Paul M. Zulehner: Ein neues Pfingsten. Ermutigung zu einem Weg der Hoffnung.
Paul M. Zulehner: Ein neues Pfingsten. Ermutigung zu einem Weg der Hoffnung. Ostfildern: Schwabenverlag. - 103 S. „Freude und Hoffnung. Kirche in der Welt von heute“, so lautet die Überschrift eines der tonangebenden Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils, der Pastoralkonstitution. Was vor vierzig Jahren eine Sensation war, gilt manchen Katholiken heute als Ursache des schwindenden Einflusses der katholischen Kirche. Sie glauben, dass die Kirche sich wieder stärker der Welt verschließen müsse, um ihre gestalterische Kraft entfalten zu können. Diesem Hang zur Abschottung hält der Wiener Pastoraltheologe Paul M. Zulehner entgegen: „Die Kirche ist in diese konkrete Welt gesandt, ob es ihr gefällt oder nicht. Nostalgischer Rückzug aus der Welt steht nicht in dem ihr von Gott gegebenen Auftrag.“ Wie die Kirche in der Welt von heute wirken könnte, beschreibt Zulehner in seinem Buch. Ausgehend vom Pfingstereignis erinnert er daran, dass der Geist Gottes der Kirche und jedem Christen als Beistand zugesagt ist. Er ist überzeugt, dass die Kirche nur dann ihren Auftrag „Licht der Welt“ und „Salz der Erde“ zu sein, wahrnehmen könne, wenn sie im Vertrauen auf diesen Geist der Welt und den Menschen mit Wertschätzung begegne, ohne Fehlentwicklungen auszublenden.
Die gegenwärtige kirchliche Situation sieht er als Übergangskrise. Die Kirche befinde sich in einem Wandlungsprozess von einer Kirche, die sich auf die Unterstützung von Staat und Kultur verlassen konnte, hin zu einer Kirche in einer von Wahlfreiheit geprägten Welt. Auf Grundlage dieser Überlegungen entwickelt Zulehner seine Vision der Kirche in der Welt von heute. Drei Merkmale einer „geistgeführten Kirche“ greift er dazu heraus: Horizont, Vision und Mut. Unter „Horizont“ wünscht er sich, dass die Kirche – vom Papst bis zu den Gemeindechristen – die Zumutung der modernen Vielfalt schätzen lerne. Wer seinen eigenen Standpunkt kenne, brauche vor dem Anderen keine Angst zu haben. Das sei Voraussetzung echter Toleranz, die dann auch die Grundlage des interreligiösen Dialogs bilde. Unter „Vision“ formuliert er die „Mission“ der Kirche: Das Wissen um das Christusereignis und die Heilszusage für alle Menschen wach zu halten und die Hoffnung auf Vollendung und Heilung für jeden Einzelnen und die ganze Welt. Unter „Mut“ wünscht er sich schließlich die Offenheit für ungewöhnliche Lösungen, eine zupackende „Spiritualität der offenen Augen“ und eine Pastoral, die nicht vom Personalmangel her organisiert wird, sondern von den Aufgaben der Kirche.
Manche seiner Anregungen lassen sich nicht ohne die Kirchenleitung verwirklichen, etwa wenn es um neue Zulassungsbedingungen für das Priesteramt geht. Andere Ideen dagegen lassen sich vor Ort oder regional anstoßen und ausprobieren, eine milieugerechte Seelsorge etwa oder eine auch theologisch und spirituell sinnvolle Organisation der Pastoral in den Seelsorgeräumen. Zulehner legt mit diesem Buch eine hoffnungsfrohe Vision einer Kirche in der Welt von heute vor, die angstfrei im Vertrauen auf den Geist Gottes in und für die Welt wirkt. Ohne zu lamentieren legt er den Finger in „Pastorale Wunden“ (Priestermangel, Ökumene) und zeigt zugleich neue Perspektiven auf. Selbst wenn man Zulehners Vision nicht in allen Punkten folgen möchte, ist die Lektüre für Theologen, Kirchengemeinderäte und viele andere, die sich in der Kirche engagieren oder dort arbeiten, in jedem Fall ein Gewinn.
(Als „Religiöses Buch des Monats“ benennen der Borromäusverein, Bonn, und der Sankt Michaelsbund, München, monatlich eine religiöse Literaturempfehlung, die inhaltlich-literarisch orientiert ist und auf den wachsenden Sinnhunger unserer Zeit antwortet.)