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Eglise 2005 / Kirche 2005
Unterwegs: mit Jesus Christus - miteinander - für die Menschen
Eine Bilanz der beiden ersten Etappen
Mit diesem Dokument übergebe ich Ihnen die Bilanz der beiden ersten Etappen unserer Pastoralinitiative „Kirche 2005. Unterwegs: mit Jesus Christus - miteinander - für die Menschen“. Zunächst gilt ein herzlicher Dank all denen, die sich durch Eingaben am Konsultationsprozeß beteiligt haben. Damit haben sie ihr Interesse an unserer Kirche und ihrer Zukunft bekundet. Dank auch der Kommission „Kirche 2005“, die in mühsamer Fleißarbeit die Eingaben aufgenommen hat, so daß sie redaktionell zusammengestellt werden konnten. Was hier vorliegt, ist demnach nicht eine offizielle Stellungnahme der Luxemburger Kirche, sondern eine thematisch geordnete Materialsammlung. Der provisorische Charakter des Dokuments, das nicht einfach das Bild der Luxemburger Kirche als solcher wiedergibt, sollte berücksichtigt werden. Um dieses Bild zu vervollständigen, wurden die eingegangenen Beiträge seitens der Kommission dort, wo es sich aus Gründen eines realitätskonformen Gleichgewichts nahelegte, mit ergänzenden Perspektiven versehen. Zusätzliche Fragen und Pisten wurden angefügt, um Dialog und Diskussion erneut zu stimulieren. So bildet diese Zusammenstellung die Grundlage für die weiteren Schritte, die bezüglich unserer Diözesaninitiative anstehen. Wie soll es konkret weitergehen? Diese Bilanz mit den offenen Pisten soll nun auf den verschiedenen kirchlichen Ebenen besprochen und beraten werden: Das ist die dritte Etappe der Initiative „Kirche 2005“. Entsprechende Reaktionen und Empfehlungen werden dann in einem vierten Schritt mit Blick auf eine Endredaktion und eine Diözesanversammlung bis zum Sommer 1998 gesammelt. Auch für diesen Prozeß appelliere ich an Ihre Mitarbeit. Bei allen Überlegungen wollen wir jedoch nicht vergessen, daß nicht wir der Herr der Kirche sind, sondern Jesus Christus in unserer Mitte. Durch seinen Geist belebt er die kirchliche Gemeinschaft. Von diesem wollen wir uns also leiten lassen, gerade im Heilig-Geist-Jahr, das wir mit Blick auf das Jubeljahr 2000 begehen. Möge er als Geist der Einheit und Eintracht unsere Kirche führen und leiten! Luxemburg, Gedenktag U. L. F. von Lourdes, den 11. Februar 1998 + Fernand Franck
1. Kontext und Hintergrund der Pastoralinitiative „Kirche 2005“„Wir brauchen heute wie damals (zur Zeit des Konzils und der Synode) den langen Atem des Dialogs und des Austauschs, damit möglichst alle an der Erneuerung des kirchlichen Lebens teilnehmen können. Denn wir, die durch Taufe und Firmung in Christus eingegliedert sind, bilden die Kirche. Und die Gemeinschaft, zu der wir gehören, geht auch jeden von uns etwas an“. So schrieb Erzbischof Fernand Franck in seinem Brief an die Priester und hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zum Auftakt der pastoralen Initiative anfangs 1996. 1.1 Eine Momentaufnahme der Kirche in Luxemburg Dialog und Austausch kamen im Laufe der Jahre 1996 und 1997 in Gang. In vielen Zuschriften und Reaktionen meldeten sich Einzelpersonen sowie Gremien und Gruppen zu Wort. Sie drückten ihre Sorge um die Kirche aus und auch ihre Erwartungen und Hoffnungen. Jede Antwort ist ein wichtiger Teil im Erneuerungsprozeß der Kirche in Luxemburg, der begonnen hat. Der vorliegende Bericht gibt Einblick in die bisher geleistete Arbeit. Die „Zeichen der Zeit“ und die Aussagen der Menschen sind Stimmen, in denen sich äußert, was der „Geist den Gemeinden sagt“. Noch mag vieles dem Sprachengewirr in Babel gleichen. Und doch läßt sich die Sprache der vielen Reaktionen verstehen als die Sprache der besorgten, manchmal ängstlichen oder verletzten, dann wieder hoffnungsvollen und sehnsüchtigen Liebe zur Kirche. Vielen erscheint diese Kirche bedeckt mit Flecken, Falten und Fehlern (vgl. Eph 5,27), allen gemeinsam aber ist die Sorge um diese Kirche, die eine lichtvolle und guttuende Botschaft zu leben und zu verkünden hat. Die Zusammenstellung der Reaktionen ergibt ein komplexes Bild: es ist eine Art Momentaufnahme der Kirche in Luxemburg. Diese Momentaufnahme erhebt keineswegs den Anspruch, das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage zu sein: Die Fragen sind weder nach demoskopischen Kriterien gestellt noch ausgewertet worden. Manchen mag dies als ein gewichtiger Nachteil erscheinen; trotzdem lassen sich aus einer unvollständigen Photographie die nicht sichtbaren Licht- und Schattenseiten erahnen. Über die genaue Zahl der Zuschriften, über die Art und Weise der Auswertung sowie über die genaue Bilanz des Verlaufs finden sich die nötigen Angaben im folgenden Kapitel. 1.2 Der gesellschaftliche Hintergrund Die Kirche lebt nicht in einem luftleeren Raum. Die in den Zuschriften geäußerte Kritik schreibt sich ein in den konkreten Kontext der Luxemburger Gesellschaft und Wirklichkeit. In diesem Zusammenhang ist zunächst die Entwicklung Luxemburgs zu erwähnen, die - generell gesehen - zu einer Wohlstandsgesellschaft geführt hat, verbunden mit den für solche Gesellschaften typischen Formen von (moralischer) Not und Leid einerseits und mit einer immer stärkeren Ausgrenzung bestimmter Schichten und zunehmender Randgruppen andererseits. Mit dieser Entwicklung ursächlich verknüpft sind die Verbreitung einer materialistischen Mentalität, die fortschreitende Säkularisierung und die Zunahme der religiösen Indifferenz. Schließlich sieht sich die Kirche Luxemburgs in den letzten Jahrzehnten zum ersten Mal mit einem breiten spirituellen und weltanschaulichen Pluralismus konfrontiert und somit, im Blick auf die Menschen, in denen jenseits der Entfremdung durch Wohlstand und Materialismus die Suche nach Sinn neu aufbricht, in einer in diesem Ausmaß nicht gekannten Konkurrenzsituation. Nicht zuletzt trifft dies zu für die Sekten und esoterische Angebote. Diesen gegenüber hat die Kirche oft den Nachteil des vermeintlich Altbekannten, das man längst abgetan hat. Die systematische Kirchen- und Christentumskritik, wie sie sich in den letzten Jahren auch bei uns in immer schärferer Form manifestiert, findet bisweilen auch in kirchlichen Kreisen einen gewissen Anklang. Der generelle Kontext der Pastoralinitiative, der zu einer kritischen Bestandsaufnahme einlädt, um die Kirche für den Weg ins 3. Jahrtausend zu rüsten, bringt es mit sich, daß Defizite und Fehlentwicklungen, Sorgen und Ängste im Spektrum der Antworten einen breiteren Raum einnehmen als positive Erfahrungen und hoffnungsvolle Perspektiven. 1.3 Die redaktionelle Bearbeitung der Ergebnisse Die vorliegende Bilanz enthält die Aussagen aller, die sich an der Umfrage- und Fragebogenaktion zur pastoralen Initiative „Kirche 2005“ beteiligt haben: verständlicherweise wurde zusammengefaßt, zugeordnet, redaktionell bearbeitet; vielfach wurde auch der Originalton der Antworten und Reaktionen beibehalten. Auf die Kennzeichnung wörtlicher Zitate wurde verzichtet, auch um das Schriftbild zu entlasten. Da die Ergebnisse einer nicht repräsentativen Befragung naturgemäß unvollständig sind, hat die Kommission es für notwendig erachtet, einige Ergänzungen anzufügen: diese Ergänzungen sind keine Berichtigungen oder Verbiegungen, sie wollen lediglich auf Tatsachen, Ereignisse und Fakten hinweisen, die zur Kirche in Luxemburg gehören, aber nicht erwähnt wurden. Feststellungen, Sorgen und Wünsche bekommen erst durch das Aufzeigen von Perspektiven erneuernde und verändernde Kraft. Die Perspektiven ergeben sich aus dem Bild, das sich aus den Reaktionen und Ergänzungen aufbaut. Insbesondere wollen diese in die Zukunft weisenden Überlegungen und Fragen zu einer weiteren Etappe des Dialogs und des Austauschs anregen. 1.4 Die vielschichtige Wirklichkeit Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgehen, daß vieles auf den folgenden Seiten widersprüchlich ist; auch werden ihm Wiederholungen auffallen. In der Tat, die Zuschriften enthielten sozusagen alles: von der scharfen Kritik bis zum einhelligen Lob, von der Verteidigung des Traditionellen bis zur radikalen Forderung nach Neuem, von der spirituell-mystischen Betrachtung bis zur rationell-logischen Analyse, von der einfach ausgedrückten Sorge bis zur ganz persönlichen Bereitschaftserklärung zu einem kirchlichen Engagement. Genau aus diesen vielen bunten Mosaiksteinchen besteht das Bild der Kirche in Luxemburg. Kirche ist eine vielschichtige Wirklichkeit, die genauso differenziert und vielfältig ist wie das Leben. Und damit dieses Leben noch lebendiger wird, sind die Pfarräte und regionalen Gremien, die diözesanen Räte und die Gemeinschaften, Verbände, Vereine, Organisationen und Kongregationen und selbstverständlich auch Einzelpersonen eingeladen, den vorliegenden Bericht zu studieren und die sich daraus ergebenden Akzente für die Erneuerung des kirchlichen Lebens herauszuschälen. „Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt“ (Offb 2,7) - in diesem Jahr, in dem die Kirche sich in der Vorbereitung auf das Jubeljahr 2000 dem Wirken des Heiligen Geistes aussetzt, bringe jeder die empfangene Gnade ein für den Aufbau des Leibes Christi, der Kirche. 2. Breite Resonanz auf die diözesane Pastoralinitiative „Kirche 2005“Eine Bilanz des Verlaufs der ersten und zweiten Etappe Die offizielle Einsetzung einer Diözesankommission „Kirche 2005“ am 15. Januar 1997 durch Erzbischof Franck, vor allem die Bekanntgabe der Postanschrift der Kommission im „Luxemburger Wort“ an die fortan alle Rückmeldungen zu richten seien, stellt den Beginn der ersten Etappe der Pastoralinitiative „Kirche 2005“ dar. Ihren eigentlichen Auftakt hatte die Initiative bekanntlicherweise bereits im Jahr davor - in der Oktave-Zeit 1996 - genommen. Gleich in der Woche nach der Publikation in der Tagespresse trafen die ersten Stellungnahmen ein. Im Zeitplan der Pastoralinitiative war als Abschluß für diese erste Phase ursprünglich der Monat Mai des Jahres 1997 vorgesehen. Doch die bis dahin noch kontinuierlich eintreffenden Zuschriften sowie eine Reihe von Mitteilungen aus Pfarreien, Verbänden und Gemeinschaften über noch unabgeschlossene Beratungen in ihren Gremien, veranlaßten die Kommission dazu, den Termin bis zum Juli hinauszuschieben. Selbst jene Zuschriften, die noch zeitlich danach kamen, wurden nahezu alle mit in die Auswertung hineingenommen. Die zweite Etappe der Pastoralinitiative betraf die eigentliche Sichtung und Sammlung der Eingaben. Vom näheren Verlauf dieser Etappe wird im folgenden ebenfalls noch die Rede sein, sie ist zugleich auch Gegenstand und Ergebnis dieses Zwischenberichtes. Der Ablauf dieses zweiten Kapitels soll wie folgt aussehen: In einem ersten Teil soll Einblick gegeben werden in den zahlenmäßigen Umfang des eingetroffenen Materials aus der ersten Phase. Nach dieser eher numerischen Darstellung will ein weiterer Teil die teilweise recht schwierige Verfahrensweise der Auswertung erläutern. Ein dritter Abschnitt gilt der Interpretation des erstellten Rasters. Einige Gedanken zum Schluß runden dieses, der Methodik zugedachten Kapitel des Berichtes ab. 2.1 Das Ergebnis nach Zahl und Art der Zuschriften Seit Januar 1997 sind rund 700 (genau 692) Einsendungen zur Pastoralinitiative „Kirche 2005“ beim Sekretariat der Kommission eingetroffen. Ein Umfang von 590 stammt von Einzelpersonen, die restlichen 102 sind Gruppenbeiträge - ein Verhältnis von 6 zu 1 demnach. Nahezu zwei Drittel der Einsendungen von Privatpersonen waren anonym verfaßt. Fast immer wurden allerdings Alter und Geschlecht angegeben. Die kollektiven Einsendungen, deren Herkunft immer bekannt ist, verteilen sich wiederum auf Pfarräte einerseits und diverse weitere Zusammenschlüsse andererseits. Von den 102 Gruppenbeiträgen kommen 51 von Pfarräten, weitere 51 bilden Ergebnisse gemeinsamer Überlegungen von unterschiedlicher Provenienz (ACFL-Gruppen, Schulklassen, Bibelgruppen, kirchl. Dienststellen, Reflexionsgruppen, Seelsorgeteams u.a.). Die allermeisten Eingaben von Einzelpersonen stützen sich auf den offiziellen Fragebogen der Pastoralinitiative. Auch die Antworten der Pfarräte und Gruppen orientieren sich in ihrer überwiegenden Mehrzahl am Duktus dieses vorgezeichneten Fragebogens. Somit hat sich dieses ursprünglich als Hilfsmittel zur Reflexion gedachte Instrument als sehr nützlich und von entscheidender Bedeutung für das vorliegende Resultat erwiesen. Neben dieser offiziellen Antwortform gibt es noch eine Anzahl frei formulierter Briefe sowie eine ganze Reihe von Zusendungen, die sich auf andere Formulare basieren (so beispielsweise auf jenen, der von der Pastoralregion „Süden“ herausgegeben worden war). Der Umfang der einzelnen Zuschriften ist ebenso ungleichartig wie deren Inhalt und deren Herkunft - die Länge reicht vom Einzelwort bis hin zum 27-Seiten starken, ausformulierten Brief. Nachdem der Fragebogen außer in deutscher und französischer Sprache auch auf Portugiesisch, Italienisch und Spanisch vorgelegt worden war, waren auch die ausländischen Gemeinschaften und Missionen aufgerufen, aktiv am Prozeß mitzuwirken. Eine rege Beteiligung gab es dann auch insbesondere von portugiesischer Seite. Mit als Folge der verstärkten Bekanntmachung des Projektes durch die vierzehntägige Präsenz der Initiative im Zelt „Kirche 2005“ im Quadrathof zwischen Kathedrale und Nationalbibliothek während der Zeit der Muttergottesoktave im vorigen Jahr konzentrieren sich die Zusendungen insbesondere auf die Monate gleich am Anschluß an dieses Ereignis - auf die Zeit von Mai bis Juli 1997. In diesen beiden Monaten treffen allein 400 Beiträge ein - also weit über die Hälfte vom Gesamtumfang. Es bleibt noch anzumerken, daß eine Statistik über die an dieser Stelle lediglich global angegeben Zahlen und Angaben im Anhang abgebildet ist. Eine noch detailliertere Einsicht kann nach Anfrage bei der Kommission „Kirche 2005“ (Tel.: 46 20 23) erfolgen. 2.2 Der Modus der Verarbeitung aller eingegangenen Reaktionen Bei der Fülle und der Disparatheit des eingetroffenen Materials mag es nicht überraschen, wenn sich die Verantwortlichen zum Schluß des Sichtungsprozesses des Eindruckes nicht erwehren konnten, daß es wohl kaum eine Aussage gibt, die hier nicht in irgendeiner Form ihren Niederschlag gefunden hätte. Ab den Monaten Juli und August wurde sodann mit der eigentlichen Auswertung des angesammelten Materials begonnen. Ein Experte aus dem Bereich der Demoskopie wurde herangezogen, um grundsätzliche methodologische Ratschläge zu erteilen, wie man möglichst gewinnbringend und effektiv mit einem solchen Umfang an höchst unterschiedlichen Einzelaussagen umzugehen habe. Er plädierte dafür, jede Zuschrift mit Hilfe einiger vorab definierten Referenzkriterien zunächst einmal in den Computer einzugeben. Dieser Informatisierungs-Vorgang biete - so sein Urteil - zum einen den Vorteil, daß jede Aussage durch entsprechende Referenzen immer wieder auf die Originalzuschrift zurückgeführt und überprüft werden kann, zum anderen ermöglicht er jede denkbaren Assoziationen und Vernetzungen nach Wunsch herstellen und abrufen zu können. Denkbar wäre z. B. folgende Recherche: Welcher Stellenwert hat in den eingesandten Zuschriften die Bibel? - Welche Bedeutung kommt ihr nach dem Urteil der Einsender im persönlichen Leben der Gläubigen zu, welche in der Kirche, in der Verkündigung, im Religionsunterricht usw.? Wer macht Aussagen die Bibel betreffend? - Sind es bevorzugt Einzelpersonen oder eher Gruppen? Obwohl dieser vorgeschlagene Erfassungsvorgang auf den ersten Blick mit der eingeschränkten personellen Kapazität nicht realisierbar schien, entschied man sich letztlich dennoch für diese Variante. Einfach deshalb, weil sie die größte Gewähr dafür zu liefern schien, daß jede, tatsächlich jede Einzelaussage in ihrem Aussage- und Erkenntniswert in vollem Umfang erfaßt und ernst genommen werden würde und somit nichts unbeachtet bleibt. Für das Abschreiben wurde eigens eine Person herangezogen, die diesen Vorgang in Heimarbeit erledigte - ein Teil wurde von den Kommissionsmitgliedern selbst abgeschrieben. Man begann zunächst mit der Auswertung der knapp 600 Einzelzuschriften, erst danach wandte man sich den rund 100 Gruppenbeiträgen zu. Von Anfang an war klar, daß den Gruppenzuschriften, im ganzen Kontext gesehen, das größere Gewicht zukommen sollte, allein deshalb, weil zumeist eine längere Reflexion dem Zustandekommen der Zuschrift vorausging und stets auch eine Vielzahl von Beteiligten am Werke war. Die Aufschlüsselung des Textes jeder einzelnen Zuschrift, die vorgenommen wurde, orientierte sich an einer zuvor per Hand ausgeführten Texteinteilung sowie an einer Reihe von Referenzkriterien, welche die Art und die Herkunft der Stellungnahme kennzeichnen - dies jedoch immer unter Wahrung der Anonymität der Person. Dieser aufwendige und mühselige Erfassungsvorgang am Computer dauerte etwas mehr als vier Monate, zumal man sich nicht von Anfang an klar war, nach welchen Bewertungskriterien die Aussagen aufzuschlüsseln waren. In der Hälfte der Arbeit wurde das ganze System noch einmal umgekrempelt und verbessert. Während in der Anfangszeit zuerst ein Gliederungsraster nach einem bewertenden Schema (d.h. ob es sich vorrangig um eine positiv formulierte Aussage oder um eine negative handelt) aufgestellt und angewandt worden war, entschied man sich später - dies vor allem auf der Hintergrund der Einsicht in die Gruppenbeiträge - für ein völlig anderes, sachthematisches Konzept, das die Aussagen neutral und unabhängig von ihrer Aussageausrichtung unter einem bestimmten, konkreten Stichwort sammelt. Die entscheidende Umwandlung verlief also weg von einem eher bewertenden Modus hin zu einer rein sachthematisch orientierten Methode. Von der näheren Gestalt des so entstandenen Rasters wird unter dem folgenden Punkt die Rede sein. Am Ende des Erfassungsvorgangs am Computer war das ganze vorliegende Material - individuelle und kollektive Zuschriften zusammengenommen - auf rund 7.000 Computerkarteikarten gespeichert. 2.3 Das erstellte Raster als Gliederungsprinzip Immer wieder getragen vom Bemühen, jede Einzelaussage ernst zu nehmen und zu verwerten, wurde schließlich auf der Basis der eingetroffenen Reaktionen ein Gliederungsentwurf in Form eines Rasters erstellt. Es handelt sich bei dem nun vorliegenden Modell um ein ausgesprochenes Arbeitsinstrument, das zum Ziel und Zweck hat, die Fülle an Einzelaussagen ihrer Aussageabsicht gemäß einzuordnen. Die Einteilung des Rasters erstreckt sich über sieben eher weit gefaßte Bereiche. Das Stichwortregister zu den einzelnen Bereichen wurde auf dem Hintergrund der konkret erfolgten Einzelaussagen erstellt. Der erste Bereich „Kirche und Gesellschaft“ sammelt Aussagen, die vorrangig nur den gesellschaftlichen Kontext betreffen wie etwa Arbeitslosigkeit, Konsum, Kriminalität oder Politik, dann aber auch solche, die Kirche und Gesellschaft gleichermaßen angehen. Unter anderem geht es hier um das Verhältnis von Kirche und Staat, den Stellenwert und den Schutz des menschlichen Lebens, um die Gefahr der Sekten und die Umweltproblematik. Ein zweites Themenfeld „Bild der Kirche“ setzt sich unter einer Vielzahl von Stichworten mit jener Sicht von Kirche auseinander, die in den vorliegenden eingesandten Stellungnahmen über sie abgegeben wird. Gerade unter dieser Optik von außen finden sich oftmals sehr unterschiedliche, voneinander differierende Positionen wieder. Berührt werden unter anderem die Themen Gemeinschaft, Gott, Jesus Christus, Macht, Laien, Kirchenkritik u.a. Allein von der Themenvielfalt her ist der Bereich „Bild der Kirche“ der umfangreichste, der die meisten Aussagen beinhaltet. Ein dritter großer Abschnitt „Pastorale Dienste“ umgreift die ganze Palette der pastoralen Themen. Unterteilt ist er nochmals in vier Unterpunkte von denen der erste sich den unterschiedlichen Bereichen der Pastoral wie Alten- und Krankenpastoral, Jugendpastoral widmet. Die Lebensvollzüge der Kirche - Diakonie, Liturgie und Verkündigung - bilden die Unterpunkte zwei bis vier dieses Kapitels während ein letzter, fünfter Unterpunkt sich mit der Ökumene befaßt. Der vierte große Themenbereich „Kirche vor Ort“ hat näherhin die Pfarrei im Blick. Hier kommen Aussagen zum Kirchengebäude, zu kirchlichen Feiern und Festen sowie zum Leben in der Pfarrei zur Sprache. Mit dem Kirchenpersonal im weitesten Sinn befaßt sich ein weiterer, fünfter Abschnitt. Unter der Überschrift „Dienstämter“ werden Stichworte wie Klerus, Bischof und Papst subsumiert. Das sechste Kapitel „Christsein heute“ faßt Eindrücke über die Art und Weise des Christseins und des christlichen Verhaltens zusammen. Dieses Kapitel vermittelt Einblicke über den Stellenwert der Bibel, des Gebets, des Engagements, der Versöhnung im Leben der Gläubigen. Unter einem eigenen siebten Punkt mit der Überschrift „Konfliktfelder“ kommen schließlich einige der meistgenannten Reizthemen unserer Zeit wie Frauen oder Zölibat zur Sprache. Einzelne Stichwörter sind unter zwei Bereichen wiederzufinden, weil sie beide betreffen: so wurde z.B. festgestellt, daß das Stichwort Toleranz die Bereiche „Bild der Kirche“ und „Christsein heute“ tangiert. In dem erstgenannten Bereich wird es verwendet mit Blick auf die Kirche - wie hält sie es mit der Toleranz - im anderen meint das Stichwort Toleranz eine Haltung des Einzelchristen. Eine weitere Auffächerung der Aussagen innerhalb der sieben genannten Bereiche ergab sich im Anschluß an die Sichtung aufgrund der unterschiedlichen Ausrichtung der Inhalte. So wird jeder Bereich nochmals in vier Unterpunkte unterteilt. Die beiden ersten „a) Was Sorgen bereitet“ und „b) Was positiv erlebt wird“ geben Inhalte wieder, die dem Sinn - nicht dem Wortlaut nach - aus den Einsendungen stammen. In einem weiteren dritten Abschnitt „c) Was zu ergänzen wäre“, wurde von der Kommission jeweils ein Nachtrag angefügt, der Aspekte beinhaltet, die unter a) und b) nicht erwähnt worden sind. In einem vierten und letzten Abschnitt „d) Perspektiven“ werden schließlich Horizonte aufgezeigt und zusätzliche Fragen angefügt, die den Denkprozeß und die Diskussionen in der Gruppe anregen und unterstützen sollen. Auch dieser letzte Unterpunkt enthält vorrangig Aussagen von der Kommission. Jene Textpassagen, die von der Kommission ergänzend hinzugefügt wurden, sind kursiv abgedruckt, während alles andere, was aus den Einsendungen stammt, in einfacher Druckschrift wiedergegeben wird. 2.4 Abschließende Gedanken Man wird die breite Resonanz auf die Pastoralinitiative bislang als ein sehr zufriedenstellendes und ermutigendes Ergebnis werten müssen. Gerade der große Anteil an Einzelzusendungen stellt ein hoffnungsvolles Zeichen dar für das Verantwortungsbewußtsein vieler Christen in unserer Diözese und ein herausragendes Merkmal ihrer Sorge um die Zukunft des Glaubens. Allen Privatpersonen, die sich an der Initiative bisher beteiligt haben, sei an dieser Stelle aufrichtig gedankt. Die Beteiligung der Gruppen und Gemeinschaften stellt sich geographisch gesehen sehr unterschiedlich dar: Während die Beteiligung in manchen Regionen sehr dicht ist, bleiben ganze Landstriche vom Aufruf unberührt. Gewiß ist jedoch, daß die zahlreichen guten Beiträge der Beteiligten, die mit viel Initiativgeist, Engagement, Reflexionsvermögen und Sachkenntnis entstanden sind, über ihre Verwertung für die Pastoralinitiative hinaus sicher auch als Gewinn im Bewußtsein der Einsender selbst zu werten sind, um die gegenwärtige Situation von Kirche und Glauben als Chance und Herausforderung zu begreifen. In diesem Sinn seien alle ermutigt - auch jene, die sich bislang noch nicht zu Wort gemeldet haben - sich auch zukünftig am Prozeß der ausgelösten Dynamik von „Kirche 2005“ zu beteiligen. 3. Einblicke in den Gehalt der eingegangenen ReaktionenThematische Auswertung des Materials 3.1 Kirche und Gesellschaft a) Was Sorgen bereitet In eher ängstlicher Haltung stehen viele dem gegenüber, was man gemeinhin Postmoderne oder reflexive Moderne nennt. Verschiedene Aspekte dieser Postmoderne wie Individualisierung, Konkurrenzdenken, Konsum, Materialismus werden in ihren zersetzenden und zerstörenden Tendenzen gesehen. Der Wohlstand, den sicher die meisten genießen, hat einen schalen Nachgeschmack bekommen, setzt er doch die Zukunft zu einem guten Teil aufs Spiel. Es resultieren daraus Pessimismus und Angst. Arbeitslosigkeit, die Bedrohung durch Krieg, Armut, Gewalt und Kriminalität, aber auch die Zerstörung der Umwelt sind weitere Stichworte, die große Beklemmung ausdrücken. Drogen und Sekten gefährden die jungen Menschen. Ehescheidungen, Selbstmorde, Kindesmißhandlung und Zerfall der Familien zersetzen die Grundfesten der Gesellschaft. Vor diesen Tatsachen scheint man doch sehr ohnmächtig dazustehen, jedenfalls überfordert, wenn es um konkrete Schritte geht. Die kirchliche Präsenz in der Gesellschaft wird vielfach als mangelhaft kritisiert: es fehlen die ausdrücklichen und kritischen, eben christlichen, Stellungnahmen der Kirche zu aktuellen Fragen. Fragen der Zeit kommen selten vor in der Kirche, jedenfalls nicht da, wo viele Kirche erfahren und erleben. Die Beziehungen zwischen Kirche und Staat in Luxemburg werden sehr kritisch gesehen: sie seien eher abträglich für die Freiheit der Kirche. Für viele wäre die bessere Lösung eine Trennung von Kirche und Staat. Insgesamt aber werden eher Schlagworte zu diesem Reizthema wiedergegeben, als daß sich inhaltlich mit der doch recht komplexen Materie auseinandergesetzt würde. Nicht weniger kritisch wird das Verhältnis Kirche und Medien gesehen: hier wird sowohl Kritik an der einseitigen Darstellung von Kirche in den Medien geübt sowie ihre mangelhafte aktive Präsenz im gesellschaftlichen und kulturellen Dialog angemahnt, als auch gefordert, daß die neuen Medien besser genutzt werden müßten für die Verkündigung des Evangeliums. Allgemein wird der Kirche vorgeworfen, sich zu sehr zurückzuhalten und mit ihrer Botschaft und die öffentliche Auseinandersetzung zu scheuen. Im einzelnen werden RTL die neuen Sendezeiten für kirchliche Sendungen vorgeworfen und dem „Luxemburger Wort“ die einseitige Darstellung kirchlicher Ereignisse sowie die mangelnde Offenheit für Dialog. Der Mangel an Anpassung der Kirche an die moderne Welt wird deutlich benannt: die Kirche sei keine ebenbürtige Partnerin der großen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, weil es ihr an Ideen und Substanz mangele; sie zeige sich unflexibel dem Zeitgeschehen gegenüber, es bestehe eine zu große Distanz zwischen dem Leben in der Gesellschaft und dem Leben in der Kirche; dem Christen werde immer weniger geholfen, das eine mit dem anderen in seinem persönlichen Leben in Zusammenhang zu bringen. Ist dieser Mangel an Anpassung nicht auch eine Folge von ängstlichem Sich-Verschließen vor den „Zeichen der Zeit“ und dem Wirken des Heiligen Geistes? Besorgnis und Angst drücken viele aus vor der Zunahme der Sekten in unserem Land. Sie erkennen in diesem Phänomen ein Defizit auf seiten der Kirche, die scheinbar für immer mehr Menschen nicht mehr attraktiv ist, sie liefert keine Antworten auf ihre Fragen. Die meisten Menschen stehen dem Problem der Sekten auch ratlos und ohnmächtig gegenüber, erwarten aber, daß sich zumindest mit dem Thema auseinandergesetzt wird. Sehr groß ist die Sorge um den festgestellten Verfall der Werte in unserer Gesellschaft. Er wird in Zusammenhang mit der Entwicklung der letzten Jahrzehnte gesehen. An die Stelle geistiger und moralischer Werte treten zunehmend materielle Werte wie Geld und Amüsement. Bestimmte Idole oder der Sport üben auf Jugendliche eine immer größere Anziehungskraft aus, auch wenn sie erwiesenermaßen nicht die letztlich bedrängenden Fragen nach Orientierung und Sinn beantworten können. Es bleibt somit die Sorge um die Jugendlichen, die Werte brauchen, denen aber immer weniger Werte angeboten, vorgestellt und vorgelebt werden. b) Was positiv erlebt wird Der Christ lebt in der Welt - die Probleme und Sorgen, die Ängste und Befürchtungen der Menschen erlebt er hautnah mit. Wie aber Kirche und Gläubige mit diesen Phänomenen umzugehen hätten, bleibt unklar. Sicher liegt das auch an den Fragestellungen, zum Teil wohl aber auch an einer zu beobachtenden Tendenz des Rückzugs des Glaubens und der Gläubigen in den Innenraum der Kirche. Kirche gehört in die Öffentlichkeit, in die öffentliche Auseinandersetzung. Ganz klar wird die Forderung für die Zukunft erhoben: „Raus aus den Tempeln, auf die Straßen!“ Insgesamt gehen die befragten Christen nicht auf positive Aspekte der Welt, in der sie leben, ein. Die Frage mag gestattet sein, ob unserer Welt nichts Positives abzugewinnen sei, oder weshalb in den eingegangenen Antworten davon keine Rede ist? c) Was zu ergänzen wäre Die Angst ist weit verbreitet, sie ist aber eher diffus: die einzelnen Problemfelder werden benannt, selten reflektiert, fast überhaupt nicht auf mögliche Lösungen oder Änderungen analysiert. Glaubensschwund, Egoismus und allgemeiner Werteverfall werden in den sehr allgemeinen Analyseversuchen ausgemacht. Die Beziehungen zwischen Kirche und Gesellschaft sind komplex, vielfältig und nicht problemlos. Die Kirche hat ihre Monopolstellung bezüglich Sinnfrage und Werteorientierung verloren. Zu erwähnen sind einerseits Umbrüche im Sozialverhalten, die Tradierungskrise im Glauben und zunehmender Fundamentalismus in allen Religionen. Andererseits sind die Politik der kleinen Schritte, und Demokratisierungsprozesse in vielen Ländern Hoffnungszeichen. Die Privatisierungs- und Entsolidarisierungswelle betrifft nicht nur die Kirche, sondern genauso den Staat, die Parteien und Verbände, kulturelle Institutionen, kurz: die gesamte Öffentlichkeit. Der Zukunftsoptimismus früherer Zeiten ist einer Krisenstimmung gewichen. Umbrüche in einer Welt des „radikalen Pluralismus“ machen jeden - weltweit und tagtäglich - betroffen. Die befreiende Botschaft des Evangeliums will uns in dieser Situation zur Gestaltung der Welt ermutigen. Hervorzustreichen ist jedenfalls, daß einzelne Kritiken als objektiv falsch zurückzuweisen sind: So z.B. jene, daß es an ausdrücklichen Stellungnahmen der Kirche zu aktuellen Fragen fehle: vgl. beispielsweise hierzu die römischen Verlautbarungen zu Fragen der sozialen Gerechtigkeit oder das in Luxemburg erschienene Dokument zur Arbeit „Sterne für Europa“, die sozialethischen Stellungnahmen von verschiedenen diözesanen Kommissionen sowie vieles andere mehr. d) Perspektiven Neben allen Gefahren ist die elektronische Vernetzung eine Möglichkeit, daß Menschen weltweit näher zusammenrücken, solidarischer werden und lokal handeln. Wissenschaftliche Herausforderungen in der Genforschung zum Beispiel kurbeln Sinnfrage, Werteerhaltung und Ethikdebatte gesamtgesellschaftlich und weltweit nahezu ad hoc an. In einer Zeit wo Arbeit dabei ist zum Luxus zu werden, haben Freizeitaktivitäten mit „Spaß und Sinn“ in Sport und Kultur Hochkonjunktur. Menschen begegnen sich vermehrt in Interessengemeinschaften und finden zu neuen Formen des individuellen Engagements solange es Spaß macht. Klare und deutliche Stellungnahmen werden von der Kirche gefordert zu allen Fragen, die das menschliche Leben betreffen: die Themen sind zahlreich und decken in etwa die ganze Spannbreite der Gefährdungen menschlichen Lebens ab: Altersversorgung und Pflegeversicherung, Krankheit und Behinderung, Überbevölkerung und Familienplanung, Würde des Menschen und Menschenrechte, menschenwürdiges Sterben und Gentechnologie, soziale Gerechtigkeit und Armut, Pädophilie und Zerfall der Familien. Die dazu geforderten Stellungnahmen sollen aber nicht nur Mißstände benennen oder Probleme aufzeigen, sondern auch Ansätze von Lösungen aus dem Evangelium anbieten, zu deren Realisierung ausdrücklich ermutigt wird. Bedingung wäre dabei allerdings, daß diese Stellungnahmen eine ausreichende Verbreitung finden und daß sie auch kirchlicherseits genügend zur Kenntnis genommen würden. Jeder einzelne Christ ist gefordert: an der Basis, in der eigenen Familie, im Berufsfeld und in Freizeitvereinigungen mitten in der Gesellschaft und zugleich gegen den Strom die Freude und das Engagement Jesu Christi zu leben. Das dritte Jahrtausend bedeutet für alle Menschen auf der ganzen Welt eine Herausforderung. Bereits 1994 hat Papst Johannes Paul II. in einem Schreiben zur Vorbereitung auf die Jahrtausendwende jeden einzelnen Christen eingeladen, alles in seiner Macht Stehende zu unternehmen, damit die Herausforderung des Jahres 2000 nicht vernachlässigt werde. Wir haben den Auftrag, die gesellschaftlichen Lebensbereiche mitzugestalten, für die Bewahrung der Schöpfung, für Gerechtigkeit und Solidarität einzutreten.
3.2 Bild der Kirche 3.2.1 In der Spannung von Erneuerung und Tradition a) Was Sorgen bereitet Für viele ist der Elan des II. Vatikanischen Konzils erloschen. «Aggiornamento» ist ein Fremdwort geworden. Der Stillstand in der Bewegung wird bedauert und kritisiert. Andere sind der gegenteiligen Meinung: es sei zu vieles zu schnell geändert worden. Für die einen ist die Tradition ein wichtiger Wegweiser für die Zukunft, andere wiederum sehen in der Tradition ein Hindernis für eine Erneuerung. Die „gute alte Zeit“ wird beschworen und zurückgewünscht. Folge der stockenden Erneuerung und des fehlenden «Aggiornamento» ist ein Verlust an Glaubwürdigkeit und Authentizität: sowohl Gottesdienst und Leben klaffen auseinander als auch verkündigtes Wort und gelebte Praxis; die Kirche als ganze entfernt sich zunehmend von der realen Welt der Menschen, und viele ihrer Diener und Repräsentanten handeln und leben anders als sie reden und verkünden. b) Was positiv erlebt wird Die in den letzten Jahrzehnten unternommenen Veränderungen und Erneuerungen in der Kirche werden ausdrücklich begrüßt. Insgesamt wird erwartet, daß weder alles Traditionelle über Bord geworfen wird noch alles Alte ungeprüft zurückbehalten wird, sondern daß eine Art Mittelweg, der Neues und Altes verbindet, gegangen wird (was einer doch sehr ausgewogenen Luxemburger Mentalität entspricht). Viele sind in echter Sorge um eine zeit- und menschennahe Kirche. Sie erkennen in den Umwälzungen der Gesellschaft und der Kirche „Zeichen der Zeit“, ja, Winke Gottes, die von der Kirche aufzunehmen, zu verstehen und zu verwirklichen sind. Dabei kann das Wort von der „offenen Kirche“ als eine Art Programm verstanden werden. Eine große Erwartungshaltung gegenüber einer erneuerten und authentischeren Kirche wird ausgedrückt. Die Bereitschaft, das eigene Leben in einer treueren Nachfolge Jesu zu gestalten, mit einem am Evangelium ausgerichteten Leben, wird ausdrücklich bekundet. c) Was zu ergänzen wäre Die Kirche in Luxemburg hat in ihrer IV. Diözesansynode große Anstrengungen unternommen, um das «Aggiornamento» auf luxemburgisch zu übersetzen. In den Pfarreien leisten die Pfarräte seit Jahrzehnten gute Arbeit. In vielen Gemeinschaften, Vereinen, Organisationen und Verbänden wird den „Zeichen der Zeit“ viel Aufmerksamkeit gewidmet, auch wenn es oftmals nicht zu konkreten Veränderungen und Erneuerungen kommt. Auf Diözesanebene wurden Priester und Laien durch die Schaffung der nachkonziliaren Diözesanräte (Priesterrat, Pastoralrat, Laienrat) ebenfalls stärker in die Verantwortung eingebunden, auch wenn die Befugnisse und die Kompetenzzuordnung dieser Räte im Sinne größerer Transparenz genauer umschrieben werden müßten, und möglicherweise, im Hinblick auf die beschränkten Kräfte und den relativ engen Personenkreis, eine Straffung dieser Gremien angebracht erscheint. Bei der Beurteilung der derzeitigen allgemeinen kirchlichen Lage darf man sich nicht auf die kircheninternen (ekklesiogenen) Ursachen beschränken. Auch das gewandelte gesellschaftliche Umfeld und die neuen gesellschaftlichen Herausforderungen sind zu beachten. An Bemühungen, auf diese Herausforderungen zu antworten, fehlt es in unserer Kirche sicher nicht. Stellvertretend für viele anderen Initiativen seien die vielfältigen Anstrengungen im Bereich der Diakonie genannt, um auf die neuen, typischen Formen von Not und Leid einzugehen, oder die Angebote einer zeitgemäßen Glaubensbildung. Genauso wahr ist freilich, daß diese Antworten hinter den gewaltigen Herausforderung der Zeit zurückbleiben. Das hat seinen Grund nicht zuletzt in der geringer werdenden Zahl von engagierten Gläubigen und Priestern, liegt aber wohl auch an der Tatsache, daß unsere Kirche den Schritt aus einer christentümlich geprägten in eine offene Gesellschaft geistig noch nicht ganz vollzogen hat. Des weiteren darf nicht übersehen werden, daß der Kirche hierzulande wie anderswo seit einigen Jahren der rauhe Wind einer systematischen Kirchen- und Christentumskritik bzw. -hetze ins Gesicht bläst, die bisweilen auch in kirchlichen Kreisen einen gewissen Anklang finden. Oft werden alte Rechnungen beglichen, die die Kirche von heute nicht direkt zu verantworten hat. Die sicher vorhandenen Schattenseiten einer zweimal tausendjährigen Geschichte werden gegenüber den Lichtseiten und den großartigen Leistungen der Kirche im Dienst des Menschen nur allzu gerne einseitig in den Vordergrund gestellt und überbewertet. d) Perspektiven Das Stichwort „offene Kirche“ ist gefallen. Von den „Zeichen der Zeit“ ist die Rede. Damit ist unsere Kirche aufgerufen, mehr noch als bisher den Finger am Puls der Zeit zu haben und auf die neuen Herausforderungen einzugehen. Genau so gilt es, die positiven Hoffnungszeichen in unserer Kirche wahrzunehmen. Dazu gehören gewiß der sich in den Antworten auf die Umfrage „Kirche 2005“ äußernde Sinn für Treue zum Evangelium, Authentizität und Einfachheit, aber auch die Wertschätzung kleiner Glaubensgemeinschaften, die Hinwendung zum Wort Gottes, der Aufbruch neuer geistlicher Bewegungen und Gemeinschaften ...
Es heißt demnach, beharrlich auf dem vom II. Vatikanischen Konzil vorgezeichnete Weg fortzuschreiten, die Ansätze des Konzils und der IV. Luxemburger Diözesansynode fortzuschreiben und in einer unserer Situation angemessenen, realistischen Form umzusetzen. Dieser Realismus verpflichtet uns nicht zuletzt, auch die verfügbaren Kräfte abzuschätzen, uns also nicht zu übernehmen und uns dementsprechend in bescheidener und zugleich mutiger Selbstbeschränkung auf die wichtigen Aufgaben zu konzentrieren. Es darf nicht zu weiterer Resignation und Frustration führen, wenn nicht alles denkbar Wünschenswerte verwirklicht wird. Es muß genügen, das Notwendige zu tun - und es gut zu tun. Kardinal Godfried Danneels sagt in diesem Zusammenhang: «Le fait de ne plus pouvoir assumer de multiples tâches incite à aller à l’essentiel: annoncer l’Évangile, célébrer l’eucharistie et les autres sacrements, vivre au service des autres».
Im Wesentlichen geht es darum, „alle Menschen durch die Herrlichkeit Christi, die auf dem Antlitz der Kirche widerscheint, zu erleuchten“ (Lumen Gentium, 1). „Unterwegs - mit Jesus Christus - miteinander - für die Menschen“, diese Losung muß uns auch weiter begleiten. Leitbild aller Erneuerungsbestrebungen muß eine in Christus verwurzelte und gegründete (vgl. Kol 2,7) und darum geschwisterliche und menschenfreundliche Kirche sein. Diese Vision gilt es durchzuhalten, auch in der harten Einzelarbeit, die für das «Aggiornamento» unserer Kirche angesagt ist. Ins Bild gebracht: wir dürfen auch über der Kleinarbeit nie vergessen, daß wir nicht nur Ziegel legen, nicht nur eine Mauer errichten, sondern an einer Kathedrale bauen!
Die mangelnde Kommunikationspolitik und Öffentlichkeitsarbeit unserer Kirche wurde angemahnt. Auch hier besteht Handlungsbedarf.
Vielleicht darf die Vermutung gewagt werden, daß die Kirche in unserem Land besser ist als ihr Image. Dieses ist, wenigstens z. T., das Ergebnis einer mangelhaften Kommunikationspolitik und Öffentlichkeitsarbeit, der es nicht gelingt, die positiven Seiten im Leben unserer Kirche richtig darzustellen. Von der bisweilen heftigen Kirchenkritik her stellt sich die Frage, ob die Kirche Luxemburgs nicht, ähnlich wie andere Teilkirchen und in bestimmten Bereichen auch die Universalkirche, eine Vergangenheitsbewältigung, eine «purification de la mémoire» in bezug auf die typisch luxemburgischen Irrungen der Vergangenheit ins Auge fassen soll.
3.2.2 Kirchliche Institutionen und Strukturen a) Was Sorgen bereitet Sehr massive Kritik wird geäußert an den alten und rigiden Strukturen der Kirche, die dem Leben und der Glaubensfreude nicht dienlich sind. Von der Kirche wird erwartet, daß sie offen alte Verweigerungshaltungen aufgibt und überhaupt ein gutes Stück Vergangenheit bewältigt. Mangelnde Dialogfähigkeit und Sprachlosigkeit gegenüber den aktuellen Fragen und Problemen wird ihr vorgeworfen. Daß sie dadurch für Jugendliche und junge Erwachsene kaum attraktiv ist, liegt auf der Hand. Daß in ihr Freude und Begeisterung kaum Platz haben, ist genauso evident. Das Bild der Kirche in der Öffentlichkeit ist alles andere als gut; die Kirche wird stark als Institution erfahren und empfunden, die undurchsichtig, veraltet, intolerant, streng und rückwärtsgewandt, starr, veraltet, altmodisch und unbarmherzig ist. Heuchelei, Uneinigkeit, Überheblichkeit, Herrschaft, Zeremoniell und Pomp, übertriebene Hierarchie und Doppelmoral sind einige weitere Stichworte, die im Kontext dieser bisweilen sehr scharfen Kritik fallen. Neben den Aussagen zur Institution und zu den Strukturen fallen die äußerungen zu den Stichworten „Gesetz“, „Macht“ und „Tradition“ ähnlich deutlich und scharf aus. Der mitunter toleranten Sprache der Kirche steht im Einzelfall oft eine unbarmherzige gesetzestreue Haltung gegenüber. Die einen verlangen mehr Strenge bei der Zulassung zu den Sakramenten, andere bedauern diese bisweilen angewandte Strenge. Die Kirche wird als eine Institution empfunden, die viel mit Organisation und Management zu tun hat, weniger mit Barmherzigkeit und Mission. Im Hintergrund der vorgebrachten Kritik steht für viele eine mangelnde Transparenz in den kirchlichen Strukturen und Entscheidungsmechanismen, besonders auch in Finanzangelegenheiten. Viele können nicht anders, als dahinter Macht zu vermuten, die sich auf Traditionen und sogar auf das Evangelium und Gott beruft, die jedoch wohl nur menschlich ist und sich auf Geld, Reichtum und Einfluß stützt. Ein besonderer Kritikpunkt sind Prunk und Reichtum in der Kirche. Die Menschen vertragen immer weniger ein pompöses und äußerliches Getue, auch nicht in der Liturgie. Der Kirche wird ihr Reichtum vorgeworfen, und es wird unterstellt, daß sie mit Geld und Reichtum auch Einfluß ausübt, und dies nicht nur im Interesse des Evangeliums. Auch hier wird wiederum sichtbar, daß ein Mangel an Transparenz und Information vorliegt. b) Was positiv erlebt wird Das Engagement der Kirche zugunsten der Ärmsten der Armen in vielen Diensten und konkreten Einsätzen wird gesehen, anerkannt und geschätzt. Vielfach betrifft die Kritik nicht die konkret erlebte Kirche vor Ort. Die Erwartung, daß die Erneuerung der Kirche eindeutig in die Richtung von Einfachheit, Demut, Dienst, Bescheidenheit geht, ist groß - auch wenn mitunter am guten Willen der Verantwortlichen gezweifelt wird. Alles in allem ist die geäußerte Kritik ein Ausdruck echter Sorge um Gestalt und Zukunft der Kirche und neben der Kritik zeigen sich eine ganze Reihe von Ansätzen und Perspektiven, von Schwerpunkten und Erneuerungswünschen. c) Was zu ergänzen wäre Es darf nicht vergessen werden, daß die Strukturen in der Kirche kein Selbstzweck sind. Sie stehen im Dienst der Menschen, auch wenn das nicht immer unmittelbar sichtbar wird. Institutionen und Strukturen geben den verschiedenen Diensten eine Beständigkeit, die sie für die Menschen verläßlich macht. Die meisten schätzen diese durch Strukturen garantierte Beständigkeit. Es sollte auch nicht übersehen werden, daß sich gerade in den letzten Jahrzehnten, eben nach dem II. Vatikanischen Konzil, die Kirche große Mühe gegeben hat, um den Menschen näher zu sein. Der Prozeß des Dialogs ist mitunter schwierig und langwierig. Einer viel größeren Mitarbeit der Laien in der Kirche ist der Weg geöffnet worden. Insgesamt ist die Kirche durch das II. Vatikanische Konzil mehr Communio-Gemeinschaft geworden und das institutionelle Element ist stärker in den Hintergrund gedrängt worden. d) Perspektiven Insgesamt wird mehr Seelsorge gefordert sowie eine bessere regionale Verteilung der zur Verfügung stehenden personellen Kräfte. Hinzukommt der Wunsch nach mehr Einfachheit, Demut, Dienst und Bescheidenheit, schließlich die Forderung nach größerer Transparenz im kirchlichen Geschehen sowie eine bessere Öffentlichkeitsarbeit und Imagepflege.
3.2.3 Wie Kirche erfahren und erlebt wird a) Was Sorgen bereitet Die Kirche wird von vielen als ein Service-Betrieb angesehen und auch so genutzt, ohne Gefühl von Verantwortung und Bereitschaft zum Engagement. Insbesondere anläßlich der Feiern von Geburt, Heirat und Bestattung tritt diese Haltung hervor, was so manchen ärgert. Die Kirche als Gemeinschaft wird meistens als ein Zusammenschluß Gleichgesinnter betrachtet; sie wird aber wenig oder fast überhaupt nicht gesehen und erlebt als eine lebendige und organische Gemeinschaft in Jesus Christus, die durch Taufe und Firmung begründet ist. Im allgemeinen ist ein Defizit an Kirchenverständnis festzustellen, womit einhergeht, daß die Kirche doch sehr stark als eine menschliche Angelegenheit mit einer Art göttlichen Mitte verstanden wird. Von vielen Streitereien, von Neid und Mißgunst innerhalb der kirchlichen Gemeinschaften wissen einige zu erzählen. Toleranz gilt es nicht nur anzumahnen, sondern auch innerhalb der Kirche zu praktizieren. Toleranz bedeutet auch in konfliktuellen Situationen, den anderen und Andersdenkenden zu akzeptieren und auszuhalten. Oft wird die Kirche allgemein mit Intoleranz, Sturheit, Unbeweglichkeit in eins gesetzt, oftmals verbergen sich dahinter negative Erfahrungen mit der Kirche oder mit kirchlichen Amtsträgern. Gefordert wird Toleranz und Treue, was zuletzt von einer großen Reife einer Gemeinschaft zeugt: „Der Vergangenheit treu - der Zukunft verpflichtet“. Freude, Begeisterung und Hoffnung werden oft vermißt. Ebenso vermißt wird der Dialog, der nur sehr selten stattfindet und schwierig ist, gerade auch weil die Pfarrer echten Dialog oft nicht zulassen. Dieser Dialog ist zu führen mit den Jugendlichen, auch wenn er schwierig ist, aber auch mit anderen Konfessionen und Religionen. Wie Erneuerung geschehen soll und was der einzelne dazu beizutragen bereit ist, bleibt weitgehend unbeantwortet oder es wird doch als sehr allgemeine Absichtserklärung formuliert. b) Was positiv erlebt wird Die Gemeinschaft wird als wohltuend empfunden. Sie ist dem einzelnen, der unter dem Anonymat und der Einsamkeit leidet, wichtig und vermittelt ein Gefühl der Geborgenheit. Die Gemeinschaft ist und bleibt ein Wunsch, ist aber für viele zumindest ansatzweise schon erfahrbar in Pfarreien oder Gruppen. Freude, Begeisterung und Hoffnung werden zwar oft vermißt, bleiben aber ein Wunsch und ein Traum für eine erneuerte Kirche. Diese erneuerte Kirche wird eine Kirche des Dialogs sein. Daß dieser Weg des Dialogs sehr anspruchsvoll ist, wird unumwunden zugegeben, jedoch nicht als Hindernis betrachtet. Freude und Begeisterung, Hoffnung und Gemeinschaft, Toleranz und Dialog gehören eng zusammen: sie werden schon erlebt und immer wieder angefragt. Sie gehören zum Wesen der Kirche und nicht wenige fordern eine Rückbesinnung auf die Urkirche, um in dieser Hinwendung zu den Ursprüngen die richtigen Akzente und Werte für die Gegenwart und für die Zukunft zu finden. „Sie waren ein Herz und eine Seele“ wird für viele wie ein Programm für die Kirche der Zukunft. c) Was zu ergänzen wäre Wie Kirche erlebt und erfahren wird, läßt sich wohl nie in Worte fassen; es bleibt immer sehr persönlich und kann daher nie auf ein paar allgemeine Aussagen reduziert werden. Daher wird auch nicht erfaßt werden können, was Menschen in Freude und Leid, in Glück und Sorge in der Gemeinschaft an Rat und Aufnahme, an Ermutigung und Begleitung erfahren haben. Wieviel Gespräche und Gesten Menschen gut tun, bleibt verborgen. Oftmals sogar wird das, was von einzelnen an Gutem erfahren wird, kaum oder überhaupt nicht mit Kirche in Verbindung gebracht. Die eine Hand weiß nicht, was die andere tut. d) Perspektiven
3.2.4 Der Auftrag der Kirche - Besinnung auf die Mitte a) Was Sorgen bereitet Sehr stark ist der Wunsch nach einer betenden, hörenden und dienenden Kirche, die ihre Mitte in Gott sucht und deshalb Orte der Besinnung, der Stille und der Ruhe braucht. Die Konzentration auf die Mitte, auf den eigentlichen Auftrag der Kirche ist vielen ein Anliegen. Die meiste Kritik an der Kirche, an ihrem Erscheinungsbild und ihrem Auftreten kommt aus der tiefen Sorge, die Kirche könne ihre Sendung vergessen, ihrer Mission untreu werden. Das Gottesbild ist für viele noch nicht das des Vaters Jesu Christi, und daher mangelt es oft an Vertrauen in die Liebe und Barmherzigkeit Gottes. Die Begegnung mit Gott im Gottesdienst und im Bruderdienst steht aber obenan in der Liste der Prioritäten. Das beinhaltet deutlich Umkehr und Bekehrung des einzelnen und der Gemeinschaft. Das Sakrale und Transzendente wird oft vermißt, Gott darf nicht verzweckt werden. Eine mehr auf Gott und auf die Begegnung mit ihm ausgerichtete Kirche könnte auch für Jugendliche wieder attraktiv werden. Wenn von Jesus Christus die Rede ist, dann oft im Zusammenhang mit seinem Evangelium, mit seinem Gebot der Liebe, mit den Sakramenten. Das Evangelium gilt es ganz und vollständig zu verkünden, es gilt die Begegnung mit Jesus zu ermöglichen und als Kirche wie Er im Vertrauen, in Freiheit und Einfachheit zu leben. Auffallend ist, daß relativ wenig vom Heiligen Geist gesprochen wird, zumindest nicht ausdrücklich. Wenn die Bibel Wort Gottes ist, stellen sich viele die Frage, wieso diesem Wort Gottes oft so wenig Bedeutung und Zeit zugemessen wird. b) Was positiv erlebt wird Als aufbauend, positiv und hoffnungsvoll für die Zukunft ist all das anzusehen, was direkt oder entfernt mit Mystik, Spiritualität, Mitte des Glaubens zu tun hat. Alle Aussagen bekommen dadurch ihre Mitte und sind, seien sie Kritik oder Vorschlag, daher echte und wahre Sorge um die Kirche Gottes, die in Luxemburg lebt. Im Geist Jesu zu leben, Freude und Liebe zu vermitteln, anstatt Angst und Unverständnis, im ganzen ehrlicher und authentischer zu sein, all das wird als Früchte dargestellt, wenn Jesus Christus wieder in die Mitte gestellt wird und wirklich einziger Herr der Kirche ist. Viele berichten, wie sie durch einen neuen Zugang zur Bibel (dank den Bildungsangeboten von „Service Biblique Diocésain“, „Info“, „Charismatische Erneuerung“, Pfarrgruppen...), durch Bibellesen in kleinen Gruppen ihren Glauben beleben und vertiefen konnten. Der Wunsch nach der betenden, hörenden und dienenden Kirche, die ihre Mitte in Gott sucht, braucht Orte der Besinnung, der Stille und der Ruhe. Genau diese Orte werden, wo es sie gibt, dankbar angenommen und als wohltuend und befreiend empfunden, und verstärkt gewünscht. Eine Hinwendung zur Mystik, das heißt zu einer Begegnung mit Gott, bildet geradezu einen Gegenpol zur hektischen Welt und zu einer Kirche, die für viele zu stark aufgeht in Aktivismus und Organisation. Gerade auch Jugendliche suchen diesen Raum der Stille und des „Zur-Ruhe-Kommens“. Der Raum der Kirche wird oft als dieser bevorzugte Ort der Stille gesehen, was natürlich etwas mit der Gestaltung dieses Raumes zu tun hat. Andererseits wird aber auch gerade in den Gottesdiensten nach Zeiten der Stille gefragt, was wiederum engstens mit der Gottesdienstgestaltung zusammenhängt. Eine Kirche, die in verstärktem Maße eine auf Gott hörende und betende Kirche ist, wird auch eine besser auf die Menschen hörende und dienende Kirche sein. Jedenfalls scheinen sich in den Augen vieler diese beiden Aspekte gegenseitig zu bedingen. Deshalb ist der Traum vieler auch eine Kirche, die dient und einlädt, die liebt und keine Angst hat, eine Kirche, die betet und zuerst immer nach dem Willen Gottes fragt. c) Was zu ergänzen wäre Vieles zu diesem Thema bleibt allgemein. Vieles wird auch als Wunsch und Vision ausgedrückt. Trotzdem sollte versucht werden, die vielen, zugegeben kleinen und unscheinbaren Zeichen der Hinwendung auf die Mitte und der Hinkehr zu Gott zu sehen. An dieser Stelle muß dankbar erinnert werden an die Gebete und täglichen Opfer unzähliger Gläubigen, besonders der Kranken und Alten, der Ordensleute und der vielen, die in ihrem Beten ihren Beitrag und ihr Engagement in der Kirche sehen. Hinzuweisen ist auch auf viele Initiativen, Menschen zu Besinnung und Ruhe zu führen: Meditationen und Gebetswachen, Frühschichten und Spätschichten, Bettage und Besinnungswochenenden, Anbetungsstunden und Einkehrtage, Exerzitien und „Exerzitien im Alltag“... Genannt seien auch all die Bemühungen, bei Sitzungen und Tagungen immer wieder die Mitte in Gott zu suchen: das Gebet oder die Meditation vor Pfarratssitzungen, während Versammlungen, vor oder nach Kommissionssitzungen usw. Sie sind zumindest Zeichen für eine Suche nach dem Tragenden all dessen, was in der Kirche geschieht. d) Perspektiven Das zentrale Anliegen der Rückbesinnung auf die Mitte des christlichen Glaubens und der Kirche kann und muß sich konkretisieren. Die einzelnen kirchlichen Gemeinschaften müssen sich fragen und fragen lassen, was sie denn in diese Richtung tun und zu tun gedenken. Es wird wohl nicht genügen, sogenannte „spirituelle Momente“ in den Ablauf des gemeindlichen Geschehens einzuflechten. Ausdrücklicher Wunsch ist es dementsprechend, daß die Erneuerung der Kirche über eine resolutere Hinwendung zum Wort Gottes, zur Bibel, zu den Evangelien und über eine verstärkte Gründung von Bibelgruppen gehen möge.
3.2.5 Ein wichtiges Anliegen: Priester und Laien im kirchlichen Dienst a) Was Sorgen bereitet Der Priestermangel ist eine große Sorge. Ratlosigkeit breitet sich aus. Einige Vorschläge sprechen von einer Laienkirche, die kommt, andere fordern unumwunden die Abschaffung des Pflichtzölibats und die Zulassung von Frauen zum Priestertum, wieder andere machen konkrete Vorschläge, wie Laien in den Pfarreien verschiedene Dienste übernehmen können. Insgesamt aber wird von den wenigen Priestern ein Mehr an priesterlichem Wirken und an Seelsorge erwartet; andere Aufgaben und Tätigkeiten, die nicht die Priesterweihe erfordern, sind von Laien zu übernehmen. Insbesondere wird Ärger erzeugt, wenn Pfarrer kaum noch Zeit für Gespräch und Seelsorge haben und ihre Pfarrei wie einen Betrieb managen. Insgesamt wird die Zusammenarbeit von Priestern und Laien eher kritisch gesehen: großer Nachholbedarf besteht in Sachen Dialog, Respekt, Delegieren-Können, fairer und offener Umgang miteinander. Zu groß sei jedoch noch die Distanz zwischen Hierarchie und Volk, zwischen Priestern und Laien, als daß es zu einer guten und fruchtbaren Zusammenarbeit kommen könne. Von der Kirchenleitung wird erwartet, daß sie mehr Initiative und Phantasie zeigt, um Laien Dienste zu übertragen, die kirchenrechtlich möglich sind. Dies auch, um der weit verbreiteten Meinung entgegenzutreten, alles solle beim Altem bleiben und der Klerus wolle nichts von seinen Befugnissen abgeben. In die Sorge um den Priestermangel inbegriffen ist die Sorge um den Ordensmangel. Allerdings scheinen die Orden eine weniger sichtbare Präsenz in der Kirche zu haben, denn verhältnismäßig wenig wird die Sorge um ihre Zukunft geäußert. b) Was positiv erlebt wird Vielerorts werden die Präsenz und die Verantwortung der Laien in der Kirche gesehen, anerkannt und gelobt. Die Kirche hat sich doch stark von der rein klerikalen Kirche weg zu einer geschwisterlicheren Kirche entwickelt. Das Bild bleibt allerdings durch lokale Gegebenheiten sehr unterschiedlich. Viel Bereitschaft ist vorhanden und auch die Erwartung, daß die Kirche durch die verstärkte Mitarbeit von Laien menschlicher und menschennaher wird. Mehr Mitsprache und Verantwortung der Laien in der Kirche wird angemahnt: auch wenn die Kirche keine Demokratie ist, gibt es doch viele Bereiche, in denen gemeinsam Entscheidungen getroffen werden und die Laien in Eigenverantwortung handeln können. Laien sind nicht nur Lückenbüßer für nicht vorhandene Priester. c) Was zu ergänzen wäre Der Priestermangel ist eine große Sorge unserer Kirche. Unbedingt erwähnt werden muß die Einrichtung des «Centre de pastorale des vocations», der, wenn auch oft unscheinbar und ohne spektakuläre Veranstaltungen bei Jugendlichen kirchliche Berufe überhaupt erst wieder ins Gespräch bringt. Der gute Kontakt zwischen den Seminaristen und den Theologiestudentinnen und -studenten schafft solide Ausgangspunkte für eine spätere Zusammenarbeit. Wenn auch der Priestermangel schmerzt, so darf doch nicht übersehen werden, daß sich gerade in den letzten Jahrzehnten eine beeindruckende Zahl von Frauen und Männern in den kirchlichen Dienst gestellt haben: sie haben Theologie oder auch andere Fächer studiert und ihre Fähigkeiten der Kirche zur Verfügung gestellt. Viele Dienste in der Kirche werden von ihnen getragen - und diese Dienste sind aus unserer Kirche heute nicht mehr ohne Verlust wegzudenken. Hervorzuheben sind auch die Anstrengungen, die seit Jahren unternommen werden, um den Priestern und auch den hauptamtlichen Laienmitarbeiterinnen und -mitarbeitern Möglichkeiten der gemeinsamen Weiterbildung anzubieten. Nicht zuletzt sei auf das Engagement und Wirken der Ordensleute in der Kirche in Luxemburg verwiesen. Die Sichtbarkeit, beziehungsweise das Vorkommen (in den eingesandten Reaktionen) des Ordenslebens stehen in keinem Verhältnis zu seiner Wirksamkeit. Der Mangel an Ordensberufen führt zu schwierigen aber notwendigen Neuorientierungen. Dabei ist die ganze Kirche in Luxemburg gefordert, zumindest in dem Sinn, daß nicht einfach immer und überall erwartet und gefordert wird, daß alles so bleiben soll, wie es war. d) Perspektiven Der Mangel an Priestern, Ordensleuten, aber auch an Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist eine der Hauptsorgen der Kirche. Fraglich ist allerdings, ob diese Sorge auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens geteilt wird. Vom Priester und vom kirchlichen Mitarbeitern wird immer nur etwas gefordert, so daß er mit dem Image des „Dauerrenners“, des Topmanagers, des „Hans-Dampf-in-allen-Gassen“ belastet wird, was auf Jugendliche nicht unbedingt anziehend wirkt. Kritik ist gut und notwendig; oft aber ist Kritik auch zersetzend, demotivierend und negativ.
3.3 Pastorale Dienste 3.3.1 Allgemein a) Was Sorgen bereitet. Die Kinder sind für viele echte Sorgenkinder: oft sitzen sie stundenlang vor dem Fernseher, Eltern haben kaum Zeit für sie, mit Geld wird ihnen Liebe, Zeit und Zuneigung ersetzt, in der Schule wird Leistung und immer wieder Leistung gefordert, Menschlichkeit, Wärme, Geborgenheit und Kreativität bleiben auf der Strecke. Auch die Sorge um die Jugend ist sehr groß. Festgestellt wird lapidar, daß die Jugendlichen kaum Kontakt zur Kirche haben, jedenfalls nehmen sie äußerst selten am Leben der Gemeinschaft teil. Ursachenforschung wird eigentlich nicht betrieben. Entsprechend hilflos wird dann auch dieser Situation gegenüber gestanden. Wohl wird die allgemeine Gefährdung der Jugendlichen gesehen: sie haben keine festen Werte mehr, an denen sie sich festhalten und auf die sie ihre Zukunft aufbauen können, sie sind ständig drohenden Gefahren, wie Arbeitslosigkeit, Drogen, Alkohol und Sekten ausgesetzt ... Die Probleme um die Jugend machen sehr nachdenklich, und es muß die Kirche kümmern, wenn die Jugend „unters Rad kommt“, denn: „wer die Jugend hat, hat Zukunft“. Die Familien sind gefährdet, viele zerrüttet und zerfallen, viele Ehen scheitern und insgesamt stehen junge Eltern der religiösen Erziehung ihrer Kinder indifferent gegenüber. In den Familien geschieht immer weniger Glaubensvermittlung. Eine gewisse Hilflosigkeit zeigt sich auch dort, wo es um konkrete Maßnahmen und Schritte in Richtung einer Veränderung geht. Im Umgang mit den Ausländern in unseren Kirchen wird das Sprachproblem aufgeworfen; dies führe mancherorts zu einer Parallelkirche. Angst vor Rassismus und Ausländerfeindlichkeit kamen zum Ausdruck, jedoch eher als internationales Problem. Die Sorge um die alten und kranken Menschen, um ihre seelsorgerische Betreuung wird klar zum Ausdruck gebracht. Sie sollen nicht ins kirchliche Abseits geraten. Die Sakramentenvorbereitung und -praxis (Erstkommunion, Firmung, Taufe) stellt ein Problem dar. Viele sind der Meinung, die Kirche solle ihre Sakramentenspendung an Kinder und Jugendliche doch überdenken, da diese Sakramente für die meisten doch nur der Anlaß für Konsumfeste seien. Was das Sakrament der Versöhnung anbelangt, so beklagen die einen den Rückgang dieses Sakramentes, andere wiederum fordern seine Erneuerung, alle aber bestätigen den Rückgang in der Praxis. Es wird ein allgemeiner Mangel an Seelsorge beklagt. Gebraucht werden demnach Seelsorger, die auf die Menschen zugehen, nicht Gruppenleiter oder Manager. b) Was positiv erlebt wird Es bleibt weiterhin, daß Kinder zum Glauben kommen und zur Kirche gehen, wenn andere ihnen Vorbilder sind. Die seelsorgliche Betreuung in Spitälern, Pflegeheimen, Altersheimen wird allgemein gelobt, könnte in den Augen mancher aber noch verstärkt werden. Der Beitrag der kranken und älteren Menschen für die Kirche durch ihre Gebet und ihr Opfer ist wertvoll. Die Ausländer in Luxemburg werden durchweg nicht als Problem betrachtet. Das Thema Beichte, Bußsakrament, Versöhnung wird eher nur am Rande gestreift. Von guten Erfahrungen mit gemeinschaftlichen Buß- und Beichtfeiern wird berichtet. c) Was zu ergänzen wäre Wenig wird von einer Entlastung in der Pastoral durch die Region vermerkt. Vielleicht ist das Wissen und das In-Erscheinung-Treten der Regionen auch noch nicht ausgeprägt. Kaum genannt wird das Engagement der vielen Laien bei der Sakramentenvorbereitung und bei der Gestaltung der Gottesdienste. Es scheint, als hätten viele Christen noch das Bild einer streng hierarchisch gegliederten Kirche vor Augen - einer Kirche der Amtsträger, kaum der des lebendigen Gottesvolkes. In bezug auf die Jugendarbeit wird wenig von den kirchlichen Jugendverbänden gesprochen. Deren „Kirchenferne“ wird kritisiert, ihre konkrete Arbeit mit und an Jugendlichen - sei es im pädagogischen, religiösen, sozialen oder kulturellen Bereich - wird gänzlich unterschlagen. Hilfen, die regelmäßig in Form von Broschüren und Weiterbildungsangeboten sowie von liturgischen Feiern («Marche à l’Étoile», Jugendkreuzweg, Taizégebet) vom „Centre de Pastorale des Jeunes“ in Zusammenarbeit mit anderen Trägern angeboten werden, bleiben vielerorts unbeachtet. Ebenfalls unerwähnt bleibt vielfach auch die Arbeit anderer kirchlicher Dienststellen. d) Perspektiven Ganz massiv wird gefordert, daß die Kirche etwas für die Jugend tut. Die einen fordern, daß die Kirche die Jugend zurück in die Kirche bringen soll, die anderen erwarten einen eher selbstlosen Dienst an den Jugendlichen. Die Kirche solle jedenfalls offen und flexibel sein, den Dialog mit den Jugendlichen suchen, auf sie zugehen, auf sie hören, gemeinsam mit ihnen Wege suchen. Die Bereitstellung von Jugendzentren und Jugendtreffs sind ebenso Forderungen wie die personelle Verstärkung der Jugendpastoral und das Angebot von Begleitung und Katechese für Interessierte außerhalb der Schule. Jugendmessen und jugendgemäße Lieder sollen ebenso zur ständigen Einladung an die Jugendlichen gehören wie größere Veranstaltungen wie „Pélé des Jeunes“ und Taizétreffen.
Wie den Kindern geholfen werden kann, ihren Platz in der Kirche zu finden, ist eine brennende Frage. Kindergottesdienste und Kindermessen können dabei nur ein Element sein; eine insgesamt kinderfreundliche Pastoral ist vonnöten, eine Kinderpastoral, die fundiert und reflektiert auf Diözesanebene, zumindest auf Regionalebene, durchdacht, geplant und koordiniert wird. Eine verbesserte und verstärkte Pastoral und Begleitung der Familien wären wichtig.
Ganz besonders sei die Pastoral für Kranke in den Pfarreien zu verstärken: kranke, alte und einsame Menschen, die früher aktiv am kirchlichen Leben teilgenommen haben, dürfen nicht ausgeschlossen oder vernachlässigt werden. Ein besonderer Dienst könnte hier sehr wohl von geschulten Laien übernommen werden. Eine kirchliche Gemeinschaft, die offen und aufmerksam ist, wird sich immer um die Abwesenden, um ihre Kranken bemühen und sorgen.
Eine bessere Integration der Ausländer in die kirchliche Gemeinschaft wird gefordert.
Gegenüber allen Fernstehenden soll die Kirche eine einladende Haltung einnehmen; sie soll offen sein für Außenseiter und Gestrandete, für Gescheiterte, Zweifler und Suchende. Gerade diese Menschen brauchen einen Raum, nicht zuerst dort, wo Kirche Liturgie feiert, sondern auch dort, wo Aufnahme („accueil“), Offenheit und Dialogbereitschaft erfahren werden können. Von der Kirche wird die Haltung des guten Hirten erwartet, der auf die Menschen zugeht, der sie sucht und einlädt.
Es wird großer Wert auf Versöhnungsbereitschaft und Verzeihen in der Gemeinschaft und in der Kirche gelegt.
Gefragt sind Christen, die sich ihre Kraft aus dem Gebet holen und sich wieder an die Wurzeln des Menschen heranwagen. Gefragt sind Priester, die ihr Herz sprechen lassen und Zeit haben für den Menschen. Gefragt sind auch Pfarrer, die vieles an administrativer Arbeit an Laien abgeben und wieder zu geistlichen Seelsorgern werden.
3.3.2 Diakonie a) Was Sorgen bereitet Bemängelt wird, daß die Kirche sehr oft, auch in ihrem äußerlichen Gehabe, den Eindruck vermittelt, sie stehe doch eher auf der Seite der Reichen und Einflußreichen. b) Was positiv erlebt wird Eine Zuschrift befaßt sich mit dem Einsatz engagierter Laien in Politik und Gesellschaft im Sinne der katholischen Soziallehre. c) Was zu ergänzen wäre Die Sorge um die Menschen in der sogenannten Dritten und Vierten Welt wird erwähnt. Sie spielt aber offenbar keine eigentliche Rolle bei der Gestaltung und Erneuerung der Kirche in Luxemburg. Deshalb werden auch nicht die vielen Initiativen von Christen erwähnt, die tatkräftig im Dienst ihrer Mitmenschen bei uns und in der Fremde, ehren- oder hauptamtlich arbeiten. Stellvertretend für viele sei lediglich die Mitarbeit in Nicht-Regierungsorganisationen im Bereich der Entwicklungshilfe genannt: die sozialen Dienste der Caritas, die Flüchtlingshilfe auf Pfarrebene (z.B. die Pfarreien Mersch, Zessingen und der Pfarrverband Roeser), die engagierten Stellungnahmen der Kommission „Justitia et Pax“ zu Fragen der sozialen Gerechtigkeit und der Ausländerfeindlichkeit, nicht zuletzt die kirchliche Maßnahme zur Vermittlung von Arbeitslosen im „Réseau pour le travail et la promotion humaine“. d) Perspektiven Die Option für die Armen, bei uns und in anderen Teilen der Welt, muß die Kirche auszeichnen; dabei ist sowohl caritas als auch Gerechtigkeit anzustreben. Die Kirche muß Ungerechtigkeiten anprangern und Sprachrohr der Armen und Stimmlosen sein.
Das Thema Lebenshilfe spricht einige Notsituationen an, die im Bereich Diakonie und Caritas, besonders auch auf Pfarrebene, angegangen werden sollen. Ein konkreter Vorschlag betrifft die Bildung von Gruppen, die aufmerksam auf die Nöte der Mitmenschen sind, und dann zusammen mit dem Pfarrer nach Lösungen suchen.
Solidarität wird fast synonym gebraucht mit Nächstenliebe im Sinn von tatkräftiger Hilfe für Menschen mit Problemen: Arbeitslose, Drogenabhängige oder Drogengefährdete, Alkoholabhängige, Kranke, Selbstmordgefährdete, verschuldete Familien, zerrüttete Ehen, verwahrloste Kinder, Obdachlose, Arme und Hungernde in der Dritten Welt, Randgruppen und Ausgegrenzte. Gefordert werden Anlaufstellen für die rat- und hilfesuchenden Menschen, therapeutische Hilfe und persönliche Begleitung, mehr Sorge um den Menschen als um den Erhalt von Strukturen. Ein konkreter Vorschlag fordert eine Initiative der Kirche in Luxemburg, um Arbeitslose zeitlich begrenzt zu beschäftigen.
3.3.3 Liturgie a) Was Sorgen bereitet Liturgie wird allgemein an erster Stelle als Eucharistiefeier wahrgenommen. Die Eucharistie wiederum wird in der Regel in der Form der Sonntagsmesse erlebt. Kritik wird geäußert bezüglich der Dauer der Messe, der Uhrzeiten und der Sprache. Was die Sprache betrifft wird nicht eingesehen, wieso Luxemburg mit seinem hohen Anteil an Nicht-Luxemburgern gerade in der Liturgie einen Schritt zurück geht und durch das Luxemburgische praktisch die Teilnahme Anderssprechender ausschließt. Oft wird der Gottesdienst als wenig realitätsbezogen erlebt. Auch fehlt es an Atmosphäre. Der traditionelle Ablauf wirkt negativ. Leider aber wird der Gottesdienst, die Messe, meist nach dem üblichen Schema gefeiert, und es ist anzunehmen, daß nicht allzuviel Zeit auf die Gestaltung und Vorbereitung verwendet wurde. Diese Gottesdienste wirken dann auch dementsprechend monologisch, monoton, nicht froh und wenig lebendig. Für viele sind sie zu zerebral, zu wenig fromm und zu wenig sakral und festlich. Die Musik und der Gesang sind für viele wichtig, weil sie dadurch in ihrem Beten und ihrer Begegnung mit Gott Hilfe erfahren. Die Qualität der musikalischen Gestaltung vieler Gottesdienste läßt allerdings zu wünschen übrig. Viele Lieder seien nicht mehr zeitgemäß, langweilig und fad. Auch so mancher Kirchenchor wirke eher gemeinschaftstötend. Zu den Wortgottesdiensten wird angemerkt, daß sie oft weder bei den Priestern noch bei den Leuten in den Pfarreien angenommen sind, daß viele einfach in den Nachbarort zur Messe fahren, daß sie zu sehr an den Wortgottesdienst der Eucharistiefeier angelehnt sind. Da sie jedoch nicht als „Ersatzmessen“ mißzuverstehen sind, ist es wünschenswert, auch andere Formen und Ausdrucksmöglichkeiten, Symbole und Gesten zu verwenden. Auch ist es wichtig, ein Gleichgewicht zwischen Eucharistiefeier und Wortgottesdienst in den Dörfern zu gewährleisten. Alles in allem scheinen die Wortgottesdienste entweder recht wenig praktiziert zu werden oder aber sie rufen kaum Reaktionen hervor. b) Was positiv erlebt wird Für viele bedeutet Liturgie eine Gemeinschaftsfeier und auch ein Gemeinschaftserlebnis. Im allgemeinen wird die Eucharistiefeier als sehr positiv und für das alltägliche christliche Leben als hilfreich erlebt. Oft ist nicht ganz klar erkennbar, ob die Eucharistiefeier als Ganze oder eher die Kommunion als das Wesentlichste angesehen wird. Es bleibt aber, daß einerseits die Messe nicht alles im Leben der Kirche ist, und sie andererseits doch eine Dynamik gibt für das Leben als Christ in der Welt. Das gemeinsame Beten in der Messe aber auch in anderen Gottesdiensten ist für viele wichtig und notwendig. c) Was zu ergänzen wäre Die Akzeptanz der priesterlosen Gottesdienste scheint lokal sehr unterschiedlich zu sein. Es darf nicht verschwiegen werden, daß in verschiedenen ländlichen Gegenden Wortgottesdienste seit langem zum pastoralen Alltag gehören und zur Feier des Glaubens sowie zur Lebendigkeit der oftmals kleinen Dorfgemeinschaften wesentlich beitragen. Ferner bleibt zu ergänzen, daß der treue Dienst der Kirchenchöre, die sich offenbar um eine zeitgemäße Gestaltung der Liturgie bemühen, eine wichtige Funktion im gottesdienstlichen Vollzug sowie im gesellschaftlichen Leben vor Ort darstellt. d) Perspektiven Die Gottesdienstgestaltung liegt vielen am Herzen; viele sind und wären auch bereit, bei dieser Gestaltung aktiv mitzuwirken. Gewünscht und gefordert wird, daß vermehrt Symbole und Gesten in die Gottesdienstgestaltung einbezogen werden, daß öfters auch inhaltliche Schwerpunkte gesetzt werden. Mehr Ruhe und Stille sollen den Gottesdienstbesuchern erlauben, diese für sie, ihren Glauben und ihr Christsein wichtige Stunde mit ihrem Herrn tief und innig zu erleben; fröhlicher und aktiver (z. B. durch «partage d’Évangile») wünschen sich viele die Meßfeiern. Auch besser an die Mitfeiernden angepaßte Feiern werden gewünscht: so etwa Kindermessen, Jugendmessen, Familienmessen, nicht-eucharistische Gottesdienste. Ganz konkret könnte z. B. das Hochamt weiter in einer traditionelleren Art gefeiert, die anderen Messen dagegen anders und vor allem von und mit anderen gestaltet werden. Alles in allem wird Anderes, Alternatives erwartet und gewünscht, oft sehr zurückhaltend und mit sehr viel Rücksicht auf den Pfarrer vor Ort.
Schöne Orgelmusik, gut interpretierte Gregorianik und überhaupt die Pflege des Schönen in der Kirche sind von Bedeutung für den Ausdruck des Glaubens. In der musikalischen Gestaltung der Gottesdienste ist auf das Empfinden der Jugendlichen und jüngeren Menschen zu achten und dementsprechende Lieder sind in das Repertoire aufzunehmen.
Gefragt wird nach einer einheitlichen Sakramentenpraxis und nach neuen und anderen Formen von Gottesdiensten (Bettage, „Thomas-Messe“ für Zweifler). In den Gottesdiensten soll allen Altersgruppen mehr Rechnung getragen werden. Im allgemeinen ist der gemeinsame Gottesdienst sehr wichtig, er ist ein Teil der christlichen und katholischen Identität.
3.3.4 Verkündigung a) Was Sorgen bereitet Religiöse Erziehung und Religionsunterricht werden in engem Zusammenhang gesehen. Leider wird eine religiöse Erziehung immer weniger in der Familie und im Elternhaus vermittelt. Die Frage stellt sich dann auch in aller Schärfe, ob und auf welche Weise man den Glauben heute überhaupt noch an Kinder und Jugendliche weitergeben kann. Eine große Verantwortung wird dem schulischen Religionsunterricht übertragen - auch den katholischen Schulen. Beides soll erhalten bleiben. Mit Kritik an den Religionslehrern sowohl in der Primärschule als auch in den weiterführenden Schulen wird nicht gespart: oft sei der Religionsunterricht ein Fach, dem nicht die nötige Sorgfalt in Vorbereitung und Durchführung gewidmet werde; Inhalte seien dürftig, oft wenig in Zusammenhang mit Gott, Bibel, Kirche und Glauben; Spielen und Malen - auch wenn es den Kindern gefalle - genügten nicht. Oft wird der Religionsunterricht gemessen an dem, was früher in der Schule gelehrt wurde. Bemängelt wird der oft niedrige Bildungs- und Ausbildungsstand der Katecheten und allgemein ihre mangelnde Glaubwürdigkeit: sie seien oft nicht präsent und sichtbar im Pfarrleben; und es gäbe keine Einigkeit in dem, was die einzelnen in ihren Klassen sagen und weitergeben. Auf eine unverfälschte und unaufgeweichte Weitergabe der Lehre Christi wird Wert gelegt. Nicht jeder dürfe die Lehre frei und persönlich auslegen und so weitergeben. Oft seien die Positionen der Kirche entweder schlecht formuliert oder schlecht präsentiert, so daß sie verzerrt und zusammenhanglos dargestellt würden, was viele verwirrt. Themen wie Tod, Himmel, Paradies, Hölle, Leben nach dem Tod, ewiges Leben werden zu wenig behandelt. Die Laien werden immer mehr zu Mitarbeit herangezogen, ihnen wird aber selten die zu ihrer Mitarbeit gehörende Weiterbildung angeboten. Weiterbildungsmöglichkeiten wären insbesondere im Umfeld der Vorbereitung auf die Sakramente angezeigt. Die kirchliche Sprache steht oftmals der Weitergabe des Glaubens im Weg: sie ist kompliziert, verkrampft, geschwollen, lebensfremd und künstlich. Es geht um eine Frohbotschaft und nicht um eine Drohbotschaft. Der Klerus spricht eine andere Sprache als die einfachen Menschen. Es wird daher eine einfachere und direktere Sprache gefordert. Die Zukunft des Glaubens wird von vielen recht düster wahrgenommen. Die zunehmend leeren Kirchen, das hohe Durchschnittsalter der aktiven Christen, die fehlenden Jugendlichen, der Mangel an Priestern, die zunehmende Indifferenz gegenüber religiösen Fragen, der schrumpfende Glaube sind soviel Indikatoren, die es eher schwer machen, an eine Zukunft des Glaubens zu glauben. b) Was positiv erlebt wird Weiterbildung wird in vielen Pfarreien und Gemeinschaften angeboten und dankbar angenommen. Die Rolle des „Info-Video-Centers“ und des „Service Biblique“ werden besonders belobigend hervorgehoben. Neben der Kritik gibt es auch Lob für die Religionslehrer. Es kann aber wohl nicht allgemein vom Religionsunterricht und von religiöser Erziehung gesprochen werden, sind doch diese Themen stark personenbezogen: wichtigste Forderungen sind und bleiben demnach die gute Ausbildung und die Glaubwürdigkeit der Religionslehrer. c) Was zu ergänzen wäre Nicht berücksichtigt wird beispielsweise, daß alle hauptamtlichen Mitarbeiter und Priester in der Seelsorge alle drei Jahre zu einer Weiterbildungswoche verpflichtend eingeladen sind. Daneben gibt es weitere Angebote an religiösen Weiterbildungsmöglichkeiten, deren Inanspruchnahme allerdings sehr unterschiedlich ausfällt. Ferner wurde in den letzten Jahren bewußt Wert darauf gelegt, daß Frauen in der Priesterausbildung Berücksichtigung finden. (siehe Perspektiven) d) Perspektiven Von den Religionslehrern, insbesondere von denen in der Primärschule, wird viel erwartet. Mitunter wird ihnen die gesamte Verantwortung der religiösen Erziehung übertragen. Dabei kann der Religionsunterricht, auch wenn er noch so gut ist, wirklich nicht alles leisten, wenn im weiteren Umfeld des Kindes die elementarste Glaubensweitergabe nicht gewährleistet ist.
Für die Weiterbildung werden die Methoden der Erwachsenenbildung gewünscht, also eher aktive, partizipatorische Methoden, Dialog und Diskussion, wobei selbstverständlich Vorträge und Konferenzen nicht ausgeschlossen sein sollen. Thematisch sollen sowohl innerkirchliche Fragen, sogenannte heiße Eisen, zur Sprache kommen als auch Themen aus Gesellschaft, Wissenschaft und Politik. Ein großes Bedürfnis nach Weiterbildung ist vorhanden, eine große Bereitschaft, sich weiterbilden zu lassen scheint auch vorhanden zu sein. Relativ wenig wurde auf die Struktur der Region verwiesen, um die notwendige Weiterbildung auch konkret durchzuführen. Trotzdem bleiben noch eine ganze Reihe von Anfragen, Wünschen und Forderungen. Besonders im Zusammenhang mit der Sakramentenvorbereitung ist auf eine entsprechende Weiterbildung in Form von Glaubenskursen, Bibelkursen und themenzentrierten Diskussionsrunden zu achten und zu bestehen. Das große Unwissen bezüglich Glaubensfragen muß ein starkes Motiv sein, um in Zukunft wesentlich mehr in die Aus- und Weiterbildung zu investieren.
Die missionarische Dimension christlichen und kirchlichen Seins wird zunächst und fast nur in unserer direkten Umgebung gesehen: es geht zunächst um die Neuevangelisierung der Fernstehenden. Der Glaube muß über sich selber hinauswachsen, sich mitteilen. Dabei kommen auch die anderen Länder und Kontinente in den Blick, und katholisch kann die Kirche nur sein, wenn sie diese weltweite Dimension ihrer Sendung ernst nimmt. Kurz gefaßt, wurde es so ausgedrückt: mehr missionarisch - weniger organisatorisch. In die Priesteraus-und fortbildung sollen Frauen einbezogen werden; eine spirituelle und pastorale Fortbildung der kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist zu gewährleisten. Für Pfarreien und Gemeinschaften könnten Missionen angeboten werden, für Pfarräte speziell eine geistliche Betreuung und regelmäßige Schulung. Die Predigt ist ein besonderes Beispiel sowohl für die Sprache als auch für die inhaltliche Weitergabe des Glaubens. Viele loben die guten Predigten in ihren Pfarreien und danken dafür. Andere kritisieren die wirklichkeitsfremde, langweilige Sprache zu langer Predigten und wünschen sich aktuellere Themen, die nicht immer dasselbe wiederholen, die zu der Bibelauslegung auch die Probleme der Welt und der Menschen mit einbeziehen. Gewünscht werden auch Dialogpredigten oder zumindest Gespräche über die Predigt im Anschluß an den Gottesdienst. Überhaupt sollte die Predigt im wahrsten Sinn des Wortes Verkündigung sein, weniger Vortrag. Einige wenige Christen sehen gerade in den kleiner werdenden Zahlen der Praktikanten eine Chance, sich auf das Wesentliche zu besinnen und - gleich der Glaubensgemeinschaft in der Apostelgeschichte - eine kleine aber aktive und missionarische Kirche zu werden. Deshalb sei es einfach wichtig, die Hoffnung nicht aufzugeben, sondern einen langen Atem zu haben bzw., um diesen langen Atem zu bitten, der die gegenwärtige Durststrecke zu einer Erneuerung werden lassen kann. Ein eigener konkreter Vorschlag möchte ein religiös-spirituelles Zentrum der Diözese eingerichtet sehen, das einer «communauté nouvelle» anvertraut wird.
3.3.5 Gemeinschaft a) Was Sorgen bereitet Die Sorge um die Einheit der Kirche schließt die Einheit zwischen den christlichen Kirchen und überhaupt den Dialog aller Religionen ein. Die Mauer der Spaltung zwischen den Christen wird als Skandal empfunden. Sorge macht ferner das scheinbare Auseinanderdriften bzw. die schwierige Kommunikation zwischen Klerus und Laien, zwischen Pfarrei und christlichen Einzelgruppen, zwischen Luxemburgern und Ausländern, zwischen einem der Tradition anhangenden und einem der Moderne angepaßten Christentum. b) Was positiv erlebt wird Als Hoffnungszeichen wird die Gründung des ÷kumenischen Rates der Christlichen Kirchen in Luxemburg gewertet. Auch verschiedene einzelne Veranstaltungen kirchlicher Dienststellen („Service Biblique“, „Sesopi“, „Messe du peuple de Dieu“) werden belobigend genannt. Die in Gottesdienst und Pfarrei erlebte Gemeinschaft wird als sehr positiv, motivierend und wohltuend erlebt. Zugleich wird der Wunsch und die Hoffnung geäußert, daß diese Gemeinschaft weiter wächst und intensiver wird; darin wird auch der Wille Gottes für seine Kirche heute erkannt. c) Was zu ergänzen wäre Neben der verständlichen und sicherlich nicht unbegründeten Sorge um den Verlust der Einheit in verschiedenen kirchlichen Bereichen bleibt auch festzuhalten, daß sich viele Priester und Laien miteinander und nicht nebeneinander auf dem Weg des Glaubens wissen. Viele Gemeinden pflegen eine authentische Offenheit sowohl nach innen als auch nach außen. d) Perspektiven Damit diese Gemeinschaft nicht nur Buchstabe bleibt, sondern in allen Bereichen kirchlichen Lebens erfahrbar wird, braucht es eine viel größere Einheit. Zunächst innerhalb der katholischen Kirche in Luxemburg selber: Einheit zwischen „oben“ und „unten“, damit nicht eine Kirche mit „zwei Geschwindigkeiten“ entsteht, Einheit zwischen Laien und Klerus, Einheit zwischen Gläubigen verschiedener Nationalität und Sprache, Einheit zwischen den vielen Gruppen und kleinen christlichen Gemeinschaften innerhalb der einen Gemeinschaft. Diese große Herausforderung verlangt nach einer qualifizierten Gemeindeleitung, die in sehr starkem Maße ökumenische Kompetenz besitzt und integrierend wirkt. Der Wunsch wird ausgedrückt, daß die ökumenische Bewegung in Luxemburg verstärkt weitergeht und die Gründung des ÷kumenischen Rates nicht eine einmalige Anstrengung war und nun wieder Stillstand einkehrt. Die Vision für die Zukunft ist stark geprägt von Harmonievorstellungen, von Geschwisterlichkeit, Toleranz und Zusammenarbeit: die Kirche soll eine große Familie sein, in der neben dem Reichen auch der Arme sitzen und beten kann, ohne sich ausgeschlossen zu fühlen, in der Menschen verschiedener Nationalität und Sprache miteinander glauben und Gottesdienst feiern können, in der Toleranz und Hoffnung und Dialog die verschiedenen Menschen miteinander verbindet, in der die Menschen in vielen kleinen Gemeinschaften leben und sich im Glauben begleiten, ohne den Zusammenhalt und die Gemeinschaft aller zu verlieren.
Die Sehnsucht nach Gemeinschaft wird sehr stark betont; diese Gemeinschaft wird durchaus als eine sehr differenzierte und komplexe Wirklichkeit wahrgenommen. Für die Zukunft wird diese Gemeinschaft als eine Größe betrachtet, die viele Energien freisetzen und mobilisieren kann, die allerdings auch viel Engagement und Kraft braucht, wenn sie eine lebendige und wachsende Wirklichkeit werden will, die nie als Besitz, wohl aber immer als neue Herausforderung zu haben ist.
3.4 Kirche vor Ort a) Was Sorgen bereitet Beklagt wird die oft anzutreffende Kirchturmpolitik innerhalb einer Pfarrei. Bedauert wird daneben auch die zunehmende Individualisierung der Gemeindeglieder. Einzelne leben oft einfach nebeneinanderher, glauben und feiern nebeneinander, so daß der Zusammenhalt einer Gemeinschaft kaum erkennbar wird. Die Schwierigkeiten, lebendige Gemeinschaften zu bilden, werden angesprochen. Bedauert wird ferner, daß das aktive Pfarrleben in einigen Pfarreien bereits zum Erliegen gekommen ist, und daß sich dort oftmals alles auf die Liturgie beschränkt. Eine Liturgie, die dann auch noch ohne Mitwirkung der verschiedenen Dienste, die vorgesehen sind, gefeiert wird. Auf die Frage, ob und wieweit die Pfarrei dem einzelnen in seinem Glauben hilft, wurde sehr unterschiedlich reagiert. Die Mehrheit betont kurz und lapidar, daß ihnen die Pfarrei wenig oder überhaupt nicht hilft in ihrem Glauben. Mit dieser negativen Antwort einher geht oftmals die eher vorwurfsvolle Feststellung, daß die Pfarrei umgekehrt immer nur von den Gläubigen etwas verlangt: Sie erwartet Mitarbeit und fordert nicht zuletzt ein zeitlich oft nicht mehr zumutbares Engagement. In direktem Zusammenhang damit steht die ängstliche und schon sehr resignierende Frage, ob denn die Pfarrei überhaupt noch eine Zukunft habe. Noch viel akuter stellt sich die Frage nach dem Überleben der Pfarreien im ländlichen Raum, weil es dort an Priestern und an Gemeindeleitern jetzt schon in hohem Maße fehlt. Eine Pfarrei kann auch einengend wirken, wenn sich die Kontakte allein auf die Mitchristen des Ortes beschränken. Die Pfarräte, die maßgeblich am Leben und Wirken einer Pfarrgemeinschaft beteiligt sein sollten, siechen in einigen Pfarreien regelrecht dahin, in wieder anderen wurde überhaupt kein Pfarrat gewählt Im allgemeinen treten die katholischen Vereine und Verbände als solche eher wenig oder überhaupt nicht in Erscheinung, so daß man davon ausgehen könnte, daß sie in der Luxemburger Kirche kaum noch eine Rolle spielen. Der Kirchenraum eignet sich von seiner Architektur her nicht immer als Raum für Begegnung und Kommunikation. b) Was positiv erlebt wird Die Pfarrei wird positiv wahrgenommen als Ort der Begegnung und des gemeinschaftlichen Gottesdienstes, als Stätte verschiedenster Veranstaltungen, die die Weiterbildung im Glauben und auch die Geselligkeit fördern. Es ist unübersehbar, daß die Lebendigkeit der Pfarreien sehr unterschiedlich ist: in vielen bestehen neben den Gottesdiensten vielfältige Angebote: Gruppen wie Gebets-, Bibel- und Diskussionsrunden sowie ein reges Vereins- und Gemeinschaftsleben. Wo ein solches aktives Leben in der Pfarrei besteht, wird es durchweg als sehr hilfreich empfunden. Die Frage, ob und wie die Pfarrei dem einzelnen in seinem Glauben hilft, wurde - wie bereits erwähnt - sehr unterschiedlich beantwortet. Viele antworten positiv insofern sie eine Hilfe für ihren Glauben in der gemeinsam gefeierten Liturgie erkennen, ferner in den verschiedenen Bildungsveranstaltungen, in gemeinsamen Aktionen oder einfach im Wissen und Erfahren, daß andere Menschen verschiedenster Herkunft und beruflicher Tätigkeit miteinander glauben und sich innerhalb der Pfarrei zusammenfinden. Die Pfarräte sind zum Teil sehr aktiv bei der Gestaltung des Lebens in der Pfarrei, darüber hinaus auch in der Planung und Durchführung diakonisch-sozialer Initiativen. Große Erwartung besteht hinsichtlich der Schaffung von kleinen christlichen Gemeinschaften, Basisgemeinschaften, Zellen, Gruppen, Kreisen, Kleingruppen, Hausgemeinschaften, Hauskirchen... Die Erfahrung mit solch kleinen Gruppen wird durchweg als äußerst positiv eingeschätzt, da dort Geborgenheit, Austausch, gegenseitige Hilfe und Glaubensstütze erfahren wird. In diesen kleinen, überschaubaren Gemeinschaften von Gleichgesinnten können Kontakte untereinander intensiviert werden. Gebet, Glaubensvertiefung, Bibel, diakonische Dienste in der Pfarrei, Aufmerksamkeit auf die vielfältige Not können Inhalte dieser Gruppen sein. Alles in allem besteht die Überzeugung, daß Glaube entsteht und lebt in der Begegnung, und daß die Pfarrei im letzten eine Gemeinschaft von Gemeinschaften ist bzw. sein sollte. Gemeinsam Feste feiern wollen, ist ein Ausdruck der Sehnsucht nach mehr Gemeinschaft: die liturgischen Feste im Kirchenjahr sind dabei genauso gemeint, wie Höhepunkte unseres nationalen kirchlichen Lebens (Oktave, Springprozession), auch Pfarrfeste, Bazars und andere Feste auf lokaler Ebene, die die Menschen zusammenbringen und das Zusammengehörigkeitsgefühl ausdrücken und stärken. c) Was zu ergänzen wäre Die Pfarrei ist die Organisationsstruktur für pastorale Aktivitäten. Sie ist zugleich auch der Ort von spirituellem Leben und von Glaubenserneuerung. Darüber hinaus können die oft gut funktionierenden pfarrlichen Strukturen der Vertiefung des Glaubens und der Begegnung im Gebet dienen. Die Gemeinde versammelt sich um den einen Herrn, Jesus Christus, um mit seiner Kraft den Glauben zu leben, zu verkünden und zu feiern. Die Pfarrei wird jedoch sehr oft nur an ihren liturgischen Aktivitäten gemessen: Wie viele Gottesdienste werden gefeiert, wie viele Gottesdienstbesucher gibt es noch usw.. Dabei vergessen wir oft, daß die Pfarrei nicht nur Struktur und Rahmen für die Feier des Glaubens liefert, sondern, daß sie auch der Ort ist für dessen Weitergabe, und für die Praxis des Glaubens (Martyris und Diakonie). In manchen Pfarreien bemühen sich Seelsorger und Pfarräte diese drei wichtigen Pfeiler des Glaubens aufrecht zu erhalten oder neu zu beleben. Im Leben der Pfarreien sind fremdsprachige Christen eher selten anzutreffen. Oft fehlt es an der Fähigkeit aufeinander zuzugehen, oder die sprachlichen Probleme erschweren von vorn herein jede Begegnung in der gemeinsamen Feier des Glaubens. Die Verbände und Vereine lassen zur Zeit weniger von sich reden. Sie leisten aber weiter wertvolle Bildungsarbeit. Ihre Bildungsangebote auf kirchlicher, spiritueller oder menschlicher Ebene, tragen dazu bei, daß Gläubige sich in ihren Pfarreien oder Gruppen engagieren. d) Perspektiven In unserer mulikulturellen Gesellschaft ist die Nachbarschaft mit fremdsprachigen Menschen keine Ausnahme. Sie wohnen in unsern Dörfern und Städten, trotzdem ist es meistens ein Nebeneinander statt ein Miteinander.
Angesichts des Priestermangels werden mehr und mehr Gemeinschaften hellhörig, ob nicht vielleicht sie es sind, die in Zukunft ohne Priester auskommen müssen. Auf diese Situation möchten sie vorbereitet werden.
Der Wunsch nach kleinen lebendigen Gemeinschaften ist groß. Gemeinschaften in denen der Glaube erfahrbar und gestärkt wird.
3.5 Dienstämter a) Was Sorgen bereitet Strukturen geben in der Regel den Rahmen ab für das Wirken und Handeln von Personen. Näherhin geht es hier um die Strukturen des Bistums, der Hierarchie, der kirchlichen Institutionen. Von vielen wird bemängelt, daß es zuviel an Hierarchie und Strukturen gibt. Zudem sei die Hierarchie zu volksfern, oft in sich uneinig, stur und hart, oftmals eine Art Selbstzweck und viel zu wenig reformfreudig, selbstgefällig und aufgebläht. Es mangele an Dialogbereitschaft und an einfachen, ungezwungenen und nicht-institutionellen Kontakten mit der Basis, mit den Frauen und Männern in den Pfarreien und Gruppen. Auch würde man sich von der Obrigkeit mehr Reaktionen auf wichtige Fragen erwarten, insbesondere auf solche, die in der ÷ffentlichkeit diskutiert werden. Insgesamt sind Bistum und Domkapitel, Hierarchie und Räte im allgemeinen ein ganzes Stück weit unbekannt, deshalb etwas unheimlich: es mangele zudem an Transparenz in Sachen Finanzen, ebenso in Sachen Kompetenz. Eine neue, straffere, schlankere Organisationsstruktur müsse geschaffen werden, in der jeder klar erkennen könne, an wen er sich für ein bestimmtes Anliegen wenden kann. Die Haltungen gegenüber dem Papst sind geteilt: viele kritisieren seine Reisen, seine Unfehlbarkeit und seine Lehren insbesondere in Sachen Empfängnisverhütung. Insgesamt aber ist die Zahl der diesbezüglichen Äußerungen eher gering. Vom Bischof wird erwartet, daß er den Menschen näher ist, auch nicht-offizielle Besuche in den Pfarreien und Gemeinschaften macht, zuhört, und in seiner Person die Einfachheit der hörenden und dienenden Kirche verkörpert und darstellt. Der Klerus sei uneinig, und das bleibe nicht verborgen; die Kluft zwischen Klerus und Jugendlichen wachse; immer noch gebe es klerikale Machtbestrebungen und klerikales Gehabe; die Priester hätten keine Zeit, seien überfordert und dadurch oft sehr unfreundlich und griesgrämig; sie bräuchten Weiterbildung und geistliche Führung; ihr Lebensstil sei zu materialistisch und oft fehle es an Frömmigkeit; die Zusammenarbeit mit Laien sei bei vielen schwierig, die Zusammenarbeit mit anderen Priestern genauso. Sie sollten mehr Seelsorger als Buchhalter, Organisatoren oder Manager sein. Viele seien in ihrem Lebensstil verweltlicht und dadurch nicht glaubwürdig; sie müßten auch äußerlich und in der Öffentlichkeit erkennbar sein. Sie seien sich in wichtigen pastoralen Fragen uneinig. Sie seien zu weit weg vom einfachen Volk; manche seien faul und würden der Kirche mehr schaden als nutzen. Die Diakone haben eine nicht genügend klar definierte Stellung in der Kirche: wenn wir sie brauchen, dann sollen Diakone ausgebildet und geweiht werden - wenn wir sie nicht brauchen, warum werden dann aber doch noch immer einzelne geweiht? Von anderen wiederum wird das Diakonat für die Frau gewünscht. Die Kritik betrifft Wesentliches und Äußerliches zugleich; da sie jedoch von vielen vorgebracht wird, ist sie sehr ernst zu nehmen. b) Was positiv erlebt wird Viele sehen in Papst Johannes Paul II. den großen und mutigen Verteidiger des Glaubens, der Kirche und der Würde des Menschen und lehnen die oft beißende und unfaire Kritik gegenüber seiner Person ab. Viele haben Worte des Lobes und des Dankes für Bischof und Priester, Ordensleute und Diakone, für Pastoralassistentinnen und Pastoralassistenten, für Katechetinnen und Katecheten. Das Volk Gottes weiß seine Diener kritisch zu betrachten, weiß aber auch um die Wichtigkeit und Notwendigkeit ihres Dienstes: und genau an der Qualität des Dienens mißt sich die Glaubwürdigkeit aller Inhaber von Dienstämtern. Von den Priestern, hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und - mitarbeitern und Ordensleuten werden Zeugnis und Wahrhaftigkeit erwartet. Sie werden gebraucht in den Pfarreien und Gemeinschaften. Viele haben sehr gute Erfahrungen gemacht und möchten diese auch anderen wünschen. c) Was zu ergänzen wäre Die Frage nach den Dienstämtern in der Kirche hängt engstens mit dem Kirchenverständnis zusammen. Alle Formen des Dialogs und des Austauschs, der gemeinsam getragenen Sorge um die Kirche und um die Verantwortung für die Gemeinschaft können dazu beitragen, daß alle tiefer verwurzelt werden in dem Gemeinsamen (Taufe und Firmung) und aufmerksam bleiben für die je besonderen Fähigkeiten, Gnadengaben und Dienste. Oftmals ist es schwierig, die Aufgaben und Verpflichtungen der einzelnen im Dienst der Kirche zu erkennen und einzuordnen. Die Gremien und Räte, die dem Bischof zur Seite stehen, leisten einen Beratungsdienst, der oft viel Zeit in Anspruch nimmt, haben diese Räte doch die Aufgabe, das Wohl aller vor die Erwartungen des einzelnen zu stellen. Ihr Wirken ist nicht immer öffentlichkeitswirksam. Was nicht bekannt ist, wird zuweilen beargwöhnt. Sicher könnte eine bessere ÷ffentlichkeitsarbeit zu einer verbesserten Akzeptanz in den verschiedenen Gremien und Räten beitragen. Auch könnte manches getan werden hinsichtlich der Straffung der Gremien und hinsichtlich einer größeren Transparenz. In der Kirche gibt es - genau wie in der Gesellschaft - eine Unzahl von Pflichten und Verpflichtungen, die die Verantwortlichen mitunter total fordern, manchmal sogar überfordern. Trotzdem muß diese Arbeit getan werden, auch wenn davon vieles unsichtbar bleibt. Soll die Kirche in Luxemburg sich nicht von den Kirchen in den Nachbarländern und von der Weltkirche abkoppeln, müssen ihre Vertreter Kontakte halten und pflegen. Gerade dieses enge Beziehungsgeflecht mit anderen bewahrt eine Lokalkirche vor unbedachten Alleingängen. Die gegenüber Personen geäußerte Kritik ist immer eine delikate Angelegenheit. Jeder wird jedem irgendwo immer dies oder jenes vorzuwerfen haben. Nicht übersehen sollte allerdings werden, daß der Luxemburger eher sparsam und geizig mit Lob umzugehen pflegt. d) Perspektiven Viele Seelsorgerinnen und Seelsorgern haben Zeit, hören zu, sind initiativ, begleiten, sind gläubig und kompetent, so daß sie Gemeinden leiten, verkündigen und geistliche und geistige Fürsorge für die ihnen Anvertrauten verantwortungsvoll übernehmen können.
Die Frage nach dem Umgang untereinander ist zu stellen: Gemeinden sind auch verantwortlich für ihre Hirten, Pfarreien für ihren Pfarrer, für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter! Auch Verantwortliche brauchen Anerkennung und Ermutigung. Dienst kann nur gelingen, wo es kein oben und unten mehr gibt. Dienst lebt vom Respekt, von der Hochachtung, von der Güte.
3.6 Christsein heute a) Was Sorgen bereitet Häufig kommt zum Ausdruck, wie wichtig volkskirchliche Elemente im Leben und Glauben der Christen sind. Prozessionen, Bettage, Wallfahrten, Heiligenverehrung, und ganz besonders die Oktave und die Muttergottes- und Willibrordusverehrung sollen daher erhalten bleiben. Manche ärgern sich über zu schnelle und radikale Erneuerungen in der Kirche, in der Liturgie und wünschen sich, daß das Latein als Kirchensprache nicht ganz abgeschafft wird. Beklagt wird weiterhin, daß oft Glaube und Leben auseinanderklaffen: es fehle den einen an Glaubenswissen, anderen an Glaubenshilfen, anderen wiederum an Freundlichkeit und Einheit. Regelmäßigen Kirchgängern sagt man nach, sie gingen nur in die Kirche, um gesehen zu werden, und sie seien ja auch nicht besser als andere. Vermißt wird ebenfalls die nötige Versöhnungsbereitschaft in den Gemeinschaften und Pfarreien, was der Glaubwürdigkeit des christlichen Lebenszeugnisses nicht zuträglich ist. Wenn das aus dem Glauben resultierende Engagement in Kirche und Gesellschaft in seiner Wichtigkeit unterstrichen wird, wird allerdings auch darauf hingewiesen, daß immer weniger Engagierte immer mehr Aufgaben und Verantwortungen übernehmen müssen. Und meistens bleibt es bei ganz allgemeinen Willensbekundungen: man müßte sich mehr engagieren! Dem Ärger darüber wird Ausdruck gegeben, daß einerseits die Gläubigen nicht genug zur Mitarbeit aufgefordert werden, andererseits, daß angebotene Mitarbeit dankend abgelehnt wird. b) Was positiv erlebt wird Positive Grunderfahrungen sowie mehr oder weniger konkrete Wunschvorstellungen sind in den Zuschriften eng miteinander verknüpft. So wird für die Kirche z.B. Nächstenliebe und Toleranz gewünscht: Toleranz zwischen Gläubigen, auch wenn sie verschiedener Ansicht in manchen Fragen sind, Toleranz zwischen Kirchgängern und Gelegenheits-Praktizierenden, Toleranz gegenüber Andersgläubigen. Freundlichkeit, Respekt und Annahme sollen die Gläubigen und ihre Gemeinschaft auszeichnen. Nächstenliebe, Solidarität und Freude gehören für viele zum lebendigen Christsein in lebendigen und ausstrahlenden Gemeinschaften. Die Not der anderen in der Ferne und in der Nähe soll die Christen berühren und zu individuellem und gemeinschaftlichem Handeln motivieren. Die Sorge um einander in der Pfarrei wird immer ein Gradmesser der Solidarität mit den Armen in der Welt sein. Dem Glaubenszeugnis wird große Bedeutung zugemessen. Im Grunde ist es das einzige, was die meisten wünschen, ob sie sich nun dazu fähig spüren oder nicht. Durch Beispiel und Vorbild, durch Authentizität und Furchtlosigkeit kann der Glaube auch an andere weitergegeben werden. Unterschwellig ist eine missionarische Dimension des Glaubens zu spüren, auch wenn sie oft nur angedeutet wird. Ehrlichkeit und Humor, Freude und Bescheidenheit, Engagement und Glaubwürdigkeit sind für viele die entscheidenden Tugenden und Haltungen für eine lebendige, dynamische und missionarische Kirche in unserer Zeit. Gegen das Rauhe und Indifferente, das in unserer Welt und auch in der Kirche sich in die zwischenmenschlichen Beziehungen eingeschlichen hat, setzen Christen das Freundliche, die Annahme des anderen, die Toleranz, die Güte, die Barmherzigkeit, die Versöhnung, die Freude, die Nächstenliebe: eben einen christlichen Umgang miteinander. Vieles davon ist noch ein Wunsch, ein Traum, eine Vision. Aber der Wille, sich in dieser Richtung selber ganz konkret einzusetzen, ergibt sich aus vielen Stellungnahmen. Wir sind kein „Club der Schwätzer“, sondern eine Gemeinschaft, die betet (alles andere ist Bluff), und die in der engen Beziehung zu Gott die Kraft und den Mut findet für ihr Leben aus dem Glauben; eine Gemeinschaft, die sich um die Heilige Schrift in kleinen Gruppen versammelt, Gottes Wort liest und meditiert, studiert und miteinander teilt. Das aus dem christlichen Leben erwachsende Engagement hat viele und vielfältige Formen: soziales Engagement und Einsatz in verschiedenen Institutionen, Organisationsaufgaben in der Pfarrei und in Vereinen, Gruppen und Verbänden, Verantwortung in der Pfarrei bei Gottesdiensten und Festen, Mitarbeit bei der Sakramentenvorbereitung, Mitarbeit in Teams für verschiedenste Aufgaben, im Pfarrat und Kirchenrat, in Kinder- und Jugendgruppen, bei der Ehevorbereitung. c) Was zu ergänzen wäre Wichtig scheint es zu unterstreichen, auf welcher Grundlage „Christsein heute“ sich entfalten soll und kann, ob gemeinschaftlich oder individuell. Aus welchen Quellen schöpfen die Christen heute, um den verschiedenen Herausforderungen in ihrem Leben und in ihrem Einsatz gewachsen zu sein? Auf welchem Hintergrund kann die Vielfalt von Aufgaben und Anfragen, Meinungen und Überzeugungen zu einer dynamischen Einheit zusammenwachsen? Einzelne Elemente werden angesprochen, wie Gebet und Besinnung, Glaubensbildung und Austausch, Bibelteilen in einer Gemeinschaft, die begleitet und stärkt. Müßte „Christsein heute“ nicht immer wieder von seiner Mitte her verstanden und von innen her möglich werden: vom konkret erfahrenen und gelebten Glauben an die Liebe des Vaters, in der täglichen Nachfolge Jesu Christi und in der schöpferischen Kraft des Heiligen Geistes? d) Perspektiven Viele Talente und Fähigkeiten sind vorhanden: sie müssen entdeckt und angefordert werden. Und es braucht nicht immer die Bestätigung von oben, damit jemand sich einsetzt und in seinem Umfeld mitarbeitet am Wachsen des Reiches Gottes. Dabei ist darauf zu achten, daß das ehrenamtliche Engagement und das Bénévolat geschätzt und anerkannt wird, in der Kirche, wo es meistens von Frauen geleistet wird, aber auch durch die Kirche in der Gesellschaft. Die Laien sind nicht nur Mitläufer, sie sind getauft und gefirmt und daher Mitarbeiter am Werk Gottes.
3.7 Konfliktfelder a) Was Sorgen bereitet Mehr Mitsprache und Anerkennung für Frauen in der Kirche, mehr Gleichberechtigung auf allen Ebenen, auch durch Vertretung und Mitgliedschaft in den Entscheidungsgremien der Kirche, werden ebenso eingefordert wie die Diakonen- und die Priesterweihe für die Frau. Viele Beteiligten spüren die eher entwürdigende Position der Frau in der Kirche, der immer nur eine dienende Funktion zugewiesen wird, als ob dieselbe dienende Rolle nicht allen Christen - auch den Männern und insbesondere auch den Geweihten - gut zu Gesicht stünde. Ein Problem, das auf großes Unverständnis stößt, ist der Umgang der Kirche mit den Wiederverheirateten-Geschiedenen. Daß sie von den Sakramenten ausgeschlossen bleiben, ist für viele gleichbedeutend mit einem Ausschluß aus der Kirche selbst. Es besagt für viele, daß die Kirche unbarmherzig handelt und im Vergleich zu ihrem Umgang mit laisierten Priestern sogar mit zweierlei Maß mißt. Ohne am Wert des Zölibats zu zweifeln, wird doch die Meinung recht massiv geäußert, daß angesichts des pastoralen Notstands, der jetzt schon existiert und in den kommenden Jahren bedrohliche Ausmaße annehmen wird, der Pflichtzölibat aufgehoben, und Verheiratete geweiht werden sollten. Da das Zölibatsgebot ein kirchliches Gebot sei, dürfe einer Neuregelung bei der Zulassungsbedingungen zum Priestertum doch eigentlich nichts im Wege stehen - außer einer sturen, uneinsichtigen und unnachgiebigen Hierarchie. Auch die durch das Zölibatsgebot bedingte Einsamkeit der Priester wird als nicht gut empfunden -weder für ihn selber und nicht für sein Handeln und Wirken in der Kirche. Religion wird allzuoft auf Moral reduziert - Moral wiederum allzuoft auf Sexualmoral festgelegt. Wirbrauchen klare Moralvorschriften - so weitere ƒußerungen - aber die Sexualmoral der Kirche ist unverständlich, stur, konservativ, hart und verklemmt. Die Kirche soll einstehen für Werte wie Liebe, Treue und Ehe. In diesen Reaktionen ist jedoch allgemein eine Sorge zu spüren, nämlich die um den Menschen und sein Gewissen: bei zu strenger Moralpredigt gerät der Mensch in Gefahr, diese Moral gänzlich abzulehnen indem er sie nicht mehr zum Richtmaß seines Gewissens macht und sie als Wegweiser für sein Urteilen und Handeln nicht mehr weiter zuläßt. b) Was positiv erlebt wird Der Ausdruck der Sorge um die vier genannten Kontroversthemen trägt dazu bei, daß die Diskussion fast gänzlich in einer negativen Optik geführt wird. Dennoch fehlt die positive Note nicht völlig. So besteht kein absolutes Unverständnis vor dem Zölibatsgebot, dessen Wert durchaus erkannt und anerkannt wird. Was das Feld der Moral betrifft, so wird insbesondere ihr legalistischer Zug in den Bereichen von Geschlechtlichkeit und Ehe kritisiert, nicht jedoch die Einflußnahme kirchlicher Moralvorstellungen und Werte im erzieherischen Kontext sowie im Bereich allgemeingültiger Prinzipien, auf denen das menschliche Zusammenleben und die Gesellschaft insgesamt ruhen. Hier wird ihr Einfluß als positiv gewertet und verstärkt eingefordert. c) Was zu ergänzen wäre Oftmals findet nur ein einziger Aspekt bei den genannten Problemfeldern eine eher undifferenzierte, schablonenhafte Erwähnung während vieles weitere, was die Thematik auch berührt,unberücksichtigt bleibt. ‹ber mögliche Ansätze einer behutsamenund gangbaren Lösung wird darüber hinaus nur selten reflektiert. So bleibt bei den Überlegungen zumThema Frau die Tatsache weitgehend unberücksichtigt, daß bereits seit vielen Jahren eine beachtliche Zahl von Frauen hauptamtlich im Dienst der Kirche steht und auf sehr unterschiedlichen Aufgabengebieten Verantwortung übernommen hat - sei es in der Katechese, bei kirchlichen Dienststellen, in den Bereichen der Seelsorge u.ä.. Zu erweitern ist ferner die Sicht von Moral, die zu konkreten Lebensfragen Position bezieht. Genannt sei hier nur der Einfluß christlicher Ethik, wenn es um den Schutz und den Erhalt des menschlichen Leben geht. Ausgeklammert aus der Betrachtung von Kirche und Moral bleibt weitgehend auch das ganze Feld der spezifisch sozialethischen Themen. Im Umgang mit den Wiederverheirateten-Geschiedenen ist in naher Zukunft nach neuen Wegen für die Seelsorge zu suchen. Auch bei aller Not mit bestimmten lehramtlichen Verlautbarungen, besonders im Bereich der Individual- und Sexualmoral, sollte nicht vergessen werden, daß die Kirche in Luxemburg sich in der Vergangenheit mehrfach um eine pastoral-verständnisvolle und menschenfreundliche Umsetzung der genannten Stellungnahmen bemüht hat. Das war namentlich der Fall in der Frage der Empfängnisregelung (Hirtenbrief von Bischof Leo Lommel, Januar 1969 (vgl. KA 99/1 (1969), S. 1-4); Synodenbeschluß „Ehe und Familie“, August 1981 (vgl. KA 111/10 (1981), S. 159-182), des Umgangs mit Aids (Erklärung von Erzbischof Jean Hengen: „Aids und unsere sittliche Verantwortung“, März 1987 (vgl. KA 117/2 (1987), S. 7-8) sowie der Pastoral an Wiederverheirateten-Geschiedenen (Hirtenbrief von Erzbischof Fernand Franck: „Zesummen ënnert engem Daach“, Januar 1994 (vgl. 124/1 (1994), S. 1-4) und die Veröffentlichung des Hirtenwortes der Bischöfe der Oberrheinischen Kirchenprovinz „Zur seelsorglichen Begleitung von Menschen aus zerbrochenen Ehen, Geschiedenen und wiederverheirateten Geschiedenen“, Juli 1993 (vgl. KA/ Dossier (1993/3), S. 27-42). é N.B.: KA= Kirchlicher Anzeiger für die Erzdiözese Luxemburg/ Erzbischöfliches Ordinariat (Hrsg.). Vor allem aber müßte hinter den Einzelverlautbarungen die umfassende und kontinuierliche Sorge des kirchlichen Lehramtes und nicht zuletzt des heutigen Papstes um die Achtung der menschlichen Würde in allen Situationen wahrgenommen werden, denn nur auf diesem Hintergrund ist ein angemessener Umgang mit den Einzelaussagen möglich. d) Perspektiven Im Hinblick auf die genannten Probleme stellt sich den Verantwortlichen die Aufgabe, die Hierarchie der Wahrheiten und das Gesetz der Gradualität stärker zu beachten. Natürlich müßte dieses Gefälle dann auch seinen Niederschlag in den entsprechenden Presseverlautbarungen finden. Allzu oft werden Aussagen des Lehramtes, die in ihrem inhaltlichen Gewicht, in ihrer Nähe zum Kern der Botschaft und in ihrem Verbindlichkeitsgrad sehr unterschiedlich gelagert sind, undifferenziert als gleichwertig dargestellt. Auch dürften solche Stellungnahmen nicht ohne einen entsprechenden pastoralen Kommentar veröffentlicht werden. Um den Menschen von heute einen Zugang zum Verständnis lehramtlicher Positionen zu eröffnen, käme es weiter darauf an, ohne das unterscheidend Christliche einzuebnen, doch bei jenen echten Werten anzuknüpfen, die dem heutigen moralischen Bewußtsein entsprechen. Nur so kann die Kirche auch ihrem Auftrag zur Förderung und Pflege von Werten und Sinnüberzeugungen in einer pluralistischen Gesellschaft nachkommen. Auf dem Hintergrund der oben genannten Problemfelder können folgende Fragen überdacht werden: Die Frauen sind tragende Gemeindeglieder, daneben übernehmen sie einen Großteil der Arbeit in der Kirche. Ihr Beitrag im ehren- und hauptamtlichen kirchlichen Dienst ist somit - nicht nur in Zeiten des Priestermangels - als absolut unverzichtbar und unersetzlich einzustufen.
Die Position der Wiederverheirateten-Geschiedenen in der Kirche wird oftmals als besonders ausgrenzend und schmerzlich empfunden.
Moralische Prinzipien, Moral insgesamt, hat in unserer Gesellschaft nach wie vor einen hohen Stellenwert.
Das priesterliche Pflichtzölibat löst bei manchen Unverständnis aus.
Angesichts dieser und weiterer besonders kontrovers geführter Themen unserer Zeit brauchen wir weder in Wut oder Panik noch in Resignation zu verfallen. Sie können im Sinne eines gewandelten Wertebewußtseins und veränderter Lebens- und Strukturformen als Chance und Herausforderung dafür aufgefaßt werden, daß Gott die Kirche auf ihrem mühsamen Weg des Suchens und Fragens nicht verläßt, sondern sie immer wieder ungeahnte neue Quellen des Glaubens und Oasen der Hoffnung entdecken läßt. Damit sich Gottes Geist in der Gestalt von Kirche verkörpern kann, gilt es aufmerksam auf die „Zeichen der Zeit“ zu reagieren. Hierfür gelten die Kontroverse und die schmerzlich empfundenen Prozesse innerhalb der Kirche, die zu neuen Einsichten führen können, geradezu als „not-wendig“. 4. Akzente für eine ErneuerungNach dem Lesen des Berichts über die Zuschriften zur pastoralen Initiative „Kirche 2005“ mag uns zunächst ein Gefühl der Ratlosigkeit und der Unschlüssigkeit befallen. Die Stimmen sind vielfältig, die Aussagen in manchem widersprüchlich, Konturen einer Kirche für die Zukunft bestenfalls verschwommen. Vielleicht ergeht es uns ähnlich wie dem Blinden, von dem uns das Markusevangelium (vgl. Mk 8,22-25) berichtet. Nach einer ersten Handauflegung Jesu konnte er wohl sehen, aber nur in unklaren Umrissen. Erst nach einem zweiten Eingreifen des Herrn ist er geheilt und kann alles ganz deutlich und genau sehen. So brauchen auch wir das Licht von oben, um die „Zeichen der Zeit“ richtig zu deuten und den Weg der Kirche in die Zukunft zu erkennen. Gerade in diesem Jahr des Heiligen Geistes dürfen wir nicht müde werden, um dieses Licht der Weisheit und der Wahrheit zu beten. Doch dies enthebt uns nicht der Pflicht, mit einem klaren und geläuterten Blick zu prüfen, was aus der Fülle an Kritiken und Vorschlägen, die vorliegen, in eine zukunftsträchtige Vision, in Perspektiven und Prioritäten übersetzt werden soll und kann. „Prüft alles, und behaltet das Gute!“ (1 Thess 5, 21). Das wird die mühsame, aber sicher auch lohnende Arbeit der nächsten gemeinsamen Etappe der pastoralen Initiative „Kirche 2005“ sein, die nun eingeleitet wird. Im folgenden seien dazu in aller Kürze noch einige Hauptlinien und -akzente angedeutet, die sich aus der Vielfalt der Eingaben herausschälen. 4.1 Vision einer erneuerten Kirche in Luxemburg In den Zuschriften kommen einige Konstanten vor, die in etwa das Bild, die Vision von Kirche in der Zukunft abstecken. Auch wenn vieles in diesen Akzenten Wunsch und Traum, Erwartung und Hoffnung ist, wohnt ihnen dennoch eine Kraft inne, die Energien und Phantasie freizusetzen vermag. a) eine hörende und betende Kirche, die zuerst und vor allem sich nach ihrem Herrn und Haupt, Jesus Christus, richtet. Wie er wird sie zunehmend Orte und Zeiten der Stille brauchen, um ganz im Willen des Vaters zu sein und zu bleiben. Wie Jesus, der sich auf den Berg zurückzog, um zu beten, wird die Kirche Hörerin des Wortes sein, ehe sie Verkünderin wird, betende Kirche, bevor sie handelt, sich bekehrende Kirche, ehe sie zur Umkehr einlädt. Das Wesensgesetz, das besagt, daß niemand geben kann, was er nicht hat, wird in der Kirche der Maßstab ihrer Glaubwürdigkeit und Authentizität sein. Die Zentrierung auf die Mitte wird der für die Zukunft alles entscheidende Akzent sein: ohne diese Mitte verliert sich alles noch so gut gemeinte Handeln und Reden der Kirche im tausendfältigen Supermarktangebot der Zeit. b) eine offene und menschenfreundliche Kirche, die sich den Fragen, den Nöten und Problemen der Menschen und der Gesellschaft stellt, die „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst“ der Menschen teilt und mit ihnen gemeinsam ringt um Antworten, Lösungen und Orientierungen. Diese offene Kirche ist vornehmlich eine einladende Kirche, eine Kirche, die auf die Menschen zugeht und in ihrem großen Haus, Wohnung für jeden bietet, insbesondere für den Kleinen, den Schwachen, den Ausgegrenzten, den Unvollkommenen. Die offene Kirche wird gerade auch in ihrem eigenen Raum sich keinem und keiner Frage verschließen, sondern entgegenkommend eine Vielzahl von Wegen und Orten anbieten, um gemeinsam Kirche in der Welt zu sein und Gottes Liebesangebot weiterzugeben. Barmherzigkeit, Güte und Menschenfreundlichkeit werden bestimmend sein in der Kirche, die mehr durch ihr Zeugnis als durch ihr Wort evangelisieren wird. c) eine dialogische, gemeinschaftliche und geschwisterliche Kirche, die nach den „Sternen schaut, aber auf die Gassen achtgibt“, die sich mit einer göttlichen Sendung beauftragt weiß, sich aber nie den Bedingungen ihrer irdischen Existenz entzieht; die Kirche weiß um die oft langen Wege und Umwege, die Menschen miteinander gehen müssen, um die Mühsal und Langsamkeit der mitmenschlichen Umgangsformen; sie setzt ganz klar und eindeutig auf das Miteinander, auf das Miteinander-Ringen, auf das Miteinander-Suchen, auf das Miteinander-Leben, auf das Miteinander-Gehen. Alle in der Kirche sind Schwestern und Brüder, es gibt kein oben und unten, und der Größte ist der, der mehr dient. Gemeinschaft lebt von diesem Gesetz christlicher Existenz, Kirche lebt und bleibt ihrer Sendung treu, indem sie „Sakrament, d. h. Zeichen und Instrument der innigsten Verbindung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit“ ist (Lumen Gentium 1): der Mut zum Bruchstückhaften, zum Unterwegsseins, zum Verweilen bei denen, die nur langsam vorankommen, wird die Kirche wahrhaftig machen und ihrer Guten Nachricht der Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes Glaubwürdigkeit verleihen. d) eine missionarische Kirche, die als Ganze und in ihren einzelnen Gliedern sich als Gesandte versteht. Der Ort der Kirche sind nicht die durch Mauern eingeschlossenen Räume der Kirchengebäude, die Pfarrzentren, Vereinshäuser oder Büros, sondern die Kreuzungen und Straßen, wo Menschen sich begegnen, die Lebens- und Arbeitsräume der Menschen, in einem Wort: die Welt. Sosehr das Zusammenkommen der Gläubigen wichtig und notwendig ist, so unaufgebbar ist ihr Hinausgehen, ihre Präsenz mitten unter den Menschen. Jeder Glaubende ist Zeuge und Missionar, er lebt seinen Glauben und durch sein Leben bringt er das Evangelium in das Leben derer, die mit ihm leben und arbeiten. Die missionarische Kirche versteckt sich nicht, sondern lebt im Rhythmus ihres ureigenen Lebens, nämlich der Sammlung und der Sendung. e) eine dienende und einfache Kirche, die sich nach dem Beispiel ihres Herrn Jesus mit dem kleinsten und schwächsten Menschen identifiziert; die Kirche und ihre Glieder kennen nur den Wetteifer der Liebe, reden und tun nichts, was den Ärmsten in ihrer Mitte beschämen könnte (vgl. Jak 2, 1-13). Prunk und Reichtum haben in der Kirche keinen Platz, was nicht bedeutet, daß das Schöne nicht in allem gesucht werden müßte. Dienst und Einfachheit sind für die Zukunft bestimmende Merkmale aller Christen, auch der Verantwortlichen in der Kirche, die sich bis hinein in die Art und Weise der persönlichen und täglichen Lebensführung Ausdruck verschaffen. Der geschwisterliche Dienst der gegenseitigen Ermunterung und Zurechtweisung ist ein eminenter Ausdruck der Einfachheit im evangeliumsgemäßen Dienst, den einer dem anderen zu erweisen hat. 4.2 Konkretisierungen, Akzente, Defizite Perspektiven und Visionen sind Leitlinien und Orientierungspunkte für konkretes, alltägliches Handeln. Die verschiedenen Bereiche kirchlichen Lebens und Engagements sind daher im Lichte der nachstehenden Konkretisierungen und Akzente zu betrachten und auf konkrete Erneuerungsansätze und Veränderungen auszuleuchten.
Mit einer differenzierteren Gestaltung der gottesdienstlichen Feiern, mit ansprechenden und berührenden Symbolen, Riten, Gesten und Gesängen wird in Zukunft die Chance zumindest größer sein, daß die Menschen die Liturgie der Kirche als eine für ihre jeweilige Glaubenssituation gemäße Gestalt erkennen und wählen (Þ hörende, betende, offene Kirche).
Das Wagnis einer größeren Präsenz in der Gesellschaft, die Suche nach neuen Vermittlungsweisen zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und Bedürfnissen einerseits und der Verkündigung des Glaubens andererseits bleibt demnach noch zu leisten, wenn Religion nicht weiter in den Privatbereich abgleiten und der Glaube nicht zur rein subjektiven und persönlichen Gefühlssache werden soll (Þ offene, dialogische Kirche).
Auf dem Hintergrund dieses Befundes müssen wir uns in der dritten Etappe der Pastoralinitiative „Kirche 2005“ folgenden Fragen stellen: a) Welche Akzente und Prioritäten sind notwendig, um die Kirche auf den verschiedenen Ebenen ihres Lebens in Richtung auf die vorher beschriebenen Konkretisierungen und Visionen zu erneuern und zu verändern? Welche ganz konkreten Schritte können und müssen getan werden? b) Prioritäten festlegen, bedeutet immer auch das zu benennen, was in Zukunft nicht mehr prioritär ist, worauf in Zukunft überhaupt verzichtet werden muß. Welche Abstriche an dem, was heute noch in der Kirche ist, sind in Zukunft vorzunehmen? c) Zielvorgaben machen nur Sinn, wenn sich Rechenschaft gegeben wird über die Kräfte und Mittel, mit denen diesen Zielen zugearbeitet werden soll. Welche Personen und Kräfte, welche Mittel (Räume, Finanzen, Infrastrukturen) stehen zur Verfügung? werden in Zukunft zur Verfügung stehen? Nach welchem Zeitplan sollen die pastoralen Akzente verwirklicht werden? d) Die Gemeinschaft, zu der wir gehören, geht auch jeden von uns etwas an. Wenn für die Zukunft Veränderungen anstehen, ist jede einzelne Gemeinschaft und jeder einzelne Gläubige gefordert. Was sind Sie als Gemeinschaft (Pfarrei, Verein, Gruppe, Kongregation) und persönlich bereit, zur Erneuerung der Kirche in Luxemburg beizutragen? Für die konkrete Arbeit mit den Perspektiven und den Fragen zur Umsetzung dieser Perspektiven wird ein Vademecum erstellt und der vorliegenden Bilanz beigegeben. Es sei am Schluß noch einmal all jenen gedankt, die in den bisherigen Etappen der Pastoralinitiative „Kirche 2005“ mitgedacht und mitgearbeitet haben, und durch ihre kritischen und aufbauenden Reaktionen dazu beigetragen haben, die Kirche in Luxemburg auf den Kurs der Erneuerung zu bringen. Und es sei jetzt schon allen gedankt, die in den nächsten Etappen mitarbeiten werden, damit die Kirche in Luxemburg hört und tut, was „der Geist den Gemeinden sagt“. Zeitplan:
GebeteHeiliger Geist,
Seigneur Jésus Christ,
Gebet auf dem Weg zum Jahr 2000
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