Johannes B. Brantschen: Warum gibt es Leid?
Johannes B. Brantschen:
Warum gibt es Leid?
Die große Frage an Gott.
Freiburg: Herder Verlag.
128 S.
Die Frage nach dem Leid beschäftigt früher oder später wohl jeden Menschen, Ungläubige ebenso wie Gläubige. Für Christen, die an einen gütigen und allmächtigen Gott glauben, wird diese Frage spätestens dann zur Schlüsselfrage, wenn sie ihren Blick auf das nicht alltägliche, sondern immer wieder in einem erschreckenden Übermaß auftretende Leiden richten, auf unheilbar kranke Kinder etwa, auf Naturkatastrophen, die tausende Unschuldige in den Tod reißen, auf das unfassbare Verbrechen der Shoa. Wie kann Gott solches Leiden zulassen – diese Frage stellt sich der Mensch zu Recht. Der Dominikanerpater Johannes B. Brantschen hat sich als Theologieprofessor immer wieder mit dieser Frage beschäftigt. Sein in der neuen Taschenbuchreihe „Inspiration Christentum“ des Herder Verlags erschienenes Buch „Warum gibt es Leid?“ ist gewissermaßen eine prägnante Zusammenfassung seines lebenslangen Nachdenkens über diese Frage.
Im ersten Teil des Buches diskutiert der Autor verschiedene Erklärungsversuche aus der Theologiegeschichte – Leid als Strafe, als göttliche Medizin, als Preis der Freiheit. Doch alle diese Erklärungen befriedigen nicht, sie werfen im günstigsten Fall vielleicht einige Schlaglichter auf das Problem, bleiben letztlich aber nur Fragmente, die in ihrem Ungenügen immerhin darauf verweisen, dass das Problem des Leidens auf einer rein theoretischen Ebene prinzipiell nicht „gelöst“ werden kann.
Da der Mensch gerade im Leiden aber eines festen Haltes bedarf, um nicht in einen bodenlosen Abgrund zu stürzen, weist Johannes B. Brantschen im zweiten Teil auf fünf „Griffe“ hin, die es dem Menschen ermöglichen können, trotz des unbegreiflichen Leidens an Gott festzuhalten: die Erfahrung des Ijob, dass Gott in seiner Transzendenz dem Menschen letztlich unbegreiflich bleiben muss; die menschliche Grunderfahrung, dass es in jedem Leiden auch die Möglichkeit gibt, daran zu reifen und das Leben in größerer Tiefe zu erfassen; die Möglichkeit, im Leid durch den Trost anderer Zuwendung und Gemeinschaft zu erfahren; das Leiden als Kreuzesnachfolge anzunehmen; schließlich das klagende, ja sogar anklagende Gebet, das Gott selbst dem Leidenden zugesteht.
Antworten auf die Frage nach Ursprung und Sinn des Leidens geben allerdings auch diese Hinweise auf den christlichen Umgang mit dem Leiden nicht. Und sie können und sollen das auch nicht, wie der Autor im dritten und letzten Teil seines Buches betont. „Gott – und Gott allein – kann Antwort geben.“ (S. 87) Das Zerstören menschlicher Antwortversuche schafft andererseits auch wieder Raum für Hoffnung, für die christliche Hoffnung, dass Gott zuletzt doch immer noch Möglichkeiten der Erlösung hat. Ostern ist deshalb als Fundament des christlichen Glaubens schlechthin unverzichtbar. Auch die Auferstehungshoffnung gibt zwar keine Antwort auf die Frage nach dem Warum des Leides, aber sie wendet unsere Frage nach dem Leid um, bringt uns dahin, nicht so sehr nach dem Ursprung des Leids (und des Bösen) zu fragen, als vielmehr nach dessen Ende. Und im Vertrauen auf die Macht der ohnmächtigen Liebe Gottes kann das Leid zwar nicht verstanden, aber getragen werden.
Gerade in seinem ehrlichen und bescheidenen Eingeständnis, die große Frage letztlich offenlassen zu müssen, kann dieses kompakte Büchlein sicher für viele Leserinnen und Leser überzeugend wirken und durchaus hilfreich sein.
(Als „Religiöses Buch des Monats“ benennen der Borromäusverein, Bonn, und der St. Michaelsbund, München, monatlich eine religiöse Literaturempfehlung, die inhaltlich-literarisch orientiert ist und auf den wachsenden Sinnhunger unserer Zeit antwortet.)