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2001
Maria - die Mutter von Anfang an erwählt
(Gal 4,4-7)

Der Titel „Mutter“ ist in der Kirche der Titel, mit dem Maria von Anfang an bezeichnet wurde. Im Neuen Testament ist es zudem der Titel, mit dem am häufigsten über sie gesprochen wird. Jesus selbst hat ihr vom Kreuz herab diesen Titel gegeben, als er sie der Sorge des Lieblingsjüngers Johannes anvertraute: „Siehe, deine Mutter!“ (Joh 19,27). Das Konzil von Ephesus 431 hat Maria ausdrücklich als „Theotokos“, als „Gottesgebärerin“, also als Gottesmutter bezeichnet.

Der Lesungstext aus dem Galater-Brief hebt hervor, dass der vom Vater gesandte Sohn von einer Frau geboren wurde, als die Zeit erfüllt war (vgl. Gal 4,4). Paulus macht dadurch deutlich, dass Jesus der Sohn ist, der an der Gottheit des Vaters teilhat, und zugleich das im Schoß Mariens fleischgewordene Wort.

Aber wer ist diese Frau, in deren Schoß Gott Mensch wurde? Sie ist sicher die bekannteste Mutter der Welt: die Juden nennen sie Mirjam, für Muslime ist sie die verehrte Mutter des Propheten Isa, wie Jesus im Koran genannt wird. Für uns Christen schließlich ist sie die Gottesmutter.

Gleichzeitig ist sie aber auch die Unbekannteste unter den bekannten Frauen und Müttern der Weltgeschichte. Über die Art und Weise ihres Frau- und Mutterseins wissen eigentlich recht wenig.

Es war deswegen nie leicht, sich damit abzufinden, dass die Evangelien uns nur Spärliches über die Gotttesmutter berichten. Aus diesem Grund wurden immer neue Bilder über sie überliefert, die aber auch nicht zufrieden stellen konnten. So formulierte etwa der romantische Dichter Novalis (1772-1801): „Ich sehe dich in tausend Bildern, Maria, lieblich ausgedrückt, doch keins von allen kann dich schildern, wie meine Seele dich erblickt.“

Der wirklichen Gottesmutter Maria kommen wir nur näher, wenn wir das ursprüngliche Bild neu aufscheinen lassen, das die Bibel uns von ihr zeichnet. In einem Fenster im Chor der Kathedrale heißt es über Maria: „Dominus possedit me initio viarum suarum ab æterno ordinata sum“ - „Der Herr besitzt mich im Anfang seiner Wege, von Ewigkeit her bin ich bestimmt“ (Spr 8,22-23).

Ihre Bestimmung war es von Anfang an, der Schlange den Kopf zu zertreten und so am Erlösungswerk Gottes mitzuwirken. Deshalb wurde sie Mutter. Sie steht somit im Kreis aller Mütter, die in der Geburt ihrer Kinder dem Gott des Lebens ganz nahe sind. Dass dieser Gott in einer einfachen Frau aus dem Volk Menschengestalt annehmen wollte, das macht die Sache erst richtig spannend. Wir können dem Geheimnis der Größe Gottes daher eigentlich nur näher kommen, wenn wir das Geheimnis des Menschen betrachten, wenn wir den Menschen in seiner Würde respektieren und über den staunen, der ja Abbild Gottes ist.

Die Ostkirche verfügt für dieses staunensvolle Lob über einen wertvollen Schatz an Hymnen, die uns näher an das menschliche Geheimnis heranzuführen vermögen. Ein solches Lob auf die Mutter Maria findet sich im sogenannten Hymnos Akathistos, dem schönsten, tiefsten und ältesten Hymnus der ganzen christlichen Litteratur. Dort heißt es u.a.: „Freue dich, Schoß für die göttliche Fleischwerdung. Freue dich, durch dich wird jung die Schöpfung. Freue dich, durch dich wird ein Kind der Schöpfer.“ Vielleicht vemag ein solcher Hymnus uns die besser kennenzulernen, die unsere von Ewigkeit erwählte Mutter ist.

 
Claude BACHE
 
 
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