An Ostern feiern die Christen den Sieg des Lebens über den Tod. Doch ein Blick auf das Weltgeschehen kann Zweifel an dieser Überzeugung wecken: Erdbeben und andere Naturkatastrophen fordern zahlreiche Menschenleben, sinnlose Akte der Gewalt töten oder verletzen Menschen, heimtückische Krankheiten reißen Lücken in Familien. – Warum lässt Gott das zu? Ist angesichts dieser Nachrichten die Rede von Auferstehung und Erlösung nicht nur ein billiger Trost, eine Droge, die das Leben erträglich machen soll?
Der Jesuit
Stefan Kiechle sucht nach Antworten auf diese Fragen und verbindet dabei auf originelle Weise Tradition und Moderne. Dabei lehnt er jeden Versuch ab, Leid zu verherrlichen oder zu behaupten, es sei der Wille Gottes, dass ein Mensch leide, wie es in der Vergangenheit durchaus üblich war. Leiden sei sinn- und wertlos, betont er, die Christen dürften es nicht anstreben. „Gott will, dass wir das Leben haben und es in Fülle haben.“
Dem widerspricht auch nicht die Forderung Jesu, wer ihm dienen wolle, müsse sein Kreuz auf sich nehmen und ihm nachfolgen. Denn der Blick auf die Leidensgeschichte Jesu macht deutlich: Es geht nicht darum, Leid zu suchen. Weder Jesus noch der Vater wollten den Kreuzestod. Den haben die Menschen zu verantworten. Sich als Christ am Leiden Jesu zu orientieren bedeutet vielmehr, bereit zu sein, das eigene Leben und auch das Leben der Anderen anzunehmen, mitzutragen und die Schattenseiten auszuhalten, wo Leid sich nicht mehr lindern lässt.
Der Tod Jesu zeigt, dass Gott bereit ist, einen hohen Preis für die menschliche Freiheit zu bezahlen, auch für die Freiheit, sich für das Böse zu entscheiden. Kiechle stellt daher ausdrücklich auch die Frage nach der menschlichen Verantwortung für Leid, nach dem Bösen, das jeder in mehr oder weniger großem Umfang verursacht. Anhand der Ignatianischen Exerzitien zeigt er, wie man sich der eigenen Schuld bewusst werden und sie bestenfalls auch vermeiden und abtragen kann.
Kiechle argumentiert nachdenklich und in den Formulierungen sehr vorsichtig, weit davon entfernt, Gewissheiten zu behaupten, wo es mehr Fragen als Antworten gibt. Deshalb hält er auch alle Versuche, Leid als unumgängliche Folge der menschlichen Freiheit und der Schöpfung der Welt darzustellen, für „nicht akzeptabel“. Sein Fazit: Es gibt keine befriedigende Antwort auf das Warum des Leidens. Es bleibe eine Leerstelle im Glauben: „Mit Ijob heißt Glauben, dass wir in einen fremden, nicht verstehbaren, oft als nah nicht mehr erfahrbaren, aber eben doch festgehaltenen Gott fallen.“ Der Glaube gebe kaum Antworten auf das Woher des Leidens, eher auf das Wohin.
Dass die Frage nach dem Woher des Leidens so drängend geworden sei, könnte auch an unserer narzisstischen Lebenskultur liegen, vermutet Kiechle. Wir würden Leiden leichter tragen, wenn wir „mit unserem Bedürfnis nach narzisstischer Befriedigung und nach dem idealen Leben freier umgehen und manches davon“ losließen. Dann würden wir Gott nicht vorschnell für alles Leid verantwortlich machen und besser wahrnehmen, dass er im Leiden mitgeht. So gesehen ist der österliche Glaube an Auferstehung und Erlösung kein billiger Trost, sondern Grund zur Hoffnung auf Heil und Frieden in Fülle für alle.
Stefan Kiechle: Warum leiden?
Würzburg: Echter Verlag
2011. – 94 S.
(Als „Religiöses Buch des Monats“ benennen der Borromäusverein, Bonn, und der Sankt Michaelsbund, München, monatlich eine religiöse Literaturempfehlung, die inhaltlich-literarisch orientiert ist und auf den wachsenden Sinnhunger unserer Zeit antwortet.)