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Geduldiges Überzeugen statt Angst und Schläge

Kommentar zum zweiten Adventssonntag, Jahr A – Karsten Steil-Wilke (07.12.2025)

In den Schrifttexten des 2. Adventssonntages, insbesondere im Evangelium aus dem 3. Kapitel des Matthäusevangeliums begegnet uns der zweifache und widersprüchliche Charakter der Adventszeit.  Zweifach, weil wir uns immer wieder neu auf das Kommen Gottes in unsere Welt an Weihnachten vorbereiten und andererseits uns des noch ausstehenden zweiten Kommens Gottes in unsere Welt am Ende von Zeit und Raum bewusst werden.

Der widersprüchliche Charakter der Adventszeit ist das fast drohende und beängstigende Mahnen des Johannes des Täufers zur Umkehr und die Aussicht und Hoffnung auf die Sanftheit, das Mitgefühl und die Gerechtigkeit der kommenden Zeit. Dieser Charakter der Adventszeit deckt sich mit den Gotteserfahrungen des 1977 aus der DDR exilierten Deutschen Lyrikers Reiner Kunze.

Zuerst ist da sein Großvater, ein Bergmann, der 40 Jahre seines Lebens hart unter Tage gearbeitet hat und kein Kirchgänger war. Er saß in seiner raren Freizeit wohl oft seine Pfeife rauchend am Fenster und las die Bibel. Kunze beschreibt ihn als einen Menschen für den „der Himmel …ein Geheimnis (war), das ihn überwältigte und dem er sich demütig zu nähern suchte.“  Die Güte und Großherzigkeit seines Großvaters und des durch ihn tradierten Gottesbildes drückt Reiner Kunze in folgenden Worten aus: „Einmal, als er mich zum Kühe hüten mitgenommen hatte, versetzte ich einer Kuh einen Stockschlag. Mein Großvater sprach damals auf mich ein, als hätte ich etwas Unverzeihliches getan. „Du mußt mit ihr reden“, sagte er. Vielleicht sprach in diesem Augenblick der heilige Franziskus aus ihm. Er lebte die Bibel, wie er sie verstand.“

Demgegenüber standen die Erfahrungen eines Buches, dass er von einer Frau bekam, in dem in Bezug auf Gott und Bibel hauptsächlich von Tod und Teufel, Gericht, Hölle und Verurteilung gesprochen wurde. Kunze dazu: „Ein teuflisches Buch, vor dem sich meine lockernde Kinderseele zuletzt nur noch durch den Gedanken retten konnte: Das gibt es doch gar nicht!“ Bergende, liebevolle Sicherheit und demgegenüber paralysierende Angstbilder.

Diesen Polaritäten sind wir vielleicht ebenso in unserer persönlichen Geschichte mit Bibel, Gott und Kirche begegnet. Gibt es kein gleichgewichtiges Dazwischen? Doch - es scheint aber, dass das einer regelmäßigen, mindestens täglichen, vielleicht sogar immer wieder neuen situativen geistigen Einübung bedarf. Unsere Welt in der wir real leben kennt oft nur einen unbarmherzigen, lieb- und gnadenlosen Dualismus („entweder oder…“), den wir dann Gott zuschreiben.

Die geistige Einübung des Advents könnte die sein, durch regelmäßiges, gemeinsames Teilen der Lektüre der Schrifttexte in Gemeinschaft und in der Mitfeier der Eucharistie und barmherzigem Handeln um uns, diese Einfachheit der Güte und Liebe Gottes quasi spiegelverkehrt auf unserer Seele „einzutätowieren“, damit wir immer wieder, wenn wir unser Bild im Spiegel sehen, daran erinnert werden. „Beweg dich, Mensch, erwache von deinem Schlaf der Gleichgültigkeit und Routine, tritt dem Entgegen, der dich liebt.“ Gott verteilt keine Schläge, er will uns geduldig von einem Leben mit ihm in seinem Reich von Glaube, Liebe und Hoffnung überzeugen.

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