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27. Dezember 2017

Abt Odilo Lechner: Offen für ein großes Geheimnis

Religiöses Buch des Monats Januar 2018

Am 3. November 2017 starb Odilo Lechner, der als Abt fast 40 Jahre lang das Münchner Benediktinerkloster St. Bonifaz leitete. Zu seinem Requiem war die Münchner Frauenkirche überfüllt wie sonst nur zur Christmette. Menschen jeden Offen für ein großes Geheimnis Alters und jeglichen gesellschaftlichen Standes waren zur Seelenmesse gekommen. Was hatte diesen bescheidenen und freundlichen Mönch so bekannt und beliebt gemacht? „Mit weitem Herzen“ hatte sich der seinerzeit jüngste Benediktinerabt als Wahlspruch gegeben. Und in seinem letzten Buch, das aus Gesprächen mit dem Verleger und Autor Winfried Nonhoff in den letzten Monaten vor Lechners Tod entstand, kommt gut zum Ausdruck, wie der Mönch dieses Motto in seinem Leben umsetzte.

Was bedeutet es, „mit weitem Herzen“ zu leben? Im Gespräch blickt Odilo Lechner zurück auf sein Leben, auf Kindheit, Schule, Studium, Ordenseintritt, berufliche Laufbahn, er schildert zahlreiche Begegnungen mit bekannten Persönlichkeiten oder auch ganz unbekannten Menschen, er spricht über die Stärken und die Schwächen der Kirche und über Besonderheiten des klösterlichen Lebens. Dabei erfährt man viel Sympathisches über einen äußerst gebildeten, vielseitig interessierten und immer um das Wohl der Menschen besorgten Ordensmann.

„Wenn man aber zum göttlichen Geheimnis in Beziehung getreten ist - sei es durch Gebet, durch Gottesdienst, durch Lesen in der Bibel oder auf irgendeinem anderen Weg -, dann wird der Mensch auch einen tiefen Sinn erfahren und sein eigenes Leben annehmen können“

Am eindringlichsten sind jedoch die Passagen, in denen Odilo Lechner immer wieder vordringt zu den grundlegenden Fragen des Glaubens, die für ihn sein ganzes Leben lang wichtig und prägend waren. Entscheidend ist für ihn vor allem, dass der Mensch bewusst sein Leben auf ein Ziel hin ausrichten will. Es braucht diese bewusste Entscheidung, glauben zu wollen, eine Orientierung für sein Leben zu suchen. Dann muss man aber auch in seinem Leben Raum für Gott schaffen, und das ist angesichts vieler Aufgaben, Interessen und Ablenkungen nicht so leicht - auch Ordensleute sind hier alles andere als weltfremd. Wenn man aber zum göttlichen Geheimnis in Beziehung getreten ist - sei es durch Gebet, durch Gottesdienst, durch Lesen in der Bibel oder auf irgendeinem anderen Weg -, dann wird der Mensch auch einen tiefen Sinn erfahren und sein eigenes Leben annehmen können, das ist Odilo Lechners tiefste Überzeugung und die Erfahrung seines langen Lebens. Das eigene Leben trotz mancher Schwächen und manchem Versagen annehmen zu können und in der Rückschau einen Sinn darin zu finden, ist für Odilo Lechner die Frucht eines Lebens, das man im Vertrauen auf Gott gelebt hat.

Odilo Lechner wusste aufgrund seiner Krankheit bei den Gesprächen zu diesem Buch, dass sein Tod nicht mehr lange auf sich warten ließe, und unter dieser Perspektive zeigt sich ohne Zweifel besonders klar, was im Leben wirklich zählt. Lechner sieht das Alter trotz seiner zunehmenden Einschränkungen darum auch keineswegs negativ. Vieles nicht mehr tun zu können, öffne vielmehr den Blick für bisher Übersehenes und gebe dem Menschen doch die Freiheit, sich um das wirklich Wichtige zu kümmern. Der Benediktinerpater gibt darum an die Leser/innen auch gerne eine Empfehlung seines Ordensgründers weiter: Der heilige Benedikt rät dazu, man solle eigentlich immer den Tod vor Augen haben, um so einen vernünftigen Maßstab für die Dinge des Alltags zu finden.

Die Gespräche zeigen in eindrucksvoller Weise, wie Odilo Lechner auf diesem Wege tatsächlich zu einer ebenso seltenen wie wünschenswerten Gelassenheit gefunden hat, die es ihm erlaubte, die Belange dieser Welt immer mehr loszulassen und so ganz „offen für ein großes Geheimnis“ zu werden. Viele sollten und werden sich das gerne zum Vorbild nehmen.

Als „Religiöses Buch des Monats“ benennen der Borromäusverein, Bonn, und der St. Michaelsbund, München, monatlich eine religiöse Literaturempfehlung, die inhaltlich-literarisch orientiert ist und auf den wachsenden Sinnhunger unserer Zeit antwortet.

 
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