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Willibrordus-Oktave 2008
Bekehrung als Befreiung
Pilgermesse des Dekanates Echternach und der Pfarrgemeinschaften Bollendorf, Irrel, Ralingen
Lesung : 1.Kor 13
Evangelium : Mk 1, 14-15

Bekehrung ist in, so könnte man sagen. Die weltweiten Rufe nach einer Umkehr weg vom konsumistischen Verhalten sind kaum zu überhören. Auch die Rufe nach der Rückkehr religiösen Glaubens und Haltes sind unüberhörbar. Gekoppelt werden diese Rufe nach Bekehrung an Verhaltensänderungen, die spürbar und greifbar sind. Bekehrung soll sichtbar werden durch neue Verhaltensmuster und Absagen an Konsum und Überfluss.

Die Verhaltensnormen sind konkret und auf die Situation zugeschnitten. Oft werden sie sogar als praktische Handlungsanleitung in moralische Kodizes oder rechtliche Verfügungen gegossen. Dabei wird das Augenmerk so sehr auf die Erfüllung der einzelnen Gebote gelenkt, dass der Gesamt- und Sinnzusammenhang verloren geht. Man traut dem Gebot und dem Gebotsgehorsam mehr zu, als dem freien Menschen.

Und dennoch legte Willibrord ganz nach dem Vorbild seines Herrn und Meisters die Axt an die Eichen des Aberglaubens und der Gängelung des Menschen durch Religion an. Er schrieb das Vertrauen in den Menschen groß.

„Es ist einmal der Bericht Alkuins über den Gott Fosites auf dessen heiliger Insel Fositesland (Helgoland), wo man aus einer heiligen Quelle nur unter Schweigen Wasser schöpfen durfte. Doch der Missionar Willibrord (†739) vollzog an dieser Quelle demonstrativ einige Taufspendungen, was den Friesen-König Radbod zu hellem Zorn entflammte und das seinen Göttern angetane Unrecht zu ahnden veranlaßte: „Es ward der heilige Mann [Willibrord] zum König gerufen und wurde von ihm heftigst angefahren, wieso er die Heiligtümer verletzt und Unrecht seinem Gott angetan habe“; Willibrord aber blieb unerschütterlich und Radbod mußte ihm zubilligen: „Ich sehe, dich erschrecken unsere Drohungen nicht in deinen Worten und Taten“ [1].“ [2]

„Liebe, und tue was du willst“, hatte es der heilige Augustinus bereits holzschnittartig formuliert. Die neue Freiheit der Christenmenschen ist die Freiheit der Liebe. Die Liebe ersetzt alle Gebote und wird selber zum einzigen Gebot erhoben. Ohne die Liebe ist alles hohl und leer (vgl. 1. Kor 13). Diese Liebe bedarf keiner anderen Rechtfertigung. Sie genügt sich selbst als Grund und Halt.

Im Johannesbrief wird dieser Höhepunkt christlicher Theologie auf die einfache Formel gebracht: Gott ist Liebe. Papst Benedikt XVI. seinerseits hat in seiner Eröffnungsenzyklika Deus Caritas est sein gesamtes Papsttum unter diesen Leitgedanken gesetzt. Letztendlich ist es die Liebe Gottes, die bekehrt und befreit.

Nach christlichem Verständnis werden die Menschen nicht von einer Religion in eine andere Religion hinein gekehrt und bekehrt. In der Begegnung mit dem lebendigen Gott wird die Liebe in ihnen entfacht und so werden sie selber zu Zeugen dieser Liebe. Schöpfungstheologisch steht für die Christen fest, dass Gott immer schon am Anfang und Ursprung jedes einzelnen Menschen steht. Von Gott geliebt und gewollt kommt jeder zur Welt.

Erst dieser große Bogen zu Gott als Schöpfer aller Menschen macht das Urvertrauen von Jesus und dem heiligen Willibrord in die Menschen verständlich. Sie brauchen nicht zuerst gegen Ungläubige, Andersgläubige oder Irrgläubige anzukämpfen, sondern begegnen in der großen Menschheitsfamilie bereits ihren Brüdern und Schwestern. Genau diesen Menschen, unabhängig von ihrer religiösen Zugehörigkeit, hat Jesus Christus die Erlösung gebracht. Seine Erlösung und seine Bekehrung ist die Befreiung des Menschen als Geschöpf Gottes von sich selbst. In dieser Welt, die für den Christen Schöpfung ist, und in dieser Familie, die für den Christen die Menschheitsfamilie ist, kann der Mensch sich ganz als Mensch entfalten für das Leben und für das Heil der Welt.

Normen und Regeln bekommen hier eine subsidiarische Rolle. Dort wo sie diese ihre Bestimmung vergessen, verlieren sie ihren Sinn und Zweck. Bekehrung zur Freiheit ist dementsprechend nicht eine Absage an Regeln und Gebote sondern deren Erfüllung.

[1] Vita Willibrordi 10–11; MGH rer. Merov. VII, S. 124–126.

[2] Internationales ökumenisches Kolloquium, Echternach Mai 2008, Beitrag Prof. Dr.Dr. Arnold Angenendt

 
Erny GILLEN
 
 
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