lb fr pt en de
 
9. September 2017

Verantwortung für den Bruder

Kommentar zum Sonntag von Sr. Danièle Faltz (10.09.2017)

Mt 18, 15-20

Im Evangelium vom morgigen Sonntag wird ein recht schwieriges Thema angeschnitten, nämlich das, was wir in unseren Klostergemeinschaften die brüderliche oder schwesterliche Zurechtweisung nennen.

„Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm, weise ihn zurecht. Hört er nicht auf dich, nimm einen oder zwei andere mit, hört er auch nicht auf sie, sag es der Gemeinde, hört er auch nicht auf die Gemeinde, dann sei er für dich wie ein Heide und ein Zöllner.“

Zuerst eine Frage: wer sagt mir, ob der Bruder, die Schwester, sündigt? Was ich aus meiner Sicht feststelle, ist ein Verhalten, das nicht dem entspricht, was erwartet wird, was ich erwarte. Aber ist es Sünde? Das heißt, ist es ein Verhalten, das den Bruder, die Schwester von Gott trennt, auch von der Gemeinschaft trennt, von seinen eigenen Idealen und von allem, was ihm bisher wichtig und wertvoll war, was ihm bisher Sinn und Glück bedeutete? Jesus warnt öfters vor zu schneller Verurteilung. Wir erinnern uns an die bekannte Szene aus dem Johannes Evangelium 8,7: der soll den ersten Stein werfen, der nicht selbst gesündigt hat. Oder auch bei Matthäus 7,4: Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen! – und dabei steckt in deinem Auge ein Balken? Wer also bin ich, um zu beurteilen, was Sünde ist in der Verhaltensweise meines Bruders, meiner Schwester?

Dann eine erste Voraussetzung: „Geh zu ihm“. Das heißt: sei ihm nahe, bewege dich auf ihn zu, versuche ihn zu verstehen. Es ist nur ein kleiner Nebensatz im Text der Perikope, der aber hat es in sich: nur wer sich auf den sündigen Bruder zubewegen kann, nur wer ihm nahe ist, darf ihn auch zurechtweisen. Erst diese Nähe, diese Zuwendung, die zugleich Verständnis, uneingeschränkte Annahme und Liebe ausdrückt, berechtigt und befähigt zur Zurechtweisung. Sie drückt auch den bedingungslosen Respekt vor der ureigenen Freiheit des Mitmenschen aus.

Zweite Voraussetzung: „Begegnet einander in Demut“ 1P 5,5. Wer zurechtweisen will, sollte selbst emotional frei sein. Weder eigene Befangenheit noch Enttäuschung dürfen mitspielen, nun schon gar nicht falsch verstandene Autorität oder gar Macht. Also zugleich Nähe und Distanz, eine Gratwanderung! Vielleicht ist dies der Grund, weshalb Eltern so wenig Einfluss auf ihre Kinder haben, wenn sie versuchen diese auf den rechten Weg zurückzubringen.

Da diese Vorbedingungen selten alle vereint sind, bleibt die wohlwollende brüderliche Zurechtweisung des Öfteren auf der Strecke.

Und doch haben wir Verantwortung füreinander. Nicht eingreifen, wenn man Zeuge ist, wie im Leben eines Freundes, eines Verwandten, eines Arbeitskollegen alles aus dem Ruder gerät, kommt eigentlich dem gleich, was man „unterlassene Hilfeleistung“ nennen könnte. Es gibt durchaus Situationen, in denen man zum Eingreifen verpflichtet ist.

Und so ist es auch in unserer Welt: wir haben Verantwortung für die Zukunft unseres Planeten, für den Frieden in der Welt, für gerechte Strukturen. Es gibt gesellschaftliche Sünden, an denen wir nicht vorbeischauen dürfen. Es gibt Ungerechtigkeiten, die den sozialen Zusammenhalt gefährden, es gibt Machtansprüche einzelner Länder oder einzelner Politiker, die den Weltfrieden aufs Spiel setzen. Es gibt die unüberlegte Ausbeutung der natürlichen Ressourcen, den Menschenhandel, den sexuellen Missbrauch der Frauen und Kinder. All diese Missstände dürfen wir nicht stillschweigend hinnehmen.

Viele Menschen sind sensibel für diese Probleme und starten Initiativen, um eine neue Bewusstseinsbildung in unserer Zeit zu bewirken. Auch Völkergemeinschaften tun sich zusammen, um die Spirale der Aufrüstung und Gewalt zu unterbrechen. Sie handeln im Sinn des Evangeliums, im Sinn der brüderlichen Zurechtweisung.

Wenn alles gesagt und getan ist, und der Bruder nicht hört ... dann lass ihn gehen. „Er sei für dich wie ein Heide und ein Zöllner“. Wissend wie Jesus mit den Heiden und Zöllnern umging, darf man die Hoffnung nicht aufgeben: er wird den Weg finden, den Bruder, die Schwester wieder in die volle Gemeinschaft mit ihm aufzunehmen.

Wenn alles unternommen wurde, und sich nichts wirklich verändert hat, bleibt das von der Hoffnung getragene Gebet. Denn Jesus hat versprochen dabei zu sein, wenn zwei oder drei in seinem Namen zusammen sind und zusammen beten.

Quelle: Luxemburger Wort

Danièle FALTZ rdc daniele.faltz cathol.lu
 
Ä e r z b i s t u m    L ë t z e b u e r g   .   A r c h e v ê c h é   d e   L u x e m b o u r g    .   
© Äerzbistum Lëtzebuerg . Archevêché de Luxembourg
verschidde Rechter reservéiert . certains droits réservés
4 rue Genistre, L-1623 Lëtzebuerg
Postkëscht 419, L-2014 Lëtzebuerg
+352 46 20 23
archeveche cathol.lu