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Willibrordus-Oktave 2008
Die Globalisierung als neue Chance für das Christentum
Pilgermesse des Dekanates Remich

Lesung: Lev 19, 33-34

Evangelium: Mt 2, 13-15

Das Christentum selber war ein großer Motor für die Globalisierung der Welt. Über alle Staats- und Wirtschaftsgebilde hinaus war es den großen monotheistischen Weltreligionen gelungen, eine andere Art der Verständigung unter den Menschen und mit Gott ins Leben zu rufen. Eine neue Form der Völkerverständigung war geboren. Gottesdienst, Sakrament und Ämter wurden genormt und in der gesamten Welt vergleichbar. Wer hätte nicht bereits erlebt, dass er sich in fremdem Land und in fremdem Gottesdienst wieder erkennt und wieder findet. Die Feier des gleichen Gottesdienstes lässt die Barrieren zwischen Sprachen und Kulturen mindestens für diesen Moment dahin schmelzen.

Der Auftrag Jesu, bis an die Enden der Erde das Reich Gottes zu verkünden, darf durchaus als Globalisierungsauftrag verstanden werden. Im großen Völkerapostel Paulus und in der Bewegung der iro-schottischen Mönche in unseren Kulturkreisen hat sich dieser Auftrag so erfüllt. Eine universale Religion kam zu uns in unsere Kultur und hat sich bei uns inkulturiert.

Heute erleben wir vor allem die Globalisierung der Wirtschaft. So können wir denselben Marken und Geschäften in allen Städten dieser Welt begegnen. Kaum bleibt noch Platz für lokale Produkte oder kulturelle Spezifizitäten. Das peruanische Kleid kann man auch in Tokio kaufen und Sushi essen kann man auch in Luxemburg. Die Globalisierung der Wirtschaft als Weltwirtschaft führt zwangsweise auch in einen globalen Arbeits- und Konsummarkt und damit in neue Konkurrenzen, die man sich vor Jahrzehnten noch nicht vorstellen konnte. Und so wird die Globalisierung zusehends als Bedrohung erlebt.

Beleuchtet man die weltwirtschaftliche Globalisierung nun aber mit den Augen des Glaubens und aus der Perspektive der Gerechtigkeit, kommt man nicht umhin, die positiven Chancen und Möglichkeiten dieser Bewegung wahrzunehmen. Warum sollen die vielen Armen dieser Welt nicht in den Genuss desselben Reichtums und desselben Glaubens kommen? Gehört die Welt nicht auch ihnen, so wie sie uns gehört? Ist der Reichtum in unseren Breitengraden hauptsächlich durch Wachstum und Ausbeutung entstanden, so ist es wohl nun an der Zeit, neu zu teilen. Wir können unseren Glauben mit den vielen Menschen dieser Erde nicht teilen, wenn wir nicht bereit sind, auch unseren Reichtum mit ihnen zu teilen.

In der Weltwirtschaft ist weniger die wirtschaftliche Logik, als die dahinter liegenden religiösen und ideologischen Weltanschauungen zu beanstanden. Stünde das wirtschaftliche Wohlergehen aller Menschen der weltwirtschaftlichen Anstrengungen Pate, bräuchte sich niemand Sorgen zu machen. Die Utopie einer gerechten Welt gehört integral zum christlichen Glaubensbestand. Als Teil unseres Glaubens lädt diese Utopie nicht zur Revolution ein, sondern zum Teilen. Ja, das Teilen wird sogar noch spezifiziert, wie es etwa im Namen des bischöflichen Fastenopfers zum Ausdruck kommt: „Bridderlech Deelen“.

Wer brüderlich und geschwisterlich teilt, der gibt keine Almosen sondern übt Gerechtigkeit in der großen Menschheitsfamilie aus. Dieses Anliegen des Teilens in der Christengemeinde und über diese hinaus war auch dem heiligen Willibrord ein Anliegen.

Abt Thiofrid (…) schreibt, dass es vor dem Brande von 1016 so viele Ex-votos in der Abteikirche gab, die von Heilung von Behinderung und Krankheit, sowie von Befreiung von Schuld und Leibeigenschaft zeugten, dass ein Ochsengespann sie kaum hätte alle wegführen können. Dabei muss man zugeben, dass die Leute so massiv zum Grabe des Heiligen pilgerten, nicht weil sie die Biographie Alkuins gelesen hatten, sondern weil das Heilspatronat des Heiligen allgemein bekannt und anerkannt war und die Dankbarkeit sie immer wieder in frommer Erwartung zum Grabe des hl. Schutzpatrons trieb. [1]

Der Globalisierung der Wirtschaft ist eine Globalisierung der Solidarität entgegen zu setzen. Die Solidarität von Mensch zu Mensch darf keine Landes- oder Unionsgrenzen kennen. Diese Grenzen widersprechen dem Globalisierungsauftrag der Christen. Gerade deshalb sind es weltweit immer wieder die Christen, die sich für Menschen auf der Flucht, auch auf der Flucht vor wirtschaftlichen Nöten einsetzten. Menschen auf der Flucht dürfen nicht einfach als Profiteure abgestempelt werden. Vielmehr rufen sie uns in Erinnerung, dass es die Armen auf unserer Welt noch gibt. Sie stehen für grenzenlose Armut in einer grenzenlosen Welt. Ihnen unsere Grenzen herzlos zu verschließen, ist eine Verfehlung an der Menschheitsfamilie.

[1] Internationales ökumenisches Kolloquium, Echternach Mai 2008, Beitrag Pierre Kauthen: Die Verehrung Willibrords in der katholischen Kirche: Verbreitung, Aspekte und Anliegen

 
Erny GILLEN
 
 
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