Dienberg, Thomas: Loslassen. Die christliche Lebenskunst.
Dienberg, Thomas: Loslassen. Die christliche Lebenskunst.
Stuttgart: Verlag Katholisches Bibelwerk, 2005. 112 S.
Nicht oft zieht ein religiöses Sachbuch den Leser bereits auf der ersten Seite wegen seiner Aktualität in den Bann. Dem Münsteraner Professor für Theologie der Spiritualität gelingt dies allein mit dem Hinweis auf die Frage nach möglichen Zusammenhängen zwischen christlicher Askese und den überall zu hörenden Aufrufen, eigenes Anspruchsdenken auf die Realisierbarkeit und Finanzierbarkeit in unserer Gesellschaft und die Verantwortbarkeit gegenüber Gottes Schöpfung zu hinterfragen.
Thomas Dienberg beschreibt Herkunft, Geschichte und heutige Bestimmung einer christlichen Askese. Sein Buch ist eine - gelegentlich plakative - kleine Geschichte der Askese im christlichen Kontext und ihrer historischen Vorbilder in der griechischen Philosophie wie im Judentum. Er skizziert die biblischen Voraussetzungen, indem er auf asketische Bräuche im Alten Testament und die Unterschiede in den Lebenshaltungen bei Johannes dem Täufer und Jesus eingeht. Fasten, Gebet und Almosen geben stellt er als Dimensionen einer jesuanischen Askese vor. Gerade am Beispiel des Paulus verdeutlicht der Autor, dass die spätere leibfeindliche Haltung, die Verdammung der Sexualität und die lange Zeit propagierte Herabsetzung der Ehe als Konzession an die Schwachen eigentlich keiner prinzipiellen Abwertung dieser Lebensform entsprang, sondern die erwartete rasche Wiederkunft Christi den Verzicht nahelegte. In großen Bögen wird die Tradition der Kirche auch in ihrer Übernahme anderer Gedankensysteme in unterschiedlichsten geistesgeschichtlichen und politischen Kontexten verdeutlicht. Besonders aufschlussreich für den heutigen Leser sind die kurzen Hinweise auf neuere theologische Ansätze im vergangenen Jahrhundert, in denen auf ganz unterschiedliche Weise an die biblischen Grundlagen wieder angeknüpft wurde. Ob es der Hinweis des Münchener Moraltheologen Richard Egenter ist, der in die Begründung des asketischen Lebens eines Einzelnen seine Bezogenheit auf ein „du“ einbezieht, oder der Ansatz des Münsteraner Theologen Franz Furger, der das aktive Annehmen eigener Begrenzungen als Bereitschaft zum Verzicht mit Blick auf die Sündhaftigkeit des Menschen betrachtet.
Als Kennzeichen einer auf Verzicht angelegten Lebenshaltung charakterisiert Dienberg höherwertige Ziele wie ein überzeugter Widerstand gegen falsche Haltungen, das leidenschaftliche Engagement für erkannte Wahrheiten oder die im persönlichen Lebensstil bezeugte Solidarität für Arme und Schwache. Eine Beschreibung recht verstandener Askese am Beispiel des Hl. Franz von Assisi und knappe, meditative Impulse zur Einübung in Verzicht und Loslassen runden den Band ab. Mit diesen Hinweisen kann dem Leser der Bogen zur Ausgangsfrage nach dem Zusammenhang von biblischer Botschaft und zeitgemäßen Anforderungen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten gelingen.
(Als „Religiöses Buch des Monats“ benennen der Borromäusverein, Bonn, und der Sankt Michaelsbund, München, monatlich eine religiöse Literaturempfehlung, die inhaltlich-literarisch orientiert ist und auf den wachsenden Sinnhunger unserer Zeit antwortet.)