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7. Mai 2020

Covid-19 und Respekt der Menschenrechte in unseren Lieferketten

Kurzinterview mit Jean-Louis Zeien, Generalsekretär von „Justice et Paix Luxembourg“

„Indessen fahren die Wirtschaftsmächte fort, das aktuelle weltweite System zu rechtfertigen, […] die dazu neigen, […] die Wirkungen auf die Menschenwürde und die Umwelt zu ignorieren.“ (Laudato Si 56)

Die „Initiative pour un devoir de vigilance“ ist ein Zusammenschluss von 17 Organisationen der Zivilgesellschaft, die sich für den Respekt der Menschenrechte in der Wirtschaft einsetzt. Jean-Louis Zeien, Generalsekretär von Justice et Paix Luxembourg (Gründungsmitglied der Initiative pour un devoir de vigilance) zur rezenten Stellungnahme betreffend Covid-19 und Respekt der Menschenrechte [1]:

Fehlende Sicherheitsausrüstungen in den ersten Wochen dieser Covid-19 Krise haben uns vor Augen geführt, wie „verletzlich“ unsere Lieferketten sind. Was sind die Probleme in den Lieferketten?

Jean-Louis Zeien: Im Moment wird viel über die Verwundbarkeit unserer Lieferketten in den Medien geschrieben. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn Nahrungsmittelketten zusammengebrochen wären. Die Hamsterkäufe in den Lebensmittelgeschäften eingangs der COVID-19 Krise haben zum Teil an Panikszenarien erinnert. Die Schwierigkeiten bei der Beschaffung von medizinischen Sicherheitsausrüstungen (Masken, Schutzkleidung usw.) in den letzten Wochen haben dann ein bedrückendes Beispiel für fragile Lieferketten geliefert, auf das auch die Gesundheitsministerin eingegangen ist. So hat diese Covid-19 Krise uns allen auf dramatische Weise vor Augen, geführt in welchem Maße Transparenz und Sorgfalt in globalen Lieferketten in unser aller Interesse liegen.

Es wird sich momentan nur auf die Logistikprobleme dieser globalen Arbeitsteilung konzentriert, da viele Fertigungsschritte an spezialisierte Zulieferer im Globalen Süden ausgelagert wurden. Bei diesen „Auslagerungen“ ging es vorwiegend um Profitmaximierung und Kostenreduzierung, auch im medizinischen Bereich (Medikamente): dies hat mir ein Arzt dieser Tage bestätigte, der für einen Pharmakonzern arbeitet.

Aber es darf beim „immer schneller, immer billiger“ eben nicht nur um Logistik, Kosten und Gewinne gehen: Was sind die Auswirkungen dieser Globalisierung hier vor Ort aber auch auf die vielen Menschen, die in diesen Lieferketten in Afrika, Asien und Lateinamerika arbeiten? Denn gerade in den ersten Stufen vieler Lieferketten sind viele arbeitenden Menschen aufgrund von fehlender Absicherung und der Verletzung von Menschen- und Arbeitsrechten oft besonders gefährdet.

Diese Krise ist eine weltweite Krise wo wir alle betroffen sind. Und doch gibt es Unterschiede. Welches sind diese auf weltweiter Ebene?

Jean-Louis Zeien: In mehreren Ländern sind die Lebensmittelpreise gestiegen. Zwischen Februar und März 2020 stiegen die Preise für einige Grundnahrungsmittel in Westafrika mit verheerenden Folgen für Teile der Bevölkerung. Es ist schon dramatisch: diese Krise trifft wieder die sogenannten „working poor“ weltweit am stärksten, die arbeiten und trotzdem oft unter dem Existenzminimum leben müssen. Auch wenn viele davon tausende von Kilometer von uns entfernt sind, so sind etliche mit uns durch ihre Arbeit verbunden, da sie in „unseren“ Lieferketten arbeiten.

Die COVID-19 Krise hat bereits zu menschenrechtlichen dramatischen Konsequenzen geführt in manchen Teilen der Welt. Aufgrund der Annullierung von Produktionsaufträgen (wie z. B. im Textilbereich) wurden in vor allem asiatischen Ländern des Südens Hunderte von Fabriken geschlossen und Millionen von Arbeiterinnen und Arbeitern nach Hause geschickt, dies oft ohne gesetzlich vorgeschriebene Bezahlung oder Abfindungen.

Deshalb ist es in der aktuellen Gesundheitskrise – und darüber hinaus - wichtig, Menschenrechte stärker entlang der Lieferketten in den Fokus zu nehmen.

Was sollten wir lernen aus der aktuellen Krise in Bezug auf Menschenrechte und unsere Lieferketten?

Jean-Louis Zeien: Die aktuelle Krise bietet – trotz ihrer verheerenden Auswirkungen – die Chance einen wirtschaftlichen Neuanfang jetzt zukunftsfähiger zu gestalten. Es ist richtig über eine „gezielte Re-Regionalisierung“ nachzudenken, aber die Politik muss sich jetzt auch um eine gesetzliche Sorgfaltspflicht der Unternehmen in Sachen Menschenrechten und Umweltauswirkungen in den globalen Lieferketten einsetzen. Profitmaximierung auf Kosten der Menschenrechte und der Umwelt darf einfach keine Zukunft mehr haben. Papst Franziskus hat in seiner Enzyklika Laudato Si deutlich auf diese verhängnisvolle Zusammenhänge hingewiesen: „Indessen fahren die Wirtschaftsmächte fort, das aktuelle weltweite System zu rechtfertigen, […] die dazu neigen, […] die Wirkungen auf die Menschenwürde und die Umwelt zu ignorieren.“ Nichtsdestotrotz gibt es in Europa auch positive Zeichen zu vermelden. In einer Studie der EU Kommission vom 8. März 2020 stimmten 70 % bei einer Unternehmensumfrage darin zu, dass eine Regelung über eine allgemeine Sorgfaltspflicht bei der Prüfung von Menschenrechten und Umweltauswirkungen Vorteile für die Unternehmen bringen könnte.

Deshalb brauchen wir auch in den kommenden Monaten eine Verzahnung der stattlichen Konjunkturprogramme mit einer menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht in unseren Lieferketten. So wie es zum Beispiel Dänemark gemacht hat, das unter anderem die Vergabe von finanziellen staatlichen Hilfen mit den UN Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte verknüpft hat.


[1Justice et Paix Luxembourg ist aktives Mitglied der Initiative pour un devoir de vigilance , der 17 Organisationen der Zivilgesellschaft angehören. Zudem hat die Kommission Justice et Paix an der Ausarbeitung der beiden nationalen Aktionspläne Luxemburgs zur Umsetzung der Leitprinzipien der Vereinten Nationen zu Wirtschaft und Menschenrechten mitgewirkt.

Weitere Informationen und die ausführliche Stellungnahme zu Covid-19 und Respekt der Menschenrechte finden Sie hier in deutscher (DE) und französischer (FR) Sprache.

 
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