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Willibrordus-Oktave 2008
Auch die Ruinen halten Erinnerung wach
Pilgermesse des Dekanates Grevenmacher
Wer ist nicht schon durch die Ruinen alter Schlösser und Burgen gewandert und hat probiert, sich die damals gewesene Welt vorzustellen? Um diese Vorstellungskraft an die vergangene Welt zu beleben, kleiden sich Menschen von heute in Rüstungen von damals und lassen sich gegen Zahlung als römischer Krieger vor dem Kolosseum in Rom ablichten. Straßenschilder und Geschichtsbücher sind voll der Erinnerungen an längst Vergangenes. Ruinen regen in der Tat an, sich mit ihnen als Zeugen der Vergangenheit auseinander zu setzen. Museen dagegen zeugen mehr von der Kreativität derer, die sie hergerichtet haben, als von einer interpretationsoffenen Vergangenheit. Das heutige Europa wurde auf den Ruinen alter Kulturen errichtet. Die Christianisierung Lateinamerikas setzte auf die Zerstörung und Überbauung der alten Tempel und Heiligtümer, um so die Größe der neuen Kultur zu zeigen. Und dennoch kann das vorgehaltene Ziel sein Versprechen nicht halten angesichts einer immer wieder ausgrabenden Menschheit. So kann man selbst in Rom(*) unter manche Kirchen steigen und die verschiedenen Tempel aus den Vorzeiten besichtigen. Ruinen, selbst wenn sie überbaut und verschüttet werden, werden immer wieder die Neugierde wecken. Heute nun riskieren auch manche christlichen Zeugen aus der Baugeschichte zu Ruinen zu verfallen. Dieser sichtbare Zusammenfall des Christentums macht manchen Angst und so ziehen sie es vor, aus ihren Kirchen Museen oder Konzertsäle zu machen. Aber auch solche Tarnungen können nicht über die eigentliche Ruine hinwegtäuschen. Und sie brauchen es auch nicht. Ruinen sind keine Schande. Ruinen pflastern den Weg einer sich ständig verändernden Geschichte. So verdrängt die Gotik etwa die Romanik und hinterlässt ihre Spuren in einem Zusammenspiel, das selber wiederum zum Zeichen neuer Kreativität wird. Neurobiologie und Psychiatrie lehren uns, dass das Vergessen notwendig ist, um voranzukommen. Vielleicht müssen wir gerade heute den Mut aufbringen, Ruinen zuzulassen und Altes zu vergessen, damit Neues wieder werden kann. Wer Angst hat, Altes aufzugeben, wird weder das Alte noch das Neue empfangen. Der Mensch und seine Geschichte sind beweglich. Ihre Zukunft liegt vor ihm. Auf sie hin bewegt er sich, ob er will oder nicht. Das Christentum selber ist Geschichte. Lange ist es her, dass Willibrord den Startschuss hier in Luxemburg gab. Viele Etappen haben die Menschen in unserem Kulturraum mutig hinter sich gebracht. Keine Zeitepoche darf Ewigkeit beanspruchen. Auch Willibrord durfte den Wandel in seiner eigenen Zeit miterleben. Und zu helfen gab es auf dem Kontinent fürwahr genug. Während von Süden her der Ansturm der Muslime, dem erst 732 in Poitiers Einhalt geboten werden konnte, Europa zu überschwemmen drohte, barg der Widerstand der Friesen und Sachsen gegen das Christentum die Gefahr, die Missionierung der Franken und Germanen in Frage zu stellen und zu unterhöhlen. Das ist die Situation, die Willibrord auf dem europäischen Festland vorfand, die Situation, die ihn womöglich bewogen, überhaupt herüber zu kommen. [1] Während Willibrords Lebenszeit geschah eine der größten weltgeschichtlichen Umwälzungen, die gerade heute wieder hoch brisant ist: die Ausbreitung des Islam. Als Willibrord 658 geboren wurde, hatten die islamischen Araber bereits Jerusalem und Alexandria erobert. Sie zerstörten 698 Karthago, als Willibrord soeben sein Kloster Echternach gründete. Beim islamischen Ansturm auf Spanien im Jahre 711 stand Willibrord im Zenit seines Wirkens. Wie sehr ihn der Übersteig der Araber über die Pyrenäen beschäftigt hat und wohl auch geängstigt hat, zeigt der Eintrag in seinem Kalender: ’Pugna im Nirac’, gemeint ist Karl Martells Sieg über die Araber bei Tours und Poitiers im Jahre 732. [2] Der Weg ist das Leitmotiv des Christen. Die Kirche wird als pilgerndes Gottesvolk umschrieben. Diesen Mut des steten Aufbruchs gerade auch nach der Bekehrung gilt es immer wieder zu stärken. So sollen die Ruinen des christlichen Glaubens nicht Mitleid auslösen, sondern Mut zusprechen. Unhaltbare Kulturgüter christlicher Kultur dürfen losgelassen werden, um so zum Zeugen einer vergangenen Zeit zu werden. Das Christentum gilt es für die Zukunft auch in der Vergangenheit zu erhalten. Dort wo bestimmte Formen nicht mehr aktualisiert werden können, dürfen diese getrost zu Grabe getragen werden und als solche zur Erinnerung werden. Dort wo sie neu belebt werden können, darf Vergangenes getrost verändert werden, damit es wieder Sinn für die Gegenwart bekommt. Gott selber hat sich nicht gescheut, durch die Geschichte hindurch zu wirken. So hat er immer wieder Propheten gesandt, die sein Wort in die unterschiedlichen Situationen hinein verkündeten. Nach dem letzten und größten aller Propheten, Jesus Christus selber, hat er uns seinen und dessen Geist gesandt, damit der neue Bund weitergehe in Geschichte und Zeit. (Hbr 1) [1] Internationales ökumenisches Kolloquium, Echternach Mai 2008, Beitrag Generalvikar Mathias Schiltz: Willibrord,ein Heiliger der ungeteilten Kirche: die Einheit der Christen, die große Herausforderung [2] Internationales ökumenisches Kolloquium, Echternach Mai 2008, Beitrag Prof. Dr.Dr. Arnold Angenendt Erny GILLEN
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