„Kann es wirklich nur das geben, was es immer gab?“
Kommentar zu Joh. 20, 1-18 - Jean-Marie Weber (05.04.2026)
Im Mittelpunkt von Ostern stehen der kreative Umgang mit traumatischem Verlust, der Neuanfang durch Transformation und eine veränderte Weltsicht. Der Tod eines geliebten Menschen oder die Trennung von einem Freund oder Partner können uns aus der Bahn werfen. Auch, weil damit oftmals eine „Welt“ zusammenbricht. Traumatisch ist auch der Zusammenbruch von Idealen und Weltanschauungen, die unserem Leben Sinn gaben. Wir reagieren unterschiedlich: melancholisch, manisch aktivistisch, sogar hasserfüllt oder durch symbolische Trauerarbeit.
In einer solchen Situation müssen wohl auch die JüngerInnen gestanden haben, nachdem Jesus, der wundersame Therapeut, mit seinem Diskurs der Feindesliebe als Gefährder der nationalen und religiösen Sicherheit hingerichtet wurde und am Kreuz starb.
In einem mehrfach überarbeiteten Text erzählt das Johannesevangelium, wie Maria Magdalena auf diesen Verlust reagierte. Sie hatte offenbar eine geistlich intime Beziehung zu Jesus. Schließlich hatte er sie von einer mentalen Krankheit befreit. So kehrt sie noch bei Dunkelheit in den Garten zurück, in dem Jesus verraten, gestorben und begraben wurde. Aus einer Mischung von Wehmut und Sehnsucht heraus wollte sie dem Abwesenden nahe sein. Ein Trauerprozess war im Gange.
Allerdings findet sie das Grab leer vor. Leere breitet sich auch in ihrem Inneren aus. Sie rafft sich allerdings auf und alarmiert Petrus und Johannes. Beide laufen schleunigst zum Grab. Jeder scheint den Wunsch zu haben, als Erster dort anzukommen. Wohl ein narzisstischer Zug? Petrus beobachtet und stellt fest. Der Lieblingsjünger geht jedoch noch einen Schritt weiter. Er interpretiert das leere Grab und glaubt, dass es eine Bedeutung hat. Wie bei einem Detektiv spielen hier Vermutungen, Vertrauen und das Spiel mit den Möglichkeiten des Unmöglichen eine wichtige Rolle. Damit gibt uns Johannes bereits den Hinweis, dass man nach einer Katastrophe, einer Trennung oder dem Verlust von Freiheit nicht stehen bleiben muss und sich nicht einfach an die Fakten klammern sollte.
Offensichtlich ist es dem Schriftsteller nicht wichtig, darüber zu berichten, was die Männer anschließend taten. Tauchten sie unter? Schmiedeten sie bereits Pläne für die Zukunft der Gruppe von Jesu Anhängern?
Maria von Magdala kehrt jedenfalls zum leeren Grab zurück. Dabei erlebt sie noch einmal, wie intim ihre Beziehung zu ihrem geistigen Mentor war. Allerdings spürt sie, dass sie nicht melancholisch bzw. regressiv an ihm festhalten kann. Sie muss ihn loslassen, um seine Botschaft neu zu verstehen und selbst auferstehen zu können. Der komplizierte Hinweis Jesu auf Gott als den gemeinsamen Vater eröffnet ihr neue Perspektiven.
Ein Freund hat mir kürzlich bezeugt, wie wichtig es ihm als Vater war, dass Werte das Leben seiner Kinder bestimmen. Tatsächlich praktizieren die Geschwister Werte – allerdings sehr unterschiedliche. Deshalb wünscht er sich auch, dass sie einander mit Respekt und Liebe begegnen. Wenn Jesus vom Vater spricht, lädt er jeden einzelnen ein, sich dem unendlichen Begehren der Liebe bis hin zur Feindesliebe auszusetzen. Dies soll Maria von Magdala den JüngerInnen vermitteln. Sie hatte wohl eine wichtige Rolle in der johanneischen Gemeinschaft, wurde später jedoch von den Männern kleingemacht. Vielleicht waren diese zu misstrauisch, zu kleingläubig oder blind gegenüber den eigenen Mängeln?
„Kann es wirklich nur das geben, was es immer gab?“, fragt Joseph Ratzinger provokativ. Sind viele von uns Christen deshalb enttäuscht, weil wir noch immer nicht loslassen von einengenden Sichtweisen und das Auferstehen als gläubiges und engagiertes Subjekt nicht riskieren? Und warum suchen wir oft nur das Negative, das Sündhafte an anderen, statt die verborgenen Möglichkeiten eines Menschen oder einer Situation zu entdecken, um gemeinsam in der unbegreiflichen Liebe aufzuerstehen, von der Johannes sagt, dass sie Gott ist (1 Joh. 4,16b)?