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Marie dans les écrits de Jean-Paul II / Maria in den Schriften von Johannes Paul II
Redemptoris Mater
Über die Selige Jungfrau Maria im Leben der Pilgernden Kirche

Segen

Verehrte Brüder,
Liebe Söhne und Töchter,
Gruß und Apostolischen Segen!

EINLEITUNG

1.
Die Mutter des Erlösers hat im Heilsplan eine ganz besondere Stellung; denn
»als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und
dem Gesetz unterstellt, damit er die freikaufe, die unter dem Gesetze stehen,
und damit wir die Sohnschaft erlangen. Weil ihr aber Söhne seid, sandte Gott
den Geist seines Sohnes in unser Herz, den Geist, der ruft: Abba, Vater« (Gal

4, 4-6).

Mit diesen
Worten des Apostels Paulus, die das II. Vatikanische Konzil am Beginn seiner
Darlegungen über die selige Jungfrau Maria1 aufgreift, möchte auch ich
meine Erwägungen über die Bedeutung Marias im Geheimnis Christi und über ihre
aktive und beispielhafte Gegenwart im Leben der Kirche einleiten. Diese Worte
feiern ja in einem gemeinsamen Lobpreis die Liebe des Vaters, die Sendung des
Sohnes, das Geschenk des Geistes, die Frau, aus der der Erlöser geboren wurde,
unsere göttliche Sohnschaft, und dies im Geheimnis der »Fülle der
Zeit«.2

Diese »Fülle«
gibt den von aller Ewigkeit her bestimmten Augenblick an, in dem der Vater
seinen Sohn sandte, »damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht,
sondern das ewige Leben hat« (Joh 3, 16). Sie weist auf die selige
Stunde hin, in der das »Wort«, das »bei Gott« war, »Fleisch geworden ist und
unter uns gewohnt hat« (Joh 1, 1. 14) und unser Bruder wurde. Sie
bezeichnet den Moment, an dem der Heilige Geist, der Maria von Nazaret schon
die Fülle der Gnade geschenkt hatte, in ihrem jungfräulichen Schoß die
menschliche Natur Christi formte. Sie bestimmt den Zeitpunkt, an dem durch das
Eingehen des Ewigen in die Zeit die Zeit selbst erlöst wird und endgültig zur

»Heilszeit« wird, indem sie sich mit dem Geheimnis Christi »füllt«. Sie
bezeichnet schließlich den geheimnisvollen Beginn des Weges der Kirche. In der
Liturgie grüßt die Kirche nämlich Maria von Nazaret als ihren Anfang,3
weil sie im Ereignis der Empfängnis ohne Erbsünde bereits die österliche Gnade
der Erlösung, vorweggenommen in ihrem hervorragendsten Mitglied, sich
abzeichnen sieht und vor allem weil sie im Ereignis der Menschwerdung Christus
und Maria untrennbar miteinander verbunden findet: derjenige, der ihr Herr und
Haupt ist (vgl. Kol 1, 18), und diejenige, die durch das erste Fiat des
Neuen Bundes ein Vorbild für ihre Aufgabe als Braut und Mutter darstellt.

2.
Durch die Gegenwart Christi bestärkt (vgl. Mt 28, 20), schreitet die
Kirche in der Zeit voran auf die Vollendung der Geschichte zu und geht ihrem
Herrn entgegen, der kommt. Aber auf dieser Pilgerschaft - das möchte ich sogleich
hervorheben - geht sie denselben Weg, den auch die Jungfrau Maria zurückgelegt
hat, die »den Pilgerweg des Glaubens gegangen ist und ihre Verbundenheit mit
dem Sohn in Treue bewahrt hat
«.4

Ich möchte
diese dichten und bedenkenswerten Worte der Konstitution Lumen gentium

aufgreifen, die in ihrem Schlußteil eine eindrucksvolle Synthese der Lehre der
Kirche über das Thema der Mutter Christi vorlegt, die sie als ihre geliebte
Mutter und als ihr Vorbild im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe
verehrt.

Wenige Jahre
nach dem Konzil wollte mein großer Vorgänger Paul VI. erneut über die heilige
Jungfrau Maria sprechen, indem er in der Enzyklika Christi Matri und
dann in den Apostolischen Schreiben Signum magnum und Marialis cultus5

die Grundlagen und Kriterien jener besonderen Verehrung darlegte, welche die
Mutter Christi in der Kirche empfängt, sowie die verschiedenen Formen der
Marienfrömmigkeit - in der Liturgie, im Volkstum, im privaten Bereich -, wie
sie dem Geist unseres Glaubens entsprechen.

3.
Der Umstand, der mich nun drängt, das Wort zu diesem Thema zu ergreifen, ist der
Blick auf das bereits nahe Jahr 2000
, in dem das zweitausendjährige
Jubiläum der Geburt Christi unsere Augen zugleich auf seine Mutter lenkt. In
den letzten Jahren sind verschiedene Stimmen laut geworden, die auf die gute
Gelegenheit hinweisen, diesem Gedenken ein ähnliches Jubiläum voraufgehen zu
lassen, das der Feier der Geburt Marias gewidmet ist.

In der Tat,
wenn es auch nicht möglich ist, einen genauen Zeitpunkt für das Datum
der Geburt Marias festzustellen, so ist sich die Kirche doch stets bewußt, daß Maria
vor Christus
am Horizont der Heilsgeschichte erschienen
ist.6 Es ist eine Tatsache, daß beim Herannahen der endgültigen »Fülle der
Zeit«, das heißt beim erlösenden Kommen des Immanuel, diejenige, die von
Ewigkeit her dazu bestimmt war, seine Mutter zu sein, bereits auf der Erde
lebte. Diese ihre Anwesenheit schon vor der Ankunft Christi findet jedes Jahr
ihren Ausdruck in der Adventsliturgie. Wenn man also die Jahre, die uns
dem Ende des zweiten Jahrtausends nach Christus und dem Beginn des dritten
näherbringen, mit jener alten geschichtlichen Erwartung des Retters vergleicht,
wird es vollauf verständlich, daß wir uns in diesem Zeitabschnitt in besonderer
Weise an diejenige wenden möchten, die in der »Nacht« der adventlichen
Erwartung als wahrer »Morgenstern« (Stella matutina) zu leuchten begann.
Bekanntlich geht dieser Stern zusammen mit der »Morgenröte« dem Aufgang der
Sonne vorauf: So ist Maria dem Kommen des Heilands voraufgegangen, dem Aufgehen
der »Sonne der Gerechtigkeit« in der Geschichte des
Menschengeschlechtes.7

Ihre
Anwesenheit in Israel - so unauffällig, daß sie den Augen der Zeitgenossen fast
verborgen blieb - leuchtete ganz hell vor dem ewigen Gott, der diese verborgene
»Tochter Zions« (Zef 3, 14; Sach 2, 14) mit dem Heilsplan
verbunden hatte, der die gesamte Geschichte der Menschheit umfaßt. Wir
Christen, die wissen, daß der Plan der Vorsehung der Göttlichen Dreifaltigkeit die
zentrale Wirklichkeit der Offenbarung und des Glaubens
ist, verspüren also
gegen Ende des zweiten Jahrtausends zu Recht die Notwendigkeit, die
einzigartige Gegenwart der Mutter Christi in der Geschichte hervorzuheben, vor
allem in diesen letzten Jahren vor dem Jahr 2000.

4.
Auf dies alles bereitet uns das II. Vatikanische Konzil vor, wenn es in seiner
Lehre die Mutter Gottes »im Geheimnis Christi und der Kirche« vorstellt.
Wenn es nämlich stimmt, daß »sich nur im Geheimnis des fleischgewordenen Wortes
das Geheimnis des Menschen wahrhaft aufklärt« - wie dasselbe Konzil
verkündet8 -, dann muß man dieses Prinzip in ganz besonderer Weise auf
jene außergewöhnliche »Tochter des Menschengeschlechtes« anwenden, auf jene außerordentliche

»Frau«, die die Mutter Christi wurde. Allein im Geheimnis Christi klärt sich
voll und ganz ihr eigenes Geheimnis.
So hat es übrigens die Kirche von
Anfang an zu sehen versucht: Das Geheimnis der Menschwerdung hat es ihr
ermöglicht, das Geheimnis der Mutter des menschgewordenen Wortes immer tiefer
zu durchdringen und aufzuhellen. Für ein solch tieferes Verständnis hatte das
Konzil von Ephesus (431) eine entscheidende Bedeutung: Hier wurde zur großen
Freude der Christen die Wahrheit von der göttlichen Mutterschaft Marias
feierlich als Glaubenswahrheit der Kirche bestätigt. Maria ist die Mutter
Gottes
( = Theotokos), weil sie Jesus Christus, den Sohn Gottes und
eines Wesens mit dem Vater, durch den Heiligen Geist in ihrem jungfräulichen Schoß

empfangen und zur Welt gebracht hat.9 »Denn er, der Sohn Gottes...,
geboren aus Maria, der Jungfrau, ist in Wahrheit einer aus uns geworden...
»,10 ist Mensch geworden. Durch das Geheimnis Christi leuchtet also am
Horizont des Glaubens der Kirche das Geheimnis seiner Mutter voll auf. Das
Dogma von der göttlichen Mutterschaft Marias war seinerseits für das Konzil von
Ephesus, und ist es für die Kirche immer noch, ein Zeichen der Bestätigung für
das Dogma von der Menschwerdung, in der das ewige Wort in der Einheit seiner
Person die menschliche Natur wahrhaft annimmt, ohne sie auszulöschen.

5.
Wenn das II. Vatikanische Konzil Maria im Geheimnis Christi darstellt, findet
es so auch den Weg, um die Erkenntnis des Geheimnisses der Kirche zu vertiefen.
Maria ist ja als Mutter Christi in ganz besonderer Weise mit der Kirche
verbunden
, »die der Herr als seinen Leib gegründet hat«.11 Der
Konzilstext stellt diese Wahrheit von der Kirche als Leib Christi (nach der
Lehre der Paulusbriefe) bezeichnenderweise nahe neben die Wahrheit, daß der
Sohn Gottes »durch den Heiligen Geist aus Maria, der Jungfrau geboren ist«. Die
Wirklichkeit der Menschwerdung findet gleichsam ihre Fortsetzung im
Geheimnis der Kirche, des Leibes Christi
. Und an die Wirklichkeit der
Menschwerdung wiederum kann man nicht denken, ohne sich auf Maria, die Mutter
des menschgewordenen Wortes, zu beziehen.

In den
vorliegenden Erwägungen möchte ich jedoch vor allem auf jenen »Pilgerweg des
Glaubens« hinweisen, den die selige Jungfrau gegangen ist und auf dem sie »ihre
Verbundenheit mit Christus in Treue bewahrt hat«.12 Auf diese Weise
erhält jenes »doppelte Band«, das die Mutter Gottes mit Christus und
mit der Kirche
verbindet, eine gesamtgeschichtliche Bedeutung. Es geht
hierbei nicht nur um die Lebensgeschichte der jungfräulichen Mutter, um ihren
persönlichen Glaubensweg und um den »besseren Teil«, den sie im Heilsgeheimnis
hat, sondern auch um die Geschichte des gesamten Gottesvolkes, von allen,
die am selben »Pilgerweg des Glaubens« teilnehmen.

Dies drückt das
Konzil aus, indem es in einem anderen Abschnitt feststellt, daß Maria
»vorangegangen ist«, weil sie »der Typus der Kirche auf der Ebene des Glaubens,
der Liebe und der vollkommenen Einheit mit Christus« geworden ist.13
Dieses »Vorangehen« als Typus oder Modell bezieht sich auf das innerste
Geheimnis der Kirche, die ihre eigene Heilssendung verwirklicht und vollzieht,
indem sie in sich - wie Maria - die Eigenschaften der Mutter und der Jungfrau

vereinigt. Sie ist Jungfrau, weil sie »das Treuewort, das sie dem Bräutigam
gegeben hat, unversehrt und rein bewahrt«; sie wird »auch selbst Mutter, weil
sie... die vom Heiligen Geist empfangenen und aus Gott geborenen Kinder zu
neuem und unsterblichem Leben gebiert«.14

6.
Das alles vollzieht sich in einem großen geschichtlichen Prozeß und
gewissermaßen »auf einem Weg«. Der »Pilgerweg des Glaubens« weist auf die
innere Geschichte hin
, sozusagen auf die »Geschichte der Seelen«. Er ist
aber auch die Geschichte der Menschen, die auf dieser Erde der Vergänglichkeit
unterworfen und von der geschichtlichen Dimension umfaßt sind. In den folgenden
Erwägungen wollen wir uns vor allem auf die gegenwärtige Phase konzentrieren,
die an sich noch nicht Geschichte ist, aber doch unaufhörlich Geschichte formt,
und dies auch im Sinne von Heilsgeschichte. Hier öffnet sich ein weiter Raum,
in welchem die selige Jungfrau Maria immer noch dem Gottesvolk »vorangeht«.

Ihr außergewöhnlicher Pilgerweg des Glaubens stellt so einen bleibenden
Bezugspunkt dar für die Kirche, für die einzelnen und für die Gemeinschaften,
für die Völker und Nationen und in gewissem Sinne für die ganze Menschheit. Es
ist fürwahr schwierig, seinen ganzen Umfang zu erfassen und zu ermessen.

Das Konzil
unterstreicht, daß die Mutter Gottes bereits die eschatologische Vollendung
der Kirche ist
: »Während aber die Kirche in der seligsten Jungfrau Maria
schon zur Vollkommenheit gelangt ist, in der sie ohne Makel und Runzel ist
(vgl. Eph 5, 27), bemühen sich die Christgläubigen noch, die Sünde zu
besiegen und in der Heiligkeit zu wachsen. Daher richten sie ihre Augen auf
Maria
, die der ganzen Gemeinschaft der Auserwählten als Urbild der Tugenden
voranleuchtet«.15 Der Pilgerweg des Glaubens gehört nicht mehr zur
Mutter des Gottessohnes: An der Seite ihres Sohnes im Himmel verherrlicht, hat
Maria bereits die Schwelle zwischen Glauben und Schauen »von Angesicht zu
Angesicht« (1 Kor 13, 12) überwunden. Zugleich aber bleibt sie in dieser
eschatologischen Vollendung der »Meeresstern« (Maris Stella)16

für all diejenigen, die noch den Weg des Glaubens gehen. Wenn diese an den
verschiedenen Orten irdischer Existenz die Augen zu ihr erheben, tun sie dies,
weil sie »einen Sohn gebar, den Gott gesetzt hat zum Erstgeborenen unter vielen
Brüdern (Röm 8, 29)«17 und auch weil sie »bei der Geburt und
Erziehung« vieler Brüder und Schwestern »in mütterlicher Liebe
mitwirkt«.18

1.
TEIL - MARIA IM GEHEIMNIS CHRISTI

1. Voll
der Gnade

7.
»Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus: Er hat uns mit
allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere Gemeinschaft mit Christus im
Himmel« (Eph 1, 3 ). Diese Worte des Epheserbriefes offenbaren
den ewigen Plan Gottes, des Vaters, seinen Heilsplan für den Menschen in
Christus. Es ist ein universaler Plan, der alle Menschen betrifft, die nach dem
Bild und Gleichnis Gottes (vgl. Gen 1, 26) geschaffen sind. Wie alle »im
Anfang« vom Schöpferwirken Gottes umfaßt sind, so werden sie auch in Ewigkeit
vom göttlichen Heilsplan umfaßt, der sich ganz und gar, bis zur »Fülle der
Zeit« in der Ankunft Christi, offenbaren muß. »Denn in ihm« - so lauten die
folgenden Worte desselben Briefes - hat jener Gott, der der »Vater unseres
Herrn Jesus Christus« ist, »uns erwählt vor der Erschaffung der Welt,
damit wir heilig und untadelig leben vor Gott; er hat uns aus Liebe im voraus
dazu bestimmt, seine Söhne zu werden durch Jesus Christus und nach seinem
gnädigen Willen zu ihm zu gelangen, zum Lob seiner herrlichen Gnade. Er hat sie
uns geschenkt in seinem geliebten Sohn; durch sein Blut haben wir die
Erlösung, die Vergebung der Sünden nach dem Reichtum seiner Gnade« (Eph 1,
4-7).

Der göttliche
Heilsplan
, der uns mit dem Kommen Christi offenbart worden ist, hat auf
ewig Bestand. Er ist auch - nach der Lehre dieses Epheserbriefes sowie anderer
Paulusbriefe - auf ewig mit Christus verbunden. Er umfaßt alle Menschen,
räumt aber einen besonderen Platz jener »Frau« ein, die die Mutter
dessen ist, dem der Vater das Erlösungswerk anvertraut hat.19 »Sie
ist«, wie das II. Vatikanische Konzil schreibt, »schon prophetisch in der
Verheißung ..., die den in Sünde gefallenen Stammeltern gegeben wurde (vgl.

Gen 3, 15), schattenhaft angedeutet. ähnlich bedeutet sie die Jungfrau, die
empfangen und einen Sohn gebären wird, dessen Name Immanuel sein wird« nach den
Worten des Jesaja (vgl. 7, 14).20 In dieser Weise bereitet das Alte
Testament jene »Fülle der Zeit« vor, wenn Gott seinen Sohn senden wird,
»geboren von einer Frau, ... damit wir die Sohnschaft erlangen« (Gal 4,
4-5). Das Kommen des Gottessohnes in die Welt ist das Ereignis, das in den
ersten Kapiteln der Evangelien nach Lukas und Matthäus dargestellt wird.

8.
Durch dieses Ereignis, die Verkündigung des Engels, wird Maria
endgültig in das Geheimnis Christi eingeführt.
Dies geschieht in Nazaret in
einer konkreten geschichtlichen Situation Israels, des Volkes, dem die Verheißungen
Gottes zuerst gelten. Der Bote Gottes spricht zu der Jungfrau: »Sei gegrüßt, du
Begnadete, der Herr ist mit dir« (Lk 1, 28). Maria »erschrak über die
Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe« (Lk 1, 29): was
alle jene außergewöhnlichen Worte zu bedeuten haben, insbesondere der Ausdruck

»du Begnadete« (kecharitoméne).21

Wenn wir
zusammen mit Maria über diese Worte und vor allem über den Ausdruck »du
Begnadete« nachdenken wollen, können wir einen sehr ergiebigen Ansatzpunkt
hierfür gerade im Epheserbrief an der oben zitierten Stelle finden. Wenn die
Jungfrau von Nazaret nach der Verkündigung des himmlischen Boten sogar

»gesegnet ... mehr als alle anderen Frauen« (vgl. Lk 1, 42) genannt
wird, so erklärt sich das durch jenen Segen, mit dem uns »Gott Vater« »durch
unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel« gesegnet hat. Es ist ein »Segen
seines Geistes
«, der sich auf alle Menschen bezieht und jene allumfassende
Fülle (»mit allem Segen«) enthält, wie sie aus der Liebe hervorgeht, die den
wesensgleichen Sohn im Heiligen Geist mit dem Vater verbindet. Zugleich ist es
ein Segen, der durch Jesus Christus in der Menschengeschichte bis zu ihrem Ende

über alle Menschen ausgegossen wird. Maria aber wird von diesem Segen in
einem ganz besonderen und einzigartigen Maße erfüllt. Elisabet begrüßt
sie ja als »gesegnet... mehr als alle anderen Frauen«.

Der Grund für
den doppelten Gruß ist also, daß sich in der Seele dieser »Tochter Zion« gewissermaßen
die gesamte »herrliche Gnade« kundgetan hat, die der »Vater... uns in seinem
geliebten Sohn geschenkt hat«. Der Gottesbote begrüßt Maria ja als die

»Begnadete«. Er nennt sie so, als ob dies ihr wahrer Name sei. Die er
anspricht, nennt er nicht mit dem Namen, der ihr unter den Menschen zu eigen
ist: »Miryam« (= Maria), sondern mit diesem neuen Namen: »Begnadete«.
Was bedeutet dieser Name? Warum nennt der Erzengel die Jungfrau von Nazaret
gerade so?

In der Sprache der
Bibel bedeutet »Gnade« ein besonderes Geschenk, das seine Quelle nach dem Neuen
Testament im dreifaltigen Leben Gottes selbst hat, jenes Gottes, der die Liebe
ist (vgl. 1 Joh 4, 8). Frucht dieser Liebe ist die »Erwählung«,
von der der Epheserbrief spricht. Von Gott her ist diese »Erwählung« sein
ewiger Wille, den Menschen durch die Teilhabe an seinem eigenen Leben (vgl. 2 Petr

1, 4) in Christus zu retten: Es ist die Rettung durch Teilhabe am
übernatürlichen Leben. Die Wirkung dieses ewigen Geschenkes, dieser Gnade der
Erwählung des Menschen durch Gott, ist wie ein Keim der Heiligkeit oder
wie eine Quelle, die in der Seele des Menschen aufsprudelt als Geschenk Gottes
selbst, der die Erwählten durch die Gnade belebt und heiligt. Auf diese Weise
erfüllt sich, das heißt verwirklicht sich jene »Segnung« des Menschen »mit
allem Segen seines Geistes«, jenes »seine Söhne werden in Christus«, in dem,
der von Ewigkeit her der »geliebte Sohn« des Vaters ist.

Wenn wir lesen,
daß der Bote zu Maria »du Begnadete« sagt, läßt uns der Kontext des
Evangeliums, in dem alte Offenbarungen und Verheißungen zusammenfließen,
verstehen, daß es sich hier um einen besonderen »Segen« unter allen
»geistlichen Segnungen in Christus« handelt. Sie ist im Geheimnis Christi
bereits »vor der Erschaffung der Welt« gegenwärtig als diejenige, die
der Vater als Mutter seines Sohnes in der Menschwerdung »erwählt« hat
und die zusammen mit dem Vater auch der Sohn erwählt hat, indem er sie von
Ewigkeit her dem Geist der Heiligkeit anvertraute. Maria ist auf eine besondere
und einzigartige Weise mit Christus verbunden. Auf besondere und einzigartige
Weise ist sie zugleich geliebt in diesem von Ewigkeit her »geliebten Sohn«,
in diesem dem Vater wesensgleichen Sohn, in dem die gesamte »herrliche Gnade« zusammengefaßt
ist. Gleichzeitig ist und bleibt sie vollkommen offen für dieses »Geschenk von
oben« (vgl. Jak 1, 17). Wie das Konzil lehrt, »ragt (Maria) unter den
Demütigen und Armen des Herrn hervor, die das Heil mit Vertrauen von ihm
erhoffen und empfangen«.22

9.
Wenn auch der Gruß und die Anrede »du Begnadete« all dies bedeuten, so beziehen
sie sich im Zusammenhang der Verkündigung des Engels doch vor allem auf die Erwählung
Marias zur Mutter des Sohnes Gottes
. Zugleich aber weist die Fülle der
Gnade auf das gesamte übernatürliche Gnadengeschenk hin, das Maria besitzt,
weil sie zur Mutter Christi erwählt und bestimmt worden ist. Wenn diese
Erwählung grundlegend ist für die Verwirklichung der Heilspläne Gottes
gegenüber der Menschheit, wenn die Erwählung in Christus von Ewigkeit her und
die Berufung zur Würde der Sohnschaft sich auf alle Menschen beziehen, so ist
die Erwählung Marias völlig einzigartig und einmalig. Hieraus folgt dann auch
die Einzigartigkeit ihrer Stellung im Geheimnis Christi.


Der Gottesbote
sagt zu ihr: »Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden.
Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: Dem sollst du den
Namen Jesus geben. Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden« (Lk
1, 30-32). Und als die Jungfrau, von diesem außergewöhnlichen Gruß verwirrt,
fragt: »Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?«, empfängt sie vom
Engel eine Bekräftigung und Deutung der vorhergehenden Worte. Gabriel sagt ihr:

»Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten
wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes
genannt werden« (Lk 1, 35).

Die
Verkündigung ist also die Offenbarung des Geheimnisses der Menschwerdung am
Beginn seiner irdischen Verwirklichung. Die erlösende Hingabe, in der Gott sich
selbst, sein göttliches Leben, in gewisser Weise der ganzen Schöpfung und
unmittelbar dem Menschen schenkt, erreicht im Geheimnis der Menschwerdung
einen Höhepunkt
. Dieses ist ja fürwahr ein Gipfel unter allen Gnadengaben
in der Geschichte des Menschen und des Kosmos. Maria ist »voll der Gnade«, weil
die Menschwerdung des göttlichen Wortes, die Verbindung des Gottessohnes mit
der Menschennatur in einer Person (unio hypostatica), sich gerade in ihr
verwirklicht und vollzieht. Wie das Konzil sagt, ist Maria »die Mutter des
Sohnes Gottes und daher die bevorzugt geliebte Tochter des Vaters und das
Heiligtum des Heiligen Geistes ... Durch dieses hervorragende Gnadengeschenk
hat sie bei weitem den Vorrang vor allen anderen himmlischen und irdischen
Kreaturen«.23

10.
Wo der Epheserbrief von der »herrlichen Gnade« spricht, die »Gott, der Vater,
... uns in seinem geliebten Sohn geschenkt hat«, fügt er noch hinzu: »Durch
sein Blut haben wir die Erlösung« (Eph 1, 7). Nach der Lehre, wie sie
von der Kirche in feierlichen Dokumenten formuliert worden ist, hat sich diese
»herrliche Gnade« an der Mutter Gottes dadurch gezeigt, daß sie »auf erhabenere
Weise« erlöst worden ist.24 Kraft der reichen Gnade des geliebten
Sohnes und wegen der Erlöserverdienste dessen, der ihr Sohn werden wollte, ist
Maria vom Erbe der Ursünde bewahrt worden.25 Auf diese Weise
gehört sie vom ersten Augenblick ihrer Empfängnis, das heißt ihrer eigenen
Existenz, an zu Christus; sie hat Anteil an der heilenden und heiligmachenden
Gnade und an jener Liebe, die vom »geliebten Sohn« ausgeht, dem Sohn des ewigen
Vaters, der durch die Menschwerdung ihr eigener Sohn geworden ist. Darum ist es
zutiefst wahr, daß Maria durch den Heiligen Geist auf der Ebene der Gnade, das
heißt der Teilhabe an der göttlichen Natur (vgl. 2 Petr 1, 4), von
demjenigen das Leben empfängt, dem sie selbst es
, auf der Ebene irdischer
Zeugung, als Mutter gegeben hat. Die Liturgie zögert nicht, sie »Tochter
deines göttlichen Sohnes« zu nennen,26 und sie mit den Worten, die
Dante Alighieri dem hl. Bernhard in den Mund legt, zu grüßen: »Tochter deines
Sohnes«.27 Und weil Maria dieses »neue Leben« in einer Fülle empfängt, wie
sie der Liebe des Sohnes zu seiner Mutter, der Würde göttlicher Mutterschaft
also, entspricht, nennt sie der Engel bei der Verkündigung »voll der Gnade«.

11.
Im Heilsplan der Heiligsten Dreifaltigkeit stellt das Geheimnis der Menschwerdung
die überreiche Erfüllung der Verheißung dar, die Gott den Menschen nach
der Ursünde
gegeben hatte, nach jener ersten Sünde, deren Folgen auf der
gesamten Geschichte des Menschen auf Erden lasten (vgl. Gen 3, 15). So
kommt ein Sohn zur Welt, der »Nachwuchs« einer Frau, der das übel der Sünde an
der Wurzel selbst besiegen wird: »Er trifft (die Schlange) am Kopf«. Wie aus
den Worten des Protoevangeliums hervorgeht, wird der Sohn der Frau erst nach
einem harten Kampf siegen, der die ganze Geschichte des Menschen durchziehen
muß. Die »Feindschaft«, zu Anfang angekündigt, wird im Buch der Offenbarung,
dem Buch der letzten Dinge der Kirche und der Welt, bestätigt: Hier begegnet
uns erneut das Zeichen einer »Frau«, diesmal »mit der Sonne bekleidet« (Offb

12, 1).

Maria, Mutter
des menschgewordenen ewigen Wortes, wird in die Mitte jener Feindschaft
gestellt, jenes Kampfes, der die Geschichte der Menschheit auf Erden und auch
die Heilsgeschichte selbst begleitet. An diesem Ort trägt sie, die zu den
»Demütigen und Armen des Herrn« gehört, wie kein anderer unter den Menschen
jene »herrliche Gnade« in sich, die der Vater »uns in seinem geliebten Sohn
geschenkt hat«, und diese Gnade bestimmt die außergewöhnliche Größe und
Schönheit
ihres ganzen menschlichen Seins. Maria bleibt so vor Gott und
auch vor der ganzen Menschheit gleichsam das bleibende und unzerstörbare
Zeichen jener Erwählung durch Gott, von der der Paulusbrief spricht: »In ihm
(Christus) hat er uns erwählt vor der Erschaffung der Welt,... dazu bestimmt, seine
Söhne zu werden« (Eph 1, 4. 5). Diese Erwählung ist stärker als jede
Erfahrung des Bösen und der Sünde, all jener »Feindschaft«, von der die
Geschichte des Menschen geprägt ist. In dieser Geschichte bleibt Maria ein
Zeichen sicherer Hoffnung.

2. Selig
ist, die geglaubt hat

12.
Kurz nach dem Verkündigungsbericht läßt uns der Evangelist Lukas der Jungfrau
von Nazaret auf ihrem Weg in »eine Stadt im Bergland von Judäa« folgen (Lk
1, 39). Nach den Gelehrten müßte diese Stadt das heutige Ain-Karim sein, das in
den Bergen nicht weit von Jerusalem liegt. Maria »eilte« dorthin, um
Elisabet
, ihre Verwandte, zu besuchen. Der Grund für diesen Besuch
liegt auch darin, daß Gabriel bei der Verkündigung in bedeutungsvoller Weise Elisabet
genannt hat, die noch im vorgeschrittenen Alter durch Gottes mächtiges Wirken
einen Sohn von ihrem Mann Zacharias empfangen hatte: »Elisabet, deine
Verwandte, hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen; obwohl sie als
unfruchtbar galt, ist sie jetzt schon im sechsten Monat. Denn für Gott ist
nichts unmöglich
« (Lk 1, 36-37). Der göttliche Bote verwies auf das
Geschehen in Elisabet, um auf die Frage Marias zu antworten: »Wie soll das
geschehen, da ich keinen Mann erkenne?« (Lk 1, 34). Ja, es wird möglich
durch die »Kraft des Höchsten«, genauso, und sogar noch mehr, wie bei Elisabet.

Maria begibt
sich also aus Liebe in das Haus ihrer Verwandten. Als sie dort eintritt und
Elisabet bei der Antwort auf ihren Gruß das Kind in ihrem Leib hüpfen fühlt, da
grüßt diese, »vom Heiligen Geist erfüllt«, ihrerseits Maria mit lauter Stimme:
»Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen, und gesegnet ist die Frucht
deines Leibes« (vgl. Lk 1, 40-42). Dieser preisende Ausruf Elisabets
sollte dann als Fortsetzung des Grußes des Engels in das Ave-Maria

eingehen und so zu einem der am häufigsten gesprochenen Gebete der Kirche
werden. Noch bedeutungsvoller aber sind die Worte Elisabets in der Frage, die
folgt: »Wer bin ich, daß die Mutter meines Herrn zu mir kommt?« (Lk 1, 43). Elisabet gibt Zeugnis für Maria: Sie erkennt und bekennt, daß vor
ihr die Mutter des Herrn, die Mutter des Messias, steht. An diesem Zeugnis
beteiligt sich auch der Sohn, den Elisabet in ihrem Schoß trägt: »Das Kind
hüpfte vor Freude in meinem Leib« (Lk 1, 44). Das Kind ist der künftige
Johannes der Täufer, der am Jordan auf Jesus, den Messias, hinweisen wird.

Jedes Wort im
Gruß Elisabets ist voller Bedeutung; doch von grundlegender Wichtigkeit
scheint zu sein, was sie am Ende sagt: »Selig ist die, die geglaubt hat,
daß sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ« (Lk 1, 45).28

Diese Worte kann man neben die Anrede »du Begnadete« beim Gruß des Engels
stellen. In beiden Texten offenbart sich die Wahrheit ihres wesentlich
mariologischen Inhalts, das heißt die Wahrheit über Maria, die im Geheimnis
Christi gerade darum wirklich gegenwärtig geworden ist, weil sie »geglaubt
hat«. Die Fülle der Gnade, die der Engel verkündet, bedeutet das
Geschenk Gottes selbst; der Glaube Marias, der von Elisabet beim Besuch
gepriesen wird, zeigt, wie die Jungfrau von Nazaret auf dieses
Geschenk geantwortet hat
.

13.
»Dem offenbarenden Gott ist der " Gehorsam des Glaubens" (Röm
16, 26; vgl. Röm 1, 5; 2 Kor 10, 5-6 ) zu leisten. Darin überantwortet
sich der Mensch Gott als ganzer in Freiheit«, lehrt das Konzil.29 Diese
Umschreibung des Glaubens fand in Maria ihre vollkommene Verwirklichung. Der

»entscheidende« Augenblick war die Verkündigung, und die Worte Elisabets:
»Selig ist die, die geglaubt hat« beziehen sich in erster Linie gerade auf
diesen Augenblick.30

Bei der
Verkündigung hat Maria sich ja vollkommen Gott überantwortet, indem sie
demjenigen »den Gehorsam des Glaubens« entgegenbrachte, der durch seinen Boten
zu ihr sprach, indem sie sich ihm »mit Verstand und Willen voll
unterwirft«.31 Sie hat also mit ihrem ganzen menschlichen,
fraulichen
»Ich« geantwortet. In dieser Glaubensantwort waren ein
vollkommenes Zusammenwirken mit der »zuvorkommenden und helfenden Gnade Gottes«

und eine vollkommene Verfügbarkeit gegenüber dem Wirken des Heiligen Geistes
enthalten, der »den Glauben ständig durch seine Gaben
vervollkommnet«.32

Das Wort des
lebendigen Gottes, das der Engel Maria verkündet, bezieht sich auf sie selbst:
»Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären« (Lk 1, 31).
Wenn Maria diese Ankündigung annahm, sollte sie die »Mutter des Herrn« werden
und das göttliche Geheimnis der Menschwerdung sich in ihr vollziehen: »Der
Vater der Erbarmungen wollte aber, daß vor der Menschwerdung die
vorherbestimmte Mutter ihr empfangendes Ja sagte«.33 Und nachdem Maria
alle Worte des Boten gehört hat, gibt sie diese Zustimmung. Sie sagt: »Ich bin
die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast« (Lk 1, 38).
Dieses Fiat Marias - »mir geschehe« - hat von der menschlichen Seite her über
die Verwirklichung des göttlichen Geheimnisses entschieden. Es findet sich hier
eine volle übereinstimmung mit den Worten des Sohnes, der nach dem Hebräerbrief
beim Eintritt in die Welt zum Vater sagt: »Schlacht- und Speiseopfer hast du
nicht gefordert, doch einen Leib hast du mir geschaffen ... Ja, ich
komme ..., um deinen Willen, Gott, zu tun« (Hebr 10, 5-7). Das Geheimnis
der Menschwerdung hat sich also vollzogen, als Maria ihr Fiat gesprochen
hat: »Mir geschehe, wie du es gesagt hast«, indem sie, soweit es sie nach dem
göttlichen Plan betraf, die Erhörung des Wunsches ihres Sohnes ermöglicht hat.

Maria hat
dieses Fiat im Glauben gesprochen. Im Glauben hat sie sich ohne
Vorbehalte Gott überantwortet und »gab sich als Magd des Herrn ganz der Person
und dem Werk ihres Sohnes hin«.34 Und diesen Sohn - so lehren uns die
Väter - hat sie, noch bevor sie ihn im Leib empfing, im Geist empfangen: eben
durch den Glauben!35 Zu Recht also lobt Elisabet Maria: »Selig ist, die
geglaubt hat, daß sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ«. Diese
Worte haben sich schon erfüllt: Maria tritt über die Schwelle des Hauses
Elisabets und des Zacharias als die Mutter des Sohnes Gottes. Dies ist die
freudige Entdeckung Elisabets: »Die Mutter meines Herrn kommt zu mir«!

14.
Deshalb kann auch der Glaube Marias mit dem Abrahams verglichen
werden, den der Apostel »unseren Vater im Glauben» nennt (vgl. Röm 4,
12). In der Heilsordnung der Offenbarung Gottes bildet der Glaube Abrahams den
Anfang des Alten Bundes. Der Glaube Marias bei der Verkündigung eröffnet den
Neuen Bund. Wie Abraham »gegen alle Hoffnung voll Hoffnung geglaubt hat,
daß er der Vater vieler Völker werde« (vgl. Röm 4, 18), so hat Maria,
nachdem sie im Augenblick der Verkündigung ihre Jungfräulichkeit bekannt hatte
( »Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?«) geglaubt, daß sie
durch die Kraft des Höchsten, durch den Heiligen Geist, nach der Offenbarung
des Engels die Mutter des Sohnes Gottes werden würde: »Deshalb wird auch das
Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden« (Lk 1, 35).

Doch betreffen
die Worte Elisabets: »Selig ist, die geglaubt hat« nicht nur jenen besonderen
Augenblick der Verkündigung. Gewiß ist dies der Höhepunkt für den Glauben
Marias in der Erwartung Christi; sie ist aber auch der Ausgangspunkt, an dem
ihr ganzer »Weg zu Gott«, ihr Glaubensweg insgesamt, beginnt. Und auf diesem
Weg, der herausragend und wahrhaft heroisch ist, - ja, mit wachsendem
Glaubensheroismus - wird sich der »Gehorsam« verwirklichen, den sie gegenüber
dem Wort der göttlichen Offenbarung bekannt hat. Dieser »Gehorsam des Glaubens«

von seiten Marias wird auf ihrem ganzen Weg überraschende ähnlichkeiten mit dem
Glauben Abrahams haben. Wie der Patriarch des Volkes Gottes hat auch Maria auf
dem Weg ihres kindlichen und mütterlichen Fiat »geglaubt voll Hoffnung
gegen alle Hoffnung«. Vor allem in einigen Etappen dieses Weges offenbart sich
die Seligpreisung derjenigen, »die geglaubt hat«, mit besonderer Deutlichkeit.
Glauben will besagen, sich der Wahrheit des Wortes des lebendigen Gottes zu
»überantworten«, obwohl man darum weiß und demütig anerkennt, »wie
unergründlich seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege sind«

(Röm 11, 33). Maria, die sich nach dem ewigen Willen des Höchsten
sozusagen im Mittelpunkt jener »unerforschlichen Wege« und jener
»unergründlichen Entscheidungen« Gottes befindet, verhält sich im Halbdunkel
des Glaubens entsprechend, indem sie mit offenem Herzen alles voll und ganz
annimmt, was in Gottes Plan verfügt ist.

15.
Als Maria bei der Verkündigung vom Sohn sprechen hört, dessen Mutter sie werden
und dem sie »den Namen Jesus (= Erlöser) geben soll«, erfährt sie auch, daß
ihrem Sohn »der Herr den Thron seines Vaters David geben wird«, daß er »über
das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen und seine Herrschaft kein Ende haben wird«
(Lk 1, 32-33). In diese Richtung ging die Hoffnung ganz Israels. Der
verheißene Messias sollte »groß« sein, und auch der himmlische Bote verkündet,
daß er »groß sein wird« - groß, sei es durch den Namen Sohn des
Höchsten
, sei es durch die übernahme von Davids Erbe. Er soll also
König sein und »über das Haus Jakob« herrschen. Konnte Maria, die inmitten
dieser Erwartungen ihres Volkes aufgewachsen ist, im Augenblick der
Verkündigung erfassen, welche wesentliche Bedeutung diese Worte des Engels
haben? Wie soll man jenes »Reich« verstehen, das »kein Ende« haben wird?

Wenn sie sich
auch in jenem Augenblick durch ihren Glauben als Mutter des »Messias-König«
fühlte, so antwortete sie doch: »Ich bin die Magd des Herrn; mir
geschehe, wie du es gesagt hast« (Lk 1, 38). Vom ersten Augenblick an
hat Maria den »Gehorsam des Glaubens« bekannt, indem sie sich der
geheimnisvollen Bedeutung überantwortete, die jenen Worten der Verkündigung
derjenige gegeben hat, von dem sie kamen: Gott selbst.

16.
Auf dem Weg dieses »Gehorsams des Glaubens« hört Maria etwas später noch andere
Worte
, die im Tempel von Jerusalem ausgesprochen werden. Es war der
vierzigste Tag nach der Geburt Jesu, als Maria und Josef nach der Vorschrift
des mosaischen Gesetzes »das Kind nach Jerusalem hinaufbrachten, um es dem
Herrn zu weihen« (Lk 2, 22). Die Geburt war in größter Armut erfolgt.
Wir wissen ja von Lukas, daß Maria, als sie sich anläßlich der von der
römischen Obrigkeit angeordneten Volkszählung mit Josef nach Betlehem begab und
sich »in der Herberge kein Platz« für sie fand, ihren Sohn in einem Stall
geboren hat
und »ihn in eine Krippe legte« (vgl. Lk 2, 7).

Ein gerechter
und gottesfürchtiger Mann namens Simeon erscheint an jenem Beginn des
Glaubensweges Marias. Seine Worte, die vom Heiligen Geist eingegeben wurden
(vgl. Lk 2, 25-27), bestätigen einerseits die Wahrheit der Verkündigung.
Wir lesen nämlich, daß er das Kind »in seine Arme nahm«, dem - nach dem Auftrag
des Engels - »der Name Jesus gegeben worden war« (vgl. Lk 2, 21). Die
Rede Simeons entspricht dem Inhalt dieses Namens, der Heiland bedeutet: »Gott
ist Heil«. Zum Herrn gewandt, sagt er: »Meine Augen haben das Heil

gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die
Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel« (Lk 2, 30.
32). Zugleich aber wendet sich Simeon auch an Maria mit den folgenden Worten:
»Dieser ist dazu bestimmt, daß viele in Israel durch ihn zu Fall kommen und
viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen
wird
. Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden«. Und mit
direktem Bezug auf Maria fügt er hinzu: »Dir selbst aber wird ein Schwert durch
die Seele dringen« (vgl. Lk 2, 34. 35). Die Worte Simeons werfen auf die
Verkündigung, die Maria vom Engel gehört hat, ein neues Licht: Jesus ist der
Heiland, er ist »Licht«, das die Menschen »erleuchtet«. Ist es nicht
das, was sich in gewisser Weise in der Nacht von Weihnachten offenbart hat, als

die Hirten zum Stall gekommen sind? (vgl. Lk 2, 8-20). Ist es
nicht das, was sich noch deutlicher im Kommen der Weisen aus dem Morgenland
kundtun sollte? (vgl. Mt 2, 1-12). Zugleich aber wird der Sohn Marias
schon am Anfang seines Lebens - und mit ihm seine Mutter - auch die Wahrheit
der anderen Worte Simeons an sich erfahren: »Zeichen, dem widersprochen wird« (Lk
2, 34). Dieses Wort Simeons erscheint wie eine zweite Verkündigung an Maria;
denn es zeigt ihr die konkrete geschichtliche Dimension, in der ihr Sohn seine
Sendung ausführen wird, nämlich im Unverständnis und im Leid. Wenn eine solche
Ankündigung einerseits ihren Glauben an die Erfüllung der göttlichen
Heilsverheißungen bestätigt, so offenbart sie andererseits auch, daß Maria
ihren Glaubensgehorsam im Leid leben muß, an der Seite des leidenden Heilandes,
und daß ihre Mutterschaft umschattet und schmerzenreich sein wird. Und in der
Tat, schon nach dem Besuch der Weisen, nach ihrer Ehrenbezeugung ( »sie fielen
nieder und huldigten ihm« ), nach der übergabe der Geschenke (vgl. Mt 2,
11 ) muß Maria zusammen mit ihrem Kind unter dem sorgenden Schutz Josefs nach

ägypten fliehen; denn »Herodes suchte das Kind, um es zu töten« (vgl. Mt
2, 13). Und bis zum Tode des Herodes werden sie in ägypten bleiben müssen (vgl.
Mt 2, 15).

17.
Als die heilige Familie nach dem Tode des Herodes nach Nazaret zurückkehrt,
beginnt die lange Periode ihres verborgenen Lebens. Diejenige, »die
geglaubt hat, daß sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ« (Lk 1, 45),
lebt jeden Tag den Inhalt dieser Worte. Täglich ist an ihrer Seite der Sohn,
dem sie »den Namen Jesus gegeben hat«; gewiß benutzte sie im Umgang mit
ihm diesen Namen, der übrigens bei niemandem Verwunderung erregen konnte, da er
seit langer Zeit in Israel gebräuchlich war. Dennoch weiß Maria, daß jener, der
den Namen Jesus trägt, vom Engel »Sohn des Höchsten« genannt worden

ist (vgl.Lk 1, 32). Maria weiß, daß sie ihn empfangen und geboren hat,
»ohne einen Mann zu erkennen«, durch den Heiligen Geist, durch die Kraft des
Höchsten, die sie überschattet hat (vgl. Lk 1, 35), so wie die Wolke zur
Zeit des Mose und der Väter die Gegenwart Gottes umhüllte (vgl. Ex

24,16; 40,34-35; 1 Kön 8,10-12). Maria weiß also, daß der Sohn, der von
ihr auf diese Weise jungfräulich geboren worden ist, eben jener »Heilige«, »der
Sohn Gottes« ist, von dem der Engel gesprochen hat.

Während der
Jahre des verborgenen Lebens Jesu im Haus von Nazaret ist auch das Leben
Marias
»mit Christus verborgen in Gott« (vgl. Kol 3,3) durch
den Glauben
. Der Glaube ist nämlich eine Berührung mit dem Geheimnis
Gottes. Maria ist ständig, täglich in Berührung mit dem unaussprechlichen
Geheimnis Gottes, der Mensch geworden ist, einem Geheimnis, das alles

übersteigt, was im Alten Bund offenbart worden ist. Seit dem Augenblick der
Verkündigung ist der Geist der Jungfrau und Mutter in die völlige »Neuheit« der
Selbstoffenbarung Gottes eingeführt und sich dieses Geheimnisses bewußt
geworden. Sie ist die erste jener »Kleinen«, von denen Jesus eines Tages sagen
wird: »Vater,... du hast all das den Weisen und Klugen verborgen, den
Unmündigen aber offenbart« (Mt 11, 25). Denn »niemand kennt den Sohn,
nur der Vater« (Mt 11,27). Wie kann also Maria »den Sohn kennen«?
Natürlich kennt sie ihn nicht wie der Vater. Und doch ist sie die erste
unter denen, denen der Vater »ihn hat offenbaren wollen
« (vgl. Mt


11, 26-27; 1 Kor 2, 11). Wenn Maria aber vom Augenblick der Verkündigung
an der Sohn offenbart worden ist, von dem nur der Vater die volle Wahrheit
kennt als derjenige, der ihn im ewigen »Heute« zeugt (vgl. Ps 2,7), so
ist sie, die Mutter, mit der Wahrheit ihres Sohnes nur im Glauben und durch den
Glauben in Berührung! Sie ist also selig, weil sie »geglaubt hat« und jeden
Tag glaubt
inmitten der Prüfungen und Widerwärtigkeiten in der Zeit der
Kindheit Jesu und dann während der Jahre seines verborgenen Lebens in Nazaret,
wo Jesus »ihnen gehorsam war« (Lk 2, 51): gehorsam Maria und auch Josef
gegenüber, weil dieser vor den Menschen die Stelle des Vaters vertrat; deswegen
wurde der Sohn Marias von den Leuten als »der Sohn des Zimmermanns« angesehen (Mt

13, 55).

Die Mutter jenes
Sohnes
, eingedenk all dessen, was ihr bei der Verkündigung und den
nachfolgenden Begebenheiten gesagt worden ist, trägt also die völlige »Neuheit«
des Glaubens in sich: den Anfang des Neuen Bundes. Dieser ist der Anfang
des Evangeliums, der guten, frohen Botschaft. Es ist aber nicht schwer, in
jenem Anfang auch eine besondere Mühe des Herzens zu erkennen, die mit
einer gewissen »Glaubensnacht« verbunden ist - um ein Wort des hl. Johannes vom
Kreuz zu gebrauchen -, gleichsam ein »Schleier«, durch den hindurch man sich
dem Unsichtbaren nahen und mit dem Geheimnis in Vertrautheit leben
muß.36 Auf diese Weise lebte Maria viele Jahre in Vertrautheit mit
dem Geheimnis ihres Sohnes
und schritt voran auf ihrem »Glaubensweg«,
während Jesus »an Weisheit zunahm und Gefallen fand bei Gott und den Menschen«

(Lk 2, 52). Immer mehr offenbarte sich vor den Augen der Menschen die
besondere Liebe, die Gott für ihn hatte. Die erste unter diesen menschlichen
Geschöpfen, die Christus immer tiefer erkennen durften, war Maria, die mit
Josef im selben Haus in Nazaret lebte.

Als die Eltern
den zwölfjährigen Jesus im Tempel wiederfanden und seine Mutter ihn
fragte: »Wie konntest du uns das antun«, antwortete dieser: »Wußtet ihr nicht,
daß ich in dem sein muß, was meinem Vater gehört?«. Aber der Evangelist fügt
hinzu: »Doch sie (Josef und Maria) verstanden nicht, was er damit
sagen wollte« (Lk 2, 48-50). Jesus war sich also bewußt, daß »den Sohn
nur der Vater kennt« (vgl. Mt 11, 27). Sogar diejenige, der das
Geheimnis seiner göttlichen Sohnschaft tiefer offenbart worden war, seine
Mutter, lebte nur durch den Glauben in Vertrautheit mit diesem Geheimnis! An
der Seite ihres Sohnes, unter demselben Dach, »bewahrte sie die Verbundenheit
mit dem Sohn in Treue« und schritt voran »auf dem Pilgerweg des Glaubens«,
wie es das Konzil unterstreicht.37 So tat sie es auch während des

öffentlichen Lebens Christi (vgl. Mk 3, 21-35), wobei sich an ihr
täglich die Seligpreisung erfüllte, die bei ihrem Besuch von Elisabet
ausgesprochen worden war: »Selig ist, die geglaubt hat«.

18.
Diese Seligpreisung erreicht ihre volle Bedeutung, als Maria unter dem
Kreuze ihres Sohnes steht
(vgl. Joh 19, 25). Das Konzil betont, daß
das »nicht ohne göttliche Absicht« geschah: Dadurch daß Maria »heftig mit ihrem
Eingeborenen litt und sich mit seinem Opfer in mütterlichem Geist verband,
indem sie der Darbringung des Opfers, das sie geboren hatte, liebevoll
zustimmte«, bewahrte sie «ihre Verbundenheit mit dem Sohn in Treue bis zum
Kreuz«:38 die Verbundenheit durch den Glauben, denselben Glauben, mit
dem es ihr möglich geworden war, im Augenblick der Verkündigung die Offenbarung
des Engels anzunehmen. Sie hatte damals auch die Worte vernommen: »Er wird groß

sein... Der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben. Er wird
über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen, und seine Herrschaft wird kein Ende
haben« (Lk 1, 32-33).

Und nun, zu
Füßen des Kreuzes, ist Maria, menschlich gesprochen, Zeuge einer völligen Verneinung
dieser Worte
. Ihr Sohn stirbt an jenem Holze wie ein Ausgestoßener. »Er
wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen ...;
er war verachtet, und man schätzte ihn nicht«: fast völlig vernichtet (vgl. Jes

53, 3-5). Wie groß, wie heroisch ist somit »der Gehorsam des Glaubens«,
den Maria angesichts dieser »unergründlichen Entscheidungen« Gottes zeigt. Wie
hat sie sich ohne Vorbehalt »Gott überantwortet«, indem sie sich demjenigen
»mit Verstand und Willen voll unterwirft«,39 dessen »Wege unerforschlich
sind« (vgl. Röm 11, 33)! Und wie mächtig ist zugleich das Wirken der
Gnade in ihrer Seele, wie durchdringend der Einfluß des Heiligen Geistes,
seines Lichtes und seiner Kraft.

Durch diesen
Glauben ist Maria vollkommen mit Christus in seiner Entäußerung verbunden
. Denn obwohl Jesus
Christus »Gott gleich war, hielt er nicht daran fest ..., sondern er entäußerte
sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich«: Gerade hier auf Golgota
»erniedrigte er sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz« (vgl.
Phil
2, 8). Und am Fuß des Kreuzes nahm Maria durch den Glauben teil an dem
erschütternden Geheimnis dieser Entäußerung. Dies ist vielleicht die tiefste »kenosis«

(Entäußerung) des Glaubens in der Geschichte des Menschen: Durch
den Glauben nimmt Maria teil am Tod des Sohnes - an seinem Erlösertod. Im
Gegensatz zum Glauben der Jünger, die flohen, besaß sie aber einen
erleuchteteren Glauben. Durch das Kreuz hat Jesus auf Golgota endgültig
bestätigt, daß er das »Zeichen ist, dem widersprochen wird«, wie Simeon
vorhergesagt hatte. Gleichzeitig haben sich dort auch jene Worte erfüllt, die
dieser an Maria gerichtet hatte: »Dir selbst aber wird ein Schwert durch die
Seele dringen«.40

19.
In der Tat, wahrhaft »selig ist, die geglaubt hat«! Diese erhabenen Worte, die
Elisabet nach der Verkündigung gesprochen hat, scheinen hier, zu Füßen des
Kreuzes, in ihrer dichtesten Bedeutung widerzuhallen, und die in ihnen
enthaltene Kraft wird überwältigend. Vom Kreuz, sozusagen von der Herzmitte des
Geheimnisses der Erlösung, geht ein Lichtstrahl aus und erweitert den Horizont
jener Seligpreisung des Glaubens. Sie reicht »bis zum Anfang« zurück und wird
in gewissem Sinn das Gegengewicht zum Ungehorsam und Unglauben, die in
der Sünde der Stammeltern enthalten sind. So lehren die Kirchenväter und vor
allem Irenäus, der von der Konstitution »Lumen gentium« zitiert wird: »Der
Knoten des Ungehorsams der Eva ist gelöst worden durch den Gehorsam Marias; was
die Jungfrau Eva durch den Unglauben gebunden hat, das hat die Jungfrau Maria durch
den Glauben gelöst
«.41 Im Licht dieses Vergleiches mit Eva nennen
die Väter - wie das Konzil weiter sagt - Maria »die Mutter der Lebendigen« und
betonen oft: »Der Tod kam durch Eva, das Leben durch Maria«.42

Mit Recht
können wir also in jenem Satz »Selig ist, die geglaubt hat« gleichsam einen
Schlüssel
suchen, der uns die innerste Wirklichkeit Marias erschließt:
derjenigen, die der Engel im Augenblick der Verkündigung als »voll der Gnade« bezeichnet
hat. Wenn sie als die »Begnadete« seit Ewigkeit im Geheimnis Christi
gegenwärtig gewesen ist, so erhält sie durch den Glauben in vollem Umfang
Anteil an seinem irdischen Lebensweg: Sie schritt voran auf dem »Pilgerweg des
Glaubens«. Zugleich macht sie auf diskrete, aber unmittelbare und wirksame
Weise dieses Geheimnis Christi für die Menschen gegenwärtig. Und sie tut
dies noch immer und ist durch das Geheimnis Christi auch selbst unter den
Menschen zugegen.

3. Siehe,
deine Mutter

20.
Das Lukasevangelium berichtet von der Begebenheit, da »eine Frau aus der Menge
Jesus zurief: Selig die Frau, deren Leib dich getragen und deren Brust dich
genährt hat!
« (Lk 11, 27). Diese Worte sind ein Lob für Maria als
leibliche Mutter Jesu. Die Mutter Jesu war dieser Frau vielleicht nicht
persönlich bekannt; als Jesus nämlich seine messianische Tätigkeit begann, hat
ihn Maria nicht begleitet, sondern blieb weiterhin in Nazaret. Man könnte
sagen, daß die Worte jener unbekannten Frau sie in gewisser Weise aus ihrer
Verborgenheit haben heraustreten lassen.

Durch jene
Worte ist in der Menge, wenigstens für einen Augenblick, das Evangelium von der
Kindheit Jesu aufgeleuchtet. Es ist das Evangelium, in dem Maria gegenwärtig
ist als die Mutter, die Jesus in ihrem Schoß empfängt, ihn zur Welt bringt und
mütterlich stillt: die stillende Mutter, auf die jene Frau aus der Menge
anspielt. Durch diese Mutterschaft ist Jesus - der Sohn des Höchsten
(vgl. Lk 1, 32) - ein wahrer Menschensohn. Er ist »Fleisch« wie
jeder Mensch: »Das Wort ist Fleisch geworden« (vgl. Joh 1, 14). Er ist
Fleisch und Blut Marias!43

Auf die
Seligpreisung, die jene Frau gegenüber seiner leiblichen Mutter ausspricht,
antwortet Jesus jedoch auf bezeichnende Weise: »Selig sind vielmehr die, die
das Wort Gottes hören und es befolgen
« (Lk 11, 28). Er will die
Aufmerksamkeit von der als leibliche Bindung verstandenen Mutterschaft
ablenken, um auf jene geheimnisvollen geistigen Bande hinzuweisen, die sich im
Hören und Befolgen des Wortes Gottes bilden.

Derselbe
Verweis auf den Bereich der geistigen Werte zeigt sich noch deutlicher in einer
anderen Antwort Jesu, die von allen Synoptikern berichtet wird. Als Jesus
gemeldet wird, daß seine »Mutter und seine Brüder draußen stehen und ihn
sprechen möchten«, antwortet er: »Meine Mutter und meine Brüder sind die,
die das Wort Gottes hören und danach handeln
« (vgl. Lk 8, 20-21).
Das sagte er, indem er »auf die Menschen blickte, die im Kreis um ihn
herumsaßen« wie wir bei Markus lesen (3, 34), nach Matthäus (12, 49), indem »er
die Hand über seine Jünger ausstreckte«.

Diese Aussagen
scheinen auf der Linie dessen zu liegen, was der zwölfjährige Jesus zu
Maria und Josef gesagt hat, als sie ihn nach drei Tagen im Tempel von Jerusalem
fanden.

Nun, da Jesus
Nazaret verließ und sein öffentliches Leben in ganz Palästina begann, war er
bereits vollkommen und ausschließlich mit dem beschäftigt, »was seinem Vater
gehört
« (vgl. Lk 2, 49). Er verkündete das Reich Gottes: »Reich
Gottes« und »Dinge des Vaters« sind auch eine neue Dimension und eine neue
Sinngebung für all das, was menschlich ist, und somit auch für jede menschliche
Bindung hinsichtlich der Ziele und Aufgaben, die jedem Menschen gestellt sind.
In dieser neuen Dimension bedeutet auch eine Bindung wie jene der

»Brüderlichkeit« etwas anderes als das »Brudersein nach dem Fleisch«, das durch
die gemeinsame Abstammung von denselben Eltern bestimmt wird. Und sogar die »Mutterschaft«
erhält in der Dimension des Reiches Gottes, im Licht der Vaterschaft Gottes
selbst, einen anderen Sinn
. Mit den von Lukas berichteten Worten lehrt
Jesus genau diesen neuen Sinn der Mutterschaft.

Entfernt er
sich damit von derjenigen, die seine Mutter, seine leibliche Mutter, ist? Will
er sie etwa im Schatten der Verborgenheit lassen, die sie selber gewählt hat?
Wenn es auch nach dem Klang der Worte so scheinen könnte, so muß man doch
feststellen, daß die neue und andere Mutterschaft, von der Jesus zu den Jüngern
spricht, in einer ganz besonderen Weise gerade auf Maria zutrifft. Ist nicht
gerade Maria die erste unter denen, »die das Wort Gottes hören und danach
handeln«?
Und bezieht sich nicht vor allem auf sie jene Seligpreisung, die
von Jesus als Antwort auf die Worte der »Frau aus der Menge« ausgesprochen
wird? Ohne Zweifel ist Maria dieser Seligpreisung würdig schon aufgrund der
Tatsache, daß sie für Jesus die Mutter nach dem Fleisch geworden ist (»Selig
die Frau, deren Leib dich getragen und deren Brust dich genährt hat«), aber
auch und vor allem deswegen, weil sie schon im Augenblick der Verkündigung das
Wort Gottes angenommen hat, weil sie ihm geglaubt hat, weil sie Gott
gegenüber gehorsam war
, weil sie das Wort »bewahrte« und »es in ihrem
Herzen erwog« (vgl. Lk 1, 38. 45; 2, 19. 51) und es mit ihrem ganzen
Leben verwirklichte. Wir können deshalb sagen, daß die von Jesus ausgesprochene
Seligpreisung trotz des Anscheins nicht im Gegensatz zu jener Seligpreisung
steht, die von der »Frau aus der Menge« ausgerufen worden ist, sondern daß sich
beide in der Person jener Mutter und Jungfrau begegnen, die allein sich als

»Magd des Herrn« bezeichnet hat (Lk 1, 38). Wenn es wahr ist, daß »alle
Geschlechter sie seligpreisen« (vgl. Lk 1, 48), kann man sagen, daß jene
unbekannte »Frau aus der Menge« die erste gewesen ist, die ohne ihr Wissen
jenen prophetischen Vers von Marias Magnifikat bestätigt und selbst das
Magnifikat der Jahrhunderte eröffnet hat.

Wenn Maria durch
den Glauben
die leibliche Mutter des ewigen Sohnes geworden ist, der ihr in
der Kraft des Heiligen Geistes vom Vater gegeben worden ist, wobei sie ihre
Jungfräulichkeit unversehrt bewahrte, so hat sie in demselben Glauben die
andere Dimension der Mutterschaft entdeckt und angenommen
, die von Jesus
während seiner messianischen Sendung offenbart worden ist. Man kann sagen, daß
diese Dimension der Mutterschaft schon von Anfang an, das heißt vom Augenblick
der Empfängnis und Geburt ihres Sohnes an, Maria zu eigen war. Von da an war
sie diejenige, »die geglaubt hat«. Als sich aber allmählich vor ihren Augen und
in ihrem Geiste die messianische Sendung des Sohnes klärte, öffnete sie
selbst sich
als Mutter immer mehr jener »Neuheit« der Mutterschaft,
welche ihren »Anteil« an der Seite des Sohnes darstellen sollte. Hatte sie nicht
von Anfang an gesagt: »Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es
gesagt hast« (Lk 1, 38)? Im Glauben fuhr sie fort, jenes Wort zu hören
und zu bedenken, in dem ihr in einer Weise, »die alle Erkenntnis übersteigt« (Eph

3, 19), die Selbstoffenbarung des lebendigen Gottes immer offenkundiger
wurde. Maria, die Mutter, wurde so in gewissem Sinn die erste »Jüngerin«
ihres Sohnes
, die erste, der er zu sagen schien: »Folge mir nach«, noch
bevor er diesen Ruf an die Apostel oder an jemand anderen richtete (vgl. Joh
1, 43).

21.
Besonders beredt ist unter diesem Gesichtspunkt der Text des Johannesevangeliums,
der uns Maria bei der Hochzeit zu Kana zeigt. Maria erscheint hier als Mutter
Jesu am Beginn seines öffentlichen Lebens: »Es fand eine Hochzeit in Kana in
Galiläa statt
, und die Mutter Jesu war dabei. Auch Jesus und seine Jünger
waren zur Hochzeit eingeladen« (Joh 2, 1-2). Aus dem Text könnte man
schließen, daß Jesus und seine Jünger zusammen mit Maria eingeladen waren,
gleichsam wegen ihrer Anwesenheit bei diesem Fest: Der Sohn scheint wegen der
Mutter eingeladen zu sein. Die Folge der mit dieser Einladung verbundenen
Ereignisse ist bekannt, jener »Anfang der Zeichen« Jesu - die Verwandlung des
Wassers in Wein -, der den Evangelist sagen läßt: Jesus »offenbarte seine
Herrlichkeit, und seine Jünger glaubten an ihn« (Joh 2,11).

Maria ist zu
Kana in Galiläa als Mutter Jesu anwesend und trägt in
bezeichnender Weise zu jenem »Anfang der Zeichen« bei, die die
messianische Kraft ihres Sohnes offenbaren: »Als der Wein ausging, sagte die
Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus erwiderte ihr: Was willst
du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen« (Joh 2, 3-4). Im
Johannesevangelium bezeichnet jene »Stunde« den vom Vater bestimmten
Augenblick, in welchem der Sohn sein Werk erfüllt und verherrlicht werden soll
(vgl. Joh 7, 30; 8, 20; 12, 23.27; 13, 1; 17, 1; 19, 27). Obwohl die
Antwort Jesu an seine Mutter scheinbar wie eine Zurückweisung klingt (vor
allem, wenn man weniger seine Frage als vielmehr die entschiedene Feststellung
beachtet: »Meine Stunde ist noch nicht gekommen«), wendet sich Maria dennoch an
die Diener und sagt zu ihnen: »Was er euch sagt, das tut« (Joh 2, 5).
Darauf befiehlt Jesus den Dienern, die Krüge mit Wasser zu füllen, und das
Wasser wird zu Wein, besser als jener, der zuerst den Gästen des
Hochzeitsmahles serviert worden ist.

Welch tiefes
Einverständnis gab es zwischen Jesus und seiner Mutter? Wie soll man das
Geheimnis ihrer inneren geistigen Einheit erforschen? Das Geschehen selbst aber
ist deutlich. Es ist gewiß, daß sich in jenem Ereignis schon recht klar die
neue Dimension
, der neue Sinn der Mutterschaft Marias abzeichnet.
Sie hat eine Bedeutung, die nicht ausschließlich in den Worten Jesu und in den
verschiedenen Ereignissen enthalten ist, wie sie die Synoptiker berichten (Lk 11, 27-28; 8,19-21; Mt 12, 46-50; Mk 3, 31-35). In diesen
Texten will Jesus vor allem die Mutterschaft, die sich aus der Geburt selbst
ergibt, dem gegenüberstellen, was jene »Mutterschaft« (wie die »Bruderschaft«)
in der Dimension des Gottesreiches, im Heilsbereich der Vaterschaft Gottes sein
soll. Im johanneischen Text hingegen zeichnet sich in der Darstellung des
Ereignisses von Kana ab, was sich konkret als neue Mutterschaft nach dem Geist
und nicht nur aus dem Fleisch erweist, nämlich die Sorge Marias für die
Menschen
, ihre Hinwendung zu ihnen in der ganzen Breite ihrer Bedürfnisse
und Nöte. Zu Kana in Galiläa wird nur ein konkreter Aspekt der menschlichen
Bedürftigkeit gezeigt, scheinbar nur klein und von geringer Bedeutung (»Sie
haben keinen Wein mehr«). Aber er hat symbolischen Wert: Jene Hinwendung zu den
Bedürfnissen der Menschen bedeutet zugleich, sie in den Bereich der
messianischen Sendung und erlösenden Macht Christi zu führen. Es liegt also
eine Vermittlung vor: Maria stellt sich zwischen ihren Sohn und die Menschen in
der Situation ihrer Entbehrungen, Bedürfnisse und Leiden. Sie stellt sich

»dazwischen«, das heißt, sie macht die Mittlerin, nicht wie eine Fremde, sondern
in ihrer Stellung als Mutter
, und ist sich bewußt, daß sie als solche dem
Sohn die Nöte der Menschen vortragen kann, ja sogar das »Recht« dazu hat. Ihre
Vermittlung hat also den Charakter einer Fürsprache: Maria »spricht für« die
Menschen. Nicht nur das: Als Mutter möchte sie auch, daß sich die
messianische Macht des Sohnes offenbart
, nämlich seine erlösende Kraft, die
darauf gerichtet ist, dem Menschen im Unglück zur Hilfe zu eilen, ihn vom Bösen
zu befreien, das in verschiedenen Formen und Maßen auf seinem Leben lastet.
Ganz wie es der Prophet Jesaja in dem berühmten Text, auf den sich Jesus vor
seinen Landsleuten in Nazaret berufen hat, vom Messias angekündet hatte: »...
den Armen eine gute Nachricht bringen, den Gefangenen die Entlassung verkünden
und den Blinden das Augenlicht...« (vgl. Lk 4, 18).

Ein anderes
wesentliches Element dieser mütterlichen Aufgabe Marias kommt in den Worten an
die Diener zum Ausdruck: »Was er euch sagt, das tut«. Die Mutter Christi
zeigt sich vor den Menschen als Sprecherin für den Willen des Sohnes,
als Wegweiserin zu jenen Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, damit sich
die erlösende Macht des Messias offenbaren kann. Wegen der Fürsprache Marias
und dem Gehorsam der Diener läßt Jesus in Kana »seine Stunde« beginnen. In Kana
zeigt Maria ihren Glauben an Jesus: Ihr Glaube führt zum ersten

»Zeichen« und trägt dazu bei, den Glauben der Jünger zu wecken.

22.
Wir können also sagen, daß wir in diesem Abschnitt des Johannesevangeliums
gleichsam ein erstes Aufleuchten der Wahrheit von der mütterlichen Sorge Marias
finden. Diese Wahrheit hat auch in der Lehre des letzten Konzils ihren
Ausdruck gefunden. Es ist wichtig festzustellen, wie dort die mütterliche
Aufgabe Marias in ihrer Beziehung zur Mittlerschaft Christi dargestellt wird.
Wir lesen dort nämlich: »Marias mütterliche Aufgabe gegenüber den Menschen aber
verdunkelt oder mindert diese einzige Mittlerschaft Christi in keiner Weise,
sondern zeigt ihre Wirkkraft«; denn »einer (ist) Mittler zwischen Gott und den
Menschen: der Mensch Christus Jesus« (1 Tim 2, 5). Diese mütterliche
Aufgabe fließt nach dem Wohlgefallen Gottes »aus dem überfluß der Verdienste
Christi, stützt sich auf seine Mittlerschaft, hängt von ihr vollständig ab und
schöpft aus ihr seine ganze Wirkkraft«.44 Genau in diesem Sinne bietet
uns das Geschehen zu Kana in Galiläa gleichsam ein erstes Aufleuchten der
Mittlerschaft Marias
, die ganz auf Christus bezogen und auf die Offenbarung
seiner Heilsmacht ausgerichtet ist.

Aus dem
johanneischen Text geht hervor, daß es sich um eine mütterliche Vermittlung
handelt. Entsprechend verkündet das Konzil: Maria »ist... uns in der Ordnung
der Gnade Mutter«. Diese Mutterschaft in der Ordnung der Gnade ist aus ihrer
göttlichen Mutterschaft selbst hervorgegangen. Weil sie nach dem Willen der
göttlichen Vorsehung Mutter und Ernährerin des Erlösers war, ist sie auch »in
einzigartiger Weise vor den anderen hochherzige Gefährtin und demütige Magd des
Herrn« geworden und hat »beim Werk der Erlösung... in Gehorsam, Glaube,
Hoffnung und brennender Liebe mitgewirkt zur Wiederherstellung des

übernatürlichen Lebens der Seelen«.45 »Diese Mutterschaft Marias in
der Gnadenordnung
dauert unaufhörlich fort ... bis zur ewigen Vollendung
aller Auserwählten«.46


23.
Wenn der Abschnitt des Johannesevangeliums über das Geschehen in Kana die
Muttersorge Marias zu Beginn des messianischen Wirkens Christi darstellt,
bestätigt eine andere Stelle desselben Evangeliums diese Mutterschaft in der Heilsordnung
der Gnade an ihrem Höhepunkt, das heißt, als sich das Kreuzesopfer Christi,
sein österliches Geheimnis, vollendet. Die Darstellung des Johannes ist kurz
und knapp: »Bei dem Kreuz Jesu standen seine Mutter und die Schwester
seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Als Jesus
seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zu seiner
Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine
Mutter! Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich« (Joh 19,
25-27).

Zweifellos ist
in diesem Vorgang ein Ausdruck der besonderen Sorge des Sohnes für die Mutter
zu sehen, die er in einem so tiefen Schmerz zurückläßt. über den Sinn dieser
Fürsorge sagt das »Kreuzestestament« Christi jedoch noch mehr aus. Jesus macht
ein neues Band zwischen Mutter und Sohn deutlich, dessen ganze Wahrheit und
Wirklichkeit er feierlich bestätigt. Wenn die Mutterschaft Marias gegenüber den
Menschen bereits früher angedeutet worden ist, wird sie nun - so kann man sagen

  • klar gefaßt und festgelegt: Sie geht aus der endgültigen Vollendung des österlichen
    Geheimnisses des Erlösers
    hervor. Die Mutter Christi, die in der
    unmittelbaren Reichweite dieses Geheimnisses steht, das den Menschen - jeden
    einzelnen und alle - umfaßt, wird diesem - jedem einzelnen und allen - als
    Mutter gegeben. Dieser Mensch zu Füßen des Kreuzes ist Johannes, »der Jünger,
    den er liebte«.47 Aber nicht er allein. In Anlehnung an die Tradition
    zögert das Konzil nicht, Maria »Mutter Christi und Mutter der
    Menschen
    « zu nennen. In der Tat »findet sie sich mit allen... Menschen in
    der Nachkommenschaft Adams verbunden...; ja, "sie ist wahrhaft Mutter der
    Glieder (Christi), ... denn sie hat in Liebe mitgewirkt, daß die Gläubigen in
    der Kirche geboren würden"«.48

Diese »neue
Mutterschaft Marias«, aus dem Glauben gezeugt, ist also eine Frucht der
»neuen« Liebe
, die in ihr unter dem Kreuz, durch ihre Teilnahme an der
erlösenden Liebe des Sohnes, zur vollen Reife gekommen ist.

24.
Wir befinden uns so mitten in der Erfüllung jener Verheißung, die im
Protoevangelium enthalten ist: Er (der Nachwuchs der Frau) »wird der Schlange
den Kopf zermalmen« (vgl. Gen 3, 15). Jesus Christus besiegt ja in der
Tat mit seinem Erlösertod das übel der Sünde und des Todes an der Wurzel
selbst. Es ist bezeichnend, daß er, als er sich vom Kreuz herab an die Mutter
wendet, sie »Frau« nennt und zu ihr sagt: »Frau, siehe, dein Sohn«. Mit dem
gleichen Wort hatte er sie ja auch in Kana angesprochen (vgl. Joh 2, 4).
Kann man bezweifeln, daß gerade jetzt, auf Golgota, dieser Satz in die Tiefe
des Geheimnisses Marias vordringt und die einzigartige Stellung berührt, die
sie in der ganzen Heilsordnung einnimmt
? So lehrt das Konzil: Mit Maria

»als der erhabenen Tochter Zion ist schließlich nach langer Erwartung der
Verheißung die Zeit erfüllt und die neue Heilsökonomie begonnen, als der Sohn
Gottes die Menschennatur aus ihr annahm, um durch die Mysterien seines
Fleisches den Menschen von der Sünde zu befreien«.49

Die Worte, die
Jesus vom Kreuz herab spricht, bedeuten, daß die Mutterschaft derer, die
ihn geboren hat, sich in der Kirche und durch die Kirche »neu«

fortsetzt, die durch Johannes symbolisiert und dargestellt wird. Sie, die als
die »Begnadete« in das Geheimnis Christi eingeführt worden ist, um seine Mutter
zu werden und so heilige Gottesgebärerin zu sein, bleibt auf diese Weise
durch die Kirche in jenem Geheimnis zugegen als »die Frau«, die vom Buch
der Genesis (3, 15) am Anfang und von der Offenbarung des Johannes (12, 1) am
Ende der Heilsgeschichte genannt wird. Nach dem ewigen Plan der Vorsehung soll
sich die göttliche Mutterschaft Marias über die Kirche ausbreiten, wie es
Aussagen der Tradition andeuten, wonach die Mutterschaft Marias über die Kirche
der Abglanz und die Fortsetzung ihrer Mutterschaft über den Sohn Gottes
ist.50

Schon die
Stunde selbst, da die Kirche geboren wird und ganz offen vor die Welt tritt,
läßt nach dem Konzil diese fortdauernde Mutterschaft Marias erkennen: »Da es
aber Gott gefiel, das Sakrament des menschlichen Heils nicht eher feierlich zu
verkünden, als bis er den verheißenen Heiligen Geist ausgegossen hatte, sehen
wir die Apostel vor dem Pfingsttag "einmütig im Gebet verharren mit den
Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern" (Apg 1, 14)
und Maria mit ihren Gebeten die Gabe des Geistes erflehen, der sie schon bei
der Verkündigung überschattet hatte«.51

Es gibt also in
der Gnadenordnung, die sich unter dem Wirken des Heiligen Geistes vollzieht,
eine einzigartige Entsprechung zwischen dem Augenblick der Menschwerdung des
Wortes und jenem der Geburt der Kirche. Die Person, die beide Momente
vereinigt, ist Maria: Maria in Nazaret und Maria im Abendmahlssaal
von Jerusalem
. In beiden Fällen ist ihre zurückhaltende, aber wesentliche
Gegenwart ein Hinweis auf den Weg der »Geburt durch den Heiligen Geist«. Die im
Geheimnis Christi als Mutter gegenwärtig ist, wird so - durch den Willen des
Sohnes und das Wirken des Heiligen Geistes - auch gegenwärtig im Geheimnis der
Kirche. Auch in der Kirche bleibt sie mütterlich zugegen, wie die am
Kreuz gesprochenen Worte anzeigen: »Frau, siehe, dein Sohn« - »Siehe, deine
Mutter«.

2. TEIL -

DIE GOTTESMUTTER INMITTEN DER PILGERNDEN
KIRCHE

1. Die
Kirche, das Volk Gottes, in allen Völkern der Erde verwurzelt

25.
»Die Kirche "schreitet zwischen den Verfolgungen der Welt und den
Tröstungen Gottes auf ihrem Pilgerweg dahin" 52 und verkündet das
Kreuz und den Tod des Herrn, bis er wiederkommt (vgl. 1 Kor 11,
26)«.53 »Wie aber schon das Israel dem Fleische nach auf seiner
Wüstenwanderung Kirche Gottes genannt wird (2 Esdr 13, 1; vgl. Num

20, 4; Dtn 23, 1 ff.), so wird auch das neue Israel... Kirche Christi
genannt (vgl. Mt 16, 18). Er selbst hat sie ja mit seinem Blut erworben
(vgl. Apg 20, 28), mit seinem Geist erfüllt und mit geeigneten Mitteln
sichtbarer und gesellschaftlicher Einheit ausgerüstet. Gott hat die Versammlung
derer, die zu Christus als dem Urheber des Heils und dem Ursprung der
Einheit und des Friedens gläubig aufschauen, zusammengerufen und als
seine Kirche gestiftet, damit sie allen und jedem das sichtbare Sakrament
dieser heilbringenden Einheit sei«.54

Das II.
Vatikanische Konzil spricht von der Kirche auf dem Wege, wobei es eine Analogie
mit dem Volk Israel des Alten Bundes auf seinem Weg durch die Wüste herstellt.
Ein solcher Weg zeigt sich auch nach außen und wird sichtbar in der Zeit
und dem Raum, wo er sich geschichtlich verwirklicht. »Bestimmt zur Verbreitung
über alle Länder, tritt sie (die Kirche) in die menschliche Geschichte ein und
übersteigt doch zugleich Zeiten und Grenzen der Völker«.55 Der wesentliche
Charakter
ihres Pilgerweges ist jedoch innerlich. Es handelt sich um
eine Pilgerschaft im Glauben, in der »Kraft des auferstandenen
Herrn«,56 um eine Pilgerschaft im Heiligen Geist, der der Kirche als
unsichtbarer Beistand (Parákletos) gegeben ist (vgl. Joh 14, 26;
15, 26; 16, 7): »Auf ihrem Weg durch Prüfungen und Bedrängnis wird die Kirche
durch die Kraft der ihr vom Herrn verheißenen Gnade Gottes gestärkt, damit
sie... unter der Wirksamkeit des Heiligen Geistes nicht aufhöre, sich selbst zu
erneuern, bis sie durch das Kreuz zum Licht gelangt, das keinen Untergang
kennt«.57

Auf diesem
kirchlichen Pilgerweg durch Raum und Zeit und noch mehr in der Geschichte der
Seelen ist Maria zugegen als diejenige, die »selig ist, weil sie
geglaubt hat«, als diejenige, die »den Pilgerweg des Glaubens« geht, indem sie
wie kein anderer Mensch am Geheimnis Christi teilnimmt. Weiter sagt das Konzil,
daß »Maria ..., da sie zuinnerst in die Heilsgeschichte eingegangen ist,
gewissermaßen die größten Glaubensgeheimnisse in sich vereinigt und widerstrahlt«.58

Vor allen Gläubigen ist sie wie ein »Spiegel«, in dem sich »die
Großtaten Gottes« (Apg 2, 11) in tiefster und reinster Weise
widerspiegeln.

26.
Die Kirche, von Christus auf den Aposteln erbaut, ist sich dieser Großtaten
Gottes am Pfingsttag voll bewußt geworden, als die im Abendmahlssaal
Versammelten »mit dem Heiligen Geist erfüllt wurden und begannen, in fremden
Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab« (Apg 2, 4). In diesem
Augenblick beginnt auch jener Weg des Glaubens, die Pilgerschaft der
Kirche
durch die Geschichte der Menschen und der Völker. Man weiß, daß am
Beginn dieses Weges Maria gegenwärtig ist, die wir mitten unter den Aposteln im
Abendmahlssaal »mit ihren Gebeten die Gabe des Geistes erflehen«

sehen.59

Ihr Glaubensweg
ist in einem gewissen Sinne länger. Der Heilige Geist ist bereits auf sie
herabgekommen, die bei der Verkündigung seine treue Braut geworden ist,
indem sie das ewige Wort des wahren Gottes aufnahm und sich dem offenbarenden
Gott mit Verstand und Willen voll unterwarf und seiner Offenbarung willig
zustimmte, ja, sich im »Gehorsam des Glaubens« ganz und gar Gott
überließ60 und darum dem Engel antwortete: »Ich bin die Magd des Herrn;
mir geschehe, wie du es gesagt hast«. Der Glaubensweg Marias, die wir betend im
Abendmahlssaal sehen, ist also länger als der Weg der dort Versammelten: Maria
geht ihnen »voraus« und auch »voran«.61 Der Pfingsttag in Jerusalem ist,
außer durch das Kreuz, auch durch den Augenblick der Verkündigung in
Nazaret vorbereitet worden. Im Abendmahlssaal trifft sich der Weg Marias mit
dem Glaubensweg der Kirche. In welcher Weise?

Unter denen,
die im Abendmahlssaal im Gebet verharrten und sich darauf vorbereiteten, »in
die ganze Welt« zu ziehen, nachdem sie den Heiligen Geist empfingen, waren
einige nach und nach durch Jesus vom Anfang seiner Sendung in Israel an berufen
worden.
Elf von ihnen waren als Apostel eingesetzt worden, und ihnen
hatte Jesus die Sendung übergeben, die er selbst vom Vater erhalten hatte: »Wie
mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch« (Joh 20, 21), so hatte er
den Aposteln nach der Auferstehung gesagt. Vierzig Tage später, vor seiner
Rückkehr zum Vater, hatte er hinzugefügt: Wenn »die Kraft des Heiligen
Geistes... auf euch herabkommen wird, ... werdet ihr meine Zeugen sein

... bis an die Grenzen der Erde« (vgl. Apg 1, 8). Diese Sendung der
Apostel beginnt mit dem Augenblick, da sie den Abendmahlssaal in Jerusalem
verlassen. Die Kirche wird geboren und wächst nun durch das Zeugnis, das Petrus
und die anderen Apostel von Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen,
ablegen (vgl. Apg 2, 31-34; 3, 15-18; 4, 10-12; 5, 30-32).

Maria hat
nicht diese apostolische Sendung direkt empfangen
. Sie befand sich nicht unter denen,
die Jesus, als er ihnen jene Sendung verlieh, in die ganze Welt sandte, um alle
Menschen zu seinen Jüngern zu machen (vgl. Mt 28, 19). Sie war jedoch im
Abendmahlssaal, wo sich die Apostel darauf vorbereiteten, diese Sendung mit dem
Kommen des Geistes der Wahrheit zu übernehmen: Dort war sie bei ihnen. In ihrer
Mitte war sie »beharrlich im Gebet« als die »Mutter Jesu« (Apg 1,
13-14), das heißt als Mutter des gekreuzigten und auferstandenen Christus. Und
jener erste Kern derer, die im Glauben »auf Jesus, den Urheber des
Heils«62 schauten, war sich bewußt, daß Jesus der Sohn Marias war und
sie seine Mutter und daß sie so vom Augenblick der Empfängnis und Geburt an eine
besondere Zeugin des Geheimnisses Jesu
war, jenes Geheimnisses, das sich
vor ihren Augen in Kreuz und Auferstehung ausgeprägt und bestätigt hatte. Die
Kirche »schaute« also vom ersten Augenblick an auf Maria von Jesus her, wie sie
auf Jesus von Maria her »schaute«. Diese wurde für die Kirche von damals und
für immer eine einzigartige Zeugin der Kindheitsjahre Jesu und seines
verborgenen Lebens in Nazaret, da sie »alles bewahrte, was geschehen war, und

in ihrem Herzen darüber nachdachte« (Lk 2, 19; vgl. v. 51).

Aber in der
Kirche von damals und immer war und ist Maria vor allem jene, die »selig ist,
weil sie geglaubt hat«: Als erste hat sie geglaubt. Vom Augenblick der
Verkündigung und der Empfängnis an, seit der Stunde der Geburt im Stall von
Betlehem folgte Maria Jesus Schritt für Schritt auf ihrer mütterlichen
Pilgerschaft des Glaubens. Sie folgte ihm all die Jahre seines verborgenen
Lebens in Nazaret, sie folgte ihm auch in der Zeit der äußeren Trennung, als er
inmitten von Israel »zu handeln und zu lehren« begann (vgl. Apg 1, 1),
sie folgte ihm vor allem in der tragischen Erfahrung von Golgota. Jetzt, da
Maria am Beginn der Kirche mit den Aposteln im Abendmahlssaal von Jerusalem
weilte, fand ihr Glaube, der aus den Worten der Verkündigung geboren war,
seine Bestätigung. Der Engel hatte ihr damals gesagt: »Du wirst ein Kind
empfangen, einen Sohn wirst du gebären; dem sollst du den Namen Jesus geben. Er
wird groß sein und... über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen, und seine
Herrschaft wird kein Ende haben«. Die gerade zurückliegenden Ereignisse von
Kalvaria hatten diese Verheißung ins Dunkel gehüllt; und doch ist auch unter
dem Kreuz der Glaube Marias nicht erloschen. Sie war dort immer noch jene, die
(wie Abraham) »gegen alle Hoffnung voll Hoffnung« geglaubt hat (Röm 4,
18). Und siehe, nach der Auferstehung hatte die Hoffnung ihr wahres Antlitz
enthüllt, und die Verheißung hatte begonnen, Wirklichkeit zu werden.
Tatsächlich hatte Jesus ja, ehe er zum Vater zurückkehrte, den Aposteln gesagt:

»Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern.... Seid
gewiß! Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt« (vgl. Mt 28,
19. 20). So hatte derjenige gesprochen, der sich durch seine Auferstehung als
Sieger über den Tod erwiesen hatte, als Herrscher des Reiches, das nach der
Ankündigung des Engels »kein Ende haben wird«.

27.
Jetzt, an den Anfängen der Kirche, am Beginn ihres langen Weges im Glauben, der
mit dem Pfingstereignis in Jerusalem anfing, war Maria mit allen zusammen, die
den Keim des »neuen Israels« bildeten. Sie war mitten unter ihnen als außerordentliche
Zeugin des Geheimnisses Christi. Und die Kirche verharrte zusammen mit ihr im
Gebet und »betrachtete sie« zugleich »im Licht des ewigen Wortes, das
Mensch geworden war
«. So sollte es immer sein. Wenn die Kirche stets tiefer

»in das erhabene Geheimnis der Menschwerdung eindringt«, denkt sie ja dabei in
tiefer Verehrung und Frömmigkeit auch an die Mutter Christi.63 Maria
gehört untrennbar zum Geheimnis Christi, und so gehört sie auch zum Geheimnis
der Kirche von Anfang an, seit dem Tag von deren Geburt. Zur Grundlage all
dessen, was die Kirche von Anfang an ist und was sie von Generation zu
Generation inmitten aller Nationen der Erde unaufhörlich werden muß, gehört
diejenige, die »geglaubt hat, daß sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ« (Lk

1, 45). Gerade dieser Glaube Marias, der den Beginn des neuen und ewigen
Bundes Gottes mit der Menschheit in Jesus Christus anzeigt, dieser heroische
Glaube »geht« dem apostolischen Zeugnis der Kirche »voran«
und bleibt im
Herzen der Kirche zugegen, verborgen als ein besonderes Erbe der Offenbarung
Gottes. Alle, die von Generation zu Generation das apostolische Zeugnis der
Kirche annehmen, haben an diesem geheimnisvollen Erbe Anteil und nehmen
gewissermaßen teil am Glauben Marias.

Auch im
Pfingstereignis bleiben die Worte Elisabets »Selig, die geglaubt hat« mit Maria
verbunden; sie folgen ihr durch alle Zeiten überall dorthin, wo sich durch das
apostolische Zeugnis und den Dienst der Kirche die Kenntnis vom Heilsgeheimnis
Christi ausbreitet. Auf diese Weise erfüllt sich die Verheißung des
Magnifikats: »Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.
Denn der Mächtige hat Großes an mir getan, und sein Name ist heilig« (Lk

1, 48-49). Die Erkenntnis des Geheimnisses Christi führt ja zur Lobpreisung
seiner Mutter in der Form einer besonderen Verehrung für die Gottesgebärerin.
In dieser Verehrung ist aber immer der Lobpreis ihres Glaubens eingeschlossen,
weil die Jungfrau von Nazaret nach den Worten Elisabets vor allem durch diesen
Glauben selig geworden ist. Alle, die unter den verschiedenen Völkern und
Nationen der Erde die Generationen hindurch das Geheimnis Christi, des
menschgewordenen Wortes und Erlösers der Welt, gläubig aufnehmen, wenden sich
nicht nur mit Verehrung an Maria und gehen vertrauensvoll zu ihr wie zu einer
Mutter, sondern suchen auch in ihrem Glauben Kraft für den eigenen Glauben.
Und gerade diese lebendige Teilnahme am Glauben Marias entscheidet über ihre
besondere Gegenwart bei der Pilgerschaft der Kirche als neues Gottesvolk auf
der ganzen Erde.

28.
Das Konzil sagt hierzu: »Maria... (ist) zuinnerst in die Heilsgeschichte
eingegangen ... Daher ruft ihre Verkündigung und Verehrung die Gläubigen hin zu
ihrem Sohn und seinem Opfer und zur Liebe des Vaters«.64 Deshalb wird
in gewisser Weise der Glaube Marias auf der Grundlage des apostolischen
Zeugnisses der Kirche unaufhörlich zum Glauben des Gottesvolkes auf seinem
Pilgerweg: zum Glauben der Personen und Gemeinden, der Kreise und
Gemeinschaften sowie der verschiedenen Gruppen, die es in der Kirche gibt. Es
ist ein Glaube, der mit Verstand und Herz zugleich vermittelt wird; man findet
ihn oder erlangt ihn wieder stets durch das Gebet. »Daher blickt die Kirche

auch in ihrem apostolischen Wirken mit Recht zu ihr auf, die Christus
geboren hat
, der dazu vom Heiligen Geist empfangen und von der Jungfrau
geboren wurde, daß er durch die Kirche auch in den Herzen der Gläubigen
geboren werde und wachse
«.65

Heute, da wir
uns auf dieser Pilgerschaft des Glaubens dem Ende des zweiten christlichen
Jahrtausends nähern, erinnert die Kirche durch die Lehre des II. Vatikanischen
Konzils daran, wie sie sich selber sieht, als »dieses eine Gottesvolk«, das »in
allen Völkern der Erde wohnt«; sie erinnert an die Wahrheit, nach der alle
Gläubigen, auch wenn sie »über den Erdkreis hin verstreut (sind), mit den

übrigen im Heiligen Geiste in Gemeinschaft stehen«,66 so daß man sagen
kann, daß sich in dieser Einheit das Pfingstgeheimnis ständig verwirklicht.
Zugleich bleiben die Apostel und die Jünger des Herrn unter allen Völkern der
Erde »beharrlich im Gebet zusammen mit Maria, der Mutter Jesu« (vgl.

Apg 1, 14). Indem sie von Generation zu Generation das Zeichen des Reiches
bilden, das nicht von dieser Welt ist,67 sind sie sich auch bewußt, daß
sie sich inmitten dieser Welt um jenen König sammeln müssen, dem die
Völker zum Erbe gegeben sind (Ps 2, 8), dem Gott Vater »den Thron seines
Vaters David« gegeben hat, so daß er »über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen
und seine Herrschaft kein Ende haben wird«.

Mit diesem
Glauben, der sie besonders vom Augenblick der Verkündigung an selig gemacht
hat, ist Maria in dieser Zeit der Erwartung zugegen in der Sendung der Kirche,
zugegen im Wirken der Kirche, die das Reich ihres Sohnes in die Welt einführt
.68
Diese Gegenwart Marias findet heute wie in der ganzen Geschichte der Kirche
vielfältige Ausdrucksweisen. Sie hat auch einen vielseitigen Wirkungsbereich:
durch den Glauben und die Frömmigkeit der einzelnen Gläubigen, durch die
Traditionen der christlichen Familien oder der »Hauskirchen«, der Pfarr- und
Missionsgemeinden, der Ordensgemeinschaften, der Diözesen, durch die werbende
und ausstrahlende Kraft der großen Heiligtümer, in denen nicht nur einzelne
oder örtliche Gruppen, sondern bisweilen ganze Nationen und Kontinente die
Begegnung mit der Mutter des Herrn suchen, mit derjenigen, die selig ist, weil
sie geglaubt hat, die die erste unter den Gläubigen ist und darum Mutter des
Immanuel geworden ist. Das ist der Ruf der Erde Palästinas, der geistigen
Heimat aller Christen, weil es die Heimat des Erlösers der Welt und seiner
Mutter ist. Das ist der Ruf so vieler Kirchen, die der christliche Glaube in
Rom und über die ganze Welt hin die Jahrhunderte hindurch errichtet hat. Das
ist auch die Botschaft der Orte wie Guadalupe, Lourdes, Fatima und der anderen
in den verschiedenen Ländern, unter denen auch, wie könnte ich nicht daran
denken, jener Ort meiner Heimat ist, Jasna Góra. Man könnte von einer eigenen


»Geographie« des Glaubens und der marianischen Frömmigkeit sprechen, die alle
diese Orte einer besonderen Pilgerschaft des Gottesvolkes umfaßt, das die
Begegnung mit der Muttergottes sucht, um im Bereich der mütterlichen Gegenwart
»derjenigen, die geglaubt hat«, den eigenen Glauben bestärkt zu finden. Im
Glauben Marias
hat sich ja schon bei der Verkündigung und dann endgültig
unter dem Kreuz von seiten des Menschen jener innere Raum wieder
geöffnet, in welchem der ewige Vater uns »mit allem geistlichen Segen« erfüllen
kann: der Raum »des neuen und ewigen Bundes«.69 Dieser Raum bleibt in
der Kirche bestehen, die in Christus »gleichsam das Sakrament, das heißt
Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit
der ganzen Menschheit« ist.70

Im Glauben, den
Maria bei der Verkündigung als »Magd des Herrn« bekannte und mit dem sie dem
Gottesvolk auf seinem Pilgerweg ständig »vorangeht«, strebt die Kirche
»unablässig danach, die ganze Menschheit... unter dem einen Haupt Christus
zusammenzufassen
in der Einheit seines Geistes«.71

2. Der
Weg der Kirche und die Einheit aller Christen

29.
»Der Geist erweckt in allen Jüngern Christi Sehnsucht und Taten, daß sich
alle
in der von Christus festgesetzten Weise in der einen Herde unter
dem einen Hirten in Frieden vereinen
«.72

Der Weg der
Kirche ist vor allem in unserer Epoche vom ökumenismus gekennzeichnet; die
Christen suchen nach Wegen, um jene Einheit wieder herzustellen, die Christus
am Tag vor seinem Leiden für seine Jünger vom Vater erbeten hat: »Alle
sollen eins sein
: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen
auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, daß du mich gesandt hast« (
Joh 17, 21 ). Die Einheit der Jünger Christi ist also ein großes
Zeichen, um den Glauben der Welt zu wecken, während ihre Spaltung ein ärgernis
darstellt.73

Die ökumenische
Bewegung als klareres und weitverbreitetes Bewußtsein, daß es die Einheit aller
Christen dringlich zu verwirklichen gilt, hat auf seiten der katholischen
Kirche ihren höchsten Ausdruck im Werk des II. Vatikanischen Konzils gefunden:
Die Christen sollen in sich selbst und in jeder ihrer Gemeinschaften jenen
»Glaubensgehorsam« vertiefen, für den Maria das erste und leuchtendste Beispiel
ist. Und weil sie »dem pilgernden Gottesvolk als Zeichen der sicheren Hoffnung
und des Trostes voranleuchtet«, »bereitet es dieser Heiligen Synode große
Freude und Trost, daß auch unter den getrennten Brüdern solche nicht
fehlen, die der Mutter des Herrn und Erlösers die gebührende Ehre erweisen, und
dies besonders bei den Orientalen«.74

30.
Die Christen wissen, daß sie ihre Einheit nur dann wahrhaft wiederfinden, wenn
sie diese auf die Einheit ihres Glaubens gründen. Sie haben dabei keine
geringen Unterschiede in der Lehre vom Geheimnis und vom Dienstamt der Kirche
sowie manchmal auch von der Aufgabe Marias im Heilswerk zu
überwinden.75 Die verschiedenen Dialoge, die von der katholischen
Kirche mit den Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften im Abendland76
begonnen worden sind, konzentrieren sich immer mehr auf diese beiden
untrennbar
miteinander verbundenen Aspekte des einen
Heilsgeheimnisses. Wenn das Geheimnis des menschgewordenen göttlichen Wortes
uns auch das Geheimnis der göttlichen Mutterschaft erkennen läßt und die
Betrachtung der Gottesmutter uns ihrerseits zu einem tieferen Verständnis des
Geheimnisses der Inkarnation führt, so muß man dasselbe vom Geheimnis der
Kirche und von der Aufgabe Marias im Heilswerk sagen. Indem die Christen ein
tieferes Verständnis des einen wie des anderen suchen und das eine durch das
andere erhellen, werden sie, die darauf bedacht sind zu tun - wie ihre Mutter
ihnen rät -, was Jesus ihnen sagt (vgl. Joh 2, 5), gemeinsame
Fortschritte machen können auf dieser »Pilgerschaft des Glaubens«, für die
Maria selbst das bleibende Beispiel ist: Sie soll sie zur Einheit führen, wie
sie von dem einen, allen gemeinsamen Herrn gewollt ist und von denjenigen heiß

ersehnt wird, die aufmerksam auf das hören, »was der Geist heute den Kirchen
sagt« (vgl. Offb 2, 7. 11. 17).

Indessen ist es
ein gutes Vorzeichen, daß diese Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften in
grundlegenden Punkten des christlichen Glaubens, auch was die Jungfrau Maria
betrifft, mit der katholischen Kirche übereinstimmen. Sie erkennen sie ja als
Mutter des Herrn an und sind davon überzeugt, daß dies zu unserem Glauben an
Christus, den wahren Gott und wahren Menschen, gehört. Sie schauen auf sie, die
zu Füßen des Kreuzes den Lieblingsjünger als ihren Sohn empfängt, der wiederum
sie als Mutter erhält.

Warum also
nicht alle zusammen auf sie als unsere gemeinsame Mutter schauen, die
für die Einheit der Gottesfamilie betet und die allen »vorangeht« an der Spitze
des langen Zuges von Zeugen für den Glauben an den einen Herrn, der Sohn Gottes
ist und durch den Heiligen Geist in ihrem jungfräulichen Schoß empfangen wurde?

31.
Andererseits möchte ich unterstreichen, wie tief sich die katholische Kirche,
die orthodoxe Kirche und die altorientalischen Kirchen in der Liebe und
Verehrung für die Theotokos, die Gottesgebärerin, verbunden wissen.
Nicht nur sind »die grundlegenden Dogmen des christlichen Glaubens von der
Dreifaltigkeit und des aus der Jungfrau Maria menschgewordenen Wortes Gottes
auf ökumenischen Konzilien, die im Orient stattfanden, definiert
worden«,77 sondern auch in ihrer Liturgie »preisen die Orientalen in
herrlichen Hymnen Maria als die allzeit jungfräuliche ... und heilige
Gottesmutter«.78

Die Brüder
dieser Kirchen haben schwierige Epochen durchlebt; aber immer war ihre
Geschichte von einem lebendigen Verlangen nach christlichem Einsatz und
apostolischer Ausstrahlung durchdrungen, auch wenn oft sogar unter blutigen
Verfolgungen. Es ist eine Geschichte der Treue zum Herrn, eine wahrhafte
»Pilgerschaft im Glauben« durch Orte und Zeiten, während denen die
orientalischen Christen immer mit grenzenlosem Vertrauen auf die Mutter des
Herrn geschaut, sie mit Gesängen gefeiert und mit Gebeten unaufhörlich
angerufen haben. In den schwierigen Augenblicken ihrer mühevollen christlichen
Existenz »haben sie sich unter ihren Schutz geflüchtet«,79 weil sie
sich bewußt waren, in ihr eine mächtige Helferin zu haben. Die Kirchen, die
sich zur Glaubenslehre von Ephesus bekennen, nennen die Jungfrau »wahre Mutter
Gottes«; denn »unser Herr Jesus Christus, vom Vater vor aller Zeit in seiner
Göttlichkeit geboren, ist als derselbe in den letzten Tagen für uns und zu
unserem Heil von der Jungfrau Maria und Mutter Gottes in seiner Menschheit
geboren worden«.80 Indem die griechischen Väter und die byzantinische
Tradition die Jungfrau im Licht des menschgewordenen Wortes betrachteten, haben
sie die Tiefe jenes geistigen Bandes zu durchdringen gesucht, das Maria als
Muttergottes mit Christus und mit der Kirche verbindet: Die Jungfrau bleibt im
gesamten Bereich des Heilsgeheimnisses stets gegenwärtig.

Die koptischen
und äthiopischen Traditionen sind durch den hl. Cyrill von Alexandrien in diese
Betrachtungsweise des Geheimnisses Marias eingeführt worden und haben sie
ihrerseits in reichen poetischen Werken gefeiert.81 Die dichterische
Kunst des hl. Ephräm des Syrers, der »Zither des Heiligen Geistes« genannt
worden ist, hat unermüdlich Maria besungen und in der Tradition der syrischen
Kirche eine noch heute vorhandene Spur hinterlassen.82 In seinem
Lobgesang an die Theotokos vertieft der hl. Gregor von Narek, eine der
berühmtesten Gestalten Armeniens, mit machtvoller poetischer Begabung die
verschiedenen Aspekte des Geheimnisses der Inkarnation, und jeder von ihnen ist
ihm eine Gelegenheit, die außergewöhnliche Würde und herrliche Schönheit der
Jungfrau Maria, der Mutter des menschgewordenen Wortes, zu besingen und zu
preisen.83

Es verwundert
darum nicht, daß Maria in der Liturgie der altorientalischen Kirchen mit einer
unvergleichlichen Fülle von Festen und Hymnen einen bevorzugten Platz einnimmt.

32.
In der byzantinischen Liturgie ist in allen Horen des Stundengebetes mit dem
Lobpreis des Sohnes und mit dem Lobpreis, der durch den Sohn im Heiligen Geist
zum Vater aufsteigt, auch der Lobpreis der Mutter verbunden. In der Anaphora,
dem eucharistischen Hochgebet, des heiligen Johannes Chrysostomus besingt die
versammelte Gemeinde gleich nach der Epiklese die Muttergottes mit folgenden
Worten: »Wahrhaft recht ist es, dich, o Gottesgebärerin, seligzupreisen, der du
die seligste und reinste Mutter unseres Gottes bist. Wir lobpreisen dich, der
du an Ehre die Kerubim übertriffst, an Herrlichkeit die Serafim bei weitem
überragst. Der du, ohne deine Jungfräulichkeit zu verlieren, das Wort Gottes
zur Welt gebracht hast; der du wahrhaft Mutter Gottes bist«.

Diese Lobpreisungen,
die sich in jeder Feier der eucharistischen Liturgie zu Maria erheben, haben
den Glauben, die Frömmigkeit und das Gebetsleben der Gläubigen geformt. Im
Laufe der Jahrhunderte haben sie ihre ganze geistliche Einstellung durchdrungen
und in ihnen eine tiefe Verehrung für die »Hochheilige Mutter Gottes«

hervorgerufen.

33.
In diesem Jahr werden es 1200 Jahre seit dem II. ökumenischen Konzil Nizäa
(787), auf dem zur Beendigung der bekannten Auseinandersetzung über die
Verehrung von religiösen Bildern definiert wurde, daß man nach der Lehre der
Väter und der allgemeinen Tradition der Kirche zusammen mit dem heiligen Kreuz
auch die Bilder der Muttergottes, der Engel und der Heiligen in den Kirchen
sowie in den Häusern und an den Straßen den Gläubigen zur Verehrung anbieten
dürfe.84 Dieser Brauch hat sich im ganzen Osten und auch im Westen
erhalten: Die Bilder der Jungfrau Maria haben in den Kirchen und Häusern einen
Ehrenplatz. Maria ist dort dargestellt als Thron Gottes, der den Herrn trägt
und ihn den Menschen schenkt (Theotokos), oder als Weg, der zu Christus
führt und auf ihn hinweist (Odigitria) oder als Betende in fürbittender
Haltung und als Zeichen der Gegenwart Gottes auf dem Pilgerweg der Gläubigen
bis zum Tag des Herrn (Deisis) oder als Schirmherrin, die ihren Mantel

über die Völker breitet (Prokov) oder als barmherzige und mitfühlende
Jungfrau (Eleousa). Gewöhnlich ist sie zusammen mit ihrem Sohn
dargestellt, mit dem Jesuskind auf dem Arm: Die Beziehung zum Sohn verherrlicht
ja die Mutter. Zuweilen umarmt sie ihn liebevoll (Glykofilousa);
manchmal scheint sie ernst und erhaben der Betrachtung dessen hingegeben, der
der Herr der Geschichte ist (vgl. Offb 5, 9-14).85

Es ist
angebracht, auch an die Ikone der Madonna von Wladimir zu erinnern, die den
Glaubensweg der Völker des alten Rus’ stets begleitet hat. Es nähert sich die
Tausendjahrfeier der Bekehrung zum Christentum jener bedeutenden Gegenden: Land
einfacher Leute, von Denkern und Heiligen. Die Ikonen werden noch heute unter
verschiedenen Titeln in der Ukraine, in Weißrußland und in Rußland verehrt: Es
sind Bilder, die den Glauben und den Gebetsgeist des einfachen Volkes bezeugen,
das ein Gespür für die beschützende Gegenwart der Muttergottes hat. In ihnen leuchtet
die Jungfrau auf als Abbild der göttlichen Schönheit, als Sitz der ewigen
Weisheit, als Vorbild des betenden Menschen, als Urbild der Kontemplation, als
Bild der Herrlichkeit: diejenige, die seit ihrem irdischen Leben ein
geistliches Wissen besaß, das menschlichem Denken unzugänglich ist, und die
durch den Glauben eine noch tiefere Erkenntnis erlangt hat. Ferner erinnere ich
an die Ikone von der Jungfrau im Abendmahlssaal, mit den Aposteln im Gebet
versammelt in Erwartung des Heiligen Geistes: Könnte sie nicht gleichsam das
Zeichen der Hoffnung für all diejenigen werden, die in brüderlichem Dialog
ihren Glaubensgehorsam vertiefen möchten?

34.
Ein solcher Reichtum an Lobpreis, wie er von den verschiedenen Formen der
großen Tradition der Kirche angesammelt worden ist, könnte uns dazu verhelfen,
daß diese wieder ganz mit zwei Lungen atmet: mit Orient und Okzident. Wie ich
schon mehrmals betont habe, ist dies heute mehr denn je notwendig. Dies wäre
eine echte Hilfe, um den Dialog, der zwischen der katholischen Kirche und den
Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften des Abendlandes im Gange ist,
voranzubringen.86 Es wäre für die pilgernde Kirche auch der Weg, ihr
Magnifikat vollkommener zu singen und zu leben.

3. Das
Magnifikat der Kirche auf ihrem Pilgerweg

35.
In der gegenwärtigen Phase ihres Pilgerweges sucht die Kirche die Einheit derer
wiederzufinden, die sich in ihrem Glauben zu Christus bekennen, jene Einheit,
die im Laufe der Jahrhunderte verlorengegangen ist, um sich so ihrem Herrn
gegenüber gehorsam zu erweisen, der vor seinem Leiden für diese Einheit gebetet
hat. Indessen »schreitet die Kirche... auf ihrem Pilgerweg voran und verkündet
das Kreuz und den Tod des Herrn, bis er wiederkommt«.87 »Auf ihrem Weg
durch Prüfungen und Trübsal wird die Kirche durch die Kraft der ihr vom
Herrn verheißenen Gnade Gottes gestärkt
, damit sie in der Schwachheit des
Fleisches nicht abfalle von der vollkommenen Treue, sondern die würdige Braut
ihres Herrn verbleibe und unter der Wirksamkeit des Heiligen Geistes nicht
aufhöre, sich selbst zu erneuern, bis sie durch das Kreuz zum Lichte gelangt,
das keinen Untergang kennt«.88

Die Jungfrau
und Mutter ist auf diesem Weg des Volkes Gottes im Glauben zum Licht stets
gegenwärtig. Das zeigt in einer besonderen Weise der Lobgesang des
Magnifikat,
der, aus der Tiefe des Glaubens Marias auf ihrem Besuch bei
Elisabet entsprungen
, unaufhörlich im Herzen der Kirche die Jahrhunderte
hindurch widerhallt. Das beweist seine tägliche Wiederholung in der
Vesperliturgie und in so vielen anderen Momenten persönlicher wie
gemeinschaftlicher Frömmigkeit.

»Meine Seele
preist die Größe des Herrn,

und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.
Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut.
Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.
Dennder Mächtige hat Großes an mir getan, und sein Name ist heilig.
Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten.

Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten:
Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind;
er stürzt die Mächtigen vom Thron
und erhöht die Niedrigen.
Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben
und läßt die Reichen leer ausgehen.
Er nimmt sich seines Knechtes Israel an

und denkt an sein Erbarmen,
das er unsern Vätern verheißen hat,
Abraham und seinen Nachkommen auf ewig«
(Lk 1, 46-55).

36.
Als Elisabet ihre junge Verwandte begrüßte, die von Nazaret zu ihr kam, antwortete
Maria mit dem Magnifikat
. In ihrer Begrüßung hatte Elisabet zuvor Maria
seliggepriesen: wegen der »Frucht ihres Leibes« und dann wegen ihres Glaubens
(vgl. Lk 1, 42. 45). Diese zwei Seligpreisungen bezogen sich unmittelbar
auf den Augenblick der Verkündigung. Jetzt, bei diesem Besuch, als der Gruß Elisabets
auf diesen allesüberragenden Augenblick hinweist, wird sich Maria ihres
Glaubens in einer neuen Weise bewußt und gibt ihm einen neuen Ausdruck. Was bei
der Verkündigung in der Tiefe des »Gehorsams des Glaubens« verborgen blieb,
bricht jetzt gleichsam hervor wie eine helle, belebende Flamme des Geistes. Die
Worte, die Maria an der Schwelle zum Haus Elisabets benutzt, stellen ein
geistgewirktes Bekenntnis dieses ihres Glaubens
dar, bei dem sich ihre Antwort
auf die vernommene Offenbarung
in einer frommen und poetischen Erhebung
ihres ganzen Seins zu Gott ausdrückt. Ihre erlesenen Worte, die so einfach und
zugleich ganz durch die heiligen Texte Israels inspiriert sind,89

zeigen die tiefe persönliche Erfahrung Marias, den Jubel ihres Herzens. In
ihnen leuchtet ein Strahl des Geheimnisses Gottes auf, der Glanz seiner
unsagbaren Heiligkeit, seine ewige Liebe, die als ein unwiderrufliches
Geschenk in die Geschichte des Menschen eintritt
.

Maria ist die
erste, die an dieser neuen göttlichen Offenbarung und der darin liegenden neuen
»Selbstmitteilung« Gottes teilhat. Darum ruft sie aus: »Großes hat der Mächtige
an mir getan, und heilig ist sein Name«. Ihre Worte geben die Freude ihres
Geistes wieder, die nur schwer auszudrücken ist: »Mein Geist jubelt über Gott,
meinen Retter«. Denn »die Tiefe der durch diese Offenbarung über Gott und über
das Heil des Menschen erschlossenen Wahrheit leuchtet uns auf in Christus, der
zugleich der Mittler und die Fülle der ganzen Offenbarung ist«.90 Im
Jubel ihres Herzens bekennt Maria, Einlaß gefunden zu haben in die innerste
Mitte dieser Fülle Christi
. Sie ist sich bewußt, daß sich an ihr die
Verheißung erfüllt, die an die Väter und vor allem an »Abraham und seine
Nachkommen auf ewig« ergangen ist; daß also auf sie als die Mutter Christi der
gesamte Heilsplan
hingeordnet ist, in dem sich »von Geschlecht zu
Geschlecht« derjenige offenbart, der als Gott des Bundes »an sein Erbarmen
denkt«.

37.
Die Kirche, die von Anfang an ihren irdischen Weg ähnlich wie die Mutter Gottes
geht, spricht nach ihrem Beispiel immer wieder neu die Worte des Magnifikat.
Aus dem tiefen Glauben der Jungfrau bei der Verkündigung des Engels und während
des Besuches bei Elisabet schöpft die Kirche die Wahrheit über den Gott des
Bundes: über Gott, der allmächtig ist und »Großes« am Menschen tut; denn
»heilig ist sein Name«. Im Magnifikat erkennt sie, daß die Sünde, die am Anfang
der irdischen Geschichte des Mannes und der Frau steht, die Sünde der
Ungläubigkeit, der »Kleingläubigkeit« gegenüber Gott, an der Wurzel besiegt
ist. Gegen den Verdacht, den der »Vater der Lüge« im Herzen Evas, der ersten
Frau, hat aufkeimen lassen, verkündet Maria, von der Tradition oft »neue
Eva«91 und wahre »Mutter der Lebenden«92 genannt, kraftvoll die
leuchtende Wahrheit über Gott
: über den heiligen und allmächtigen Gott, der
von Anfang an die Quelle jeder Gnadengabe ist, der »Großes« getan hat.
Allem, was ist, schenkt Gott das Dasein im Schöpfungsakt. Indem er den Menschen
erschafft, verleiht er ihm die Würde, sein Bild und Gleichnis zu sein, und dies
auf besondere Weise im Vergleich zu allen anderen Kreaturen der Erde. Und trotz
der Sünde des Menschen läßt sich Gott in seiner Bereitschaft, zu schenken,
nicht aufhalten; er schenkt sich in seinem Sohn: »Gott hat die Welt so
sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab« (Joh 3, 16). Maria
bezeugt als erste diese wundervolle Wahrheit, die sich voll verwirklichen wird
in den Taten und Worten (vgl. Apg 1, 1) ihres Sohnes und endgültig in
seinem Kreuz und seiner Auferstehung.

Die Kirche, die
auch in »Prüfungen und Bedrängnissen« unablässig mit Maria die Worte des
Magnifikat wiederholt, wird durch die machtvolle Wahrheit über Gott gestärkt,
wie sie damals in einer so außerordentlichen Schlichtheit verkündet worden ist,
und möchte zugleich mit dieser Wahrheit über Gott die schwierigen und
manchmal verschlungenen Wege der irdischen Existenz der Menschen erhellen.
Der Pilgerweg der Kirche gegen Ende des zweiten christlichen Jahrtausends enthält
einen neuen Sendungsauftrag. Die Kirche, die demjenigen folgt, der von sich
gesagt: »Der Herr... hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute
Nachricht
bringe« (vgl. Lk 4, 18), hat von Generation zu Generation
dieselbe Sendung zu verwirklichen gesucht und tut dies auch heute.

Ihre
vorrangige Liebe zu den Armen
ist im Magnifikat Marias eindrucksvoll enthalten. Der
Gott des Bundes, im Jubel des Herzens der Jungfrau von Nazaret besungen, ist
zugleich derjenige, der »die Mächtigen vom Thron stürzt und die Niedrigen
erhöht«, der »die Hungernden mit seinen Gaben beschenkt und die Reichen leer
ausgehen läßt«, der »die Hochmütigen zerstreut« und »sich über alle erbarmt,
die ihn fürchten«. Maria ist tief durchdrungen vom Geist der »Armen Jahwes«,
die im Gebet der Psalmen ihr Heil von Gott erwarteten, in den sie ihre Hoffnung
setzten (vgl. Ps 25; 31; 35; 55). Sie verkündet ja die Ankunft des
Heilsgeheimnisses, das Kommen des »Messias der Armen« (vgl. Jes 11, 4; 61,
1). Indem die Kirche aus dem Herzen Marias schöpft, aus ihrem tiefen Glauben,
wie er in den Worten des Magnifikat zum Ausdruck kommt, wird sich die Kirche
immer wieder neu und besser bewußt, daß man die Wahrheit über Gott, der
rettet
, über Gott, die Quelle jeglicher Gabe, nicht von der Bekundung
seiner vorrangigen Liebe für die Armen und Niedrigen trennen kann
, wie sie,
bereits im Magnifikat besungen, dann in den Worten und Taten Jesu ihren
Ausdruck findet.


Die Kirche ist
sich also nicht nur bewußt - und in unserer Zeit verstärkt sich dieses
Bewußtsein in einer ganz besonderen Weise -, daß sich diese zwei schon im
Magnifikat enthaltenen Elemente nicht voneinander trennen lassen, sondern auch,
daß sie die Bedeutung, die die »Armen« und die »Option zugunsten der Armen« im
Wort des lebendigen Gottes haben,sorgfältig sicherstellen muß. Es
handelt sich hierbei um Themen und Probleme, die eng verbunden sind mit dem christlichen
Sinn von Freiheit und Befreiung
. »Ganz von Gott abhängig und durch ihren
Glauben ganz auf ihn hingeordnet, ist Maria an der Seite ihres Sohnes das
vollkommenste Bild der Freiheit und der Befreiung
der Menschheit und des
Kosmos. Auf Maria muß die Kirche, deren Mutter und Vorbild sie ist, schauen, um
den Sinn ihrer eigenen Sendung in vollem Umfang zu verstehen«.93

3. TEIL - MüTTERLICHE VERMITTLUNG

1. Maria, Magd des Herrn

38. Die Kirche weiß und lehrt mit
dem hl. Paulus, daß nur einer unser Mittler ist: »Einer ist Gott, einer auch
Mittler zwischen Gott und den Menschen: der Mensch Christus Jesus, der sich als
Lösegeld hingegeben hat für alle« (1 Tim 2, 5-6 ). »Marias mütterliche
Aufgabe gegenüber den Menschen verdunkelt oder mindert diese einzige
Mittlerschaft Christi in keiner Weise, sondern zeigt ihre Wirkkraft«:94

Sie ist Mittlerschaft in Christus.

Die Kirche weiß
und lehrt, daß »jeglicher heilsame Einfluß der seligen Jungfrau auf die
Menschen... aus dem Wohlgefallen Gottes kommt und aus dem überfluß der
Verdienste Christi
hervorgeht, sich auf seine Mittlerschaft stützt, von ihr
vollständig abhängt und aus ihr seine ganze Wirkkraft schöpft; in keiner Weise
behindert er die unmittelbare Verbundenheit der Gläubigen mit Christus, sondern
fördert sie sogar«.95 Dieser heilsame Einfluß ist vom Heiligen Geist
getragen, der ebenso, wie er die Jungfrau Maria mit seiner Kraft überschattete
und in ihr die göttliche Mutterschaft beginnen ließ, sie fortwährend in ihrer
Sorge für die Brüder ihres Sohnes bestärkt.

Die Mittlerschaft
Marias ist ja eng mit ihrer Mutterschaft verbunden und besitzt einen
ausgeprägt mütterlichen Charakter, der sie von der Mittlerschaft der anderen
Geschöpfe unterscheidet, die auf verschiedene, stets untergeordnete Weise an
der einzigen Mittlerschaft Christi teilhaben, obgleich auch Marias
Mittlerschaft eine teilhabende ist.96 Wenn »nämlich keine Kreatur mit
dem menschgewordenen Wort und Erlöser jemals verglichen werden kann«, »so
schließt (doch) die Einzigkeit der Mittlerschaft des Erlösers im geschöpflichen
Bereich ein verschiedenartiges Zusammenwirken durch Teilhabe an der
einzigen Quelle nicht aus, sondern regt es sogar an«. So »wird die Güte Gottes
in verschiedener Weise wahrhaft auf die Geschöpfe ausgegossen«.97

Die Lehre des
II. Vatikanischen Konzils stellt die Wahrheit von der Mittlerschaft Marias dar
als Teilhabe an dieser einzigen Quelle der Mittlerschaft Christi selbst.
So lesen wir dort: »Eine solche untergeordnete Aufgabe Marias zu bekennen
zögert die Kirche nicht, sie erfährt sie ständig und legt sie den Gläubigen ans
Herz, damit sie unter diesem mütterlichen Schutz dem Mittler und Erlöser
inniger verbunden seien«.98 Diese Aufgabe ist zugleich besonders und
außerordentlich
. Sie entspringt aus ihrer göttlichen Mutterschaft und kann
nur dann im Glauben verstanden und gelebt werden, wenn man die volle Wahrheit

über diese Mutterschaft zugrundelegt. Indem Maria kraft göttlicher Erwählung
die Mutter des dem Vater wesensgleichen Sohnes ist, »ist sie (auch) uns in
der Ordnung der Gnade Mutter geworden
«.99 Diese Aufgabe ist eine
konkrete Weise ihrer Gegenwart im Heilsgeheimnis Christi und der Kirche.

39.
Unter diesem Gesichtspunkt müssen wir noch einmal das grundlegende Ereignis in
der Heilsordnung, nämlich die Menschwerdung des Wortes bei der Verkündigung,
betrachten. Es ist bedeutungsvoll, daß Maria, als sie im Wort des Gottesboten
den Willen des Höchsten erkennt und sich seiner Macht unterwirft, spricht: »Ich
bin die Magd des Herrn
; mir geschehe, wie du es gesagt hast« (Lk 1,
38). Der erste Akt der Unterwerfung unter diese eine Mittlerschaft »zwischen
Gott und den Menschen«, die Mittlerschaft Jesu Christi, ist die Annahme der
Mutterschaft durch die Jungfrau von Nazaret. Maria stimmt der Wahl Gottes zu,
um durch den Heiligen Geist die Mutter des Sohnes Gottes zu werden. Man kann
sagen, daß diese ihre Zustimmung zur Mutterschaft vor allem eine Frucht
ihrer vollen Hingabe an Gott in der Jungfräulichkeit
ist. Maria hat die
Erwählung zur Mutter des Sohnes Gottes angenommen, weil sie von bräutlicher
Liebe geleitet war, die eine menschliche Person voll und ganz Gott »weiht«. Aus
der Kraft dieser Liebe wollte Maria immer und in allem »gottgeweiht« sein,
indem sie jungfräulich lebte. Die Worte »Ich bin die Magd des Herrn« bringen
zum Ausdruck, daß sie von Anfang an ihre Mutterschaft angenommen und verstanden
hat als die völlige Hingabe ihrer selbst, ihrer Person, für den Dienst
an den Heilsplänen des Höchsten
. Und ihre ganze mütterliche Teilnahme am
Leben Jesu Christi, ihres Sohnes, hat sie bis zum Schluß in einer Weise
vollzogen, wie sie ihrer Berufung zur Jungfräulichkeit entsprach.

Die
Mutterschaft Marias, die ganz von der bräutlichen Haltung einer »Magd des
Herrn« durchdrungen ist, stellt die erste und grundlegende Dimension jener
Mittlerschaft dar, welche die Kirche von ihr bekennt und verkündet100
und die sie den Gläubigen fortwährend ans Herz legt, weil sie hierauf große
Hoffnung setzt. Man muß ja bedenken, daß sich zuerst Gott selbst, der
ewige Vater, der Jungfrau von Nazaret anvertraut hat, indem er ihr den
eigenen Sohn im Geheimnis der Menschwerdung schenkte. Diese ihre Erwählung zur
höchsten Aufgabe und Würde, dem Sohn Gottes Mutter zu sein, bezieht sich auf
der Ebene des Seins auf die Wirklichkeit der Verbindung der zwei Naturen in der
Person des ewigen Wortes (hypostatische Union). Diese grundlegende
Tatsache, Mutter des Sohnes Gottes zu sein, bedeutet von Anfang an ein völliges
Offensein für die Person Christi, für all sein Wirken, für seine ganze Sendung.
Die Worte »Ich bin die Magd des Herrn« bezeugen die geistige Offenheit Marias,
die auf vollkommene Weise die der Jungfräulichkeit eigene Liebe und die
charakteristische Liebe der Mutterschaft in sich vereint, die so beide
miteinander verbunden und gleichsam verschmolzen sind.

Darum ist Maria
nicht nur die »Mutter und Ernährerin« des Menschensohnes geworden, sondern auch
die »ganz einzigartige hochherzige Gefährtin«101 des Messias und
Erlösers. Sie ging - wie schon gesagt - den Pilgerweg des Glaubens, und auf
dieser ihrer Pilgerschaft bis unter das Kreuz hat sich zugleich ihre
mütterliche Mitwirkung an der gesamten Sendung des Heilandes mit ihren
Taten und ihren Leiden vollzogen. Auf dem Weg dieser Mitwirkung beim Werk ihres
Sohnes, des Erlösers, erfuhr die Mutterschaft Marias ihrerseits eine
einzigartige Umwandlung, indem sie sich immer mehr mit einer »brennenden Liebe«

zu all denjenigen anfüllte, denen die Sendung Christi galt. Durch eine solche
»brennende Liebe«, die darauf gerichtet war, zusammen mit Christus die
»Wiederherstellung des übernatürlichen Lebens der Seelen«102 zu wirken,
ist Maria auf ganz persönliche Weise in die alleinige Mittlerschaft zwischen
Gott und den Menschen eingetreten, in die Mittlerschaft des Menschen Jesus
Christus
. Wenn sie selbst als erste die übernatürlichen Auswirkungen dieser
alleinigen Mittlerschaft an sich erfahren hat - schon bei der Verkündigung war
sie als »voll der Gnade« begrüßt worden -, dann muß man sagen, daß sie durch
diese Fülle an Gnade und übernatürlichem Leben in besonderer Weise für das
Zusammenwirken mit Christus, dem einzigen Vermittler des Heils der Menschen,
vorbereitet war. Und ein solches Mitwirken ist eben diese der Mittlerschaft
Christi untergeordnete Mittlerschaft Marias
.

Bei Maria
handelt es sich um eine spezielle und außerordentliche Mittlerschaft, die auf
ihrer »Gnadenfülle« beruht, die sich in eine volle Verfügbarkeit der »Magd des
Herrn« übertrug. Als Antwort auf diese innere Verfügbarkeit seiner Mutter bereitete
Jesus Christus sie immer tiefer vor, den Menschen »Mutter in der Ordnung der
Gnade« zu werden
. Darauf weisen wenigstens in direkt bestimmte
Einzelangaben der Synoptiker (vgl. Lk 11, 28; 8, 20-21; Mk 3,
32-34; Mt 12, 47-49) und mehr noch des Johannesevangeliums (vgl. 2,
1-11; 19, 25-27) hin, die ich bereits hervorgehoben habe. Die Worte, die Jesus
am Kreuz zu Maria und Johannes gesprochen hat, sind in dieser Hinsicht
besonders aufschlußreich.

40.
Als Maria nach den Ereignissen von Auferstehung und Himmelfahrt mit den
Aposteln in Erwartung des Pfingstfestes den Abendmahlssaal betrat, war sie dort
zugegen als Mutter des verherrlichten Herrn. Sie war nicht nur diejenige, die
»den Pilgerweg des Glaubens ging« und ihre Verbundenheit mit dem Sohn »bis zum
Kreuz« in Treue bewahrte, sondern auch die »Magd des Herrn«, die ihr Sohn
als Mutter inmitten der soeben entstehenden Kirche zurückgelassen hatte
:
»Siehe, deine Mutter!«. So begann sich ein besonderes Band zwischen dieser
Mutter und der Kirche zu bilden. Die entstehende Kirche war ja die Frucht des
Kreuzes und der Auferstehung ihres Sohnes. Maria, die sich von Anfang an
vorbehaltlos der Person und dem Werk des Sohnes zur Verfügung gestellt hatte,
mußte diese ihre mütterliche Hingabe von Beginn an auch der Kirche zuwenden.
Nach dem Weggehen des Sohnes besteht ihre Mutterschaft in der Kirche fort als mütterliche
Vermittlung
: Indem sie als Mutter für alle ihre Kinder eintritt, wirkt sie mit
im Heilshandeln des Sohnes, des Erlösers der Welt. Das Konzil lehrt: »Diese
Mutterschaft Marias in der Gnadenordnung dauert unaufhörlich fort... bis
zur ewigen Vollendung aller Auserwählten«.103 Die mütterliche
Mittlerschaft der Magd des Herrn hat mit dem Erlösertod ihres Sohnes eine
universale Dimension erlangt, weil das Werk der Erlösung alle Menschen umfaßt.
So zeigt sich auf besondere Weise die Wirksamkeit der einen und universalen
Mittlerschaft Christi »zwischen Gott und den Menschen«. Die Mitwirkung Marias nimmt

in ihrer untergeordneten Art teil am allumfassenden Charakter der
Mittlerschaft des Erlösers
, des einen Mittlers. Darauf weist das Konzil mit
den soeben zitierten Worten deutlich hin.

»In den Himmel
aufgenommen« - so lesen wir dort weiter - »hat sie nämlich diesen
heilbringenden Auftrag nicht aufgegeben, sondern fährt durch ihre vielfältige
Fürbitte fort, uns die Gaben des ewigen Heils zu erwirken«.104 Mit
diesem »fürbittenden« Charakter, der sich zum erstenmal zu Kana in Galiläa
gezeigt hat, setzt sich die Mittlerschaft Marias in der Geschichte der Kirche
und der Welt fort. Wir lesen, daß Maria »in ihrer mütterlichen Liebe Sorge
trägt für die Brüder ihres Sohnes, die noch auf der Pilgerschaft sind und in
Gefahren und Bedrängnissen leben, bis sie zur seligen Heimat
gelangen«.105 So dauert die Mutterschaft Marias in der Kirche
unaufhörlich fort als Mittlerschaft der Fürbitte, und die Kirche bekundet ihren
Glauben an diese Wahrheit, indem sie Maria »unter dem Titel der Fürsprecherin,
der Helferin, des Beistandes und der Mittlerin« anruft.106

41.
Durch ihre Mittlerschaft, die jener des Erlösers untergeordnet ist, trägt Maria
in besonderer Weise zur Verbundenheit der pilgernden Kirche auf Erden
mit der eschatologischen und himmlischen Wirklichkeit der Gemeinschaft der
Heiligen
bei, da sie ja schon »in den Himmel aufgenommen« worden
ist.107 Die Wahrheit von der Aufnahme Marias, die von Pius XII.
definiert wurde, ist vom II. Vatikanischen Konzil bekräftigt worden, das den
Glauben der Kirche auf folgende Weise ausdrückt: »Schließlich wurde die
unbefleckte Jungfrau, von jedem Makel der Erbsünde unversehrt bewahrt, nach
Vollendung des irdischen Lebenslaufs mit Leib und Seele in die himmlische
Herrlichkeit aufgenommen
und als Königin des Alls vom Herrn erhöht,
um vollkommener ihrem Sohn gleichgestaltet zu sein, dem Herrn der Herren (vgl. Offb

19, 16) und dem Sieger über Sünde und Tod«.108 Mit dieser Lehre hat
Pius XII. an die Tradition angeknüpft, die in der Geschichte der Kirche, sei es
im Orient oder im Okzident, vielfältige Ausdrucksformen gefunden hat.

Im Geheimnis
ihrer Aufnahme in den Himmel haben sich an Maria alle Wirkungen der alleinigen
Mittlerschaft Christi, des Erlösers der Welt und auferstandenen Herrn,
auf endgültige Weise erfüllt: »Alle werden in Christus lebendig gemacht. Es
gibt aber eine bestimmte Reihenfolge: Erster ist Christus; dann folgen, wenn
Christus kommt, alle, die zu ihm gehören« (1 Kor 15, 22-23). Im
Geheimnis der Aufnahme in den Himmel kommt der Glaube der Kirche zum Ausdruck,
nach dem Maria »durch ein enges und unauflösliches Band« mit Christus verbunden
ist. Denn wenn die jungfräuliche Mutter in einzigartiger Weise mit ihm bei
seinem ersten Kommen
verbunden war, wird sie es durch ihr fortwährendes
Mitwirken mit ihm auch in der Erwartung seiner zweiten Ankunft sein; »im
Hinblick auf die Verdienste ihres Sohnes auf erhabenere Weise
erlöst«,109 hat sie jene Aufgabe als Mutter und Mittlerin der Gnade
auch bei seiner endgültigen Ankunft, wenn alle zum Leben erweckt werden,
die Christus angehören, und »der letzte Feind, der entmachtet wird, der Tod
ist« (1 Kor 15, 26).110

Mit dieser
Erhöhung der »erhabenen Tochter Zion«111 durch ihre Aufnahme in den
Himmel ist das Geheimnis ihrer ewigen Herrlichkeit verbunden. Die Mutter
Christi ist nämlich als »Königin des Alls«112 verherrlicht worden.
Diejenige, die sich bei der Verkündigung als »Magd des Herrn« bezeichnet hat,
ist bis zum Ende dem treu geblieben, was diese Bezeichnung zum Ausdruck bringt.
Dadurch hat sie bekräftigt, daß sie eine wahre »Jüngerin« Christi ist, der den
Dienstcharakter seiner Sendung nachdrücklich unterstrichen hat: Der
Menschensohn »ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu
dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele« (Mt 20, 28). So
ist auch Maria die erste unter denen geworden, die »Christus auch in den
anderen dienen und ihre Brüder in Demut und Geduld zu dem König hinführen, dem
zu dienen herrschen ist«,113 und hat jenen »Zustand königlicher
Freiheit«, der den Jüngern Christi eigen ist, vollkommen besessen: Dienen
bedeutet herrschen!

»Christus ist
gehorsam geworden bis zum Tod. Deshalb wurde er vom Vater erhöht (vgl. Phil
2, 8-9) und ging in die Herrlichkeit seines Reiches ein. Ihm ist alles
unterworfen, bis er sich selbst und alles Geschaffene dem Vater unterwirft,
damit Gott alles in allem sei (vgl. 1 Kor 15, 27-28)«.114 Maria,
die Magd des Herrn, nimmt teil an dieser Herrschaft des Sohnes.115 Die Herrlichkeit
des Dienens
bleibt ihre königliche Würde: Nach ihrer Aufnahme in den Himmel
endet nicht jener Heilsdienst, in dem sich ihre mütterliche Vermittlung »bis
zur ewigen Vollendung aller Auserwählten«116 ausdrückt. So bleibt
diejenige, die hier auf Erden »ihre Verbundenheit mit dem Sohn in Treue bis zum
Kreuz bewahrte«, weiterhin dem verbunden, dem schon »alles unterworfen ist, bis
er selbst sich und alles Geschaffene dem Vater unterwirft
«. So ist Maria
bei ihrer Aufnahme in den Himmel gleichsam von der ganzen Wirklichkeit der
Gemeinschaft der Heiligen umgeben, und ihre eigene Verbundenheit mit dem Sohn
in der Herrlichkeit ist ganz auf jene endgültige Fülle des Reiches
ausgerichtet, wenn »Gott alles in allem sein wird«.

Auch in dieser
Phase bleibt die mütterliche Mittlerschaft Marias dem »untergeordnet«, der der
einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen ist bis zur endgültigen
Verwirklichung »der Fülle der Zeit«
, bis daß alles in Christus vereint ist
(vgl. Eph 1, 10).

2. Maria
im Leben der Kirche und jedes Christen

42.
Das II. Vatikanische Konzil hat in enger Verbindung mit der Tradition neues
Licht auf die Stellung der Mutter Christi im Leben der Kirche geworfen. »Die
selige Jungfrau ist durch das Geschenk... der göttlichen Mutterschaft, durch
die sie mit ihrem Sohn und Erlöser vereint ist, und durch ihre einzigartigen
Gnaden und Gaben auch mit der Kirche auf das innigste verbunden. Die
Gottesmutter ist... der Typus der Kirche
auf der Ebene des Glaubens, der
Liebe und der vollkommenen Einheit mit Christus«.117 Schon früher haben
wir gesehen, wie Maria von Anfang an in Erwartung des Pfingsttages mit den
Aposteln zusammengeblieben ist und als die »Selige, die geglaubt hat«, von
Generation zu Generation in der im Glauben pilgernden Kirche gegenwärtig ist,
als Modell für die Hoffnung, die nicht enttäuscht (vgl. Röm 5, 5).

Maria »hat
geglaubt, daß sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ«. Als Jungfrau hat sie
geglaubt, daß »sie einen Sohn empfangen und gebären wird«: den »Heiligen«, dem
der Name »Sohn Gottes«, der Name »Jesus« (= Gott, der rettet) entspricht. Als
Magd des Herrn blieb sie der Person und der Sendung dieses Sohnes vollkommen
treu. Als Mutter »gebar sie im Glauben und Gehorsam den Sohn des
Vaters
auf Erden, und zwar ohne einen Mann zu erkennen, vom Heiligen Geist

überschattet«.118

Aus diesem
Grund wird Maria mit Recht »von der Kirche in einem Kult eigener Art geehrt.
Schon seit ältesten Zeiten wird... (sie) unter dem Titel der
"Gottesgebärerin" verehrt, unter deren Schutz die Gläubigen in allen
Gefahren und Nöten bittend Zuflucht nehmen«.119 Dieser Kult ist ganz
eigener Art: Er beinhaltet und bekundet jene tiefe Verbindung, die zwischen
der Mutter Christi und der Kirche
besteht.120 Als Jungfrau und
Mutter bleibt Maria für die Kirche »beständiges Vorbild«. Man kann also sagen,
daß vor allem durch diesen Aspekt, das heißt als Vorbild oder vielmehr als

»Typus«, Maria, die im Geheimnis Christi zugegen ist, auch ständig im Geheimnis
der Kirche gegenwärtig bleibt. Auch die Kirche wird ja »Mutter und Jungfrau«
genannt, und diese Namen haben eine tiefe biblische und theologische
Berechtigung. 121

43.
Die Kirche »wird selbst Mutter... durch die gläubige Annahme des Wortes
Gottes«.122 Wie Maria, die als erste geglaubt hat, indem sie das bei
der Verkündigung ihr offenbarte Wort Gottes annahm und ihm in allen ihren
Prüfungen bis zum Kreuz treu blieb, so wird die Kirche Mutter, wenn sie, indem
sie in Treue das Wort Gottes aufnimmt
, »durch Predigt und Taufe die vom
Heiligen Geist empfangenen und aus Gott geborenen Kinder zum neuen und
unsterblichen Leben gebiert
«.123 Diese »mütterliche« Eigenschaft
der Kirche ist auf besonders lebhafte Weise vom Völkerapostel ausgedrückt
worden, wenn er schreibt: »Meine Kinder, für die ich von neuem Geburtswehen
erleide, bis Christus in euch Gestalt annimmt!« (Gal 4, 19). In diesem
Wort des hl. Paulus ist ein interessanter Hinweis auf das mütterliche
Bewußtsein der Urkirche enthalten, das mit ihrem apostolischen Dienst unter den
Menschen verbunden ist. Dieses Bewußtsein erlaubte und erlaubt es der Kirche
ständig, das Geheimnis ihres Lebens und ihrer Sendung nach dem Beispiel der
Mutter des Sohnes
zu verstehen, der »der Erstgeborene von vielen Brüdern«


ist (Röm 8, 29).

Die Kirche
lernt sozusagen von Maria auch ihre eigene Mutterschaft. Sie erkennt die
mütterliche Dimension ihrer Berufung, die mit ihrer sakramentalen Natur
wesentlich verbunden ist, indem sie »ihre (Marias) erhabene Heiligkeit
betrachtet und ihre Liebe nachahmt und den Willen des Vaters treu
erfüllt«.124 Wenn die Kirche Zeichen und Werkzeug für die innige
Vereinigung mit Gott ist, so ist sie dies aufgrund ihrer Mutterschaft: weil
sie, vom Geist belebt, Söhne und Töchter der Menschheitsfamilie zu einem neuen
Leben in Christus »gebiert«. Denn wie Maria im Dienst des Geheimnisses der
Menschwerdung steht
, so bleibt die Kirche im Dienst des Geheimnisses

der Annahme an Kindes Statt durch die Gnade.

Gleichzeitig
bleibt die Kirche nach dem Beispiel Marias die ihrem Bräutigam treue Jungfrau:
»Auch sie ist Jungfrau, da sie das Treuewort, das sie dem Bräutigam gegeben
hat, unversehrt und rein bewahrt«.125 Die Kirche ist ja die Braut
Christi, wie es sich aus den paulinischen Briefen (vgl. z.B. Eph 5,
21-33; 2 Kor 11, 2) und aus der Bezeichnung des Johannes: »die Frau des
Lammes« (Offb 21, 9) ergibt. Wenn die Kirche als Braut »das Christus
gegebene Treuewort bewahrt«
, dann besitzt diese Treue, auch wenn sie in der
Unterweisung des Apostels zum Bild für die Ehe geworden ist (vgl. Eph 5,
23-30), zugleich den Wert eines Typus für die Ganzhingabe an Gott in der
Ehelosigkeit »um des Himmelreiches willen«, das heißt für die gottgeweihte
Jungfräulichkeit
(vgl. Mt 19, 11-12; 2 Kor 11, 2). Gerade
diese Jungfräulichkeit, nach dem Beispiel der Jungfrau von Nazaret, ist Quelle
einer besonderen geistigen Fruchtbarkeit: ist Quelle der Mutterschaft im
Heiligen Geist
.

Aber die
Kirche hütet auch den von Christus empfangenen Glauben:
Nach dem Beispiel
Marias, die alles bewahrte und in ihrem Herzen erwog (vgl. Lk 2, 19.
51), was ihren göttlichen Sohn betraf, ist sie bemüht, das Wort Gottes zu
bewahren, mit Unterscheidungsgabe und Umsicht seinen inneren Reichtum zu
erforschen und davon in jeder Epoche allen Menschen in Treue Zeugnis zu
geben.126

44.
Aufgrund dieses Vorbildcharakters begegnet die Kirche Maria und sucht, ihr
ähnlich zu werden: »In Nachahmung der Mutter ihres Herrn in der Kraft des
Heiligen Geistes bewahrt sie jungfräulich einen unversehrten Glauben, eine
feste Hoffnung und eine aufrichtige Liebe«.127 Maria ist also im
Geheimnis der Kirche gegenwärtig als Vorbild. Aber das Geheimnis der
Kirche besteht auch im Gebären zu einem neuen, unsterblichen Leben: Es ist ihre
Mutterschaft im Heiligen Geist. Und hierbei ist Maria nicht nur Vorbild und
Typus der Kirche, sondern weit mehr. Denn »in mütterlicher Liebe wirkt sie
mit bei der Geburt und Erziehung«
der Söhne und Töchter der Mutter Kirche.
Die Mutterschaft der Kirche verwirklicht sich nicht nur nach dem Vorbild und
dem Typus der Mutter Gottes, sondern auch durch ihre »Mitwirkung«. Die Kirche schöpft

in reichem Maße aus dieser Mitwirkung, das heißt aus dieser besonderen mütterlichen
Vermittlung
, da Maria schon auf Erden bei der Geburt und Erziehung der
Söhne und Töchter der Kirche als Mutter jenes Sohnes mitgewirkt hat, »den Gott
gesetzt hat zum Erstgeborenen unter vielen Brüdern«.128

In mütterlicher
Liebe wirkte sie dabei mit, wie das II. Vatikanische Konzil lehrt.129

Hier erkennt man die wahre Bedeutung jener Worte, die Jesus in der Stunde des
Kreuzes zu seiner Mutter gesagt hat: »Frau, siehe, dein Sohn«; und zum Jünger:
»Siehe, deine Mutter« ( Joh 19, 26-27). Es sind Worte, die die
Stellung Marias im Leben der Jünger Christi
bestimmen. Sie bringen - wie
schon gesagt - die neue Mutterschaft der Mutter des Erlösers zum Ausdruck: die
geistige Mutterschaft, die tief im österlichen Geheimnis des Erlösers der Welt
entspringt. Es ist eine Mutterschaft in der Gnadenordnung, weil sie die Gabe
des Heiligen Geistes erfleht, der die neuen, durch das Opfer Christi erlösten
Kinder Gottes zum Leben erweckt: jener Geist, den zusammen mit der Kirche auch
Maria am Pfingsttag empfangen hat.

Diese ihre
Mutterschaft wird vom christlichen Volk in besonderer Weise wahrgenommen und
erlebt bei der heiligen Eucharistie, bei der liturgischen Feier des
Erlösungsgeheimnisses, in der Christus mit seinem wahren, aus der Jungfrau
Maria geborenen Leib gegenwärtig wird.

Zu Recht hat
das christliche Volk in seiner Frömmigkeit immer eine tiefe Verbindung
zwischen der Verehrung der heiligen Jungfrau und dem Kult der Eucharistie
gesehen: Dies ist eine Tatsache, die in der westlichen wie östlichen Liturgie,
in der Tradition der Ordensgemeinschaften, in der Spiritualität heutiger
religiöser Bewegungen, auch unter der Jugend, und in der Pastoral der
marianischen Wallfahrtsorte ersichtlich ist. Maria führt die Gläubigen zur
Eucharistie.

45.
Es gehört zur Natur der Mutterschaft, daß sie sich auf eine Person bezieht. Sie
führt immer zu einer einzigartigen und unwiederholbaren Beziehung von
zwei Personen: der Mutter zum Kind und des Kindes zur Mutter.
Auch wenn ein und diesselbe Frau Mutter von vielen Kindern ist, kennzeichnet
ihre persönliche Beziehung zu jedem einzelnen von ihnen wesentlich ihre
Mutterschaft. Jedes Kind ist nämlich auf einmalige und unwiederholbare Weise
gezeugt worden, und das gilt sowohl für die Mutter als auch für das Kind. Jedes
Kind wird auf die nämliche Weise von jener mütterlichen Liebe umgeben, auf der
seine menschliche Erziehung und Reifung gründen.

Man kann sagen,
daß »die Mutterschaft in der Ordnung der Gnade« eine ähnlichkeit bewahrt mit
dem, was »in der Ordnung der Natur« die Verbindung der Mutter mit ihrem Kind
kennzeichnet. In diesem Licht wird es verständlicher, daß im Testament Christi
auf Golgota die neue Mutterschaft seiner Mutter in der Einzahl, mit Bezug auf einen
Menschen, ausgedrückt worden ist: »Siehe, dein Sohn«.

Man kann ferner
sagen, daß in diesen Worten das Motiv für die marianische Dimension im Leben
der Jünger Christi
klar angegeben wird: nicht nur des Johannes, der zu
jener Stunde zusammen mit der Mutter seines Meister unter dem Kreuze stand,
sondern jedes Jüngers Christi, jedes Christen. Der Erlöser vertraut seine
Mutter dem Jünger an, und zugleich gibt er sie ihm zur Mutter. Die Mutterschaft
Marias, die zum Erbe des Menschen wird, ist ein Geschenk, das Christus
persönlich jedem Menschen macht.
Wie der Erlöser Maria dem Johannes
anvertraut, so vertraut er gleichzeitig den Johannes Maria an. Zu Füßen des
Kreuzes hat jene besondere vertrauensvolle Hingabe des Menschen an die
Mutter Christi
ihren Anfang, die dann in der Geschichte der Kirche auf
verschiedene Weise vollzogen und zum Ausdruck gebracht worden ist. Wenn der
gleiche Apostel und Evangelist, nachdem er die von Jesus am Kreuz an die Mutter
und an ihn selbst gerichteten Worte angeführt hat, noch hinzufügt: »Und von jener
Stunde nahm sie der Jünger zu sich« (Joh 19, 27), will dies gewiß

besagen, daß dem Jünger damit die Rolle eines Sohnes übertragen worden ist und
er die Sorge für die Mutter des geliebten Meisters übernommen hat. Und weil
Maria ihm persönlich zur Mutter gegeben worden ist, meint diese Aussage, wenn
auch nur indirekt, all das, was die innerste Beziehung eines Kindes zu seiner
Mutter ausdrückt. Dies alles kann man in dem Wort »Vertrauen« zusammenfassen. Vertrauen
ist die Antwort auf die Liebe einer Person
und im besonderen auf die
Liebe der Mutter
.

Die marianische
Dimension im Leben eines Jüngers Christi kommt in besonderer Weise durch ein
solches kindliches Vertrauen zur Muttergottes zum Ausdruck, wie es im Testament
des Erlösers auf Golgota seinen Ursprung hat. Indem der Christ sich wie der
Apostel Johannes Maria kindlich anvertraut, nimmt er die Mutter Christi »bei
sich« auf130 und führt sie ein in den gesamten Bereich seines inneren
Lebens, das heißt in sein menschliches und christliches »Ich«: »Er nahm sie
zu sich«.
Auf diese Weise sucht er in den Wirkungskreis jener »mütterlichen
Liebe« zu gelangen, mit der die Mutter des Erlösers »Sorge für die Brüder ihres
Sohnes trägt«,131 »bei deren Geburt und Erziehung sie
mitwirkt«132 nach dem Maß der Gnadengabe, die jeder durch die Kraft des
Geistes Christi besitzt. So entfaltet sich auch jene Mutterschaft nach dem
Geist, die unter dem Kreuz und im Abendmahlssaal Marias Aufgabe geworden ist.

46.
Diese kindliche Beziehung, dieses Sichanvertrauen eines Kindes an die Mutter,
hat nicht nur in Christus ihren Anfang, sondern man kann sagen, daß sie
im letzten auf ihn hingeordnet ist. Man kann sagen, daß Maria fortfährt,
für uns alle dieselben Worte zu wiederholen, die sie zu Kana in Galiläa
gesprochen hat: »Was er euch sagt, das tut!«. Denn er, Christus, ist der
einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen; er ist »der Weg, die Wahrheit
und das Leben« (Joh 14, 6); er ist derjenige, den der Vater der Welt
gegeben hat, auf daß der Mensch »nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben
hat« (Joh 3, 16). Die Jungfrau von Nazaret ist die erste »Zeugin« dieser
Erlöserliebe des Vaters geworden und möchte auch immer und überall seine
demütige Magd bleiben
. Für jeden Christen, jeden Menschen ist Maria
diejenige, die als erste »geglaubt hat«; mit diesem ihrem Glauben als Jungfrau
und Mutter will sie auf alle jene einwirken, die sich ihr als Kinder
anvertrauen. Es ist bekannt, je mehr diese Kinder in einer solchen Haltung
verharren und darin fortschreiten, desto näher führt sie Maria zu den

»unergründlichen Reichtümern Christi« (Eph 3, 8 ). Und ebenso erkennen
sie immer besser die Würde des Menschen und den letzten Sinn seiner Berufung in
ihrer ganzen Fülle, weil Christus »dem Menschen den Menschen selbst voll
kundmacht«.133

Diese
marianische Dimension im christlichen Leben erhält einen eigenen Akzent im
Blick auf die Frau und ihre Lebenslage. In der Tat enthält das Wesen der Frau
ein besonderes Band zur Mutter des Erlösers, ein Thema, das an anderer
Stelle noch wird vertieft werden können. Hier möchte ich nur hervorheben, daß

die Gestalt Marias von Nazaret schon allein dadurch die Frau als solche
ins Licht stellt, daß sich Gott im erhabenen Geschehen der Menschwerdung seines
Sohnes dem freien und tätigen Dienst einer Frau anvertraut hat. Man kann daher
sagen, daß die Frau durch den Blick auf Maria dort das Geheimnis entdeckt, wie
sie ihr Frausein würdig leben und ihre wahre Entfaltung bewirken kann. Im Licht
Marias erblickt die Kirche auf dem Antlitz der Frau den Glanz einer Schönheit,
die die höchsten Gefühle widerspiegelt, deren das menschliche Herz fähig ist:
die vorbehaltlose Hingabe der Liebe; eine Kraft, die größte Schmerzen zu
ertragen vermag; grenzenlose Treue und unermüdlicher Einsatz; die Fähigkeit,
tiefe Einsichten mit Worten des Trostes und der Ermutigung zu verbinden.

47.
Während des Konzils hat Paul VI. feierlich erklärt, daß Maria die Mutter der
Kirche ist,
das heißt »Mutter des ganzen christlichen Volkes, sowohl der
Gläubigen als auch der Hirten«.134 Später, im Jahre 1968, bekräftigte
er diese Aussage noch nachdrücklicher in dem Glaubensbekenntnis, das unter dem
Namen »Credo des Gottesvolkes« bekannt ist, mit den folgenden Worten: »Wir
glauben, daß die heiligste Gottesmutter, die neue Eva, Mutter der Kirche, für
die Glieder Christi ihre mütterliche Aufgabe im Himmel fortsetzt, indem sie bei
der Geburt und Erziehung des göttlichen Lebens in den Seelen der Erlösten
mitwirkt«.135

Das Konzil hat
in seiner Lehre betont, daß die Wahrheit über die heiligste Jungfrau, die
Mutter Christi, eine wirksame Hilfe für die Vertiefung der Wahrheit über die
Kirche darstellt. Derselbe Paul VI. sagte, als er zu der soeben vom Konzil
approbierten Konstitution »Lumen gentium« das Wort ergriff: »Die Kenntnis
der wahren katholischen Lehre über die selige Jungfrau Maria
wird immer
einen Schlüssel für das genaue Verständnis des Geheimnisses Christi und der
Kirche
darstellen«.136 Maria ist in der Kirche gegenwärtig als
Mutter Christi und zugleich als jene Mutter, die Christus im Geheimnis der
Erlösung in der Person des Apostels Johannes dem Menschen gegeben hat. Deshalb
umfängt Maria mit ihrer neuen Mutterschaft im Geiste alle und jeden in

der Kirche, sie umfängt auch alle und jeden durch die Kirche. In diesem
Sinn ist die Mutter der Kirche auch deren Vorbild. Die Kirche soll nämlich -
wie Paul VI. wünscht und fordert - »von der Jungfrau und Gottesmutter die
reinste Form der vollkommenen Christusnachfolge übernehmen«.137

Dank dieses
besonderen Bandes, das die Mutter Christi mit der Kirche verbindet, erklärt
sich besser das Geheimnis jener »Frau«
, die von den ersten Kapiteln des
Buches Genesis bis zur Apokalypse die Offenbarung des Heilsplanes Gottes für die
Menschheit begleitet. Maria ist nämlich in der Kirche gegenwärtig als die
Mutter des Erlösers, nimmt mütterlich teil an jenem »harten Kampf gegen die
Mächte der Finsternis..., der die ganze Geschichte der Menschheit
durchzieht«.138 Durch diese ihre kirchliche Identifizierung mit der

»Frau, mit der Sonne bekleidet« (Offb 12, 1),139 kann man sagen,
daß »die Kirche in der seligsten Jungfrau schon zur Vollkommenheit gelangt ist,
in der sie ohne Makel und Runzeln ist«. Deshalb erheben die Christen während
ihrer irdischen Pilgerschaft im Glauben ihre Augen zu Maria und bemühen sich,
»in der Heiligkeit zu wachsen«.140 Maria, die erhabene Tochter Zion,
hilft ihren Kindern - wo und wie auch immer sie gerade leben -, in Christus
den Weg zum Hause des Vaters zu finden.

So weiß sich
die Kirche in ihrem ganzen Leben mit der Mutter Christi durch ein Band
verbunden, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Heilsgeheimnisses umfaßt,
und verehrt Maria als geistige Mutter der Menschheit und Fürsprecherin der
Gnade.

3. Der
Sinn des Marianischen Jahres

48.
Gerade die besondere Verbindung der Menschheit mit dieser Mutter hat mich
veranlaßt, in der Zeit vor dem Abschluß des zweiten Jahrtausends seit der
Geburt Christi in der Kirche ein Marianisches Jahr auszurufen. Eine ähnliche
Initiative fand bereits in der Vergangenheit statt, als Pius XII. das Jahr 1954
als Marianisches Jahr ausrief, um die außerordentliche Heiligkeit der Mutter
Christi hervorzuheben, wie sie in den Geheimnissen ihrer Empfängnis ohne Makel
der Erbsünde (genau ein Jahrhundert zuvor definiert) und ihrer Aufnahme in den
Himmel zum Ausdruck kommt.141

Indem ich der
vom II. Vatikanischen Konzil gewiesenen Richtung folge, möchte ich die besondere
Gegenwart der Gottesmutter
im Geheimnis Christi und seiner Kirche
hervortreten lassen. Dies ist ja in der Tat eine grundlegende Dimension, die
der marianischen Lehre des Konzils entspringt, von dessen Abschluß uns
inzwischen mehr als zwanzig Jahre trennen. Die außerordentliche Bischofssynode
vom Jahre 1985 hat alle aufgefordert, den Lehren und Anweisungen des Konzils
treu zu folgen. Man kann sagen, daß in beiden - Konzil und Synode - enthalten
ist, was der Heilige Geist selbst in der gegenwärtigen Phase der Geschichte
»der Kirche sagen« will.

In einem
solchen Zusammenhang soll das Marianische Jahr dazu dienen, auch all das erneut
und vertieft zu bedenken, was das Konzil über die selige Jungfrau und
Gottesmutter Maria im Geheimnis Christi und der Kirche gesagt hat und worauf
sich die Betrachtungen dieser Enzyklika beziehen. Hierbei geht es nicht nur um
die Glaubenslehre, sondern auch um das Glaubensleben und folglich
auch um die echte »marianische Spiritualität«, wie sie im Licht der Tradition
sichtbar wird, und insbesondere um die Spiritualität, zu der uns das Konzil
ermutigt.142 Darüber hinaus findet die marianische Spiritualität,
ebenso wie die entsprechende Marienverehrung, eine überaus reiche Quelle
in der geschichtlichen Erfahrung der Personen und der verschiedenen
christlichen Gemeinschaften, die unter den verschiedenen Völkern und Nationen
auf der ganzen Erde leben. In diesem Zusammenhang erinnere ich unter den vielen
Zeugen und Meistern einer solchen Spiritualität gern an die Gestalt des hl.
Ludwig Maria Grignion de Montfort,143 der den Christen die Weihe an
Christus durch die Hände Marias als wirksames Mittel empfahl, um die
Taufverpflichtungen treu zu leben. Mit Freuden stelle ich fest, daß es auch in
unseren Tagen neue Zeichen dieser Spiritualität und Frömmigkeit gibt.

Wir haben also
sichere Ansatzpunkte, auf die wir uns im Zusammenhang dieses Marianischen
Jahres aufmerksam beziehen wollen.

49.
Das Marianische Jahr soll mit dem Pfingstfest am kommenden 7. Juni beginnen.
Es handelt sich ja nicht nur darum zu erinnern, daß Maria dem Eintritt Christi,
des Herrn, in die Menschheitsgeschichte vorausgegangen ist, sondern ebenso, im
Licht Marias zu unterstreichen, daß seit der Vollendung des Geheimnisses der
Menschwerdung die Geschichte der Menschheit »in die Fülle der Zeit« eingetreten
ist und die Kirche das Zeichen dieser Fülle darstellt. Als Volk Gottes pilgert die
Kirche
im Glauben, inmitten aller Völker und Nationen, auf die Ewigkeit zu,
beginnend mit dem Pfingsttag. Die Mutter Christi, die am Beginn der

»Zeit der Kirche« zugegen war, als sie in Erwartung des Heiligen Geistes
beharrlich im Gebet inmitten der Apostel und Jünger ihres Sohnes weilte, »geht«
der Kirche auf ihrem Pilgerweg durch die Geschichte der Menschheit ständig
»voran«. Sie ist es auch, die gerade als »Magd des Herrn« am Heilswerk Christi,
ihres Sohnes, unaufhörlich mitwirkt.

So wird die ganze
Kirche
durch dieses Marianische Jahr dazu aufgerufen, sich nicht nur
an all das zu erinnern, was in ihrer Vergangenheit das besondere mütterliche
Mitwirken der Gottesmutter am Heilswerk Christi, des Herrn, bezeugt, sondern
auch ihrerseits für die Zukunft die Wege für dieses Zusammenwirken zu
bereiten
: Denn das Ende des zweiten christlichen Jahrtausends eröffnet
zugleich einen neuen Blick auf die Zukunft.

50.
Wie schon erinnert wurde, verehren und feiern auch unter den getrennten Brüdern
viele die Mutter des Herrn, besonders bei den Orientalen. Das ist ein
marianisches Licht, das auf den ökumenismus fällt. Ich möchte hier noch
besonders daran erinnern, daß während des Marianischen Jahres die Tausendjahrfeier
der Taufe
des hl. Wladimir, des Großfürsten von Kiew (im Jahre 988), stattfindet,
die den Anfang des Christentums in den Territorien des einstmaligen Rus’ und
danach in weiteren Gegenden Osteuropas setzte; und daß sich auf diesem Wege,
durch das Werk der Evangelisierung, das Christentum auch über Europa hinaus bis
zu den nördlichen Bereichen des asiatischen Kontinents ausgebreitet hat. Wir
wollen uns deshalb besonders während dieses Jahres im Gebet mit all denen
vereinen, die die Tausendjahrfeier dieser Taufe begehen, Orthodoxe und
Katholiken, indem wir wiederholen und bestätigen, was das Konzil geschrieben
hat: »Es bereitet große Freude und Trost, daß... sich die Orientalen an der
Verehrung der allzeit jungfräulichen Gottesmutter mit glühendem Eifer und
andächtiger Gesinnung beteiligen«.144 Auch wenn wir noch immer die schmerzliche
Auswirkung der Trennung erfahren, die wenige Jahrzehnte später erfolgte (im
Jahre 1054), können wir doch sagen, daß wir uns vor der Mutter Christi als
wahre Brüder und Schwestern
innerhalb jenes messianischen Volkes fühlen,
das dazu berufen ist, eine einzige Gottesfamilie auf der Erde zu sein, wie ich
schon zu Beginn des neuen Jahres verkündet habe: »Wir wollen erneut dieses
universale Erbe aller Brüder und Schwestern auf dieser Erde
bestätigen«.145

Bei der
Ankündigung des Marianischen Jahres habe ich ebenso darauf hingewiesen, daß
sein Abschluß im kommenden Jahr am Fest der Aufnahme der seligsten Jungfrau
Maria in den Himmel
begangen werden wird, um »das große Zeichen am Himmel«
hervorzuheben, von dem die Offenbarung des Johannes spricht. In dieser Weise
wollen wir auch die Aufforderung des Konzils erfüllen, das auf Maria als das
»Zeichen sicherer Hoffnung und des Trostes für das pilgernde Gottesvolk«

schaut. Dieser Aufruf des Konzils ist in den folgenden Worten enthalten: »Alle
Christgläubigen mögen inständig zur Mutter Gottes und Mutter der Menschen
flehen, daß sie, die den Anfängen der Kirche mit ihren Gebeten zur Seite stand,
auch jetzt, im Himmel über alle Seligen und Engel erhöht, in Gemeinschaft mit
allen Heiligen bei ihrem Sohn Fürbitte einlege, bis alle Völkerfamilien, mögen
sie den christlichen Ehrennamen tragen oder ihren Erlöser noch nicht kennen, in
Friede und Eintracht glückselig zum einen Gottesvolk versammelt werden, zur
Ehre der heiligsten und ungeteilten Dreifaltigkeit«.146


SCHLUSS

51.
Am Ende des täglichen Stundengebetes richtet die Kirche neben anderen diesen
Gebetsruf an Maria:

»Alma
Redemptoris Mater...
«

»Erhabne Mutter
des Erlösers,
du allzeit offene Pforte des Himmels

und Stern des Meeres,
komm, hilf deinem Volk,
das sich müht, vom Falle aufzustehn.
Du hast geboren, der Natur zum Staunen,
deinen heiligen Schöpfer«.

»Der Natur zum
Staunen« (»natura mirante«)!

Diese Worte der
Antiphon geben jenes gläubige Staunen wieder, das das Geheimnis der
göttlichen Mutterschaft Marias begleitet. Es begleitet es in gewissem Sinne im
Herzen der gesamten Schöpfung und unmittelbar im Herzen des ganzen
Gottesvolkes, im Herzen der Kirche. Wie wunderbar weit ist Gott, der Schöpfer
und Herr aller Dinge, in der »Offenbarung seiner selbst« an den Menschen
gegangen 147! Wie deutlich hat er alle Räume jener unendlichen
»Distanz« überwunden, die den Schöpfer vom Geschöpf trennt! Wenn er schon in
sich selbst unaussprechlich und unerforschlich bleibt, so ist er noch unaussprechlicher
und unerforschlicher in der Wirklichkeit der Inkarnation
des göttlichen
Wortes, das durch die Jungfrau von Nazaret Mensch geworden ist.

Wenn er von
Ewigkeit her den Menschen zur »Teilhabe an der göttlichen Natur« (vgl. 2
Petr
1, 4) berufen hat, kann man sagen, daß er die »Vergöttlichung« des
Menschen zugleich seiner geschichtlichen Lage entsprechend vorgesehen hat, so
daß er auch nach dem Sündenfall bereit ist, den ewigen Plan seiner Liebe durch
die »Vermenschlichung« des Sohnes, der ihm wesensgleich ist, um einen hohen
Preis wiederherzustellen. Die ganze Schöpfung und noch unmittelbarer der Mensch
müssen vom Staunen über dieses Geschenk getroffen bleiben, das ihnen im
Heiligen Geist zuteil geworden ist: »Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt,
daß er seinen einzigen Sohn hingab« ( Joh 3, 16 ).

Im Zentrum
dieses Geheimnisses
, im Mittelpunkt dieses gläubigen Staunens steht Maria.
Die erhabne Mutter des Erlösers, sie hat es als erste erfahren: »Du hast
geboren, der Natur zum Staunen, deinen heiligen Schöpfer« (»Tu quae
genuisti, natura mirante, tuum sanctum Genitorem«)!

52.
In den Worten dieser liturgischen Antiphon kommt auch die Wahrheit von der
»großen Wende
« zum Ausdruck, die dem Menschen vom Geheimnis der Inkarnation
bestimmt ist. Diese Wende gehört zu seiner ganzen Geschichte, von jenem Anfang
an, der uns in den ersten Kapiteln der Genesis offenbart ist, bis zum
letzten Ende, im Hinblick auf das Weltenende nämlich, von dem uns Jesus »weder
den Tag noch die Stunde« (vgl. Mt 25, 13) offenbart hat. Es ist eine
unaufhörliche und ständige Wende vom Fallen zum Wiederaufstehen, vom Menschen
der Sünde zum Menschen der Gnade und Gerechtigkeit. Die Liturgie, vor allem im
Advent, zielt auf den entscheidenden Punkt dieser Wende und erfaßt dabei ihr
ständiges »heute und jetzt«, wenn sie ausruft: »Komm, hilf deinem Volk, das
sich müht, vom Falle aufzustehn« (»Succurre cadenti surgere qui curat
populo«).

Diese Worte
beziehen sich auf jeden Menschen, auf die Gemeinschaften, Nationen und Völker,
auf die Generationen und Epochen der menschlichen Geschichte, auf unsere
Epoche, auf diese letzten Jahre des Jahrtausends, das sich dem Ende zuneigt:
»Komm, hilf deinem Volk, das fällt« (»Succurre cadenti . .. populo«)!

Das ist die
Bitte an Maria, die »erhabne Mutter des Erlösers« die Bitte an Christus, der
durch Maria in die Geschichte der Menschheit eingetreten ist. Jahr für Jahr
steigt diese Antiphon zu Maria auf und erinnert an den Augenblick, da sich
diese wesentliche geschichtliche Wende vollzogen hat, die in einem gewissen
Sinne unumkehrbar fortdauert: die Wende vom »Fallen« zum »Auferstehen«.

Die Menschheit
hat wunderbare Entdeckungen gemacht und aufsehenerregende Ergebnisse im Bereich
von Wissenschaft und Technik erzielt, sie hat große Taten auf dem Weg des
Fortschritts und der Zivilisation vollbracht, und in jüngster Zeit, so könnte
man sagen, ist es ihr sogar gelungen, den Lauf der Geschichte zu beschleunigen;
aber die grundlegende Wende, jene, die man »originell« nennen kann, begleitet
den Weg des Menschen ständig, und durch alle geschichtlichen Ereignisse
hindurch begleitet sie alle und jeden. Es ist die Wende vom »Fallen« zum
»Auferstehen«, vom Tod zum Leben. Sie ist auch eine unaufhörliche
Herausforderung
an das menschliche Gewissen, eine Herausforderung an das
ganze geschichtliche Bewußtsein des Menschen: die Herausforderung, den Weg des

»Nicht-Fallens« auf immer zugleich alte und neue Weise zu gehen und den Weg des
»Aufstehens« zu beschreiten, wenn man »gefallen« ist.

Während sich
die Kirche zusammen mit der ganzen Menschheit dem übergang zwischen den zwei
Jahrtausenden nähert, nimmt sie von ihrer Seite her mit der ganzen Gemeinschaft
der Gläubigen und in Verbindung mit jedem Menschen guten Willens die große
Herausforderung an, die in diesen Worten der marianischen Antiphon vom »Volk,
das sich müht, vom Falle aufzustehn«, enthalten ist, und wendet sich an den
Erlöser und seine Mutter zugleich mit der Bitte: »Steh uns bei!«. Sie erblickt
ja - und dieses Gebet bestätigt es - die selige Gottesmutter im erlösenden
Geheimnis Christi und in ihrem eigenen Geheimnis; sie schaut sie tief in der
Geschichte der Menschheit verwurzelt, in der ewigen Berufung des Menschen, nach
dem Plan, den Gott in seiner Vorsehung von Ewigkeit her für ihn vorherbestimmt
hat; sie erblickt sie mütterlich und teilnahmsvoll anwesend bei den
vielfältigen und schwierigen Problemen, die heute das Leben der einzelnen, der
Familien und der Völker begleiten; sie sieht in ihr die Helferin des
christlichen Volkes beim unaufhörlichen Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen,
damit es nicht »falle«, oder, wenn gefallen, wieder «aufstehe«.

Ich wünsche von
Herzen, daß auch die Gedanken der vorliegenden Enzyklika der Erneuerung dieser
Sicht in den Herzen aller Gläubigen dienen!

Als Bischof von
Rom sende ich allen, an die sich diese Erwägungen richten, den Friedenskuß mit
Gruß und Segen in unserem Herrn Jesus Christus.

Gegeben zu
Rom, bei Sankt Peter, am 25. März, dem Fest Mariä Verkündigung des Jahres 1987,
dem neunten Jahr meines Pontifikates.


1
Vgl. Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 52 und das ganze 8. Kapitel
mit dem Titel »Die selige jungfräuliche Gottesmutter im Geheimnis Christi und
der Kirche«.

2 Der
Ausdruck »Fülle der Zeit« (xxx) entspricht ähnlichen Formulierungen im
biblischen (vgl. Gen 29, 21; 1 Sam 7, 12; Tob 14, 5) wie
außerbiblischen Judentum und vor allem im Neuen Testament (vgl. Mk 1,
15, Lk 21, 24, Joh 7, 8: Eph 1, 10). Formal betrachtet, bezeichnet
er nicht nur den Abschluß eines zeitlichen Prozesses, sondern vor allem das
Reifwerden oder die Vollendung eines Zeitabschnittes besonderer Bedeutung, weil
ausgerichtet auf die Verwirklichung einer Erwartung, die darum einen
eschatologischen Charakter erlangt. Wenn man von Gal 4, 4 und seinem
Kontext ausgeht, ist es die Ankunft des Gottessohnes, die offenbart, daß die
Zeit sozusagen ihr Maß erfüllt hat; das heißt, der Zeitabschnitt, der von der
Verheißung an Abraham sowie vom mosaischen Gesetz geprägt war, hat seinen
Höhepunkt darin erreicht, daß Christus nunmehr die göttliche Verheißung erfüllt
und das alte Gesetz überwindet.

3
Vgl. Römisches Meßbuch, Präfation vom Hochfest der ohne Erbsünde
empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria, am 8. Dezember; AMBROS1US, De
Institutione Virginis
, XV, 93-94: PL 16, 342; II. VATIKANISCHES KONZIL,
Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 68.

4 II.
VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium,
58.

5
PAUL VI., Enzyklika Christi Matri (15.9.1966): AAS 58 (1966) 745-749;
Apostolisches Schreiben Signum magnum (13.5.1967): AAS 59 (1967) 465-475
Apostolisches Schreiben Marialis cultus (2.2.1974): AAS 66 (1974)
113-168.

6 Das
Alte Testament hat das Geheimnis Marias in vielfältiger Weise angekündigt: vgl.
JOHANNES VON DAMASKUS, Hom. in Dormitionem, I, 8-9: S. Ch. 80, 103-107.

7
Vgl. Insegnamenti di Giovanni Paolo II, VI/2 (1983) 225 f.; PIUS IX.,
Apostolisches Schreiben Ineffabilis Deus (8.12.1854): Pii IX P.M.

Acta, pars I, 597-599.

8
Vgl. Pastorale Konstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et
spes
, 22.

9
KONZIL VON EPHESUS: Conciliorum Oecumenicorum Decreta, Bologna 1973 3,
41-44; 59-62 (DS 250-264); vgl. KONZIL VON CHALZEDON: a.a.O., 84-87 (DS
300-303).

10
II. VATIKANISCHES KONZIL, Pastorale Konstitution über die Kirche in der Welt
von heute Gaudium et spes, 22.

11
Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 52.

12
Vgl. ebd., 58.

13 Ebd.,
63; vgl. AMBROSIUS, Expos. Evang. sec. Luc., II, 7: CSEL 32, 4, S .
45; De Instit. Virginis, XIV, 88-89: PL 16, 341.

14
Vgl. Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 64.

15 Ebd.,
65.

16

»Nimm die Sonne hinweg, die die Welt erleuchtet: Wo bleibt dann der Tag? Nimm
Maria hinweg, den Stern des Meeres, ja des großen, weiten Meeres: Was wird dann
bleiben außer völligem Nebel, Todesschatten und dichterster Finsternis?«:
BERNHARD VON CLAIRVAUX, In Nativitate B. Mariae Sermo - De aquaeductu, 6: S.
Bernardi Opera, V
(1968) 279; vgl. In laudibus Virginis Matris,
Homilia II, 17: a.a.O., IV (1966) 34f.

17 II.
VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium,
63.

18 Ebd.,
63.

19
über die Vorherbestimmung Marias vgl. JOHANNES VON DAMASKUS, Hom. in
Nativitatem
, 7; 10: S. Ch. 80, 65 u. 73; Hom. in Dormitionem, I, 3: S.
Ch.
80, 85: »Sie ist es ja, die, seit alter Zeit erwählt, kraft der
Vorherbestimmung und Gnade Gottes, des Vaters, der dich (das Wort Gottes)
außerhalb der Zeit und ohne sich selbst zu verlassen oder zu verändern, gezeugt
hat, sie also ist es, die dich in diesen letzten Zeiten geboren und mit ihrem
Leib genährt hat...«.

20
Lumen gentium
, 55.

21 Zu
diesem Ausdruck gibt es in der patristischen Tradition eine breite und
vielfältige Auslegung: vgl. ORIGENES, In Lucam homiliae, VI, 7: S. Ch.
87, 148; SEVERIAN VON GABALA, In mundi creationem, Oratio VI, 10: PG

56, 497 f.; JOHANNES CHRYSOSTOMUS (Pseudonym), In Annuntiationem Deiparae et
contra Arium impium: PG
62, 765 f.; BASILIUS VON SELEUKIA, Oratio 39, In
Sanctissimae Deiparae Annuntiationem
5: PG 85, 441-446; ANTIPATER
VON BOSTRA, Hom. II, In Sanctissimae Deiparae Annuntiationem, 3-11: PG
85, 1777-1783; SOPHRONIUS VON JERUSALEM, Oratio II, In Sanctissimae Deiparae
Annuntiationem
, 17-19: PG 87/3, 3235-3240; JOHANNES VON DAMASKUS, Hom.
in Dormitionem
, I, 7: S. Ch. 80, 96-101; HIERONYMUS, Epistola 65, 9:

PL 22, 628; AMBROSIUS Expos. Evang. sec. Lucam, II, 9: CSEL 32/4,
45 f.; AUGUSTINUS Sermo 291, 4-6: PL 38, 1318 f.; Enchiridion,
36, 11: PL 40, 250; PETRUS CHRYSOLOGUS, Sermo 142: PL 52, 579 f.;

Sermo 143: PL 52, 583; FULGENTIUS VON RUSPE, Epistola 17,
VI, 12:PL 65, 458; BERNHARD V. CL., In laudibus Virginis Matris
Homilia III, 2-3: S. Bernardi Opera, IV (1966) 36-38.

22
Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 55.

23
Ebd.
, 53.

24
Vgl. PIUS IX., Apostolisches Schreiben Ineffabilis Deus (8.12.1854): Pii
IX P.M. Acta
, pars I, 616. II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische
Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 53.

25
Vgl. GERMANUS VON KONSTANTINOPEL, In Annuntiationem SS. Deiparae Hom.: PG 98, 327 f.; ANDREAS VON KRETA, Canon in B. Mariae Natalem, 4: PG
97, 1321 f.; In Nativitatem B. Mariae, I: PG 97, 811 f.; Hom.
in Dormitionem S. Mariae
, 1: PG 97, 1067 f.

26 Stundengebet
zum Hochfest von Mariä Aufnahme in den Himmel, am 15. August, Hymnus zur 1. und
2. Vesper; PETRUS DAMIANI, Carmina et preces, XLVII: PL 145, 934.

27 Göttliche
Komödie, Paradies,
XXXIII, 1; vgl. Stundengebet, Mariengedenken am Samstag,
2. Hymnus zur Lesehore.

28
Vgl. AUGUSTINUS, De Sancta Virginitate, III, 3: PL 40, 398; Sermo
25, 7: PL 46, 937 f.

29

Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung Dei Verbum, 5.

30
Ein klassisches Thema, das schon von Irenäus behandelt wird: »Durch eine
ungehorsame Jungfrau wurde der Mensch getroffen, stürzte nieder und starb; in
gleicher Weise ist der Mensch mit der Hilfe der dem Wort Gottes gehorsamen
Jungfrau durch das Leben zum Leben wiedergeboren worden. Denn es war recht und
notwendig, ... daß Eva in Maria wiederhergestellt würde, damit eine Jungfrau
für die Jungfrau eintrete und der Ungehorsam der einen durch den Gehorsam der
anderen ausgelöscht und zerstört werde«: Expositio doctrinae apostolicae,
33: S. Ch. 62, 83-86; vgl. auch Adversus haereses, V, 19, 1: S.
Ch.
153, 248-250.

31
II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die göttliche
Offenbarung Dei Verbum, 5.

32 Ebd.,
5; vgl. Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 56.

33
II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen
gentium
, 56.

34 Ebd.,
56.

35

Vgl. ebd, 53; AUGUSTINUS, De Sancta Virginitate, III, 3:PL
40, 398; Sermo 215, 4: PL 38, 1074; Sermo 196, 1: PL

38, 1019; De peccatorum meritis et remissione, I, 29, 57: PL 44,
142; Sermo 25, 7: PL 46, 937 f.; LEO DER GROSSE, Tractatus 21,
De natale Domini,
1: CCL 138, 86.

36

Vgl. Der Aufstieg zum Berge Karmel, Buch II, Kap. 3, 4-6.

37
Vgl. Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium 58.

38 Ebd.,
58.

39
Vgl. II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die göttliche
Offenbarung Dei Verbum, 5.

40
über die Teilnahme oder das »Mitleiden« Marias beim Tode Christi vgl. BERNHARD
VON CLAIRVAUX, In Dominica infra octavam Assumptionis Sermo, 14: S.
Bernardi Opera
, V (1968) 273.


41
IRENäUS, Adversus haereses, III, 22, 4: S. Ch. 211, 438-444; vgl.
Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 56, Anm. 6.

42

Vgl. Lumen gentium, 56 und die dort in den Anmerkungen 8 u. 9 zitierten
Väter.

43
»Christus ist Wahrheit, Christus ist Fleisch: Christus als Wahrheit im Geist
Marias, Christus als Fleisch im Schoß Marias«: AUGUSTINUS, Sermo 25
(Sermones inediti), 7: PL 46, 938.

44
Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 60.

45 Ebd.,
61.

46 Ebd.,
62.

47
Bekannt ist, was Origenes zur Anwesenheit von Maria und Johannes auf Kalvaria
geschrieben hat: »Die Evangelien sind die Erstlingsfrüchte der Heiligen
Schrift, und das Johannesevangelium ist das erste der Evangelien: Niemand kann
seine Bedeutung erfassen, wenn er nicht den Kopf an die Brust Jesu gelegt und
nicht von Jesus Maria als Mutter erhalten hat«: Comm. in Ioan. 1, 6: PG 14, 31; vgl. AMBROSIUS, Expos. Evang. sec. Luc., X, 129-131: CSEL 32/4, 504 f.

48
Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 54 und 53; der
zweite Konzilstext ist ein Zitat aus AUGUSTINUS, De Sancta Virginitate,
VI, 6: PL 40, 399.

49

Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 55.

50
Vgl. LEO DER GROSSE, Tractatus 26, De natale Domini,2:CCL
138, 126.

51
Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium 59.

52
AUGUSTINUS, De Civitate Dei, XVIII, 51: CCL 48, 650
(konzilseigene Zitation).

53
II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen
gentium,
8.

54 Ebd.,
9.

55 Ebd.,
9.

56
Ebd.,
8.

57
Ebd.,
9.

58 Ebd.,
65

59 Ebd.,
59.

60

Vgl. II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die göttliche
Offenbarung Dei Verbum, 5.

61
Vgl. II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen
gentium,
63.

62

Vgl. ebd., 9

63
Vgl ebd., 65

64
Ebd,.
65

65 Ebd., 65

66
Vgl. ebd., 13

67

Vgl. ebd., 13.

68
Vgl. ebd., 13.

69

Vgl. Römisches Meßbuch, Worte zur Kelchkonsekration in den
Eucharistischen Hochgebeten.

70
II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen
gentium,
1.

71 Ebd.,
13.

72 Ebd.,
15.

73
Dekret über den ökumenismus Unitatis redintegratio, 1.

74
Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 68; 69. Zu Maria
als Förderin der Einheit der Christen und zur Marienverehrung im Orient vgl. LEO
XIII., Enzyklika Adiutricem populi (5.9.1895):Acta Leonis, XV,
300-312.

75

II. VATIKANISCHES KONZIL, Dekret über den ökumenismus Unitatis
redintegratio,
20.

76
Vgl. ebd., 19.

77 Ebd.,
14.

78 Edb.,
15.

79
II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen
gentium
, 66.

80

öKUMENISCHES KONZlL VON CHALZEDON, Definitio fidei: Conciliorum
Oecumenicorum Decreta
, Bologna 1973 3, 86 (DS 301).

81
Vgl. das Buch Weddase Maryam (Marienlob), das sich an das äthiopische
Psalterium anschließt und Hymnen und Gebete zu Maria für jeden Tag der Woche
enthält. Vgl. auch das Buch Matshafa Kidana Mehrat (Buch des Bundes der
Barmherzigkeit);
man muß die Bedeutung unterstreichen, die Maria in der

äthiopischen Hymnologie und Liturgie gegeben wird.

82
Vgl. EPHRäM AUS SYRIEN, Hymn. de Nativitate: Scriptores Syri, 82: CSCO 186.

83
Vgl. GREGOR VON NAREK, Le livre de prières: S. Ch. 78, 160-163; 428-432.

84
II. öKUMENISCHES KONZIL VON NIZäA: Conciliorum Oecumenicorum Decreta,
Bologna 1973 3, 135-138 (DS 600-609).

85
Vgl. II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen
gentium
, 59.

86 Vgl
II. VATIKANISCHES KONZIL, Dekret über den ökumenismus Unitatis
redintegratio,
19.

87
II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen
gentium,
8.

88 Ebd.,
9

89
Bekanntlich sind in den Worten des Magnifikat zahlreiche Stellen des Alten
Testamentes enthalten oder klingen an.

90
II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die göttliche
Offenbarung Dei Verbum, 2.

91
Vgl. z. B. JUSTINUS, Dialogus cum Tryphone Iudaeo, 100 J. C. DE OTTO, Corpus
Apol.,
II, 358; IRENäUS, Adversus haereses, III, 22, 4: S. Ch.
211, 439-445; TERTULLIAN, De carne Christi, 17/4-6: CCL II, 904
ff.

92
Vgl. EPIPHANIUS, Panarion, III, 2; Haer. 78, 18: PG 42,
727-730; AMBROSIUS, Expos. Evang. Lucae, II, 86: CSEL 32/4, 90f.

93
KONGREGATION FüR DIE GLAUBENSLEHRE, Instruktion über christliche Freiheit
und Befreiung
(22. März 1986), 97.

94
II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium,

60.

95 Ebd., 60.

96
Vgl. die Formulierung: Mittlerin »ad Mediatorem« (»zum Mittler«) bei BERNHARD
VON CLAIRVAUX, In Dominica infra oct. Assumptionis Sermo, 2: S. Bernardi Opera,
V (1968) 263. Wie ein reiner Spiegel lenkt Maria alle Verherrlichung und Ehrung, die sie
empfängt, auf den Sohn hin: ders., In Nativitate B. Mariae Sermo - De
aquaeductu
, 12: Ed. cit., 283.

97
Vgl. II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen
gentium
, 62.

98
Ebd.,
62.

99 Ebd.,

61.

100
Ebd.,
62

101 Ebd.,
61

102 Ebd.,

61

103 Ebd,
62.

104 Ebd., 62.

105 Ebd,

62; auch in ihren Gebeten anerkennt und feiert die Kirche das »mütterliche
Wirken« Marias: ihre Aufgabe, »Vergebung zu erbitten, Gnade zu erwirken,
Versöhnung und Frieden zu vermitteln« (vgl. Präfation der Messe von der seligen
Jungfrau Maria, Mutter und Gnadenvermittlerin, in: Collectio Missarum de
Beata Maria Virgine
, ed. typ. 1987, I, 120.

106.
II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen
gentium,
62.

107 Ebd, 62; vgl. JOHANNES VON DAMASKUS, Hom. in Dormitionem, I, 11; II, 2,
14; III, 2: S. Ch. 80, 111 f.; 127-131; 157-161, 181-185; BERNHARD VON
CLAIRVAUX, In Assumptione Beatae Mariae Sermo, 1-2: S. Bernardi
Opera,
V (1968) 228-238.

108
II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen
gentium
, 59; vgl. PIUS XII., Apostolische Konstitution Munificentissimus
Deus
(1.11.1950): AAS 42 (1950) 769-771; BERNHARD v. CL. stellt Maria dar
wie eingetaucht in den Glanz der Herrlichkeit des Sohnes: In Dominica infra
oct.
Assumptionis Sermo, 3: S. Bernardi Opera, V (1968) 263f.

109
II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen
gentium
, 53.

110
über diesen Einzelaspekt der Mittlerschaft Marias als Gnadenvermittlerin bei
ihrem Sohn und Richter vgl. BERNHARD V. CL., In Dominica infra oct. Assumptionis Sermo, 1-2: S. Bernardi Opera, V (1968) 262 f.; LEO XIII., Enzyklika Octobri Mense (22.9.1891): Acta
Leonis
, XI, 299-315.

111
II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen
gentium,
55.

112 Ebd., 59.

113 Ebd.,

36.

114
Ebd.,
36.

115
Zum Titel »Maria Königin« vgl. JOHANNES VON DAMASKUS, Hom. in Nativitatem,

6; 12; Hom. in Dormitionem, I, 2, 12, 14; II, 11; III, 4: S. Ch.
80, 59 f.; 77 f.; 113 f.; 117; 151 f.; 189-193.

116
II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen
gentium,
62.

117 Ebd.,
63.

118
Ebd.,
63.


119
Ebd.,
66

120
Vgl. AMBROSIUS De Institutione Virginis, XIV, 88-89: PL 16, 341;
AUGUSTINUS, Sermo 215, 4: PL 38, 1074; De Sancta Virginitate,

II, 2; V, 5; VI, 6: PL 40, 397; 398 f.; 399; Sermo 191, II, 3: PL
38, 1010 f.

121
Vgl. II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen
gentium,
63.

122 Ebd.,
64.

123 Ebd.,
64.

124 Ebd.,

64.

125
Ebd.,
64.

126
Vgl. II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die göttliche
Offenbarung Dei Verbum, 8, BONAVENTURA, Comment. in Evang. Lucae, Ad Claras Aquas, VII, 53, Nr. 40; 68, Nr. 109.

127
II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen
gentium,
64.

128 Ebd.,
63.

129

Vgl. edb., 63

130
Bekanntlich besagt der Ausdruck xxx des griechischen Textes mehr, als daß Maria
von dem Jünger lediglich für die äußere Unterbringung und Versorgung in seine
Wohnung aufgenommen worden wäre; vielmehr bezeichnet er eine Lebensgemeinschaft,

die sich zwischen beiden aufgrund der Worte des sterbenden Christus bildet:
vgl. AUGUSTINUS, In Ioan. Evang. tract, 119, 3: CCL 36, 659: »Er
nahm sie zu sich, nicht in sein Besitztum, weil er nichts zu eigen besaß,
sondern in seine Verantwortung, der er mit Hingabe nachkam«.

131
II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 62.

132 Ebd.,
63.

133
II. VATIKANISCHES KONZIL, Pastorale Konstitution über die Kirche in der Welt
von heute Gaudium et spes, 22.

134

Vgl. PAUL VI., Ansprache vom 21. Nov. 1964: AAS 56 (1964) 1015.

135
PAUL VI., Feierliches Glaubensbekenntnis (30.6.1968), 15:AAS 60
(1968) 438 f.

136
PAUL VI., Ansprache vom 21. NOV. 1964: AAS 56 (1964) 1015.

137 Ebd., 1016.

138
Vgl. II. VATIKANISCHES KONZIL, Pastorale Konstitution über die Kirche in der
Welt von heute Gaudium et spes, 37.

139
Vgl. BERNHARD v. CL., In Dominica infra oct. Assumptionis Sermo: S. Bernardi
Opera,
V (1968) 262-274.

140

II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium,
65.

141
Vgl. Enzyklika Fulgens Corona (8.9.1953): AAS 45 (1953) 577-592;
Pius X. hatte mit der Enzyklika Ad diem illum (2.2. 1904) zum
50-jährigen Gedenken der dogmatischen Definition der Unbefleckten Empfängnis
der seligen Jungfrau Maria ein außerordentliches Jubiläum von einigen Monaten
verkündet: Pii X P.M. Acta I, 147-166.

142
II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen
gentium,
66-67.

143
Vgl. das Buch Traité de la vraie dévotion à la sainte Vierge. Diesem Heiligen kann man
zu Recht die Gestalt des hl. Alfons Maria de’ Liguori zur Seite stellen, dessen
200. Jahrestag nach seinem Tode wir dieses Jahr begehen: vgl. unter seinen
Werken Le glorie di Maria.

144
II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen
gentium
, 69.

145
Homilie vom. 1 Januar 1987

146
II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen
gentium
, 69.

147
Vgl. II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die göttliche
Offenbarung Dei Verbum, 2: »In dieser Offenbarung redet der unsichtbare
Gott... aus überströmender Liebe die Menschen an wie Freunde... und verkehrt
mit ihnen.... um sie in seine Gemeinschaft einzuladen und aufzunehmen«.

 
Jean Paul II
Pape
 
 
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