Haben Sie gemerkt, wie eilig es Jesus hat, Seinen Jüngern Sein Ostergeschenk zu bringen? Gleich zweimal wünscht Er ihnen den Frieden. Und dann stellt Er sie in den Dienst des Friedens, des Verzeihens, der Barmherzigkeit Gottes. Er möchte, dass sie - wie Er selbst - den Menschen helfen, einen neuen Anfang, ein neues Leben zu bekommen. ER hauchte sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben. (Joh 20,23)
Die Jünger empfangen den Hl. Geist nicht nur als ein ganz persönliches Geschenk; vielmehr empfangen sie den Hl. Geist, um den Menschen im Namen Gottes zu verzeihen.
Wenn ich an die befreiendsten Augenblicke meines Lebens denke, dann sind es diejenigen, in denen ein Priester über mich das Kreuz gezeichnet hat mit den Worten: „Ich spreche dich los von deinen Sünden im Namen des Vaters, des Sohnes und des Hl. Geistes.“ Ich durfte aber auch viele wunderbare Augenblicke erleben, in denen ich als Priester andere Menschen im Namen Gottes von ihren Sünden und Lasten losbinden durfte. Und wie oft habe ich dabei gedacht: „Wenn ich nur für diese eine Beichte Priester geworden wäre, die Mühen hätten sich hundertfach gelohnt!“
Mit dieser Predigt möchte ich allen Mut machen; Ihnen, den Gläubigen, die Sie auf die Barmherzigkeit Gottes vertrauen und hoffen, und auch uns, den Priestern, die wir ja selbst auch vom Verzeihen Gottes leben. Ich weiß aber sehr wohl, dass die Beichte kein besonders beliebtes Thema ist. Und das nicht erst seit ein paar Jahren.
Warum eigentlich nicht? Sünde ist nicht schön! Und wer gibt schon gerne zu, dass es in seinem Leben unschöne Dinge gibt? Aber es gibt verschiedene Schwierigkeiten im Umgang mit dem Bußsakrament. Der eine oder andere hat schlechte Erfahrungen gemacht, die ihn davon abhalten, sich wieder einem Priester anzuvertrauen. Nicht selten begegne ich Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die noch nie zur Beichte gegangen sind, nicht vor der ersten hl. Kommunion und auch nicht danach, und die darum auch nicht wissen „wie es geht.“ Manche andere würden zwar gerne beichten, aber sie trauen sich aus irgendeinem Grund nicht. Dies sind nur einige von vielen Schwierigkeiten, die manche mit der Beichte haben.
Die größte Schwierigkeit besteht wohl darin, dass viele nicht mehr wissen, was Sünde ist und deshalb nicht wissen, was sie beichten sollen. Sie kennen mit Sicherheit den stereotypen luxemburgischen Satz, der regelmäßig beim Thema Beichte gesagt wird: „Ich habe niemanden umgebracht, ich habe nichts gestohlen und bin nicht fremd gegangen.“ Darauf antworte ich meistens: Gott sei Dank! Hast Du Gott auch schon dafür gedankt?
Doch im Ernst: Sind das wirklich die einzigen Sünden, die man begehen kann? Ich höre jetzt schon die Frage. „Ja, was ist denn überhaupt Sünde?“ Damit kommen wir der Sache schon etwas näher: Mir scheint, dass wir Menschen am liebsten selbst entscheiden wollen, was gut und was böse ist. Das kann man tun, aber dann wird alles relativ. Jede Situation, jede Sünde lässt sich unter dem Vorwand von besonderen Umständen rechtfertigen und entschuldigen.
Weil Gott uns liebt, bestimmt Er selbst, was gut und schlecht für uns Menschen ist. Wenn wir davon ausgehen, dass Gott uns liebt wie niemand sonst, dann dürfen wir auch annehmen, dass Er nur das Beste für uns will. Dann ist es auch logisch, dass wir herausfinden möchten, was Er für uns will und was Ihm Freude macht.
Aber wie können wir Seinen Willen herausfinden? Ganz einfach: wenn wir jemanden lieben, wollen wir alles über ihn wissen. Genauso verhält es sich mit Gott. Wenn wir die Bibel, das Wort Gottes als Liebende aufmerksam lesen, dann finden wir bald heraus, dass manches in unseren Haltungen, unserem Denken und unseren Reaktionen nicht wirklich mit dem übereinstimmt, was das Wort Gottes sagt. Das Wort Gottes formt unser Wissen mit Gott: das Gewissen. Übrigens ist das Gewissen eine wunderbare Einrichtung. Wenn es durch das Wort Gottes erleuchtet wird, ist es für uns wie ein Scanner mit einer sehr feinen Auflösung. Ein Scanner kann Unregelmäßigkeiten, Brüche und Geschwüre in unserem Körper erkennen, die uns krank machen, ohne dass wir es wissen und spüren. Sind wir dem Arzt und der Wissenschaft etwa nicht dankbar, dass sie das Übel schon frühzeitig erkennen und darum auch besser therapieren können?
Sollten wir Gott nicht ebenso danken, dass Er uns unsere Schwächen und Fehler zeigt? Sollten wir nicht dankbar sein, dass Gott uns zeigt, wo wir Ihm nicht unser Ja gegeben haben und uns deswegen von Ihm, von Seiner Liebe und auch von den Menschen getrennt haben?
Zu wissen, dass Er uns unsere Sünde zeigt, um uns davon zu befreien, damit wir glücklicher leben, ist doch eine großartige Perspektive!
Während der Firmvorbereitung wurden junge Menschen u. a. durch Zeugnisse von erwachsenen Christen vorbereitet. Besonders berührt waren sie von einem sehr konkreten Zeugnis über die Beichte. Zum ersten Mal seit langem kommt ein junges Mädchen zur Beichte und beichtet ganz ehrlich. Doch nach einigen Minuten kommt sie wieder zurück. Ich fragte sie: Wieso, Du warst doch eben erst hier? - Ja, ich bin so froh, und ich habe mich eben noch an eine Sache erinnert. Die möchte ich auch loswerden, um ganz froh zu sein.
Ist das nicht wunderbar?
Leider kommt es immer häufiger vor, dass Menschen seit ihrer Kindheit mit verborgener Schuld leben. Nicht immer ist es ihre eigene Schuld! Schuld ist oft ein so verworrenes Knäuel, in das wir uns gegenseitig verstricken. Viele leiden unter Ungerechtigkeiten, Streit und Gewalt, in der Familie, unter Trennungen und Scheidungen, unter verschiedensten Missbräuchen durch andere usw.. Viele von ihnen sind davon überzeugt, dass sie auch als Erwachsene noch dafür büßen müssen und dass es normal ist, wenn es ihnen schlecht ergeht. Ein Beichtgespräch ist oft der heilsamste, wenn auch nicht immer einfachste Schritt zu einem neuen Anfang.
Es gibt auch objektive Schuld, die immer gesellschaftsfähiger wird. Ich denke an unsere so genannte Spaßgesellschaft, die aus Menschen Lustobjekten macht, die man gebrauchen und auch wieder fallen lassen kann. Natürlich ist jeder frei sich dagegen zu wehren oder nicht. Doch die allgemeine Banalisierung und Verharmlosung nehmen in erschreckendem Maß zu. Ich denke an die Perversität mancher Medien, die während der Nachrichtenzeit in ganz ernsten Tönen Gewalt aller Art moralisch anprangern und in den anschließenden Filmen detaillierten Anschauungsunterricht zu Gewalt und Respektlosigkeit gibt. Ich denke an die vielen unnötigen Schwierigkeiten, die Menschen sich gegenseitig durch ihr negatives Sprechen bereiten! Ich denke an die wachsende Gleichgültigkeit und Kälte in den Herzen von vielen. Ich denke auch an die vielen, die durch Verleumdungen aller Art anderen Menschen die Freude am Leben genommen haben.
Vieles könnte und müsste man noch aufzählen. Doch darum geht es hier nicht! Das Wichtigste ist Gottes Sicht und Haltung gegenüber der Schuld des Menschen. Schon beim Propheten Ezechiel lesen wir: Habe ich etwa Gefallen am Tod des Schuldigen - Spruch Gottes, des Herrn - und nicht vielmehr daran, dass er seine bösen Wege verlässt und so am Leben bleibt? Ezechiel 18,23
Denken wir nicht manchmal: „Das ist zu schlimm! Das kann Gott nicht verzeihen!“ In den Augen Gottes ist Sünde etwas Ernstes. Aber für Gott ist nichts unmöglich. Weil er uns liebt, übersteigt Seine Liebe unsere Sünde. Er kann nicht nur verzeihen, Er will es auch. Er wartet nur darauf, den Menschen zu befreien. Die Bibel sagt: Wo jedoch die Sünde mächtig wurde, da ist die Gnade übergroß geworden. Römer 5,20 Vergessen wir auch nicht, was Jesus immer wieder betont hat: Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, um die Sünder zur Umkehr zu rufen, nicht die Gerechten. Lukas 5,31-32
Die erlösende und befreiende Kraft der Beichte bezeugt dieses Beispiel stellvertretend für tausende anderer Beispiele.
In einer Klinik lag ein Mann im Sterben. Es war das Endstadium einer Krebskrankheit. Seine Frau besuchte ihn jeden Abend nach ihrer Arbeit. Die Frau litt darunter, dass sie ihren Mann zweimal mit einem anderen Mann hintergangen hatte. Diese Lüge stand zwischen ihr und ihrem Mann. Sie machte sich schreckliche Vorwürfe. Eines Abends begegnete sie dem Geistlichen des Hauses und vertraute sich ihm an. Der Priester riet ihr, auch ihren Mann um Verzeihung zu bitten, weil er trotz großer Schmerzen noch bei vollem Bewusstsein war. „Das ist jetzt unmöglich, es ist zu spät,“ sagte die Frau. «Haben Sie keine Angst,» sagte der Priester, «dieses Eingeständnis wird Ihrem Mann und Ihnen selbst gut tun!» Die Frau glaubte ihm. Zwanzig Minuten später kam sie zum Priester zurück, um sich zu bedanken. Ihr Mann hatte ihr geantwortet: „Beide Male habe ich es in meinem Herzen gewusst ... Du kannst Dir nicht vorstellen, wie erleichtert ich bin, dass Du es mir jetzt gesagt hast!“ Am folgenden Tag kam sie wieder. Ihr Mann hatte aufgehört zu leiden. Sein Gesicht war entspannt. Ein Lächeln zeigte, dass seine Seele im Frieden war. Gott hatte sein Versprechen gehalten, das er durch den Priester gegeben hatte. «...dieses Eingeständnis wird Ihrem Mann und Ihnen selbst gut tun!» Gott ist treu. Beide wurden frei durch das Verzeihen, das sie gaben und empfingen. Am letzten Tag wurde ihre Liebe wieder aufgebaut. Bei Jesus ist es niemals zu spät. Cité par le père Jacques Marin dans son livre: «Aimer c ’est pardonner»
Über die Beichte sollten wir denken wie Gott denkt! Gott denkt in Kategorien von Liebe und Verzeihen. Gott erinnert sich an den Bund, den Er mit uns geschlossen hat. Bei einem Bund heißt es: Alles, was mein ist, ist auch dein. Und alles was Dein ist, ist auch mein. Können wir uns vorstellen, dass Jesus sagt: „Alles was Dein ist, ist auch mein“. Alles, also auch meine Sünden, meine Schwachheiten, meine Sorgen und Lasten.
Jesus sagt wirklich: Gib mir Deine Sünde! Weil ich dich wie mein eigenes Leben liebe, möchte ich alles für dich tragen, was Du an Schuld und Sünde mit Dir herumgeschleppt hast. Es gehört von nun an nicht mehr Dir. Ja, du hättest die Strafe, das Kreuz verdient. Aber weil ich dich liebe, hänge ich hier an deiner Stelle. Vertraue mir: Ich bin das Lamm Gottes, das die Sünden hinweg nimmt. "
So erneuert Gott bei jeder Beichte in uns die Taufgnade.
Wie bei diesem Bund unsere Sünden Jesus gehören, so gehört uns der Verdienst Jesu am Kreuz. Seit dem Tod Jesu am Kreuz dürfen wir sagen und glauben:
IN Jesus, wurden wir gekreuzigt - aber Er hat gelitten.
IN Jesus sind wir gestorben - aber Er wurde getötet.
Paulus weiß wovon er schreibt, wenn er sagt: Gott hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden. 2Korinther 5,21
Bei der Beichte vollzieht sich konkret ein wunderbarer Tausch: Anstelle unserer Sünden schenkt Gott uns Seine eigene Gerechtigkeit, Seine eigene Freiheit, Seine eigene Liebe, damit wir jetzt mit Seiner Liebe leben und unseren Mitmenschen schenken können.
Ganz zum Schluss noch ein Gedanke, der für mich wie eine Perle ist, von einem der größten Beichtväter aller Zeiten, dem Hl. Jean-Marie Vianney, Pfarrer von Ars: "Quand on va se confesser, il faut comprendre ce qu’on va faire. On peut dire qu’on va déclouer Notre-Seigneur.“
Müssten wir uns dies nicht so zu Herzen nehmen, dass wir das Ostergeschenk Jesu mit Freude annehmen und uns sagen: Weil Gott mich so liebt, lasse ich Jesus nicht am Kreuz hängen. Weil Gott mich so liebt, tue ich alles, um Jesus die Nägel aus Händen und Füßen zu ziehen, damit Er mir sagen kann: „Deine Sünden sind dir vergeben.“


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