Helmut Krätzl: Geschenkte Zeit. Von der Kunst älter zu werden
Helmut Krätzl: Geschenkte Zeit. Von der Kunst älter zu werden
Innsbruck: Tyrolia-Verlag. 158 S.
Stichworte wie „demographischer Wandel“, „alternde Gesellschaft“ oder „Kollaps der Rentenversicherung“ finden sich in vielen Bildungsprogrammen und politischen Debatten. Die Fakten zu diesem Sachverhalt liegen seit vielen Jahren auf dem Tisch. Langsam kommen in den aktuellen Diskussionen differenzierter die gesamtgesellschaftlichen Aspekte dieser Entwicklung zum Vorschein.
Auf diese Situation – sicher auch durch sie motiviert – trifft das Buch des Wiener Weihbischofs, der dem Leser seine Lebenserfahrungen zur Reflexion anbietet. Aus dem Reichtum seines 75-jährigen Lebens schreibt Krätzl in zwölf Kapiteln 48 kleine Lebensgeschichten. Er erzählt von den mit diesen konkreten Menschen durchlebten Begegnungen in Freud und Leid. „Verändert“, „versäumt“, vorüber“ oder „verzweifelt“, „gewonnen“, „versöhnt“ lauten die Kapitelüberschriften. Sie signalisieren die Vielfalt der Stimmungen, die in einem Blick nach hinten liegen können. In allen Texten geht es nach einer einleitenden Beschreibung um die Skizzierung einer bestimmten Situation, die der Leser bei einem Blick in seinen Bekanntenkreis meist rasch wiedererkennt: die langjährige Pflege eines schwer erkrankten Ehepartners ohne die Möglichkeit zum gedanklichen Austausch; wiedergefundene Lebensfreude durch eine neue Partnerschaft im Alter; aktiver Einsatz für die Familie, die Nachbarschaft oder die Gesellschaft bis ins hohe Pensionsalter hinein, mit dem Gefühl einer besonderen Verantwortung und Unabhängigkeit; Enttäuschung über Einsamkeit nach einem aktiven Leben oder die Frage „Warum er und nicht ich?“. Alle Situationen beschreibt der Autor aus seiner persönlichen Sicht als Priester und Bischof ohne Frömmelei. Er konfrontiert sich selbst mit der Frage, ob er in den jeweiligen Begegnungen mit den Menschen in verschiedenen Lebensstationen seine Möglichkeiten der Zuwendung oder Unterstützung gefunden hat.
Ein besonderes Augenmerk legt Krätzl auf die unterschiedlichen Lebensformen. Nicht nur, dass er für sich Rechenschaft abgibt für die von ihm gewählte zölibatäre Lebensform und Schicksale aus dem Kreis der Priester schildert, die mit ihm geweiht wurden und die mit ihm die österreichische Kirche prägten. Er wirft auch einen Blick auf Ehepaare, Alleinlebende und deren Lebensresümee und wägt im Vergleich dazu noch einmal seine eigene Entscheidung ab. In seiner einfachen Sprache und klaren Beschreibung ist das Buch ein Kleinod an aufrichtiger und ermutigender Lebensreflexion.
(Als „Religiöses Buch des Monats“ benennen der Borromäusverein, Bonn, und der Sankt Michaelsbund, München, monatlich eine religiöse Literaturempfehlung, die inhaltlich-literarisch orientiert ist und auf den wachsenden Sinnhunger unserer Zeit antwortet.)