lb fr pt en de
Sprangprëssessioun . Procession dansante  
21. Mai 2018

Suche Frieden

Eröffnungsandacht 2018: Lesen Sie hier im Wortlaut die Predigt des Festpredigers Dr. Felix Genn, Bischof von Münster

Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst,
liebe Pilgerinnen und Pilger,
liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

Vom 9. bis 13. Mai fand in Münster, wie Sie alle wissen, der Katholikentag statt, der unter dem Leitwort stand: „Suche Frieden“. Dieses Wort war auch im Hinblick darauf ausgewählt, dass Münster zusammen mit Osnabrück als Friedensstadt angesehen wird, weil an diesen beiden Orten 1648 der unselige 30 Jahre dauernde Krieg durch einen Friedensschluss zu Ende geführt wurde. Freilich gestalteten sich die Verhandlungen so schwierig, dass die einzelnen Delegationen nicht zusammenkommen konnten, sondern in unterschiedlichen Städten tagen mussten. Um die einzelnen Ergebnisse miteinander auszutauschen und schließlich zu einer Übereinkunft zu finden, wurden Reiter eingesetzt, die sich zwischen den beiden Orten hin und her bewegen mussten. Diese Leute nannte man „Friedensreiter“. Vielleicht kann man auch die vielen Besucherinnen und Besucher unseres Katholikentages als Botinnen und Boten des Friedens ansehen, die die Botschaft vom Frieden – wenn auch nicht unbedingt zu Pferd – wieder an die einzelnen Orte bringen, von denen sie gekommen waren, wo sie leben und arbeiten. Ein wenig verstehe ich mich heute Abend bei Ihnen auch in diesem Sinn, kann ich doch nicht ohne die bewegenden Erfahrungen der letzten Tage in einer solchen Basilika wie der Ihrigen, liebe Schwestern und Brüder, aus Anlass der Springprozession das Wort Gottes verkünden.

Dieses Gebäude, diese wunderbare Basilika, in die ich immer wieder Menschen geführt habe und führe, ist für mich ein lebendiges Zeichen für das, was Krieg anrichten kann, was aber auch eine Aufbauarbeit über Jahrzehnte bewirken vermag. Zu ihr gehört nicht nur das Grab des heiligen Willibrord, sondern auch die Springprozession, die wir morgen feiern werden. Basilika und Prozession sind für mich Zeichen des Friedens, der Völker, die miteinander zerstritten waren, wieder miteinander versöhnen kann. Die Menschen hier in Echternach, wie auch jenseits der Grenze, haben in gleicher Weise unter den Folgen des Zweiten Weltkrieges furchtbar gelitten. Doch gehörten sie unterschiedlichen Parteien an, obwohl sie über Generationen miteinander gelebt, sich gegenseitig besucht hatten und gerade auch durch die Springprozession miteinander verbunden waren. Man muss sich nur für einen Augenblick vorstellen, welch einen Riss Völkerfeindschaft, hervorgerufen durch Nationalismus, bewirken kann! Ein Symbol für mich ist das Kreuz, das aus der brennenden Basilika gerettet wurde, das immer noch mit seinen Überresten und fehlenden Armen und Füßen auf das Ereignis der Zerstörung dieses Bauwerks und dieser Stadt hinweist, als Erinnerung und Mahnung zugleich.

Einen besonderen Akzent erhält in fast 40 Jahren diese Prozession durch die Route Echternach, die ganz besonders der Initiative der Internationalen Friedensbewegung Pax Christi zu verdanken ist. Viele Elemente also, liebe Schwestern und Brüder, die durchaus zu dem Leitwort des Münsteraner Katholikentages „Suche Frieden“ einen eigenen Beitrag geben können.

Blicken wir auf die Situation in unserer Welt, so kann die Botschaft vom Frieden nicht aktueller verkündet werden. Wir befinden uns global in einer hoch explosiven Situation. Ich brauche nur Namen zu nennen, hinter denen sich eine Fülle von Problemen verbergen.

  • Die Unsicherheit, die die Entscheidung des amerikanischen Präsidenten hervorruft, den Vertrag mit dem Iran aufzukündigen;
  • die Spannung zwischen dem Iran und Israel;
  • die derzeitige Lage zwischen Israel und Palästina;
  • die gesamte Situation im Nahen und Mittleren Osten, vor allem der unselige Syrien-Krieg, der schon tausende von Menschenleben gefordert hat;
  • die Entwicklung in Korea, vor allem, das immer wieder neue Zündeln mit der Atombombe durch den nordkoreanischen Präsidenten;
  • die Unsicherheit des gesamten Kontinents Afrika mit seinen einzelnen Brandherden, wie zum Beispiel in Mali, im Kongo, die verfolgten Christen in Niger und Nigeria und vieles mehr.

Wenn wir uns dann vergegenwärtigen, was in Syrien an Wunden geschlagen wurde, so kann man sich kaum vorstellen, wie viele Generationen es brauchen wird, die Wunden zu heilen, die durch Hass, Zerstörung und die Vertreibung aus der Heimat geschlagen worden sind. Und wie viel Unruhe haben die Flüchtlingsbewegungen in unserem Europa erzeugt, so dass wir auch auf unserem Kontinent, der weitgehend mehr als 70 Jahre Friedenszeit erleben durfte, wieder neu von Nationalismen und populistischen Bewegungen bedroht sind. Wie viel Verlass ist auf die Politiker der Großmächte, die im Augenblick das Sagen haben?

Wenn ich die Springprozession als Gebet betrachte, dann habe ich mit dieser Auflistung eine Fülle von Anliegen aneinandergereiht, die wir auch morgen früh in diese Prozession hineingeben können. Dabei habe ich noch gar nicht gesprochen von all den Zwistigkeiten, Streitereien, Zerrissenheiten in unseren Familien, Gemeinschaften und auch in unserer Kirche. Den Frieden zu suchen, ist eine Daueraufgabe, die uns gerade heute in besonderer Weise aufgetragen ist. Dabei ist das Gebet ein starkes Mittel, wenn es nicht einfach daher gesagt ist, sondern um seiner Echtheit willen auch die innere Bewegung des Herzens braucht. Nicht zuletzt möchte ich daran erinnern, dass jeder von uns immer wieder neu seinen eigenen inneren Frieden finden muss. Viele unversöhnte Lebensgeschichten gibt es, wie viele mögen Sie selber kennen, wie viel mag dieses Wort auch für Ihre eigene Lebenssituation bedeuten.

Das Leitwort des Katholikentages, den Frieden zu suchen, ist dem Gebet des Psalms 34 entnommen. Da spricht der Beter von einer Notsituation, aus der er gerettet worden ist. Von dieser positiven Erfahrung aus stellt er die Frage: „Wer ist der Mensch, der das Leben liebt, der Tage ersehnt, um Gutes zu sehen?“ (Ps 34, 13). Wer von uns könnte sich nicht hier angesprochen fühlen? Jeder von uns gehört doch zu denen, die das Leben lieben und gute Tage zu sehnen wünschen. Wie aber finden wir das? Die Antwort des Beters ist sehr einfach: „Bewahre deine Zunge vor Bösem; deine Lippen vor falscher Rede! Meide das Böse und tue das Gute, suche Frieden und jage ihm nach!“ (ebd. 14 15).

Dieses Gebetswort, liebe Schwestern und Brüder, hat durchaus Bedeutung auch für den Ort hier in Echternach. Über Jahrhunderte haben Benediktiner hier gelebt und gebetet. Dabei haben sie sich immer wieder neu bezogen auf die Worte ihres Ordensgründers, des heiligen Benedikt. In seiner großen Regel zitiert er genau diesen Psalm im Vorwort und weist auf diese Weise der Brüdergemeinschaft den Weg, der nicht anderes sein kann, als sich der Führung des Evangeliums anzuvertrauen, das in diesen kleinen Sätzen gut in seiner Handlungsperspektive zusammengefasst ist. Dahinter verbirgt sich eine große Weisheit, weiß doch schon Benedikt darum, wie schwierig es ist, den Weg zu einem rechten Leben zu finden, und wie schwierig es sein kann, dies in der Gemeinschaft mit anderen zu suchen. Er weiß um die Möglichkeiten der Auseinandersetzung, des Konflikts, die sich leicht zu Streit und einem unversöhnlichen Gegeneinander ausweiten können.

Ähnlich haben wir es eben im 1. Petrusbrief gehört, der der ersten Christengemeinde diese kleinen Sätze von der Bewahrung vor dem Bösen auseinanderlegt, wenn er ihnen deutlich die Mahnung ins Herz schreibt: „Seid alle eines Sinnes, von Mitgefühl und Liebe zueinander, seid barmherzig und demütig! Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Schmähungen mit Schmähung! Im Gegenteil: Segnet, denn dazu seid ihr berufen worden, dass ihr Segen erbt“ (1 Petr 3, 8-9).

So einfach ist es, liebe Schwestern und Brüder, den Frieden zu suchen. Warum tun wir uns dabei so schwer? Dringt es nicht genug in unser Herz? Dabei brauchen wir schlichte und einfache Beispiele und Zeichen, die helfen und die belegen, dass es möglich ist. Ich nenne Ihnen drei:

a. Aus Anlass des Jahres 1618, dem Ausbruchsjahr des 30-jährigen Krieges vor rund 400 Jahren, der eben mit dem Westfälischen Frieden 1648 endete, gibt es in Münster fünf Ausstellungsorte, die sich unter verschiedenen Gesichtspunkten mit diesem Thema des Friedens beschäftigen. In einer Ausstellung findet sich ein einfacher Holzschnitt des Künstlers Otto Pankok, der zentral darstellt: „Christus zerbricht das Gewehr“. Fünf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist das für diesen Künstler die Botschaft: Der Einzige, der wirklich die Waffen zerbrechen kann, ist der Herr, und die, die es mit Ihm tun. Er ist derjenige, der die seligpreist, die Frieden stiften, und ihnen verleiht Er den Titel „Kinder Gottes“ (vgl. Mt 5, 9).

b. Ebenfalls in dieser Ausstellung findet sich eine Glocke, die gegossen wurde aus dem Stahl der Waffen der Nationalen Volksarmee. 1990 sind Panzer über eine Menge von Gewehren und anderen Kriegswaffen gerollt, und dieses Material wurde zu einer Glocke gegossen.

Beides: Der Holzschnitt und diese Glocke fragen an, ob es nicht möglich ist, dass auch wir unsere Waffen niederlegen, dass wir aus all dem, womit wir uns gegenseitig bekämpfen, neue Energie schaffen, die Frieden und Versöhnung einläutet.

c. Deshalb nenne ich noch ein drittes praktisches Beispiel. Jemand hat mir einmal im Zusammenhang des furchtbaren Anschlags, den wir in Münster Anfang April erleben mussten, geschrieben, wie sehr ihm für sein Leben, und er konnte wahrlich auf eine verwundete Lebensgeschichte hinweisen, das Wort geholfen hat, sich nicht vom Bösen besiegen zu lassen, sondern das Böse durch das Gute zu besiegen. Wenn jemand das sagen kann, dann verwirklicht er, was der 1. Petrusbrief deutlich den ersten Christen seiner Gemeinde ans Herz legt, nämlich Böses nicht mit Bösem und Schmähungen nicht mit Schmähung zu vergelten, sondern sich der Sendung bewusst zu werden, Segen zu sein.

Liebe Schwestern und Brüder, ich erwähnte eben schon das Bild des Gekreuzigten, das hier an der rechten Seitenwand der Basilika als unvollständiger Korpus hängt. Wenn ich daran vorbeigehe, denke ich nicht nur an das, was mein Volk dieser Basilika und dieser Stadt angetan hat, sondern daran, dass der, auf den wir uns als Christen beziehen, Frieden gestiftet hat durch den Tod am Kreuz, Frieden gestiftet hat, weil er sich verwunden ließ. Er hat das Böse nicht mit Bösem vergolten, Er wurde zum Segen, weil Er die Schmähung nicht mit Schmähungen beantwortet hat, angesichts Seiner Verurteilung die Zunge vor dem Bösen bewahrt hat und Seine Lippen vor falscher Rede. Er hat sich verwunden lassen, bis hinein in Seinen eigenen Jüngerkreis, der Ihn verraten, verlassen und verleugnet hat. Er hat sich verwunden lassen bis in die tiefste Einsamkeit, die Sein Sterben am Kreuz bereitet hat, verlassen vom Vater und von den engsten Jüngern. Der einzige Trost, der Ihm blieb, war das Aushalten Seiner Mutter mit den anderen Frauen und mit dem Jünger, den Er liebte; und auch die gab Er weg, damit sie einander den Kern der neuen Jüngergemeinde bilden konnten.

Liebe Schwestern und Brüder, Arbeit für den Frieden, ist wahrhaftig Arbeit, geht aber nicht ohne Wunden. Der Auferstandene bleibt verwundet. So zeigt Er sich immer wieder Seinen Jüngern. Bis zum Ende der Zeiten wird Er Seine Wunden als Zeichen Seiner übergroßen Liebe behalten. Davon gibt vor allem das letzte Buch der Bibel Zeugnis, in dessen Mitte der vielen Bilder, die es aufweist, das geschlachtete, also das verwundete Lamm steht. So gewaltig sich der Thron der Herrlichkeit Gottes zeigt, entscheidend ist die Mitte: Das Lamm, das verwundet wurde, und das deshalb alle Welträtsel lösen kann, weil es auch bereit war, in Tod und Schmerz hineinzugehen.

Wenn wir für den Frieden arbeiten, werden wir nicht davon ausgenommen, mit diesen Wunden konfrontiert zu sein, ja von diesen Wunden selbst getroffen zu werden. Der große Theologe Romano Guardini hat einmal davon gesprochen, das Christsein „der Mitvollzug des Daseins Christi ist“ – und wie anders sollte Jüngerschaft verstanden werden, wie anders sollte es gehen, wenn wir den Frieden suchen, wenn wir es nicht aus der Verbindung mit Ihm tun? Guardini sagt wörtlich: „Christsein ist der Mitvollzug. Jeder christlich Lebende kommt an den Punkt, wo ihn diese Forderung trifft, und er bereit sein muss, in die Vernichtigung mitzugehen“ – und hier meint er sehr deutlich das Kreuz. Und dann fährt er fort: „Daraus kommt allein der Friede. Der Herr sagte einmal: „Den Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht, wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch“ (Joh 14, 27). „Friede kommt daraus, dass der Sinn zu Ende gelebt wird.“ [1]

Liebe Schwestern und Brüder, die Echternacher Springprozession ist ein intensives und bewegtes Gebet. Im Gebet um den Frieden an diesem Ort, der Grenzen überwindet, bleibt sie zugleich eine Aufforderung, über das Gebet hinaus, aktiv für den Frieden zu wirken. Ich sage es mit den Worten von Papst Franziskus: „Jeder kann konkret „Nein“ zur Gewalt sagen, insoweit sie von ihm oder von ihr abhängt. Denn durch Gewalt errungene Siege sind falsche Siege, während die Arbeit für den Frieden allen gut tut!“ [2]

Ja, liebe Schwestern und Brüder, durch Gewalt errungene Siege schlagen viele Wunden, die Quellen von Bitterkeit, Hass und neuer Gewalt werden können. Die Arbeit für den Frieden kann verletzen, kann verwunden, aber es ist Teilnahme an den Wunden dessen, in dessen Wunden wir geborgen sind. Amen.


Zur Bildergalerie der Eröffnungsandacht

[1R. Guardini, Der Herr, Würzburg 1951 (mir steht nur diese Ausgabe zur Verfügung), Seite 433.

[2Papst Franziskus zum Fast- und Gebetstag für den Frieden, OR 9. Februar 2018, Seite 1.

 
Ä e r z b i s t u m    L ë t z e b u e r g   .   A r c h e v ê c h é   d e   L u x e m b o u r g    .   
YouTube
SoundCloud
Twitter
Instagram
Facebook
Flickr
WhatsApp 352 691 12 97 76
Service Kommunikatioun a Press . Service Communication et Presse
Äerzbistum Lëtzebuerg . Archevêché de Luxembourg

© Verschidde Rechter reservéiert . Certains droits réservés
Dateschutz . Protection des données
Ëmweltschutz . Protection de l'environnement
5 avenue Marie-Thérèse
Bâtiment H, 1er Étage
L-2132 Luxembourg
+352 44 74 34 01
com cathol.lu