Es ist bitter, wenn ein junger Mensch zu seiner Mutter sagt: „Ich kenne dich nicht! Wer bist du?„Im Evangelium (Mk 3,31-35) finden wir eine ähnliche Szene. Jesus wird mitgeteilt, dass seine Mutter und seine Brüder draußen warten. Daraufhin gibt er eine ungewöhnliche, ja fast ungeheuerliche Antwort: „Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder?“ Es wäre durchaus zu verstehen, wenn eine Mutter in solch einer Situation verzweifeln würde, verbittert in ihrem Herzen. Maria aber reagiert anders. Auch in dieser Stunde steht sie zu ihrem Ja-Wort. Die heilige Theresa von Lisieux hat die Haltung Mariens so ausgedrückt: „Maria, du betrübst dich nicht, da du dies von Jesus hörst; vielmehr freust du dich, dass er uns begreiflich macht, dass wir zu seiner Familie werden. Ja, du freust dich, dass er uns sein Leben mitteilt, die unendlichen Schätze seiner Gottheit."
So ist denn auch die ungewöhnliche Antwort Jesu keine Absage an die Mutter. Mit diesem Wort an seine Mutter macht Jesus deutlich, dass es im Reich Gottes eine andere, eine neue Verbundenheit, eine neue Familie gibt, die sich nicht auf die Blutsverwandschaft beschränkt.
Maria hat ihren Sohn verstanden. Sie glaubte ihm, sie glaubte an ihn. Physisch hatte sich Jesus von ihr getrennt, als er sein Vaterhaus in Nazareth verließ; in dieser Stunde trennt er sich auch auf spirituellem Plan von ihr. Er schafft sich eine neue, geistliche Familie, in der alle zu Hause sind, die auf Gottes Wort hören und ihr Leben danach ausrichten. Auch in dieser neuen Familie bleibt Maria Mutter, Mutter nun aber nicht nur von Jesus allein, sondern Mutter aller Jünger, die Jesus nachfolgen. Auch wird sie selbst zur Jüngerin, die sich ganz unter das Wort Gottes stellt. Laut einem Wort des heiligen Augustinus bedeutete es für sie mehr, Jesus nachfolgen zu können, als seine Mutter zu sein.
In der dogmatischen Konstitution über die Kirche Lumen Gentium des II. Vatikanischen Konzils wird Maria als „Mutter des festen Glaubens" bezeichnet (vgl. LG 64). Als Jüngerin hat sie in einem gewissen Sinne die wichtigsten Wahrheiten des christlichen Glaubens zusammengefasst. So wurde sie zum Zufluchtspunkt für alle Menschen, die in ihrem Glauben zweifeln. Sie hat in ihrem Glauben bereits erkannt, was wir sündige Menschen noch lernen müssen: dass einzig und allein Gottes Wille zählt.
Durch Taufe und Firmung sind wir in die Liebe Gottes mit hineingenommen. Auch alle anderen Sakramente sind wunderbare Geschenke dieser göttlichen Liebe, die wir wie eine kostbare Perle hüten müssen.
Immer wieder aber kehren wir Menschen Gott den Rücken zu, gewollt oder ungewollt. Wir stellen unseren Willen über den seinen. Deshalb sollen wir uns in dieser Gnadenzeit der Oktave fragen, wie es um unseren Glauben steht. Halten wir noch fest an unserer Beziehung zu Gott, im Gebet, im Gottesdienst der Kirche? Haben wir noch Zeit für unsere Mitmenschen? Oder isolieren wir uns aus einer egoistischen Haltung heraus mehr und mehr von ihnen? Bedenken wir, was einer der Kirchenväter einst sagte: „Ein Christ ist kein Christ!"
Wir leben in einer Welt, in der das Sündenbewusstsein zunehmend schwindet. Maria, die Mutter des festen Glaubens, ruft uns deshalb auf, uns wieder fester unter den Willen Gottes zu stellen, und somit - gerade auch durch den Empfang des Bußsakraments - die Richtung unseres Lebens zu ändern, und so aufgenommen zu werden in die neue Familie Jesu, in die Gemeinschaft seiner Schwestern und Brüder, die den Willen Gottes tun und danach leben.


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