierer. Jene, die selbst in reichen, gut organisierten Gesellschaften in Gefahr sind, überflüssig und „entsorgt“ an den Rand gedrängt zu werden - man denke dabei nur an die alten Menschen, die kranken und behinderten. Oder solche, die in einer Kultur der unbedingten Selbstverwirklichung „kein Dach über der Seele haben“ - familiär Gescheiterte, Einsame und Verunsicherte. An den Rand gedrängt mitunter auch innerhalb der christlichen Gemeinschaft durch die Realität der kirchlichen Lehre.

Die Sorge der Kirche muß näher als bisher an den Menschen heranrücken. Die Beachtung und Wahrnehmung des einzelnen mit all seinen Freuden und Hoffnungen, mit seiner Trauer und seinen Ängsten sollen im Zentrum der Sorge der Kirche stehen. Seelsorge soll als ungeteilte und unverbrüchliche Priorität bei der innerkichlichen Aufgabenplanung angesehen und die religiöse und geistliche Begleitung und Stütze in den vielfältigen und schwierigen Situationen des Alltags zum Herzstück des zukünftigen pastoralen Wirkens gemacht werden.

 
 
 
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