Apostolisches Schreiben seiner Heiligkeit Papst Johannes Paul II. an die Bischöfe, den Klerus, die Ordensleute und die Gläubigen über den Rosenkranz
EINFÜHRUNG
1. Der Rosenkranz der
Jungfrau Maria (Rosarium Virginis Mariae),
der sich allmählich im zweiten Jahrtausend unter dem Wehen des Geistes Gottes
entwickelt hat, ist ein durch das Lehramt empfohlenes beliebtes Gebet vieler
Heiliger. In seiner Schlichtheit und Tiefe bleibt der Rosenkranz auch in dem
soeben begonnenen dritten Jahrtausend ein Gebet von großer Bedeutung und ist
dazu bestimmt, Früchte der Heiligkeit hervorzubringen. Dieses Gebet reiht
sich gut ein in den geistigen Weg des Christentums, das nach zweitausend
Jahren nichts von der Frische des Ursprungs verloren hat und das sich durch
den Geist Gottes gedrängt fühlt,»hinauszufahren«( »duc in altum!«
), um der Welt wieder und wieder Christus zuzurufen, noch mehr
ihn»hinauszurufen« : Christus, als den Herrn und Erlöser,
als»den Weg, die Wahrheit und das Leben«(Joh 14,6), als»das Ziel der menschlichen Geschichte, der Punkt, auf den
hin alle Bestrebungen der Geschichte und Kultur konvergieren« .1
Tatsächlich ist der
Rosenkranz, wenn auch von seinem marianischen Erscheinungsbild her
charakterisiert,
ein zutiefst christologisches Gebet. In der Nüchternheit seiner Teile
vereinigt er in sich die Tiefe der
ganzen Frohen Botschaft, für die er gleichsam eine Kurzfassung2 ist. In ihm erklingt das Gebet Marias, ihr unaufhörliches
Magnificat durch das Werk der erlösenden Menschwerdung, die in ihrem
jungfräulichen Schoß ihren Anfang nahm. Mit dem Rosenkranz geht das
christliche Volk in die Schule Mariens, um sich in die Betrachtung der Schönheit des
Antlitzes Christi und in die Erfahrung der Tiefe seiner Liebe einführen zu
lassen. In der Betrachtung der Rosenkranzgeheimnisse schöpft der Gläubige
Gnade in Fülle, die er gleichsam aus den Händen der Mutter des Erlösers
selbst erhält.
Die
Päpste und der Rosenkranz
2. Diesem Gebet haben
viele meiner Vorgänger große Bedeutung zugemessen. Besondere Verdienste
erwarb sich Papst Leo XIII., der am 1. September 1883 die Enzyklika Supremi
apostolatus officio veröffentlichte,3 eine Erklärung hoher Bedeutung, die am Beginn von zahlreichen anderen Äußerungen
über dieses Gebet stand und in der der Papst auf dieses Gebet als wirksames
geistiges Mittel angesichts der Übel der Gesellschaft hinwies. Unter den Päpsten
der jüngeren Geschichte, die sich in der Konzilszeit durch die Verbreitung
des Rosenkranzes ausgezeichnet haben, möchte ich an den seligen Johannes
XXIII.4 erinnern und vor allem an Paul VI., der im Apostolischen Schreiben Marialis
cultus in Übereinstimmung mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil den
evangeliumsgemäßen Charakter des Rosenkranzgebetes und seine christologische
Ausrichtung hervorgehoben hat.
Auch ich selbst habe
in der Folge keine Gelegenheit verabsäumt, um zum häufigen Rosenkranzgebet
zu ermutigen. Seit meinen Kinder- und Jugendjahren hat dieses Gebet einen
wichtigen Platz in meinem geistlichen Leben eingenommen. Daran habe ich mich während
meiner letzten Reise nach Polen erinnert, vor allem beim Besuch des
Wallfahrtsortes Kalwaria Zebrzydowska. Das Rosenkranzgebet hat mich in
Augenblicken der Freude und der Prüfung begleitet. Viele Sorgen habe ich in
dieses Gebet hineingelegt und habe dadurch stets Stärkung und Trost erfahren.
Vor vierundzwanzig Jahren, am 29. Oktober 1978, gerade zwei Wochen nach meiner
Wahl auf den Stuhl Petri, habe ich mich, gleichsam mein Herz öffnend, wie
folgt ausgedrückt:»Der
Rosenkranz ist mein Lieblingsgebet. Er ist ein wunderbares Gebet, wunderbar in
seiner Schlichtheit und seiner Tiefe. [...] Man kann sagen, der Rosenkranz ist
in gewisser Weise ein Gebetskommentar zum letzten Kapitel der Konstitution
Lumen gentium des Zweiten Vatikanischen Konzils, dem Kapitel, das von der
wunderbaren Gegenwart der Muttergottes im Geheimnis Christi und der Kirche
handelt. In der Tat ziehen vor dem Hintergrund der Worte des
Ave Maria vor den Augen der Seele die wichtigsten Ereignisse des Lebens
Jesu vorbei. Sie bilden zusammen den freudenreichen, schmerzhaften und
glorreichen Rosenkranz, der uns - so könnten wir sagen - durch das Herz
seiner Mutter in lebendige Verbindung mit Jesus bringt. Gleichzeitig kann
unser Herz in die Abfolge dieser Geheimnisse des Rosenkranzes alle Ereignisse
einschließen, die das Leben des einzelnen, der Familie, der Nation, der
Kirche und der Menschheit ausmachen; die persönlichen Erfahrungen und die des
Nächsten, in besonderer Weise die jener Menschen, die uns am allernächsten
stehen, die uns am Herzen liegen. So bekommt das schlichte Gebet des
Rosenkranzes den Rhythmus des menschlichen Lebens« .5
Mit diesen Worten,
meine lieben Brüder und Schwestern, stellte ich das
erste Jahr meines Pontifikates in den täglichen Rhythmus des
Rosenkranzgebetes hinein. Heute, am
Anfang des fünfundzwanzigsten Jahres des Dienstes als Nachfolger Petri, möchte
ich dasselbe tun. Wie viele Gnaden habe ich in diesen Jahren von der Heiligen
Jungfrau durch das Rosenkranzgebet empfangen: Magnificat anima mea Dominum! Meinen Dank an den
Herrn möchte
ich mit den Worten der heiligsten Mutter ausdrücken, unter deren Schutz ich
mein petrinisches Dienstamt gestellt habe: Totus
tuus!
Oktober
2002 - Oktober 2003: Jahr des Rosenkranzes
3. Im Zuge der Überlegungen
des Apostolischen Schreibens Novo
millennio ineunte, in welchem ich das Volk Gottes nach der Erfahrung des
Großen Jubiläums dazu eingeladen habe,»von Christus her neu aufzubrechen« ,6
erachte ich es als notwendig, eine Betrachtung über das Rosenkranzgebet zu
entfalten. Diese dient gleichsam einer marianischen Krönung des genannten
Apostolischen Schreibens, um in Gemeinschaft und in der Schule der
Allerseligsten Mutter zur Betrachtung des Antlitzes Christi zu ermutigen. Den
Rosenkranz beten ist tatsächlich nichts anderes, als mit
Maria das Antlitz Christi zu betrachten. Um dieser Einladung eine noch größere
Bedeutung zu geben, nutze ich gerne die Gelegenheit, die sich durch den
kommenden hundertzwanzigsten Jahrestag der bereits genannten Enzyklika von
Papst Leo XIII. bietet. Ich wünsche, daß dieses Gebet im Laufe dieses Jahres
in den verschiedenen christlichen Gemeinschaften besonders angeboten und geschätzt
wird. Deshalb erkläre ich den Zeitraum vom Oktober dieses Jahres bis zum
Oktober 2003 zum Jahr des Rosenkranzes.
Diese
pastorale Anleitung vertraue ich der Initiative der einzelnen
kirchlichen Gemeinschaften an. Mit ihr beabsichtige ich nicht, die
pastoralen Vorhaben der Teilkirchen zu hemmen, sondern sie vielmehr zu
ergänzen und zu konsolidieren. Ich vertraue darauf, daß sie mit
Großherzigkeit und Bereitwilligkeit aufgenommen wird. Der Rosenkranz,
in seiner ganzen Bedeutung wieder neu entdeckt, führt ins Herz des
christlichen Lebens selbst hinein. Er bietet eine gewohnheitsmäßige und
ebenso fruchtbare geistige wie pädagogische Möglichkeit der
persönlichen Betrachtung, der geistlichen Bildung des Volkes Gottes und
der Neuevangelisierung. Ich möchte dies auch anläßlich eines anderen
freudigen Jubiläums bekräftigen: Vierzig Jahre sind seit dem Beginn des
Ökumenischen II. Vatikanischen Konzils vergangen (11. Oktober 1962),
der»großen Gnade« , die der Geist Gottes für die Kirche unserer
Zeit vorgesehen hat.7
Einwände
gegen das Rosenkranzgebet
4. Das Ergreifen
dieser Initiative entspringt verschiedenen Überlegungen. Die erste betrifft
die Notwendigkeit, einer gewissen Krise dieses Gebetes zu begegnen. Im
derzeitigen geschichtlichen
und theologischen Kontext läuft der Rosenkranz Gefahr, in seinem Wert
ungerechterweise vermindert zu werden, und wird darum nur kaum an die neuen
Generationen weitergegeben. Manche denken, die zentrale Bedeutung der
Liturgie, wie sie richtigerweise vom Ökumenischen II. Vatikanischen Konzil
unterstrichen wurde, müsse notwendigerweise eine Abwertung des Rosenkranzes
zur Folge haben. Paul VI. hat klargestellt, daß dieses Gebet nicht nur der
Liturgie nicht entgegensteht, sondern sie unterstützt. Denn der Rosenkranz
bereitet auf die Liturgie vor und ist ihr Widerhall, indem er uns ermöglicht,
diese in der Fülle innerer Anteilnahme zu leben und daraus gute Früchte für
das Leben im Alltag hervorzubringen.
Vielleicht besteht
auch die Befürchtung, der Rosenkranz könne wegen seines ausgesprochen
marianischen Charakters als wenig ökumenisch gelten. In Wirklichkeit führt
uns dieses Gebet in einen viel klareren Horizont der Verehrung der Mutter
Gottes, den das Konzil aufgezeigt hat: eine Frömmigkeitsform, die sich am
christologischen Zentrum des christlichen Glaubens orientiert, und zwar in der
Weise, da߻wenn die Mutter
geehrt wird, der Sohn [...] richtig erkannt, geliebt, verherrlicht wird« .8nWenn das Rosenkranzgebet in angebrachter Weise neu entdeckt wird, ist es eine
Hilfe und sicher kein Hindernis für die Ökumene!
Weg
der Betrachtung
5. Der wichtigste
Grund, um die Übung des Rosenkranzgebetes erneut kraftvoll vorzuschlagen, ist
jedoch die Tatsache, daß er ein sehr nützliches Mittel darstellt, um unter
den Gläubigen das wichtige Anliegen der Betrachtung des Christusgeheimnisses
zu fördern, die ich im Apostolischen Schreiben Novo
millennio ineunte ls wahre und eigentliche ,,Pädagogik der Heiligkeit“
vorgestellt habe:»Es braucht
ein Christentum, das sich vor allem durch die Kunst
des Gebetes auszeichnet« .9 Während in unserer gegenwärtigen Kultur trotz vieler Widersprüche eine neue
Notwendigkeit von Spiritualität aufscheint, die auch durch Einflüsse anderer
Religionen beschleunigt wird, ist es umso vordringlicher, daß unsere
christlichen Gemeinden»echte Schulen des Gebetes«10 werden.
Das Rosenkranzgebet
ist in der besten und bewährten Tradition der christlichen Betrachtung
angesiedelt. Es hat sich als ein eigentümlich meditatives Gebet im Westen
entwickelt und ist in gewisser Weise eine Entsprechung zum»Herzensgebet«oder»Jesusgebet« , welches auf dem
Humus des christlichen Ostens gewachsen ist.
Gebet
für den Frieden und für die Familie
6. Um der Neubelebung
des Rosenkranzgebetes größere Aktualität beizumessen, sind hier einige
geschichtliche Umstände anzufügen. Als erster sei die Notwendigkeit genannt,
Gott inständig um das Geschenk des Friedens zu bitten. Meine Vorgänger und ich selbst
haben den Rosenkranz wiederholt als Gebet um den Frieden empfohlen. Am Beginn
eines neuen Jahrtausends, welches mit den Schauder erregenden Bildern des
Attentates vom 11. September 2001 begonnen hat und jeden Tag in vielen Teilen
der Welt neue Szenen von Blut und Gewalt aufweist, bedeutet die
Wiederentdeckung des Rosenkranzes, sich in die Betrachtung des Geheimnisses
dessen zu vertiefen, der»unser
Friede ist« , indem er»die
beiden Teile vereinigte und die trennende Wand der Feindschaft niederriß«(Eph 2, 14). Somit kann man
den Rosenkranz nicht beten, ohne den Auftrag zur Teilnahme am Dienst des
Friedens anzunehmen, mit einem besonderem Augenmerk auf das so schwer geprüfte
Land Jesu, das uns Christen so teuer ist.
Dieselbe
Dringlichkeit an Einsatz und Gebet tritt an einem anderen kritischen Punkt
unserer Zeit hervor, nämlich dem der Familie,
der Keimzelle der Gesellschaft, die immer mehr durch zersetzende Kräfte auf
ideologischem oder praktischem Niveau bedroht ist. Solche Einflüsse lassen um
die Zukunft dieser fundamentalen und unverzichtbaren Institution für sie
selbst sowie für die gesamte Gesellschaft fürchten. Die Wiederbelebung des
Rosenkranzes in den christlichen Familien stellt im Spektrum einer weit
angelegten Pastoral der Familie eine wirksame Hilfe dar, um die verheerenden
Auswirkungen dieser epochalen Krise einzudämmen.
»Siehe,
deine Mutter«(Joh,
19, 17)
7. Zahlreiche Zeichen
weisen darauf hin, wie sehr die heilige Jungfrau auch heute gerade durch
dieses Gebet jene mütterliche Sorge walten lassen will, welcher der sterbende
Erlöser in der Person des Lieblingsjüngers alle Kinder der Kirche anvertraut
hat:»Frau, siehe dein Sohn!«(Joh 19, 26). Bekannt sind die
verschiedenen Umstände im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert, in denen
die Mutter Christi in der einen oder anderen Weise ihre Gegenwart und ihre
Stimme vernehmbar gemacht hat, um das Volk Gottes zu dieser Form des
betrachtenden Gebetes aufzurufen. Wegen ihres bedeutenden Einflusses auf das
Leben vieler Christen und wegen der amtlichen Anerkennung, die sie seitens der
Kirche erfahren haben, möchte ich besonders an die Erscheinungen in Lourdes
und Fatima11erinnern. Diese Wallfahrtsorte sind das Ziel zahlreicher Pilger auf der Suche
nach Trost und Hoffnung.
Auf
den Spuren der Zeugen
8. Es wäre unmöglich,
die zahllosen Heiligen zu nennen, die im Rosenkranzgebet einen authentischen
Weg der Heiligung entdeckt haben. Es wird genügen, hier an den heiligen
Ludwig Maria Grignion de Montfort zu erinnern, den Autor eines kostbaren
Werkes über den Rosenkranz,12 und in größerer zeitlicher Nähe zu uns an Pater Pio von Pietrelcina, den
ich zu meiner Freude vor kurzem heiligsprechen konnte. Ein besonderes Charisma
hatte weiterhin der selige Bartolo Longo, der ein wahrer Apostel des
Rosenkranzes gewesen ist. Sein Weg der Heiligkeit gründete auf einer
Eingebung, die er in der Tiefe seines Herzens vernahm:»Wer das Rosenkranzgebet verbreitet, ist gerettet!«13
Auf dieser Grundlage fühlte er sich berufen, in Pompeji ein Heiligtum der
Jungfrau vom Heiligen Rosenkranz zu errichten, welches auf den Ruinen der
antiken Stadt ruht, die gerade erst von der Botschaft des Christentums berührt
worden war, bevor sie im Jahre 79 durch den Ausbruch des Vesuvs begraben
wurde. Aus ihrer Asche erhebt sie sich Jahrhunderte später zum Zeichen für
das Licht und die Schatten der Gesellschaft der klassischen Epoche.
Mit seinem ganzen
Werk, und vor allem durch die»Fünfzehn
Samstage« , hat Bartolo Longo das christozentrische und betrachtende Wesen
des Rosenkranzes herausgearbeitet, wobei er besondere Ermutigung und Unterstützung
durch Leo XIII., den»Papst des
Rosenkranzes« , fand.
ERSTES KAPITEL
MIT MARIA CHRISTUS BETRACHTEN
Ein
Antlitz, leuchtend wie die Sonne
9. »Und er wurde vor
ihren Augen verwandelt; sein Gesicht leuchtete wie die Sonne«(Mt17, 2). Die im Evangelium
berichtete Szene von der Verklärung Christi, in der die drei Apostel Petrus,
Jakobus und Johannes wie verzückt von der Schönheit des Erlösers
erscheinen, kann zu einem Bild
christlicher Kontemplation erhoben werden. Es bleibt der Auftrag eines
jeden Jüngers Christi, und somit auch unser Auftrag, die Augen auf das
Antlitz Christi gerichtet zu halten und darin das Geheimnis des gewöhnlichen
und schmerzlichen Weges seiner Menschheit zu erkennen, bis hin zum Begreifen
des göttlichen Glanzes, der sich endgültig im Auferstandenen, der zur
Rechten des Vaters verherrlicht ist, kundtut. Im Betrachten dieses Angesichtes
öffnen wir uns, um das Geheimnis des dreifaltigen Lebens in uns aufzunehmen
und um stets aufs Neue die Liebe des Vaters zu erfahren und die Freude des
Heiligen Geistes zu verkosten. So verwirklicht sich auch für uns das Wort des
heiligen Paulus:»Wir alle
spiegeln mit enthülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wider und werden
so in sein eigenes Bild verwandelt, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, durch
den Geist des Herrn«(2Kor 3, 18).
Maria,
Vorbild der Kontemplation
10. Die Betrachtung
Christi hat in Maria ihr unübertreffliches
Vorbild. Das Antlitz des Sohnes gehört in besonderer Weise zu ihr. In
ihrem Schoß hat er Gestalt angenommen und von ihr ein menschlich ähnliches
Aussehen empfangen, das eine sicher noch größere geistliche Verbundenheit
mit sich bringt. Niemand hat sich mehr als Maria der Betrachtung des Antlitzes
Christi mit gleicher Beharrlichkeit hingegeben. Die Augen ihres Herzens
richten sich in gewisser Weise schon bei der Verkündigung auf ihn, als sie
ihn durch das Wirken des Heiligen Geistes empfängt. In den folgenden Monaten
beginnt sie, seine Gegenwart zu spüren und seine Züge zu erahnen. Als sie
ihn schließlich in Bethlehem zur Welt bringt, sind auch die Augen ihres
Leibes zärtlich auf das Angesicht des Sohnes gerichtet, den sie in Windeln
wickelte und ihn in eine Krippe legte«(vgl.
Lk 2, 7).
Von jetzt an wird ihr
Blick, der immer mehr anbetendem Staunen gleicht, nicht mehr von ihm weichen.
Es wird zuweilen ein fragender Blick sein, wie beim
Ereignis der Wiederauffindung im Tempel:»Kind, wie konntest du uns das antun?«(Lk 2, 48). In jeden Fall
wird es ein durchdringender Blick sein,
der fähig ist, im Innersten Jesu seine verborgenen Gefühle wahrzunehmen und
seine Absichten zu erahnen, wie in Kana (vgl.
Joh 2, 5). Andere Male wird es ein schmerzlicher Blick sein, vor allem
unter dem Kreuz, wo es wieder in gewissem Sinn der Blick der ,,Gebärenden“
sein wird, da Maria sich nicht darauf beschränkt, das Leiden und den Tod des
Eingeborenen mitzuvollziehen, sondern im Lieblingsjünger (vgl. Joh 19, 26-27) den neuen Sohn aufzunehmen. Am Ostermorgen wird es ein
strahlender Blick in der Freude der Auferstehung sein, und schließlich am
Pfingsttag ein durch die Ausgießung des Geistes (vgl.
Apg 1, 14) glühender Blick.
Die
Erinnerungen Mariens
11.
Maria lebt mit den Augen auf Christus gerichtet und macht sich jedes
seiner Worte zu eigen:»Sie bewahrte alles, was geschehen war, in
ihrem Herzen und dachte darüber nach«(Joh
19, vgl. 2, 51). Die Erinnerungen an Jesus, die sich ihrer Seele einprägten,
haben sie in allen Umständen begleitet, indem sie die verschiedenen Momente
ihres Lebens, die sie an der Seite Jesu verbrachte, in Gedanken nochmals
durchlief. Diese Erinnerungen bildeten, in gewisser Weise, den
,,Rosenkranz“, den sie selbst unaufhörlich in den Tagen ihres irdischen
Lebens wiederholte.
Und auch jetzt,
inmitten der Freudengesänge des himmlischen Jerusalems, bleibt der Grund
ihres Dankes und ihres Lobes unverändert. Dieser Grund regt ihre mütterliche
Sorge für die pilgernde Kirche an, in der sie fortfährt, die Handlung ihrer
Geschichte als Verkündigerin zu entfalten. Maria
legt den Gläubigen nochmals unaufhörlich die ,,Geheimnisse“ ihres Sohnes
vor, mit dem Wunsch, daß sie betrachtet werden, auf daß sie ihre erlösende
Kraft ausströmen können. Beim Beten des Rosenkranzes kommt die christliche
Gemeinde mit dem Andenken und dem Blick Marias in Einklang.
Der
Rosenkranz, ein betrachtendes Gebet
12. Gerade aus der
Erfahrung Marias ist der Rosenkranz ein
ausgesprochen kontemplatives Gebet.
Wenn es diese Dimension entbehrt, würde ein entstelltes Gebet
entstehen, wie Paul VI. unterstrichen hat:»Ohne Betrachtung ist
der Rosenkranz ein Leib ohne Seele, und das Gebet läuft Gefahr, zu
einer mechanischen Wiederholung von Formeln zu werden, ganz im
Widerspruch zur Mahnung Jesu: ,,Wenn ihr betet, sollt ihr nicht
plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie
viele Worte machen“ (Mt 6, 7). Seiner
Natur nach verlangt das Rosenkranzgebet einen ruhigen Rhythmus und ein
besinnliches Verweilen, was dem Betenden die Betrachtung der Geheimnisse im
Leben des Herrn erleichtert und diese gleichsam mit dem Herzen derjenigen
schauen läßt, die dem Herrn am nächsten stand. So werden sich ihm die
unergründlichen Reichtümer dieser Geheimnisse erschließen« .14
Es lohnt sich, bei
diesen tiefen Gedanken von Paul VI. zu verweilen, um einige Dimensionen des
Rosenkranzes herauszustellen, die besser den Eigencharakter der
christologischen Betrachtung bestimmen.
Sich
mit Maria an Christus erinnern
13. Das Betrachten
Mariens ist in erster Linie ein
Erinnern. Es ist jedoch notwendig, dieses Wort im biblischen Sinn von Gedächtnis
(zakar) zu begreifen, das die Werke,
die Gott in der Heilsgeschichte erfüllt hat, wieder gegenwärtig setzt. Die
Bibel ist eine Erzählung von Heilsereignissen, die ihren Höhepunkt in
Christus selbst finden. Diese Ereignisse sind nicht nur ein ,,Gestern“;
zugleich sind sie das ,,Heute“ der Erlösung.
Diese Aktualisierung verwirklicht sich vor allem in der Liturgie: das, was
Gott vor Zeiten vollbracht hat, betrifft nicht nur die unmittelbaren Zeugen
der Ereignisse, sondern erreicht mit dem Geschenk der Gnade Menschen zu jeder
Zeit. Das gilt in gewisser Weise auch für jede andere fromme Annäherung an
jene Ereignisse: sich in der Haltung des Glaubens und der Liebe daran
,,erinnern“, heißt, sich der Gnade öffnen, die Christus uns in den
Geheimnissen seines Lebens, seines Todes und seiner Auferstehung erworben hat.
Indem
wir nachdrücklich mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil bekräftigen, daß
die Liturgie als Ausübung des priesterlichen Amtes Christi und
öffentlicher Gottesdienst»der Höhepunkt ist, dem das Tun der
ganzen Kirche zustrebt, und zugleich die Quelle, aus der all ihre Kraft
strömt« ,15 muß auch daran erinnert werden, daß sich»das geistliche Leben aber nicht schlechthin mit der Teilnahme an der
heiligen Liturgie deckt. Der Christ ist zwar berufen, in Gemeinschaft zu
beten, doch muß er auch in sein Kämmerlein gehen und den Vater im
Verborgenen anbeten (vgl. Mt 6, 6);
ja ohne Unterlaß beten, wie der Apostel mahnt (vgl. 1Thess 5, 17)« .16
Es entspricht einer seiner Besonderheiten, daß sich der Rosenkranz in dieses
bunte Bild des ,,unaufhörlichen“ Gebetes gut einordnet. Wenn die Liturgie,
das Handeln Christi und der Kirche, ein Heilswerk
par excellence darstellt, dann ist der Rosenkranz als eine Meditation über
Christus mit Maria Heilsbetrachtung.
In der Tat stellt die von Geheimnis zu Geheimnis vollzogene Vertiefung in das
Leben des Erlösers sicher, daß wir das, was Er gewirkt hat und was die
Liturgie vergegenwärtigt, tief in uns aufnehmen und es unsere Existenz
gestaltet.
Christus
von Maria lernen
14. Christus ist der
Lehrer schlechthin, der Offenbarer und die Offenbarung. Es genügt nicht nur,
die Dinge zu lernen, die Er gelehrt hat, sondern ,,ihn selbst zu lernen“. Gibt es darin eine Lehrerin, die uns mehr
sagen könnte als Maria? Wenn
auf der göttlichen Seite der Geist der innere Meister ist, der uns zur Fülle
der Wahrheit Christi führt (vgl. Joh 14,
26; 15, 26; 16, 13), kennt unter den Geschöpfen niemand besser als sie
Christus; niemand kann uns besser als seine Mutter in eine tiefe Kenntnis
seines Geheimnisses einführen.
Das erste der von
Jesus vollbrachten ,,Zeichen“ - die Verwandlung von Wasser in Wein bei der
Hochzeit zu Kana - zeigt uns Maria gerade im Gewand der Lehrerin, die dabei
ist, die Diener zur Folgsamkeit gegenüber Christi Anweisungen aufzufordern
(vgl. Joh 2, 5). Wir können uns gut
vorstellen, daß Sie diese Aufgabe auch nach der Himmelfahrt des Herrn ausgeübt
hat, als Sie bei ihnen geblieben ist, um den Heiligen Geist zu erwarten, und
sie in ihrer ersten Mission bestärkt hat. Das Gehen durch die Szenen des
Rosenkranzes an der Seite Marias bedeutet, sich ,,in die Schule Mariens“ zu
begeben, um Christus zu erfassen und um in die Geheimnisse einzudringen,
schließlich um seine Botschaft zu verstehen.
Eine Schule wie die
Mariens ist um so wirksamer, wenn man bedenkt, daß sie diese abhält, um uns
der Gaben des Heiligen Geistes in Fülle teilhaftig werden zu lassen. Sie
stellt uns dabei das Beispiel der»Pilgerschaft
im Glauben« 17 vor
Augen, in der sie unsere unvergleichliche Lehrerin ist. Angesichts eines jeden
Geheimnisses des Sohnes lädt Sie uns ein, wie bei ihrer Verkündigung, die
Fragen in Demut zu stellen, die auf das Licht hin öffnen, um stets im
Glaubensgehorsam abzuschließen:»Ich
bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast«(Lk 1, 38).
Gleichgestaltung
in Christus mit Maria
15. Die christliche
Frömmigkeit zeichnet sich durch ihr Merkmal aus, daß der Jünger die
Verpflichtung zu einer immer vollständigeren Gleichgestaltung mit seinem
Meister auf sich nimmt (vgl. Röm 8,
29; Phil 3, 10.21). Die Ausgießung des Geistes in der Taufe fügt den
Glaubenden gleich einem Rebzweig in den Weinstock ein, der Christus ist (vgl. Joh
15, 5), und macht ihn zu einem Glied seines Mystischen Leibes (vgl.
1 Kor 12, 12; Röm 12, 5).
Dieser Einheit zu Beginn muß ein Weg der wachsenden Gleichförmigkeit mit Ihm
entsprechen, wobei sich das ganze Verhalten des Jüngers immer mehr an der
,,Logik“ Christi ausrichtet:»Seid
untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht«(Phil 2, 5). Nach den Worten
des Apostels tut es Not, den Herrn Jesus Christus anzulegen (vgl.
Röm 13, 14; Gal 3, 27).
Während
des geistlichen Vollzugs des Rosenkranzes, der - in Gemeinschaft mit
Maria - auf der unaufhörlichen Betrachtung des Antlitzes Christi
gründet, erreicht man dieses anspruchsvolle Ideal des Ähnlichwerdens
mit Ihm mittels eines Weges, den wir einen freundschaftlichen Besuch
nennen könnten. Dieser versetzt uns ganz natürlich in das Leben Christi
und erlaubt uns gleichsam, seine Empfindungen nachzuvollziehen. Der
selige Bartolo Longo sagt dazu:»Wie zwei Freunde, die sich öfters
besuchen, sich in ihren Gewohnheiten anzugleichen pflegen, so können
auch wir, die wir in familiärer Vertrautheit mit Jesus und der Jungfrau
in der Betrachtung der Rosenkranzgeheimnisse sprechen und gemeinsam ein
und dasselbe Leben in der Kommunion vollziehen, ihnen gleich werden,
soweit dies unsere Begrenztheit erlaubt: Von diesen höchsten Beispielen
können wir das demütige, arme, verborgene, geduldige und vollkommene
Leben erlernen« .18
Für diesen Prozeß
der Gleichgestaltung mit Christus vertrauen wir uns im Rosenkranz besonders
dem mütterlichen Wirken der heiligen Jungfrau an. Sie, die Gottesgebärerin,
gehört einerseits selbst zur Kirche als ihr»überragendes und völlig einzigartiges Glied«19
und ist zugleich die ,,Mutter der Kirche“. Als solche ,,gebiert“ sie ständig
Kinder für den Mystischen Leib des Sohnes. Dies übt sie durch die Fürbitte
aus, indem sie für diese die unerschöpfliche Ausgießung des Geistes
erfleht. Sie ist das vollkommene Bild
der Mütterlichkeit der Kirche.
Der Rosenkranz führt
uns mystisch an die Seite Marias, die damit beschäftigt war, das menschliche
Heranwachsen Jesu im Haus von Nazareth zu begleiten. Dies erlaubt ihr, auch
uns mit derselben Sorgfalt zu erziehen und uns zu formen, bis Christus
vollkommen in uns Gestalt angenommen hat (vgl. Gal
4, 19). Dieses völlig auf Christus gegründete und ihm gänzlich
untergeordnete Handeln Mariens»verhindert
in keiner Weise die unmittelbare Vereinigung der Glaubenden mit Christus,
sondern wird vielmehr gefördert« .20 Es ist dies das vom
Zweiten Vatikanischen Konzil formulierte erleuchtete Prinzip, das ich in
meinem Leben so stark erfahren habe, um es zur Grundlage meines bischöflichen
Wappenspruches zu machen: Totus tuus.21 Dieses Motto inspiriert sich bekanntlich an der Lehre des heiligen Ludwig
Maria Grignion de Montfort, der die Rolle Mariens auf dem Weg eines jeden von
uns zur Gleichgestaltung mit Christus wie folgt erklärt hat:»Unsere ganze Vollkommenheit
besteht darin, gleichförmig mit Christus Jesus, geeint und geweiht an ihn zu
sein. Jedoch die vollkommenste aller Formen der Hingabe ist unbestreitbar
jene, die uns noch vollkommener mit Christus gleichgestaltet, vereinigt und
uns ihm weiht. Da Maria das Geschöpf ist, welches am meisten Christus
gleichgestaltet ist, folgt daraus, daß unter den Frömmigkeitsformen
jene, die eine Seele besser unserem Herrn gleichgestaltet und ihm weiht, die
Marienverehrung ist, die Verehrung seiner heiligen Mutter, und daß umso mehr
eine Seele ihr geweiht ist, sie auch mehr Jesus Christus selbst geweiht ist«
.22 Nirgends sonst erscheinen der Weg von Christus und jener von Maria so tief
vereinigt zu sein wie im Rosenkranzgebet. Maria lebt ganz in Christus und in
der Funktion Christi!
Mit
Maria Christus bitten
16. Christus hat uns
aufgetragen, uns mit Beharrlichkeit und Vertrauen an Gott zu wenden, um Erhörung
zu finden:»Bittet, dann wird
euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird euch geöffnet«(Mt 7, 7). Das Fundament dieser Kraft des Gebetes ist die Güte des
Vaters, aber auch die Mittlerschaft Christi vor Gott (vgl. 1 Joh 2, 1) und das Wirken des Heiligen Geistes, der»für uns eintritt«nach dem Plane Gottes (vgl.
Röm 8, 26-27). Tatsächlich»wissen
wir nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen«(Röm 8, 26) und
manchmal werden wir nicht erhört, weil wir»schlecht bitten«(vgl. Jak
4, 2-3).
Zur Unterstützung
unseres Betens, welches Christus und der Geist in unserem Herzen
hervorbringen, kommt uns Maria mit ihrer mütterlichen Fürsprache zu Hilfe.»Das Gebet der Kirche
ist durch das Gebet Marias wie getragen« .23 Tatsächlich
ist es so, daß, wenn Jesus, der einzige Mittler, der Weg unseres
Gebetes ist, Maria, die ganz durchlässig für ihn war, uns den Weg
zeigt.»Ausgehend von dieser einzigartigen Mitwirkung Marias am
Wirken des Heiligen Geistes haben die Kirchen das Gebet zur heiligen
Mutter Gottes entfaltet. Sie richteten dieses Gebet ganz auf Christus
aus, wie er sich in seinen Mysterien zeigt« .24 Gerade bei der Hochzeit zu Kana verdeutlicht das Evangelium die Wirksamkeit
der Fürbitte Marias, die sich bei Jesus zur Sprecherin für menschliche
Anliegen macht:»Sie haben
keinen Wein mehr«(Joh
2, 3).
Der Rosenkranz ist
gleichzeitig Betrachtung und Bittgebet. Die beharrliche Anrufung der Mutter
Gottes stützt sich auf das Vertrauen, daß ihre mütterliche Fürsprache beim
Herzen ihres Sohnes alles vermag. Sie ist»allmächtig aus Gnade«, wie der selige Bartolo Longo es in einer kühnen
Formulierung, die richtig verstanden werden muß, in seiner Supplica alla Vergine formulierte.25
Dies ist eine Sicherheit, die sich, ausgehend vom Evangelium, im gläubigen
Volk im Laufe der Zeit immer mehr gefestigt hat. Der große Dichter Dante hat
dies, ganz in der Meinung des heiligen Bernhard, in wunderbarer Weise
formuliert, wenn er singt:»Du
bist als Frau so groß und giltst so viel, / daß, wer nach Gnade dürstend
dich nicht anruft, / umsonst zu fliegen suchte, ohne Flügel«.26
Während wir im Rosenkranz zu Maria flehen, stellt sie, das Heiligtum des
Heiligen Geistes (vgl. Lk 1, 35),
sich für uns vor den Vater, der sie mit Gnade erfüllt hat, und vor den Sohn,
der aus ihrem Schoß geboren wurde, um für uns und mit uns zu beten.
Mit
Maria Christus verkünden
17. Der Rosenkranz
stellt ebenso einen Weg der Verkündigung
und der Vertiefung dar, auf dem sich das Christusgeheimnis unaufhörlich
auf den verschiedenen Ebenen der christlichen Erfahrung vergegenwärtigt.
Seine Struktur ist die der betenden und betrachtenden Darstellung, die danach
strebt, den Christen nach dem Herzen Jesu Christi zu formen. In der Tat müssen
beim Rosenkranzgebet alle seine Elemente für eine gute Betrachtung
entsprechend geschätzt werden. Nur dann erwächst aus ihm, besonders beim
gemeinschaftlichen Gebet in den Pfarreien und an Wallfahrtsorten, eine bedeutende katechetische Möglichkeit, die die Hirten zu nutzen
wissen sollten. Die Jungfrau des Rosenkranzes führt auch in dieser Weise ihr
Werk der Verkündigung Christi fort. Die Geschichte des Rosenkranzes zeigt
uns, wie gerade dieses Gebet
in schwierigen Zeiten besonders von den Dominikanern benutzt wurde, um die
Kirche vor den sich verbreitenden Häresien zu schützen. Heute stehen wir vor
neuen Herausforderungen. Warum nehmen wir den Rosenkranz nicht mit dem Glauben
unserer Vorfahren in die Hände? Der Rosenkranz bewahrt seine ganze Kraft und
bleibt ein nicht zu vernachlässigender Schatz für die pastorale Ausrüstung
jeder guten Glaubensverkündigung.
ZWEITES KAPITEL
GEHEIMNISSE CHRISTI -
GEHEIMNISSE DER MUTTER
Der
Rosenkranz:»Kurzfassung des
Evangeliums«
18. In die
Betrachtung des Antlitzes Christi werden wir eingeführt, indem wir im Geist
die Stimme des Vaters hören; denn»niemand
kennt den Sohn, nur der Vater«(Mt
11, 27). Auf das Bekenntnis des Petrus hin verdeutlicht Jesus im Gebiet
von Cäsarea Philippi den Ausgangspunkt für eine so klare Erkenntnis
seiner Identität:»Nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart,
sondern mein Vater im Himmel«(Mt 16, 17). Also ist die Offenbarung aus der Höhe notwendig. Um sie
aufzunehmen, ist es unabdingbar hinzuhören:»Allein die Erfahrung des
Schweigens und des Gebetes bietet den geeigneten Horizont, in dem die
wahrste, getreueste und stimmigste Erkenntnis jenes Geheimnisses heranreifen
und sich entfalten kann«.27
Der Rosenkranz ist
einer der traditionellen Wege des christlichen Gebetes, das sich der
Betrachtung des Antlitzes Christi widmet. Papst Paul VI. beschrieb ihn so:»Als biblisches
Gebet, in
dessen Mitte das Geheimnis der erlösenden Menschwerdung steht, ist der
Rosenkranz ganz klar auf Christus hin ausgerichtet. Auch sein
charakteristischstes Element, die litaneiartige Wiederholung des ,,Gegrüßet
seist du, Maria“, wird zu einem unaufhörlichen Lobpreis Christi, um den es
eigentlich bei der Verkündigung des Engels und dem Gruß
der Mutter des Täufers geht: ,,Gebenedeit ist die Frucht deines Leibes“ (Lk
1, 42). Wir möchten noch mehr sagen: die Wiederholung des Ave Maria ist der tragende Grund, auf dem sich die Betrachtung der
Geheimnisse entfaltet. Jener Jesus, den jedes Ave Maria erwähnt, ist derselbe, den die Folge der einzelnen
Geheimnisse uns vorstellt: Sohn Gottes und der Jungfrau ...« .28
Eine
angemessene Ergänzung
19. Von den vielen
Geheimnissen des Lebens Christi führt der Rosenkranz, so wie er in der
allgemeinen Frömmigkeitspraxis entstanden ist und von der kirchlichen Autorität
bestätigt wurde, nur einige an. Diese Auswahl ist durch die ursprüngliche
Gebetskette vorgegeben, die sich basierend auf der dem Psalterium
entsprechenden Zahl 150 herausgebildet hat.
Um den
christologischen Gehalt dieses Gebetes deutlicher zu machen, halte ich es für
angebracht, eine angemessene Ergänzung vorzunehmen,
die auch die Geheimnisse des öffentlichen
Lebens zwischen der Taufe und dem Leidensweg Christi einbezieht, wobei ich
es den einzelnen und den Gemeinschaften überlasse, davon Gebrauch zu machen.
In der Tat können wir im Verlauf dieser Geheimnisse bedeutsame Aspekte der
Person Christi als dem endgültigen Offenbarer Gottes betrachten. Er ist
derjenige, der bei der Taufe im Jordan der geliebte Sohn des Vaters genannt
wurde, der das Kommen des Reiches verkündigt, es mit Werken bezeugt und den
daraus folgenden Anspruch kundtut. In den Jahren seines öffentlichen Lebens zeigt sich das Geheimnis Christi in besonderer Weise als das Geheimnis
des Lichtes: »Solange ich in
der Welt bin, bin ich das Licht der Welt«(Joh 9, 5).
Damit sich der
Rosenkranz in einem umfassenderen Sinne des Wortes»Kompendium des Evangeliums«nennen
kann, ist es sinnvoll, die Betrachtung auch auf einige besonders bedeutende
Momente des öffentlichen Lebens Jesu zu lenken (lichtreiche Geheimnisse). Diese lassen sich nach dem Gedächtnis der
Inkarnation und des verborgenen Lebens Christi (freudenreiche Geheimnisse) einordnen, und vor der Betrachtung seines
Erleidens der Passion (schmerzhafte
Geheimnisse), auf die der Triumph der Auferstehung (glorreiche Geheimnisse) folgt. Ohne irgendeinem wesentlichen Aspekt
des traditionellen Aufbaus dieses Gebetes Abbruch tun zu wollen, ist die
Einbeziehung neuer Geheimnisse dazu bestimmt, daß der Rosenkranz mit einem
erneuten Interesse an der christlichen Spiritualität gelebt werden kann und
so eine wirkliche Einführung in die Tiefen des Herzens Jesu, den Urgrund der
Freude und des Lichtes, des Leidens und der Verherrlichung wird.
Die
freudenreichen Geheimnisse
20. Der erste Zyklus
der ,,freudenreichen Geheimnisse“ ist tatsächlich von der Freude
gekennzeichnet, die vom Ereignis der
Menschwerdung ausgeht. Das wird bereits deutlich in der Verkündigung, wo
sich der Gruß des Erzengels Gabriel an die Jungfrau von Nazareth mit der
Einladung zur messianischen Freude verbindet:»Sei gegrüßt, du Begnadete«. An diese Verkündigung lehnt die
ganze Heilsgeschichte, ja in gewisser Weise sogar die Weltgeschichte an. Wenn
nämlich der Plan des Vaters darin besteht, alles in Christus zu vereinen
(vgl. Eph 1, 10), ist es das ganze
Universum, das in gewisser Weise eingeholt wird von der göttlichen Gunst, mit
der sich der Vater über Maria neigt, um sie zur Mutter seines Sohnes zu
machen. Ihrerseits ist so die ganze Menschheit eingeschlossen in dem
Fiat, mit dem Maria unverzüglich dem Willen Gottes entspricht.
Zum Frohlocken kommt
es dann bei der Begegnung mit Elisabeth, wo Marias Stimme und die Gegenwart
Christi in ihrem Leib Johannes»vor
Freude hüpfen läßt«(vgl. Lk
1, 44). Erfüllt von Freude ist auch das Ereignis von Bethlehem, in der
die Geburt des göttlichen Kindes, des Heilands der Welt, von den Engeln
besungen und den Hirten als»eine
große Freude«(Lk
2, 10) verkündet wird.
Obwohl sie noch den
Tonfall der Freude tragen, nehmen die beiden letzten Geheimnisse schon die
Zeichen des Dramas vorweg. Die Darstellung im Tempel drückt zwar die
Freude über die Weihe aus und mündet zugleich ein in den Jubel des alten
Simeon, aber bemerkt auch die Prophezeiung des»Zeichens des Widerspruchs«, das das Kind für Israel sein wird, und
des Schwertes, das durch die Seele der Mutter dringen wird (vgl. Lk
2, 34-35). Freudig und zugleich spannungsvoll ist auch die Begebenheit des zwölfjährigen
Jesus im Tempel. Er erscheint hier in seiner göttlichen Weisheit, wie er zuhört
und Fragen stellt, und schon ganz in der Haltung dessen auftritt, der
,,lehrt“. Die Offenbarung seines Geheimnisses, als Sohn ganz an den Willen
des Vaters ergeben zu sein, ist die Botschaft jener Radikalität des
Evangeliums, die selbst die liebsten menschlichen Bindungen in die Krise führt,
angesichts des absoluten Anspruchs des Evangeliums. Selbst Josef und Maria,
voller Sorgen um den Sohn, verstanden seine Worte nicht (vgl. Lk
2, 50).
Das Betrachten der
freudenreichen Geheimnisse bedeutet demnach ein Eintreten in die letzten
Beweggründe und in die tiefe Bedeutung der christlichen Freude. Dies
bedeutet, das Augenmerk auf die konkrete Wirklichkeit der Menschwerdung und
auf die dunkle Vorankündigung des heilbringenden Geheimnisses des Leidens
Christi zu richten. Maria führt uns dazu, das Geheimnis der christlichen
Freude aufzunehmen, indem sie uns daran erinnert, daß das Christentum vor
allem euangelion, die»gute Nachricht«ist, die ihren Mittelpunkt, besser ihren ganzen Inhalt, in
der Person Jesu Christi, im fleischgewordenen Wort, dem einzigen Erlöser der
Welt hat.
Die
lichtreichen Geheimnisse
21. Wenn wir von der
Kindheit und dem Leben in Nazareth zum öffentlichen Wirken Jesu übergehen, führt
uns die Betrachtung zu jenen Geheimnissen, die in besonderer Weise
,,Geheimnisse des Lichtes“ genannt werden können. Tatsächlich ist das
ganze Geheimnis Christi Licht. Er ist das»Licht der Welt«(Joh
8, 12). Diese Dimension kommt allerdings in den Jahren seines öffentlichen
Auftretens besonders zum Ausdruck, als er das Evangelium vom Reich verkündet.
Im Bemühen, der christlichen Gemeinde fünf bedeutungsvolle Momente dieser
Lebensphase Jesu - ,,lichtreiche“ Geheimnisse - aufzuzeigen, erachte
ich, daß diese entsprechend ausgemacht werden können: 1. seine Taufe im
Jordan, 2. seine Selbstoffenbarung bei der Hochzeit zu Kana, 3. seine Verkündigung
des Reiches Gottes mit dem Ruf zur Umkehr, 4. seine Verklärung und schließlich
5. die Einsetzung der Eucharistie, der sakramentale Ausdruck des
Ostergeheimnisses.
Jedes dieser
Geheimnisse ist Offenbarung des Reiches,
das in der Person Jesu Christi schon eingetroffen ist. Die Taufe im Jordan
ist ganz besonders ein Geheimnis des Lichtes. Während Jesus Christus, der
Unschuldige, der sich für uns zur ,,Sünde“ macht (vgl. 2
Kor 5, 21), in die Wasser des Flusses hinabsteigt, öffnet sich der Himmel
und der Vater proklamiert ihn als seinen geliebten Sohn (vgl.
Mt 3, 17 par.). Der Geist läßt sich auf ihm nieder und überträgt ihm
die erwartete Mission. Der Beginn der Zeichen Christi in Kana (vgl.
Joh 2, 1-12) ist Geheimnis des Lichtes, wo er das Wasser in Wein
verwandelt und auf die Fürsprache Marias hin, der ersten aller Glaubenden,
das Herz der Jünger für den Glauben öffnet. Geheimnis des Lichtes ist die
Predigt, mit der Jesus das Kommen des Reiches Gottes ankündigt und zur
Bekehrung aufruft (vgl. Mk 1, 15),
indem er denen die Sünden nachläßt, die sich ihm mit demütigem Vertrauen nähern
(vgl. Mk 2, 3-13; Lk 7, 47-48).
Dies ist der Beginn des Dienstes des Erbarmens, den er bis zum Ende der Welt
auszuüben fortfährt, besonders durch das Sakrament der Versöhnung, das er
seiner Kirche anvertraut hat (vgl. Joh 20,
22-23). Geheimnis des Lichtes schlechthin ist die Verklärung, die sich nach
der Überlieferung auf dem Berg Tabor ereignet hat. Auf dem Antlitz Christi
erstrahlt göttliche Glorie, während der Gottvater ihn vor den verzückten
Aposteln beglaubigt, damit sie»auf
ihn hören«(vgl. Lk 9, 35 par.) und sich darauf einstellen, mit ihm auch die
schmerzvollen Augenblicke seiner Passion zu leben, um mit ihm zur Freude der
Auferstehung und zu einem im Heiligen Geist verklärten Leben zu gelangen.
Geheimnis des Lichtes ist schließlich die Einsetzung der Eucharistie, in der
Christus sich mit seinem Leib und seinem Blut unter den Gestalten von Brot und
Wein zur Speise gibt und so der Menschheit seine Liebe»bis zur Vollendung«erweist
(Joh 13, 1), zum Heil derselben er
sich im Opfer darbringt.
Die Präsenz Mariens
bleibt in diesen Geheimnissen im Hintergrund mit Ausnahme der Hochzeit zu
Kana. Die Evangelien deuten gelegentlich ihre Anwesenheit bei dieser oder
jener Predigttätigkeit Jesu an (vgl. Mk
3, 31-35; Joh 2, 12), aber sie
schweigen hinsichtlich einer eventuellen Teilnahme ihrerseits bei der
Einsetzung der Eucharistie im Abendmahlssaal. Die ihr in Kana zugefallene
Aufgabe begleitet jedoch in gewisser Weise den ganzen Weg Jesu. Die
Offenbarung, die bei der Taufe im Jordan direkt vom Vater ausgeht und in den
Worten des Täufers widerhallt, liegt zu Kana auf ihren Lippen und wird zu der
großen mütterlichen Ermahnung, die Maria an die Kirche aller Zeiten richtet:»Was er euch sagt, das tut!«(Joh
2, 5). Hier finden wir die Mahnung, die die Worte und Zeichen Jesu während
seines ganzen öffentlichen Wirkens vorbereitet und somit den marianischen
Hintergrund aller ,,lichtreichen Geheimnisse“ bildet.
Die
schmerzhaften Geheimnisse
22. Die Evangelien
messen den Geheimnissen des Leidens Christi große Bedeutung zu. Immer schon
hat sich die christliche Frömmigkeit, besonders in der Fastenzeit, mittels
der Übung des Kreuzweges den
einzelnen Momenten der Passion zugewandt, in denen sie den Höhepunkt
der Offenbarung der Liebe und die Quelle unseres Heiles erahnt. Der
Rosenkranz wählt einige Momente der Passion aus und veranlaßt so den
Betenden, den Blick seines Herzens darauf auszurichten und danach zu leben.
Der betrachtende Weg öffnet sich mit Getsemani, dort wo Jesus einen besonders
angstvollen Moment gegenüber dem Willen des Vaters durchlebt, dem die
Schwachheit des Fleisches sich zu widersetzen versucht wäre. Dort, am Ort
aller Versuchungen der Menschheit und angesichts aller Sünden der Menschen
nimmt es der Sohn auf sich, zum Vater zu sagen:»Nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen«(Lk 22, 42 par.). Sein Ja stößt
das Nein der Stammeltern von Eden um. Wie viel ihn diese Einwilligung in den
Willen des Vaters gekostet haben mag, geht aus den folgenden Geheimnissen
hervor, in denen er mit der Geißelung, der Dornenkrönung, dem Weg nach
Golgotha und schließlich seinem Kreuzestod die tiefste Erniedrigung erleidet:
Ecce homo!
In dieser
Erniedrigung wird nicht nur die Liebe des Vaters offenbar, sondern die
Sinnhaftigkeit des Menschen. Ecce homo:
wer den Menschen erkennen will, muß den Sinn, die Wurzel und die Erfüllung
anerkennen, die ihm von Christus her eignet, von Gott, der sich aus Liebe
herabläßt»bis zum Tod, ja bis
zum Tod am Kreuz«(Phil
2, 8). Die schmerzhaften Geheimnisse führen den Glaubenden dazu, den Tod
Christi nachzuleben, indem er sich neben Maria unter das Kreuz stellt, um mit
ihr in die Tiefe der Liebe Gottes für den Menschen einzudringen und daraus
die ganze neubelebende Kraft zu erfahren.
Die
glorreichen Geheimnisse
23.»Die Betrachtung des Antlitzes Christi kann nicht beim Bild des
Gekreuzigten stehen bleiben. Er ist der Auferstandene!«.29 Der Rosenkranz drückt schon immer diese Glaubensgewißheit
aus und lädt die Gläubigen dazu ein, über das Dunkel der Passion
hinauszugehen, um den Blick auf die Herrlichkeit Christi in Auferstehung und
Himmelfahrt zu richten. In der Betrachtung des Auferstandenen entdeckt der
Christ die Gründe seines Glaubens (vgl. 1 Kor 15, 14). Er erlebt nicht nur
die Freude derjenigen, denen sich der auferstandene Christus zeigte - den
Aposteln, Maria von Magdala, den Jüngern von Emmaus -, sondern auch die Freude
Marias, die eine nicht geringere Erfahrung der neuen Wirklichkeit ihres
verherrlichten Sohnes machen durfte. Zu dieser Herrlichkeit, die in der
Himmelfahrt Christus an die Rechte des Vaters setzt, wurde auch sie erhoben
und erlangte so das ganz außerordentliche Vorrecht, die bei der Auferstehung
des Fleisches allen Gerechten zugedachte Bestimmung voraushaben zu dürfen.
Schließlich wurde sie mit Herrlichkeit gekrönt - wie es im letzten
glorreichen Geheimnis aufscheint - und erstrahlt als Königin der Engel und
der Heiligen als Vorwegnahme und Höhepunkt der eschatologischen Wirklichkeit
der Kirche.
Im Mittelpunkt dieses
Weges der Verherrlichung des Sohnes und der Mutter steht im dritten
Rosenkranzgeheimnis das Pfingstereignis, welches das Angesicht der Kirche als
einer mit Maria vereinten Familie zeigt. Sie wird durch die kraftvolle Ausgießung
des Heiligen Geistes belebt und ist bereit, ihre Sendung der
Glaubensverbreitung zu erfüllen. Die Betrachtung dieses wie auch der anderen
glorreichen Geheimnisse soll in den Gläubigen das stets lebendigere Bewußtsein
ihres neuen Lebens in Christus stärken. Dabei stellt die Pfingstszene im
Innenraum der ekklesialen Wirklichkeit eine große ,,Ikone“ dar. Die
glorreichen Geheimnisse nähren so in den Gläubigen die Hoffnung
auf das eschatologische Ziel, zu dem sie als Glieder des durch die
Geschichte pilgernden Gottesvolkes unterwegs sind. Dies kann sie nur zu einem
mutigen Zeugnis für die»Frohe
Botschaft«anspornen, die ihrer
ganzen Existenz Sinn verleiht.
Von
den ,,Geheimnissen“ zum ,,Geheimnis“: der Weg Marias
24. Diese
betrachtenden Schritte, wie sie im Rosenkranz vorgeschlagen werden, schöpfen
sicher nicht das ganze Geheimnis aus, bringen aber die wesentlichen Punkte zum
Ausdruck und verleihen dem Geist den Geschmack einer Erkenntnis Christi, die
sich ständig an der reinen Quelle des biblischen Textes labt. Jeder einzelne
von den Evangelisten berichtete Lebensabschnitt Jesu erstrahlt in jenem
Geheimnis, das alle Erkenntnis übersteigt (vgl.
Eph 3, 19). Es ist das Geheimnis des fleischgewordenen Wortes, in dem»wirklich die ganze Fülle Gottes wohnt«(Kol 2, 9). Deshalb besteht
der Katechismus der Katholischen Kirche so
sehr auf den Geheimnissen Christi, wenn er uns daran erinnert,
da߻im Leben Jesu alles Zeichen seines innersten Geheimnisses
ist«.30
Das»Duc
in altum«der Kirche des dritten Jahrtausends bemißt sich an der Fähigkeit
der Christen,»die tiefe und
reiche Erkenntnis zu erlangen und das göttliche Geheimnis zu erkennen, das
Christus ist. In ihm sind alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen.«(Kol 2, 2-3). Der brennende
Aufruf des Epheserbriefes ergeht an jeden Getauften:»Durch den Glauben wohne Christus in euren Herzen. In der Liebe
verwurzelt und auf sie gegründet, sollt ihr zusammen mit allen Heiligen dazu
fähig sein, [...] die Liebe Christi zu verstehen, die alle Erkenntnis übersteigt.
So werdet ihr mehr und mehr von der ganzen Fülle Gottes erfüllt«(3, 17-19).
Der Rosenkranz stellt
sich in den Dienst dieses Ideals, indem er das ,,Verborgene“ darbietet, um
sich leichter für eine tiefe und eingängige Erkenntnis Christi zu öffnen.
Wir könnten ihn den Weg Marias nennen.
Er ist der modellhafte Weg der Jungfrau von Nazareth, der Frau des Glaubens,
des Schweigens und des Hörens. Zugleich ist dies der Weg einer marianischen
Frömmigkeit, die vom Bewußtsein der unzertrennlichen Beziehung animiert ist,
welche Christus mit seiner Mutter verbindet: die Geheimnisse Christi sind in gewisser Weise auch die Geheimnisse
der Mutter; dies gilt sogar für die Situationen, in denen sie nicht
direkt einbezogen ist, und zwar aufgrund der Tatsache, daß sie von ihm her
und für ihn lebt. Wenn wir uns die Worte des Erzengels Gabriel und der
heiligen Elisabeth im Ave Maria zu eigen machen, regt uns dieses Gebet dazu an, stets aufs
Neue bei Maria, auf ihren Armen und in ihrem Herzen, die»gebenedeite Frucht ihres Leibes«(vgl. Lk 1, 42) zu suchen.
Geheimnis
Christi, ,,Geheimnis“ des Menschen
25. In meinem schon
erwähnten Zeugnis von 1978 über den Rosenkranz als meinem Lieblingsgebet,
habe ich ein Bild gebraucht, zu dem ich gerne zurückkehren möchte. Damals
sagte ich, daß das»schlichte
Gebet des Rosenkranzes den Rhytmus des menschlichen Lebens bekommt«.31
Im Licht der bisher
erfolgten Überlegungen über die Geheimnisse Christi ist es nicht schwer,
diese anthropologischen Implikationen des
Rosenkranzes zu vertiefen. Dieser Bedeutungsinhalt ist radikaler, als es am
Anfang erscheinen mochte. Wer die Betrachtung Christi entlang seiner
verschiedenen Lebensabschnitte unternimmt, wird in ihm auch die Wahrheit über
den Menschen erfassen. Es ist die großartige Feststellung des II.
Vatikanischen Konzils, die ich seit der Enzyklika Redemptor
hominis in meinem Lehramt immer wieder aufgegriffen habe:»Tatsächlich klärt sich nur im Geheimnis des fleischgewordenen
Wortes das Geheimnis des Menschen wahrhaft auf«.32 Der Rosenkranz hilft, sich diesem Licht zu öffnen. Beim Mitgehen des Weges
Christi, in dem der Weg des Menschen»rekapituliert«,33 enthüllt und erlöst wird, stellt sich der Gläubige dem Bild des wahren
Menschen. Die Geburt betrachtend erfährt er die Heiligkeit des Lebens; im
Blick auf das Haus von Nazareth erfaßt er die ursprüngliche Wahrheit über
die Familie nach dem Plan Gottes. Wo er dem Meister in den Geheimnissen seines
öffentlichen Wirkens folgt, kommt er mit dem Licht in Berührung, um in das
Reich Gottes einzutreten, und indem er den Weg zum Kalvarienberg beschreitet,
lernt er den Sinn des erlösenden Leidens kennen. Schließlich betrachten wir
Christus und seine Mutter in der Glorie des Himmels und sehen das Ziel, zu dem
jeder von uns berufen ist, wenn wir uns vom Heiligen Geist heilen und verklären
lassen. Man kann somit sagen, daß jedes Rosenkranzgeheimnis, wenn wir es gut
meditieren, Licht auf das Geheimnis des Menschen wirft.
Gleichzeitig ist es
dann ganz natürlich, zu einer Begegnung mit der heiligen Menschheit des Erlösers
die vielen Probleme, Drangsale, Mühen und Vorhaben mitzunehmen, die unser
Leben kennzeichnen.»Wirf deine
Sorge auf den Herrn, er hält dich aufrecht«(Ps 55, 23). Den Rosenkranz
betrachtend zu beten bedeutet, unsere Anliegen dem erbarmenden Herzen Jesu und
dem seiner Mutter zu übergeben. Im Abstand von fünfundzwanzig Jahren und im
Rückblick auf die Prüfungen, die in meiner Ausübung des petrinischen
Dienstamtes nicht ausgeblieben sind, möchte ich im Sinne einer an alle
gerichteten herzlichen Einladung daran erinnern, daß allen diese persönliche
Erfahrung zuteil werden kann: Im Rosenkranz schlägt wirklich der Rhythmus des
menschlichen Lebens, um dieses mit dem Rhythmus des göttlichen Lebens in der
freudvollen Gemeinschaft der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, die die
Bestimmung und Sehnsucht unserer Existenz ist, in Einklang zu bringen.
DRITTES KAPITEL
»FÜR
MICH IST CHRISTUS DAS LEBEN«
Der
Rosenkranz: Weg zur Aufnahme des Geheimnisses
26. Der Rosenkranz
stellt die Betrachtung der Geheimnisse Christi mit einer charakteristischen
Methode vor, die auf eine Erleichterung ihrer Zueigenmachung ausgerichtet ist.
Diese Methode beruht auf der
Wiederholung. Dies gilt insbesondere für das
Ave Maria, welches in jedem Gesätz zehnmal wiederholt wird. Bei einer
oberflächlichen Betrachtung dieser Wiederholungen könnte man versucht sein,
das Rosenkranzgebet als eine trockene und langweilige Frömmigkeitsform
anzusehen. Zu einer ganz andere Einschätzung hingegen gelangen wir, wenn wir
dieses Gebet als Ausdruck einer Liebe betrachten, die nicht müde wird, sich
der geliebten Person zuzuwenden. Obschon ähnlich in der Ausdrucksform, ist
dabei das Ausströmen der Liebe wegen der Gefühle, die es durchdringt, stets
neu.
In
Christus hat Gott wirklich ein menschliches Herz angenommen. Er hat
nicht nur ein göttliches Herz, reich an Barmherzigkeit und Vergebung,
sondern auch ein menschliches Herz, fähig zu allen Gefühlsregungen.
Sollten wir dazu einen Belegtext aus dem Evangelium benötigen, würde es
nicht schwerfallen, diesen im bewegenden Gespräch Christi mit Petrus
nach der Auferstehung zu finden:»Simon, Sohn des Johannes, liebst
du mich?«. Dreimal stellt der Herr die Frage, dreimal erfolgt die
Antwort:»Herr, du weißt, daß ich dich liebe!«(vgl. Joh 21, 15-17). Über die
spezifische Bedeutung dieses Abschnitts für die Sendung des Petrus hinaus,
kann niemandem die Schönheit dieser dreifachen Wiederholung entgehen, in der
sich die drängende Frage und die entsprechende Antwort in einer Weise ausdrücken,
die die allgemeine Erfahrung menschlicher Liebe widerspiegeln. Um den
Rosenkranz richtig zu verstehen, müssen wir in die psychologische
Eigendynamik der Liebe eintreten.
Eine Sache ist klar:
wenn sich die Wiederholung des Ave Maria
direkt an Maria wendet, dann richtet sich der Akt der Liebe mit ihr und
durch sie schließlich an Jesus. Die Wiederholung nährt sich aus dem
Verlangen nach einer immer vollkommeneren Gleichgestaltung mit Christus, dem
wahren»Programm«des christlichen Lebens. Der heilige Paulus hat dieses Programm mit
flammenden Worten dargelegt:»Für
mich ist Christus das Leben, und Sterben ein Gewinn«(Phil 1, 21).
Nochmals:»Nicht mehr ich lebe,
sondern Christus lebt in mir«(Gal
2, 20). Der Rosenkranz hilft uns, auf dem Weg des Gleichförmigwerdens mit
Christus dem Ziel entgegenzuwachsen, das in der Heiligkeit besteht.
Eine
wirksame Methode ...
27. Wir dürfen nicht
überrascht sein, daß unsere Christusbeziehung sich der Hilfe einer Methode
bedienen kann. Gott teilt sich dem Menschen in einer Weise mit, die unsere
Natur und ihre vitalen Rhythmen respektiert. Die christliche Frömmigkeit weiß
um die sublimen Formen mystischen Schweigens, in dem gewissermaßen alle
Bilder, Worte und Gebärden von der Intensität einer erhabenen
Gottesbeziehung des Menschen überstiegen werden. Dennoch kennzeichnet diese
Spiritualität normalerweise ein totales Hineingenommensein der Person in
ihrer komplexen psychisch-physischen und zwischenmenschlichen Wirklichkeit.
Dies scheint
besonders in der Liturgie auf.
Die Sakramente und die Sakramentalien haben ihre Struktur in einer
Abfolge von Riten, die die verschiedenen Dimensionen des Menschen
ansprechen. Auch das nicht-liturgische Gebet entspricht dieser
Notwendigkeit. Dies wird durch die Tatsache bestätigt, daß im Osten das
charakteristischste Gebet der Christus-Betrachtung herkömmlicherweise
dem Atemrhythmus folgt:»Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, hab
Erbarmen mit mir Sünder!« 34
Gleichzeitig fördert es die Beharrlichkeit der Anrufung und verleiht dem
Wunsch, daß Christus selbst zum Atem, zur Seele und zum ,,alles“ des Lebens
wird, gewissermaßen eine physische Dichte.
...
die jedoch verbessert werden kann
28. Im Apostolischen
Schreiben Novo millennio ineunte habe ich daran erinnert, daß es heute auch in der westlichen Welt eine
neue Notwendigkeit der Betrachtung gibt, die zuweilen in anderen
Religionen ziemlich gewinnende Ausdrucksformen annimmt.35 Es fehlt nicht an Christen, die sich auf Grund geringen Wissens um die
kontemplative Gebetstradition des Christentums von solchen Formen anziehen
lassen. Obschon sie positive Elemente in sich bergen, die manchmal die
christliche Gebetserfahrung ergänzen, enthalten diese Formen oftmals einen
unannehmbaren ideologischen Hintergrund. Auch in solchen Gebetsformen ist eine
Methodologie sehr beliebt, die sich mit dem Ziel hoher geistlicher
Konzentration Techniken psychisch-physischer, wiederholender und symbolischer
Natur bedient. Der Rosenkranz läßt sich in dieses Bild weltweit verbreiteter
religiöser Phänomene einordnen, jedoch bietet er sich mit eigenen Merkmalen
dar, die den typischen Anforderungen der Besonderheit des Christentums
entsprechen.
Der Rosenkranz ist in
Wahrheit nur eine Methode der
Betrachtung. Als Methode muß er in Bezug auf das Ziel verwendet werden
und kann nicht selbst zum Ziel werden. Als Frucht jahrhundertealter Erfahrung
darf jedoch auch die Methode nicht unterschätzt werden. Die Erfahrung unzähliger
Heiliger spricht für sie. Dies heißt
jedoch nicht, daß sie nicht verbessert werden könnte. Genau darauf hin zielt
die Ergänzung des Rosenkranzes durch einen Zyklus von Geheimnissen, die neuen
Gesätze der mysteria lucis, die ich
in diesem Schreiben zusammen mit einigen Hinweisen für das Beten des
Rosenkranzes vorschlagen möchte. Obgleich ich die weithin
gefestigte Struktur dieses Gebetes aufrechterhalte, möchte ich den Gläubigen
helfen, mit den neuen Gesätzen das Rosenkranzgebet auf seiner symbolischen
Ebene zu begreifen, in Übereinstimmung mit den Anforderungen, die das tägliche
Leben an uns stellt. Ohne dies besteht die Gefahr, daß das Gebet nicht nur
die gewünschten geistlichen Früchte nicht hervorbringt, sondern daß die
Perlenschnur, mit der man den Rosekranz zu rezitieren pflegt, schließlich
einem Amulett oder einem magischen Gegenstand gleicht, in radikaler
Entstellung seiner Bedeutung und seiner Funktion.
Die
Nennung des Rosenkranzgeheimnisses
29. Die Nennung des
jeweiligen Rosenkranzgesätzes, die möglicherweise mit der Betrachtung einer
bildlichen Darstellung seines Inhaltes einhergehen kann, gleicht dem Öffnen
einer Szene, auf die sich die Aufmerksamkeit konzentriert. Die Worte führen
die Vorstellungskraft und den Geist zum betreffenden Ereignis oder Moment im
Leben Christi. In der Spiritualität, die sich in der Kirche herausgebildet
hat, berufen sich sowohl die Verehrung heiliger Bilder als auch die anderen an
sinnlichen Elementen reichen Frömmigkeitsformen, wie ebenso die vom heiligen
Ignatius von Loyola in seinen geistlichen Exerzitien vorgeschlagene Methode
auf die Seh- und Vorstellungskraft (compositio
loci), die als große Hilfe zur Förderung der Konzentration der Seele auf
das zu betrachtende Geheimnis beurteilt werden. Es handelt sich hier übrigens
um eine Methodologie, die der Logik der
Menschwerdung selbst entspricht: Gott wollte in Jesus menschliche Züge
annehmen. Durch diese seine körperliche Wirklichkeit werden wir dazu
angeleitet, mit seinem göttlichen Geheimnis in Kontakt zu treten.
Auch die Nennung der
verschiedenen Rosenkranzgeheimnisse versucht diesem konkreten Anliegen zu
entsprechen. Sie ersetzen gewiß nicht das Evangelium, noch rufen sie uns alle
seine Seiten in Erinnerung. Der Rosenkranz ersetzt daher auch nicht die lectio
divina, die sie, ganz im Gegenteil, voraussetzt und anregt. Auch wenn die
im Rosenkranz meditierten Geheimnisse mit der Ergänzung der
mysteria lucis sich auf die Grundzüge des Lebens Christi beschränken,
gelingt es der Seele leicht, über den Rest des Evangeliums zu schweifen, vor
allem wenn der Rosenkranz in gewissen Momenten ausgedehnter innerer Sammlung
gebetet wird.
Das
Hören auf Gottes Wort
30. Um der Meditation
eine biblische Grundlage und größere Tiefe zu geben, ist es sinnvoll, daß
der Ansage des Rosenkranzgesätzes die Verkündigung
eines passenden Bibelabschnittes folgt. Dieser kann je nach den Umständen
mehr oder weniger ausgedehnt sein. Andere Texte erreichen sicherlich nie die
dem inspirierten Wort innewohnende Wirksamkeit. Dieses muß mit der Gewißheit
vernommen werden, daß es Wort Gottes ist, das in das Heute hinein und»für mich«verkündet
wird.
So aufgenommen, geht
das Wort Gottes in die Wiederholungsmethodologie des Rosenkranzbetens ein,
ohne Langeweile hervorzurufen, die durch den Verweis auf eine bereits gut
bekannte Information entstehen könnte. Es handelt sich nicht um ein erneutes
in Erinnerung bringen einer Information, sondern vielmehr um das Sprechen
lassen Gottes. Zu manchen Anlässen des feierlichen und gemeinschaftlichen
Gebetes kann dieses Wort in angebrachter Weise durch einen kurzen Kommentar
erläutert werden.
Die
Stille
31. Das Hören und die Meditation nähren sich von der Stille. Es ist
angemessen, nach der Ankündigung des Rosenkranzgeheimnisses und nach der
Wortverkündigung eine Zeit lang innezuhalten und den Blick auf das zu
betrachtende Gesätzchen zu richten, bevor das hörbare Beten ansetzt. Die
Wiederentdeckung des Wertes der Stille ist eines der Geheimnisse in der Übung
der Kontemplation und der Meditation. Die Tatsache, daß Stille heute immer
schwieriger wird, gehört zu den Grenzen einer stark technisierten und durch
die Massenmedien geprägten Gesellschaft. Wie in der Feier der Liturgie
Momente der Stille angebracht sind, so erscheint es auch beim Beten des
Rosenkranzes sinnvoll, nach dem Hören des Wortes Gottes eine kurze Pause zu
machen, damit sich die Seele auf den Inhalt eines bestimmten Geheimnisses
besinnen kann.
Das»Vaterunser«
32. Nach dem Hören
des Wortes und der Besinnung auf das Geheimnis erhebt
sich naturgemäß die Seele zum Vater. Jesus führt uns in jedem einzelnen
seiner Mysterien zum Vater, auf den er beständig hingewendet ist, weil er an
seinem ,,Herzen“ ruht (vgl. Joh
1,18). Er will uns in die Vertrautheit mit dem Vater einführen, so daß wir
mit ihm»Abba, Vater«sagen können (Röm 8, 15; Gal 4, 6). Es
ist in der Verbindung mit dem Vater, daß Er uns zu seinen Brüdern und zu Brüdern
untereinander macht, indem er uns den Geist mitteilt, der zugleich der seinige
und der des Vaters ist. Das sich beim Ave Maria wiederholende»Vaterunser«bildet gleichsam das Fundament dieser christologisch - marianischen
Betrachtung und verleiht der Meditation des Geheimnisses selbst beim Beten in
Einsamkeit eine kirchliche Dimension.
Die
zehn»Gegrüßet seist du Maria«
33. Dieser Teil ist
der umfangreichste des Rosenkranzes und macht ihn im Gesamt zu einem marianischen
Gebet par excellence. Gerade im Licht des recht verstandenen
Ave Maria läßt sich jedoch mit Klarheit feststellen, daß der
marianische Charakter dem christologischen nicht nur nicht entgegensteht,
sondern - im Gegenteil - ihn unterstreicht und hervorhebt. Der erste Teil
des Ave Maria, der sich aus den
Worten des Erzengels Gabriel und der heiligen Elisabeth an Maria herleitet,
ist in der Tat eine anbetende Betrachtung des Geheimnisses, das sich in der
Jungfrau von Nazareth erfüllt. Diese Worte drücken sozusagen die Bewunderung
des Himmels und der Erde aus und lassen in gewisser Weise die Freude Gottes
selbst durchscheinen, wenn er sein Meisterwerk - die Menschwerdung des
Sohnes im jungfräulichen Schoß Marias - betrachtet, im Sinne jenes
freudigen Blickes der Genesis (vgl. Gen
1, 31), jenes ursprünglichen »pathos, mit welchem Gott, am Anfang der Schöpfung das
Werk seiner Hände betrachtete«.36 Das wiederholte Ave Maria des
Rosenkranzes bringt uns an die Freude Gottes heran: es ist Jubel, Staunen und
Dankbarkeit für das größte Wunder der Geschichte. Es ist die Erfüllung der
Verheißung, die an Maria ergangen ist:»Siehe,
von nun an preisen mich selig alle Geschlechter«(Lk 1, 48).
Der Mittelpunkt des Gegrüßet
seist du Maria, gleichsam das Scharnier zwischen dem ersten und dem
zweiten Teil, ist der Name Jesus. Manchmal
geschieht es, vor allem in einer hastigen Betweise, daß dieser Mittelpunkt
entweicht und mit ihm auch der Kontakt zum Mysterium, welches man soeben
betrachtet. Gerade die Betonung, die man dem Namen Jesu und seinem Geheimnis
beimißt, macht jedoch ein bedeutungsvolles und fruchtbares Beten des
Rosenkranzes aus. Papst Paul VI. erinnerte bereits im Apostolischen Schreiben
Marialis cultus daran, daß es in einigen Gegenden den Brauch gibt, den
Namen Jesu hervorzuheben, indem man eine Anrufung des Gesätzes, welches man
gerade betrachtet, einfügt.37 Dies ist ein lobenswerter Brauch, besonders beim gemeinsamen Gebet. Er
drückt kraftvoll den christologischen Glauben aus, der sich den verschiedenen
Momenten im Leben des Erlösers zuwendet. Dies ist Bekenntnis des Glaubens und gleichzeitig eine Hilfe, um die
Betrachtung wach zu halten. So kann die der Wiederholung des
Ave Maria innewohnende assimilierende Funktion in Bezug auf das
Christusgeheimnis gelebt werden. Einen Weg der Assimilierung, der darauf
abzielt, uns immer tiefer in das Leben Christi eintreten zu lassen, bildet die
Wiederholung des Namens Jesu - der einzige Name, der uns gegeben ist, durch
den wir gerettet werden sollen (vgl. Apg
4, 12) - verflochten mit jenem der Allerseligsten Mutter. Dabei lassen
wir gleichsam zu, daß sie uns diesen Namen eingibt.
Sodann ergibt sich
aus der ganz besonderen Christusbeziehung, die Maria, die Mutter Gottes, die Theotòkos,
werden ließ, die Kraft der Bitte, mit der wir uns im zweiten Teil des Gebetes
an sie wenden, indem wir ihrer mütterlichen Fürsprache unser Leben und die
Stunde unseres Todes anvertrauen.
Das»Gloria«
34. Die trinitarische
Doxologie ist der Zielpunkt der christlichen Kontemplation. Christus ist tatsächlich
der Weg, der uns im Geist zum Vater führt. Wenn wir diesen Weg bis zum Ende
durchlaufen, finden wir uns immerfort vor dem Geheimnis der drei göttlichen
Personen wieder, die wir loben, anbeten und denen wir danken. Es ist wichtig,
daß das Gloria, der Höhepunkt
der Kontemplation, beim Rosenkranzbeten gut hervorgehoben wird. Beim öffentlichen
Beten könnte es auch gesungen werden, um so der tragenden Struktur und
Perspektive eines jeden christlichen Gebetsvollzugs geeigneten Nachdruck zu
verleihen.
Die trinitarische
Verherrlichung in jedem Rosenkranzgesätz erhält, ohne sich auf eine schnelle
Beendigung zu beschränken, eine entsprechende kontemplative Tonlage, und zwar
in dem Maße, in dem die Betrachtung des Geheimnisses - von Ave zu Ave - durch die
Liebe zu Christus und zu Maria aufmerksam, vertieft und wiederbelebt wird. So
als ob der Geist sich zur Höhe des Paradieses erhebt und uns in gewisser
Weise die Erfahrung von Tabor, die Vorwegnahme der zukünftigen Schauung
wieder erleben läßt:»Es ist
gut, daß wir hier sind«(Lk 9, 33).
Das
abschließende Stoßgebet
35. Nach der geläufigen
Praxis des Rosenkranzgebetes folgt auf die trinitarische Schlußformel ein Stoßgebet,
daß je nach Gewohnheit verschieden ist. Ohne etwas vom Wert dieser Anrufungen
wegnehmen zu wollen, scheint es angebracht zu betonen, daß die Betrachtung
der Geheimnisse ihre ganze Fruchtbarkeit besser entfalten kann, wenn darauf
geachtet wird, daß jedes Gesätz mit einem Gebet endet, das darauf ausgerichtet ist, die besonderen geistlichen Früchte
aus der Betrachtung des jeweiligen Geheimnisses zu gewinnen.
In diesem Sinn wird das Rosenkranzgebet noch wirksamer in Verbindung
zum christlichen Leben stehen. So schlägt es ein schönes Gebet aus der
Liturgie vor, welches uns einlädt, durch die Betrachtung der
Geheimnisse des Rosenkranzes das»nachzuahmen, was sie enthalten
und zu erlangen, was sie verheißen«.38
Das abschließende
Gebet kann, wie bereits üblich, legitimerweise vielfältige Formen annehmen.
So paßt sich das Rosenkranzgebet auch an die unterschiedlichen geistlichen
Traditionen in den verschiedenen christlichen Gemeinschaften an. In dieser
Perspektive ist es wünschenswert, daß die besten Formulierungsvorschläge
mit gebührender pastoraler Klugheit Verbreitung finden. Dazu sind die
Erfahrungen in marianischen Zentren und Wallfahrtsorten dienlich, in denen dem
Rosenkranz ein besonderer Stellenwert zukommt, so daß sich das Volk Gottes
des ganzen echten geistlichen Reichtums erfreuen und daraus Nahrung für die
eigene Betrachtung erlangen kann.
Die
Perlenschnur des Rosenkranzes
36. Das gebräuchliche
Hilfsmittel für das Rosenkranzgebet ist die Perlenschnur. In einer eher
oberflächlichen Sichtweise ist sie lediglich ein Gegenstand zum Zählen der
aufeinanderfolgenden Ave Maria.
Jedoch hat sie auch eine symbolische Bedeutung. Sie kann dazu beitragen, der
Betrachtung eine noch tiefere Innigkeit zu verleihen.
Diesbezüglich ist
erstens festzuhalten, daß der
Rosenkranz auf das Kreuz hin zusammenläuft, das somit den Weg des Gebetes
selbst eröffnet und abschließt. In Christus finden Leben und Gebet der Gläubigen
ihren Mittelpunkt. Alles geht von ihm aus, alles strebt zu ihm hin, alles führt
durch ihn im Heiligen Geist zum Vater.
Als Hilfsmittel zum Zählen
der fortlaufenden Gebetselemente erinnert uns der Rosenkranz an den
beharrlichen Weg der christlichen Kontemplation und Vervollkommnung. Der
selige Bartolo Longo sah in ihm auch eine ,,Kette“, die uns an Gott bindet.
Eine Kette, aber eine süße Kette, die uns immer die Beziehung zu einem Gott
offenlegt, der unser Vater ist. Er ist die Kette der Kindschaft, die uns in
Einklang mit Maria, der»Magd
des Herrn«(Lk 1, 38) bringt und schließlich mit Christus selbst verbindet,
der, obwohl er Gott gleich war, aus Liebe zu uns zum»Sklaven«wurde
(vgl. Phil 2, 7).
Es ist schön, diese
symbolische Bedeutung der Perlenschnur des Rosenkranzes auf unsere
zwischenmenschlichen Beziehungen auszuweiten und darin das Band der
Gemeinschaft und der Brüderlichkeit zu erkennen, das alle in Christus
vereint.
Der
Beginn und das Ende
37. Entsprechend den
kirchlichen Gebräuchen sind in der gegenwärtigen Praxis die Einführungsgebete
des Rosenkranzes verschiedenartig. In einigen Gebieten pflegt man ihn mit der
Anrufung des Psalmes 70 zu beginnen:»O
Gott, komm mir zu Hilfe; Herr, eile mir zu helfen«, um im Beter das demütige
Bewußtsein seiner Bedürftigkeit zu nähren. Anderswo hingegen beginnt das
Rosenkranzgebet mit dem Credo, um
das Glaubensbekenntnis dem Betrachtungsweg sozusagen als Grundlage
voranzustellen. Diese und ähnliche Gebetsweisen sind gleichermaßen
berechtigt, insofern sie den Geist gut auf die Betrachtung einzustimmen vermögen.
Der Rosenkranz schließt mit dem Gebet in der Meinung des Heiligen Vaters ab.
Er weitet so den Blick des Betenden auf den umfassenden Rahmen kirchlicher
Anliegen und Nöte. Um dem Rosenkranz gerade diese gesamtkirchliche
Blickrichtung zu geben, wollte die Kirche ihn mit Ablässen für diejenigen
versehen, die ihn in der richtigen Absicht beten.
So gesehen wird das
Rosenkranzgebet tatsächlich zu einem wahren geistlichen Weg, auf dem Maria
sich zur Mutter, Lehrerin und Führerin macht, um die Gläubigen mit ihrer mächtigen
Fürbitte zu unterstützen. Es ist also nicht verwunderlich, daß der Geist am
Ende dieses Gebetes, in dem er die Mütterlichkeit Mariens so inniglich
erfahren durfte, sich gedrängt fühlt, im Lob an die heilige Jungfrau
aufzugehen. Sei es im herrlichen Gebet des
Salve Regina, oder in jenem der
Lauretanischen Litanei. Der Rosenkranz krönt einen inneren Weg, der die
Gläubigen in lebendigen Kontakt mit dem Geheimnis Christi und seiner
heiligsten Mutter gebracht hat.
Die
Aufteilung in der Zeit
38. Der Rosenkranz
kann jeden Tag ganz gebetet werden. Nicht wenige tun dies lobenswerterweise.
Er dient dazu, den Tageslauf vieler kontemplativer Menschen im Gebet zu erfüllen;
ebenso ist er ein Begleiter der kranken und alten Menschen, die ausreichend über
Zeit verfügen. Andererseits ist es klar, daß viele Menschen nur einen Teil
des Rosenkranzes entsprechend einer bestimmten wöchentlichen Ordnung beten können.
Dies gilt umso mehr angesichts der Hinzufügung der neuen lichtreichen
Geheimnisse. Diese wöchentliche Einteilung verleiht letztendlich den
verschiedenen Tagen der Woche eine gewisse geistliche ,,Färbung“, analog zu
den verschiedenen Zeiten des liturgischen Jahres.
Nach der üblichen
Praxis sind Montag und Donnerstag den freudenreichen Geheimnissen, Dienstag
und Freitag den schmerzhaften Rosenkranzgesätzen, sowie Mittwoch, Samstag und
Sonntag den glorreichen Geheimnissen gewidmet. Wo sollen nun die»lichtreichen
Rosenkranzgeheimnisse«eingefügt werden? Unter der Rücksicht, daß die glorreichen
Geheimnisse sich in der Abfolge von Samstag und Sonntag direkt wiederholen und
der Samstag traditionell als ein Tag besonderer Marienverehrung begangen wird,
scheint es zweckmäßig, die zweite wöchentliche Betrachtung der
freudenreichen Gesätze auf den Samstag zu verschieben, in denen die Gegenwart
Marias am stärksten betont ist. So bleibt der Donnerstag für die Betrachtung
der lichtreichen Geheimnisse frei.
Diese Anleitung
beabsichtigt allerdings keine Einschränkung der gebührenden Freiheit in der
persönlichen und gemeinschaftlichen Betrachtung, die sich an den spirituellen
und pastoralen Bedürfnissen sowie vor allem an den liturgischen Feiern
ausrichtet, die entsprechende Anpassungen nahelegen können. Wirklich wichtig
ist, daß der Rosenkranz immer besser als betrachtende Wegstrecke erfaßt und
erfahren wird. In liturgieergänzender Weise prägt die Rosenkranzbetrachtung
die Woche des Christen, deren Angelpunkt der Sonntag, der Tag der
Auferstehung, ist. Sie wird zu einem Weg, auf dem wir die Geheimnisse des
Lebens Christi durchschreiten, der sich im Leben seiner Jünger als Herr von
Zeit und Geschichte erweist.
SCHLUSS
»Gebenedeiter
Rosenkranz Mariens,
süße Kette, die uns an Gott bindet«
39. Die bisherigen Überlegungen
geben den Reichtum dieses althergebrachten Gebetes ausführlich wieder, das
die Einfachheit eines Volksgebetes mit der theologischen Tiefe eines Gebetes
verbindet, welches sich für Menschen eignet, die die Notwendigkeit einer
reiferen Betrachtung spüren.
Die Kirche hat diesem
Gebet stets eine besondere Wirksamkeit zugesprochen. Sie legt die schwersten
Anliegen vertrauensvoll in das gemeinsame und beharrliche Beten des
Rosenkranzes hinein. In Zeiten, in denen die Christenheit selbst bedroht war,
hat dieses Gebet zur Errettung aus Gefahr beigetragen und die Jungfrau vom
Heiligen Rosenkranz wurde als Mittlerin zum Heil verehrt.
Gerne anempfehle ich
der Wirksamkeit dieses Gebetes - wie ich eingangs erwähnt habe - die
Bitte um den Frieden in der Welt und die Anliegen der Familien.
Der
Friede
40. Die Probleme, die
die Bühne der Welt zu Beginn dieses neuen Jahrtausends zeigt, bringen uns auf
den Gedanken, daß nur ein Eingriff von oben - der die Herzen all jener, die
in Konfliktsituationen leben, zu lenken vermag, und all derer, denen die Führung
der Geschicke der Nationen obliegt - auf eine weniger dunkle Zukunft hoffen
läßt.
Seiner
Natur nach ist der Rosenkranz auf den Frieden ausgerichtet. Dies
ergibt sich aus der Tatsache, daß dieses Gebet in der Betrachtung Christi des
Fürsten des Friedens besteht, der»unser
Friede«ist (Eph
2, 14). Wer das Christusgeheimnis verinnerlicht - und genau darauf zielt der
Rosenkranz ab -, eignet sich das Geheimnis des Friedens an und macht es zu
seinem Lebensentwurf. Kraft seines meditativen Charakters übt das
Rosenkranzgebet ferner in der ruhigen Abfolge des
Ave Maria auf den Beter selbst einen friedensstiftenden Einfluß aus. Es
disponiert ihn für das Empfangen und das Erfahren seines Seins in der Tiefe
und macht ihn bereit, den wahren Frieden, der das besondere Geschenk des
Auferstandenen ist (vgl. Joh 14, 17;
20, 21), in seiner Umgebung weiterzuschenken.
Sodann ist der
Rosenkranz Friedensgebet auch aufgrund der Früchte der Liebe, die er
hervorbringt. Wenn er als eigentliche Meditation gut gebetet wird, weist der
Rosenkranz, indem er die Begegnung mit Christus in seinen Geheimnissen fördert,
auf das Antlitz Christi in den Brüdern hin, vor allem auf das in denen, die
sehr leiden müssen. Wie könnten wir bei der Betrachtung der freudenreichen
Geheimnisse das zu Bethlehem geborene Kind anschauen, ohne vom Wunsch erfüllt
zu sein, das Leben aufzunehmen, zu verteidigen und zu fördern, sowie uns der
Leiden der Kinder in vielen Teilen der Welt anzunehmen? Wie könnten wir
Christus, dem Offenbarer, in den lichtreichen Geheimnissen nachgehen, ohne daß
wir uns vornehmen, seine Seligpreisungen im täglichen Leben zu bezeugen? Und
wie könnten wir den mit dem Kreuz beladenen und gekreuzigten Christus
betrachten, ohne daß wir uns gedrängt fühlen, selbst zum Simon von Cyrene für
jeden Bruder zu werden, der erschöpft von Krankheit oder überwältigt von
der Hoffnungslosigkeit ist? Wie könnten wir schließlich die Augen auf die
Herrlichkeit des auferstandenen Christus und auf die zur Königin gekrönten
Maria gerichtet halten, ohne den Wunsch zu verspüren, diese Welt schöner und
gerechter zu machen und sie dem Plan Gottes näher zu bringen?
Indem der Rosenkranz
uns den Blick auf Christus richten läßt, macht er uns also auch zu
Friedensstiftern in der Welt. Weil er in besonderer Weise ein inständiges und
gemeinsames Bittgebet ist, das im Einklang mit der Aufforderung Christi steht,
allezeit zu beten»und darin
nicht nachzulassen«(vgl. Lk 18, 1), erfüllt er uns mit der Hoffnung, daß auch heute eine
so schwierige ,,Schlacht“, wie die des Friedens gewonnen werden kann. Weit
davon entfernt eine Flucht vor den Problemen dieser Welt zu sein, drängt uns
der Rosenkranz, diese mit den Augen der Verantwortung und des Großmutes zu
betrachten.
Er erwirkt uns die
Kraft, uns der Probleme in der Gewißheit göttlicher Hilfe und mit dem festen
Vorsatz zuzuwenden, unter allen Umständen die Liebe zu bezeugen, die»das Band ist, das alles vollkommen macht«(Kol 3, 14).
Die
Familie: die Eltern...
41. Als Gebet um den
Frieden ist der Rosenkranz auch und schon immer das Gebet der Familie und für die Familie. Früher war dieses Gebet den
christlichen Familien besonders teuer und hat sicherlich die Eintracht unter
ihren Gliedern gefördert. Dieses kostbare Erbe darf nicht verlustig gehen. Es
tut Not, zum Beten in der Familie und zum Gebet für die Familien zurückzukehren,
indem gerade von dieser Gebetsform Gebrauch gemacht wird.
Im Apostolischen
Schreiben Novo millennio ineunte
habe ich dazu ermutigt, daß die Feier des Stundengebetes auch von den Laien
im gewöhnlichen Leben der Pfarrgemeinden oder in verschiedenen christlichen
Gruppen39 vollzogen
wird. Dasselbe wünsche ich auch für das Rosenkranzgebet. Hierbei handelt es
sich nicht um zwei alternative Vorschläge, sondern um zwei einander ergänzende
Wege der christlichen Betrachtung. Deshalb bitte ich all jene, die sich in der
Familienseelsorge engagieren, mit Überzeugung zum Rosenkranzgebet anzuregen.
Eine
Familie, die vereint betet, bleibt eins. Seit
altersher wird der Rosenkranz in besondererWeise
als Gebet gepflegt, zu dem sich die Familie versammelt. Indem die einzelnen
Familienmitglieder ihren Blick auf Jesus richten, werden sie befähigt, sich
stets aufs Neue in die Augen zu schauen, miteinander zu sprechen, füreinander
einzustehen, sich gegenseitig zu vergeben und in einem durch den Heiligen
Geist belebten Liebesbündnis wieder neu zu beginnen.
Viele Probleme der
heutigen Familien, insbesondere in der wirtschaftlich hochentwickelten
Gesellschaft, hängen damit zusammen, daß die Kommunikation untereinander
immer schwieriger wird. Es gelingt nicht mehr, gemeinsam Zeit zu verbringen,
und sogar jene wenigen Augenblicke des Zusammenseins werden von den Bildern
des Fernsehens beherrscht. Die Wiederbelebung des Rosenkranzgebetes in der
Familie bedeutet, ganz andere Bilder in das alltägliche Leben hineinzulassen,
und zwar die der Heilsmysterien: das Bild des Erlösers, das Bild seiner
heiligsten Mutter. Die Familie, die zusammen den Rosenkranz betet, gibt ein
wenig das Klima des Heimes von Nazareth wieder: sie stellt Jesus in den
Mittelpunkt, sie teilt mit ihm Freud und Schmerz, sie legt Bedürfnisse und
Vorhaben in seine Hände, von ihm schöpft sie Hoffnung und Kraft für den
Lebensweg.
... und
die Kinder
42. Es ist auch schön
und fruchtbar, diesem Gebet die Jahre
des Wachstums der Kinder anzuvertrauen. Ist nicht vielleicht gerade das
Rosenkranzgebet der Weg des Lebens Jesu - von seiner Empfängnis, seinem
Tod, bis zur Auferstehung und zur Verherrlichung? Es wird gerade heute für
die Eltern immer schwieriger, die Kinder in den verschiedenen Etappen ihres
Lebens zu begleiten. In der heutigen Gesellschaft der hochentwickelten
Technologie, der Massenmedien und der Globalisierung ist alles so viel
schneller geworden, und der kulturelle Generationenunterschied wird immer
einschneidender. Eine Fülle von Informationen und ganz unvorhersehbare
Erfahrungen nehmen früh Raum im Leben der Kinder und der Heranwachsenden ein.
Für die Eltern ist die Bewältigung der Risiken, die die Kinder eingehen,
manchmal beängstigend. Nicht selten machen sie Erfahrungen unsäglicher Enttäuschung,
wenn sie das Scheitern der eigenen Kinder angesichts der Verführung zur
Droge, der Reize eines zügellosen Hedonismus, der Versuchung zur Gewalt,
sowie angesichts der verschiedensten Ausdrucksformen der Sinnlosigkeit und der
Verzweiflung feststellen.
Das Rosenkranzgebet für
die Kinder, und noch wichtiger mit
den Kindern, - wobei sie vom zartesten Alter an zu dieser täglichen
Atempause des ,,betenden Innehaltens“ in der Familie erzogen werden - ist
sicher nicht die Patentlösung für jedes Problem, aber es ist eine geistliche
Hilfe, die nicht unterschätzt werden darf. Dem könnte man entgegenhalten, daß
der Rosenkranz ein Gebet sei, das dem Geschmack der Kinder und der
Jugendlichen von heute wenig entspricht. Der Einwand bezieht sich vielleicht
auf eine Art und Weise des Rosenkranzbetens, die es oftmals an Sorgfalt
vermissen läßt. Unter der Voraussetzung, daß die grundlegende Struktur des
Rosenkranzes gewahrt bleibt, spricht übrigens nichts dagegen, den mit Kindern
und Jugendlichen in der Familie oder in Gruppen gebeteten Rosenkranz mit
angebrachten symbolischen und praktischen Elementen zu versehen, die geeignet
sind, das Verständnis und die Wertschätzung dieses Gebetes zu fördern.
Warum nicht ausprobieren? Eine Jugendpastoral, die nicht nur auf nichts
Wesentliches verzichtet, sondern begeistert und kreativ ist, kann mit der
Hilfe Gottes durchaus so wichtige Dinge vollbringen. Die Weltjugendtage haben
dafür den Maßstab angegeben! Wenn der Rosenkranz in guter Weise eingeführt
wird, bin ich sicher, daß die Jugendlichen selbst die Erwachsenen noch einmal
überraschen können, indem sie sich dieses Gebet zu eigen machen und es mit
dem für ihr Alter typischen Enthusiasmus vollziehen.
Der
Rosenkranz - ein Schatz, der wiederentdeckt werden muß
43. Liebe Brüder und
Schwestern! Ein Gebet, das so einfach und gleichzeitig so reich ist, verdient
es wirklich, von der christlichen Gemeinschaft neu entdeckt zu werden. Dies
wollen wir vor allem im laufenden Jahr tun, indem wir dieses Angebot als eine
bestärkende Fortsetzung der Grundlinien annehmen, die das Apostolische
Schreiben Novo millennio ineunte
vorgezeichnet hat, von dem sich viele Teilkirchen bei der Erarbeitung ihrer
Pastoralpläne für die nächste Zukunft haben inspirieren lassen.
Besonders wende ich
mich an Euch, liebe Mitbrüder im Bischofsamt, Priester und Diakone, und an
Euch, die Ihr in den verschiedenen Diensten der Seelsorge tätig seid: Wenn
Ihr die Schönheit des Rosenkranzes persönlich erfahrt, werdet Ihr selbst zu
eifrigen Förderern dieses Gebetes!
Auch in Euch, die
Theologen, setze ich mein Vertrauen, daß Ihr im Rahmen gleichermaßen präziser
und weiser Überlegungen, die mit Achtsamkeit gegenüber
dem Lebensvollzug des Gottesvolkes auf das Wort Gottes gründen, mithelft, die
biblischen Grundlagen, den geistlichen Reichtum und die pastorale Wirksamkeit
dieses Gebetes zu entdecken.
Ich zähle auf Euch,
die gottgeweihten Gläubigen, die Ihr in ganz besonderer Weise dazu berufen
seid, das Antlitz Christi in der Schule Mariens zu betrachten.
Auf Euch alle schaue
ich, Brüder und Schwestern jeglichen Standes, auf Euch, die christlichen
Familien, auf Euch, die Kranken und die betagten Menschen, auf Euch, die
Jugendlichen: nehmt aufs Neue den
Rosenkranz mit Vertrauen in Eure Hände! Entdeckt den Rosenkranz wieder im
Licht der Heiligen Schrift, in Einklang mit der Feier der Liturgie und unter
den Umständen des alltäglichen Lebens.
44. Dieser Aufruf
darf nicht ungehört bleiben! Zu Beginn des fünfundzwanzigsten Jahres meines
Pontifikates lege ich dieses Apostolische Schreiben vertrauensvoll in die
weisen Hände der Jungfrau Maria. Im prachtvollen Heiligtum, das der selige
Bartolo Longo, der Apostel des Rosenkranzes, zu ihrer Ehre erbaut hat, werfe
ich mich geistig vor ihrem Bilde nieder. Gerne mache ich mir die berührenden
Worte zu eigen, mit welchen er die berühmte Bitte
an die Königin des Heiligen Rosenkranzes beschließt:»O Rosenkranz, gesegnet von Maria, süße Kette, die uns an Gott
bindet, Band der Liebe, das uns mit den Engeln vereint, Turm des Heiles gegen
die Angriffe der Hölle, sicherer Hafen im allgemeinen Schiffbruch, dich
lassen wir nie mehr los. Du, unsere Stärke in der Stunde des Todes. Dir gilt
der letzte Kuß unseres Lebens, wenn wir sterben. Der letzte Gruß unserer
Lippen sei dein holder Name, o Königin des Rosenkranzes von Pompeji! O gute
Mutter, du Zuflucht der Sünder, erhabene Trösterin der Betrübten, sei überall
gepriesen, heute und immer im Himmel und auf Erden!« .
Aus dem Vatikan, am
16. Oktober des Jahres 2002, dem Beginn des fünfundzwanzigsten Jahres meines
Pontifikates.
JOHANNES PAUL II.
1 Pastoralkonstitution
über die Kirche in der Welt von heute
Gaudium
et spes, 45.
2 Paul VI.,
Marialis
cultus (2. Februar 1974) 42:
AAS 66
(1974), 153; vgl. OR dt., Nr. 20 (1974), 8.
3 Vgl.
Acta Leonis XIII, 3 (1884), 280-289.
4 Insbesondere
verdient sein Apostolisches Schreiben über den Rosenkranz »Il
religioso convegno«vom 29.
September 1961 Beachtung: AAS 53
(1961), 641-647.
5 Angelus:
Insegnamenti I (1978), 75-76; vgl. OR dt., Nr. 44
(1978), 3.
6 AAS93 (2001), 285.
7 In
den Jahren der Vorbereitung auf das Konzil hat Papst Johannes XXIII. es nicht
versäumt, die christliche Gemeinschaft zum Rosenkranzgebet um einen guten
Ausgang dieses großen kirchlichen Ereignisses einzuladen: vgl. Brief an den
Kardinalvikar vom 28. September 1960: AAS
52 (1960), 814-817.
8 Dogmatische
Konstitution über die Kirche Lumen
gentium, 66.
9 Nr.
32: AAS 93 (2001), 288.
10 Ebd.,33, l.c., 289.
11 Es wird nachdrücklich
darauf hingewiesen, daß sich die Privatoffenbarungen ihrer Natur nach von der
allen zugänglichen Offenbarung unterscheiden, die für die Kirche normativ
ist. Es bleibt Aufgabe des Lehramtes, die Echtheit der Privatoffenbarungen und
ihre Bedeutung für die Frömmigkeit der Gläubigen zu beurteilen und
anzuerkennen.
12 Il
segreto meraviglioso del Santo Rosario per convertirsi e salvarsi,
in S. Luigi Maria Grignion de Montfort,
Opere, 1, Scritti Spirituali,
Roma 1990, pp.729-843.
13 Sel. Bartolo
Longo, Storia del Santuario di Pompei,
Pompei 1990, p.59.
14 Apost.
Lehrschreiben Marialis cultus (2
febbraio 1974) 47: AAS (1974), 156,
vgl. OR dt., Nr. 20 (1974), 8.
15 Konst.
über die heilige Liturgie Sacrosanctum
Concilium, 10.
16 Ebd.,
12.
17 Ökum. II.
Vatikanisches Konzil, Dogmat. Konstitution über die Kirche
Lumen gentium, 58.
18 I
Quindici Sabati del Santissimo Rosario,
27ª ed., Pompei 1916, p.27.
19 Ökum.
II. Vat. Konzil, Dogmat. Konstitution über die Kirche Lumen
gentium, 53.
20 Ebd., 60.
21 Vgl.
Primo radiomessaggio Urbi et Orbi (17
ottobre 1978): AAS 70 (1978), 927.
22 Trattato
della vera devozione a Maria, 120, in: Opere.
Vol. I. Scritti spirituali, Roma
1990, p.430.
23 Katechismus
der Katholischen Kirche,
2679.
24 Ebd.,
2675.
25 Der selige
Bartolo Longo hat im Jahre 1883 die
Supplica alla Regina del Santo Rosario, die zweimal jährlich, im Mai und
im Oktober, feierlich verrichtet wird, geschrieben. Damit entsprach er einer
Einladung Papst Leo XIII. in seiner ersten Enzyklika über den Rosenkranz an
die Katholiken, um den Übeln der Zeit mit geistlichem Bemühen zu begegnen.
26 Die
Göttliche Komödie, XXXIII. Gesang, 13-15.
27 Johannes
Paul II., Apost. Schr. Novo millennio
ineunte (6. Januar 2001), 20: AAS 93 (2001), 279.
28Apost.
Lehrschreiben Marialis cultus, 46: AAS
66 (1974), 155.
29 Johannes
Paul II., Apost. Schr. Novo millennio
ineunte (6. Januar 2001), 28: AAS 93 (2001), 284.
30 Nr. 515
31 Angelus vom 29. Oktober 1978: Insegnamenti I
(1978), 76; vgl. OR dt., Nr. 44 (1978), S.3.
32 Ökum. II. Vat.
Konzil, Pastoralkonst. über die Kirche in der Welt von heute
Gaudium et spes, 22.
33 Vgl. hl. Irenäus
von Lyon, Adversus haereses, III,
18, 1: PG 7, 932.
34 Katechismus
der Katholischen Kirche Nr. 2616.
35 Vgl.
Nr. 33: AAS 93 (2001), 289.
36 Johannes
Paul II., Brief an die Künstler (4. April 1999), 1: AAS
91 (1999), 1155.
37 Vgl. Nr. 46: AAS
66 (1974), 155. Dieser Brauch wurde auch kürzlich von der Kongregation für
den Gottesdienst und die Sakramentenordnung lobenswert erwähnt im»Direktorium über die Liturgie
und Volksfrömmigkeit. Prinzipien und Orientierungshilfen«(17. Dezember 2001), 201, Vatikanstadt 2002, 165.
38 Missale
Romanum1960, in festo B.M. Virginis a Rosario.
39 Vgl.
Nr. 34: AAS 93 (2001), 290.
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