…wie Schafe, ohne Hirten.
Kommentar zum 11. Sonntag im Jahreskreis A - Jakob Zeilinger, Kaplan in der Pfarre Mersch – St. Francois (14.06.2026)
„Als Jesus die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen;“ der erste Satz des Evangeliums vom Sonntag ist schon ein eigenes Evangelium von für sich. In diesem Satz sehen wir bereits, dass Gott die Menschen liebt, dass er ihr Leiden sieht und dass es ihm nicht egal ist.
Aber bevor ich jetzt beginne alle Funktionsstörungen und Leiden unserer Gesellschaft aufzuzählen, achten wir doch einmal darauf, was Jesus als Ursache unseres Leidens identifiziert: „Sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben.“
Jesus weist uns darauf hin, dass die Ursache der Erschöpfung nicht die 40 Stunden Woche oder Schlafstörungen sind, sondern das Fehlen des Hirten, ein Bild für Jesus Christus selbst, aber auch ein Fehlen von Sicherheit und Autorität. Nachdem uns jahrelang gesagt worden ist, dass die erstrebenswerte Freiheit darin besteht, niemanden gehorchen zu müssen, es keine Wahrheit gibt, weil alles relativ ist und wir niemanden trauen sollen außer uns selbst, wurden wir dadurch aber nicht selbstbewusster. Und in dieser Situation kommt Jesus heute, sieht unsere Ängste und Sorgen und sagt zu seinen Jüngern „die Ernte ist groß“.
Manche Leser fragen sich vielleicht, wo denn diese Ernte ist von der Jesus spricht. „Es interessiert sich doch keiner mehr für das, was die Kirche zu bieten hat“, hat man mir schon vorgeworfen. Ich wage jedoch zu behaupten, dass das Interesse größer ist als je. Als der Kardinal am Anfang dieses Jahres die Dekanate des Landes besucht hat, erinnerte er, dass vor allem Jugendliche auf der Suche nach Gemeinschaften sind und er stellte die Frage, ob sie in unserer Kirche, denn noch Gemeinschaften finden. Ich denke, dass es wichtig ist uns zu erinnern, dass unsere Kirche in erster Linie dazu berufen ist Gemeinschaft zu sein.
Aber das Evangelium von heute erinnert uns daran, dass die Menschen nicht nur auf der Suche nach einer Gemeinschaft sind, sondern auch auf der Suche nach einer Autorität, einer Lehre, der sie vertrauen können, auf die sie ihr Leben bauen können. Es hat mich sehr überrascht, dass in den Umfragen unter den Jugendlichen, die in den letzten Jahren in Frankreich den Weg zur Kirche zurückgefunden haben - viele auch durch die sozialen Medien - das Interesse an der katholischen Kirche geweckt wurde, weil sie eine Hierarchie, eine Autorität und eine Stabilität anbietet. Dies erklärt auch, weshalb die strengsten, traditionalistischen und teilweise auch moralisierenden Gemeinschaften, zumindest in Frankreich, den größten Zulauf haben.
Ich freue mich sehr darüber, dass durch den synodalen Weg, der unserem Papst Franziskus so am Herzen lag, der Dialog und das Zuhören in den Vordergrund gerückt wird, aber das Evangelium von heute erinnert uns daran, dass wir auch eine gute Nachricht zu verkünden haben, die keine persönliche Meinung ist, sondern eine Wahrheit, auf die wir unsere Hoffnung setzen können.
„Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe!“ Jesus sendet uns aus, eine gute Nachricht zu verkünden und er versichert uns, dass die Ernte schon bereit ist: Menschen, die darauf warten das ihnen jemand von einem Gott erzählt, der die Menschen liebt, der verzeiht und der uns den Himmel aufmacht. Der heilige Johannes Paul II sagte: „Allen, die entmutigt, geprüft oder verlassen sind, sollt ihr diese gute Nachricht verkünden: Gott liebt uns, und der Beweis dafür, dass Gott uns liebt, ist, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. (Röm 5, 8)
Wir können vielleicht nicht wie damals die Kranken heilen, Tote auferwecken oder Aussätzige reinmachen, aber Gott verleiht uns die Gabe die Seelen zu heilen und Hoffnung zu schenken.