Enzo Bianchi: Am Herzen Gottes. Eine kleine Ermutigung zum Beten.
Für frühere Generationen war das Gebet – anders als heute – wohl eine Selbstverständlichkeit. Einfach war es dennoch nie. Bereits die ersten Jünger baten deshalb Jesus: „Herr, lehre uns beten!“ (Lk 11,1). Heutzutage gelangt man aber oft gar nicht mehr bis zu dieser Schwierigkeit, wie man in rechter Weise beten solle, da man schon an der Frage hängenbleibt, warum man denn überhaupt beten solle. Der italienische Theologe und Ordensmann Enzo Bianchi greift in seinem Buch „Am Herzen Gottes“ diese beiden grundsätzlichen Fragen („Warum beten, wie beten?“ – so der Titel der italienischen Originalausgabe) auf, ergänzt sie aber um eine dritte Frage, die er vorab behandelt: Was ist Beten?
Dem in seiner Heimat äußerst populären Autor ist es wichtig zu zeigen, was das Beten im tiefsten Sinne ist und sein soll. Denn nur von diesem Wissen her kann man verstehen, wie und warum zu beten ist. Für Enzo Bianchi ist das Beten zuallererst keine Initiative des Menschen, keine Suche nach Gott, sondern vielmehr Antwort des Menschen, der von Gott immer schon angesprochen ist. Im Gebet eine Antwort geben zu können, setzt aber das Hören auf Gottes Wort voraus, so dass das Zuhören eine ganz wesentliche Komponente des Betens ist. Im Gebet öffnet sich der Mensch für die Gemeinschaft mit Gott, und wer den Blick lange genug auf Gottes Liebe richtet, dem wird es schließlich möglich sein, die gesamte Wirklichkeit mit seinen Augen, mit großer Barmherzigkeit und Liebe zu sehen.
Es ist klar, dass niemand das Gebet als Gemeinschaft mit Gott so sehr gepflegt hat wie Jesus. Wer wissen möchte, wie man beten soll, orientiert sich also am besten am Gebet Jesu bzw. an seinen Anweisungen, wie richtig zu beten sei. Den Evangelien zufolge betete Jesus sowohl die traditionellen jüdischen Gebete wie er auch immer wieder intensiv das persönliche Gebet in der Einsamkeit suchte – beide Formen des Gebets dürfen also nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern ergänzen sich. Darüber hinaus hat Jesus konkrete Anweisungen für das Gebet gegeben: sich vorher mit seinem Bruder zu versöhnen, in Demut zu beten wie der Zöllner, in Jesu Namen zu beten, voller Vertrauen auf Gottes Güte zu beten, allezeit zu beten und darin nicht nachzulassen. Und noch etwas lässt sich an der Gebetspraxis Jesu erkennen: dass sich das Beten immer zwischen den beiden Polen der Bitte und des Dankens bewegt, die letztlich beide zusammengehören und die Beziehung zu Gott zu einer wirklich persönlichen Begegnung werden lassen.
Wenn es schließlich um die Frage „Warum beten?“ geht, gibt es zunächst einige allgemeine Einwände gegen den Sinn des Gebets: dass es zu viel Böses in der Welt gebe, um noch glauben zu können, Gott greife in diese Welt ein, oder dass es nutzlos sei, Gott um etwas zu bitten, wenn er doch ohnehin alles wisse. Enzo Bianchi antwortet darauf mit dem Hinweis, dass gerade Jesus im Gefühl des völligen Verlassenseins am Kreuz dennoch gebetet habe; er hebt hervor, dass der Mensch in der Bitte an Gott die Begrenztheit der eigenen Fähigkeiten anerkenne und sich so erst der göttlichen Gnade öffne, dass er im fürbittenden Gebet sich der eigenen Verantwortung für andere sogar da noch bewusst sei, wo es unsere Grenzen eigentlich übersteigt. Dann gibt es aber auch noch weit verbreitete persönliche Einwände gegen das Beten: es sei zu schwierig, es gebe zu viele Ablenkungen, vor allem aber habe man dafür keine Zeit. Tatsächlich bedeute es ein nicht geringes Opfer, wenn der Mensch einen Teil seiner Zeit alleine Gott darbringe, hält Bianchi fest; doch sei gerade das ein Zeichen des Vertrauens darauf, dass die Zeit in der Gemeinschaft mit Gott nie verloren ist, sondern im Gegenteil bereits ein Vorgriff auf das ewige Leben. So ist das Beten für den gläubigen Christen letztlich nicht eine zu absolvierende Pflicht, sondern der tiefste Ausdruck seiner Sehnsucht nach der Liebe Gottes und damit absolut unverzichtbar.
Bianchi, Enzo: Am Herzen Gottes. Eine kleine Ermutigung zum Beten.
Freiburg i.Br.: Herder Verlag, 2011. – 126 S
(Als „Religiöses Buch des Monats“ benennen der Borromäusverein, Bonn, und der Sankt Michaelsbund, München, monatlich eine religiöse Literaturempfehlung, die inhaltlich-literarisch orientiert ist und auf den wachsenden Sinnhunger unserer Zeit antwortet.)