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18. März 2017

Eine bewegende Begegnung

Kommentar zum 3. Fastensonntag von Georg Rubel (19.03.2017)

Joh 4,5-42

Wenn Sie an die zurückliegende Woche denken, dann hatten Sie bestimmt die eine oder andere schöne Begegnung und können dem zustimmen, was der französische Novellist Guy de Maupassant (1850-1893) formuliert hat: „Es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen.“ Das ist dann der Fall, wenn sie nicht oberflächlich sind, sondern in die Tiefe gehen und Spuren in unserem Leben hinterlassen. Von einer solchen bewegenden Begegnung erzählt uns das Evangelium vom dritten Fastensonntag.

Joh 4,5-42 schildert in aller Ausführlichkeit die dialogische Begegnung zwischen Jesus und der Samaritanerin am Jakobsbrunnen. Jesus, der auf seinem Weg von Judäa nach Galiläa durch Samarien kommt, macht um die Mittagszeit eine Pause am Jakobsbrunnen und trifft dort auf eine samaritanische Frau. Er spricht sie an und bittet sie um Wasser. Damit begeht Jesus einen doppelten Fauxpas. Erstens: Er als Mann wagt es, in aller Öffentlichkeit eine fremde Frau anzusprechen. Und zweitens: Er als Jude wendet sich mit einer Bitte an eine Samaritanerin. Letzteres stellt deshalb eine Provokation dar, weil zwischen beiden Gruppen eine spannungsgeladene Beziehung besteht, ja mehr noch, Juden und Samaritaner sind Erzfeinde.

Ungeachtet dessen kommt es zu einem Dialog zwischen dem Juden Jesus und der samaritanischen Frau, der auf verschiedenen Ebenen geführt wird. Während die Samaritanerin auf der wörtlichen Bedeutungsebene stehen bleibt und das Wasser als reines Trinkwasser versteht, spricht Jesus von einem anderen Wasser. Das Wasser, das er gibt, ist lebendiges Wasser und schenkt ewiges Leben. Mit ihrer Aussage in Joh 4,15: „Herr, gib mir dieses Wasser, damit ich keinen Durst mehr habe und nicht mehr hierher kommen muss, um Wasser zu schöpfen“, beweist die samaritanische Frau, dass sie Jesus nicht erkannt und den Sinn seiner Worte nicht verstanden hat. Er schenkt nicht nur das lebendige Wasser, er ist das lebendige Wasser.

Ungeachtet des verfahrenen Dialogs gibt Jesus nicht auf. Er wechselt das Thema und spricht die Samaritanerin auf ihr Privatleben an. Mit seinem wunderbaren Wissen über die sechs Männer der Frau hat Jesus erstmals Erfolg und wird von der samaritanischen Frau als Prophet erkannt. Nach dieser ersten Erkenntnis der Person Jesu kommt der Dialog voll in Gange und gewinnt an religiöser Tiefendimension. Bei der Frage nach der rechten Gottesverehrung hebt Jesus die Alternative Jerusalem (Juden) oder Garizim (Samaritaner) dahingehend auf, dass die wahre Anbetung nicht an einen bestimmten Kultort gebunden ist, sondern aus dem Geist Gottes und in der Wahrheit erfolgt. Kaum bringt die Samaritanerin in Joh 4,25 ihre religiöse Erwartung zum Ausdruck und spricht vom Kommen des Messias in der Zukunft, transferiert Jesus diese Gesinnung in die Gegenwart und bindet sie an seine eigene Person: „Ich bin es, der mit dir spricht.“ Mit dieser Selbstoffenbarung Jesu in Joh 4,26 ist der Höhepunkt des Dialogs erreicht. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten ist es Jesus gelungen, die Samaritanerin stufenweise zur christologischen Erkenntnis zu führen und sich ihr als Messias zu offenbaren.

Die Begegnung mit Jesus lässt die samaritanische Frau nicht unberührt, ganz im Gegenteil: Sie macht sich auf den Weg zu ihren Landsleuten und berichtet ihnen von ihrer Begegnung mit Jesus. Auf das Zeugnis der Frau hin und aufgrund der direkten Begegnung mit Jesus kommen viele Menschen zum Glauben an ihn und bekennen schließlich: „Er ist wirklich der Retter der Welt.“ Dieses christologische Bekenntnis in Joh 4,42 markiert das Ende und zugleich das Ziel der Erzählung. Die Begegnung mit Jesus bewegt die Menschen und fordert zum Bekenntnis heraus. Das gilt nicht nur für die Menschen damals, sondern auch für uns heute. Lassen wir uns an diesem dritten Fastensonntag zusammen mit der samaritanischen Frau von Jesus zur Erkenntnis seiner Person und zum christologischen Bekenntnis führen. Dann wird es für uns eine bewegende Begegnung, die in die Tiefe geht und Spuren in unserem Leben hinterlässt.

Der Autor ist Professor für Biblische Theologie an der Luxembourg School of Religion & Society

Quelle: Luxemburger Wort

Georg RUBEL georg.rubel lsrs.lu
 
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