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1. Dezember 2018

Narzisstisch oder christlich

Gedanken zum Ersten Advent von Pater Théo Klein SCJ (2.12.2018)

Unser Leben befindet sich, bildlich gesprochen, in einem großen Warteraum der Weltgeschichte. In diesem Warteraum haben wir als Christen das Evangelium, das uns Orientierung und einen Platz gibt. Seitdem Jesus seinen Jüngern gesagt hat „Seid wachsam“ ist Advent. Seither hört dieser Advent nicht auf bis Jesus als Weltenrichter kommt und an der Tür dieser Welt steht, um sie als sein Eigentum neu an sich zu nehmen. In jeder Messfeier kommt dieser Ruf im Hochgebet „bis er kommt in Herrlichkeit“ zur Sprache. Sind wir uns bewusst, dass dies ein adventlicher Appell in unserem Leben ist, das Kommen unseres Herrn zu erwarten? Sind wir wirklich für den Advent, das Kommen unseres Herrn Jesus Christus, bereit?

Advent weist auf die einmalige Tiefe unseres Lebens und den Horizont der Ewigkeit Gottes hin. Daher ist der Advent nicht kitschig und oberflächlich sentimental. Advent drückt die Sehnsucht unseres Lebens nach Erfüllung aus, wie Augustinus in seinen Bekenntnissen dies rhetorisch meisterhaft auf den Punkt gebracht hat: „Geschaffen hast Du Gott uns zu Dir, und ruhelos ist unser Herz, bis dass es seine Ruhe hat in Dir“. Von daher ist der Advent eine schöne Zeit, die uns zu Recht auch anspricht. Die wahre Schönheit des Advents kommt zum Ausdruck, wenn sie auf den ausgerichtet ist, der da kommen wird, unser Herr Jesus Christus.

Raphael M. Bonelli, der bekannte Wiener Psychiater und Therapeut, beschreibt den Narzissten als einen Menschen, dem innere Fesseln angelegt sind durch sein überzogenes Selbstwertgefühl, die missglückenden Beziehungen und die fehlende Selbsttranszendenz. Somit hat der Advent nichts mit narzisstischer Schönheit zu tun, denn dann würde der Mensch nur um sich selbst kreisen und wäre letztendlich eine innere Fessel. Er zeigt Wege in die Freiheit auf, die es dem Narzissten möglich machen, Empathie zu entwickeln, gesundes Menschsein und letztlich Liebe zu erfahren.

Ist unsere Adventshaltung narzisstisch oder christlich? Verschließen wir uns durch unsere Selbstbezogenheit und Selbstgenügsamkeit oder öffnen wir uns für das Kommen Gottes in unserem Leben? Ist unsere Priorität, dass es in der Kirche wohl und behaglich ist? Die Diagnose heißt dann kirchlicher Narzissmus. Oder neigen wir dazu, dass die Kirche perfekt sein muss, vergessen aber dabei, dass wir selber nicht perfekt sind?

Unsere Gesellschaft verlernt es zunehmend, zu warten. Warten bedeutet auch, dass man nicht immer alles sofort bekommt. Wer alles immer sofort bekommt, kann leicht selbstgenügsam werden. Warten dagegen konfrontiert uns mit Ungenügen, mit einem Wollen nach mehr und dass wir es nicht erreichen. Wachsam sein, warten lernen – unsere Existenz so ausrichten, dass wir uns bewusst sind, es steht noch etwas aus. Es kommt einer in die Welt, in mein Leben, auf den allein es ankommt.

Wir sind eingeladen, im Wartesaal zu bleiben, uns nach ihm zu sehnen und uns nicht selber damit abzufinden, dass wir uns selber genug sind.

Quelle: Luxemburger Wort

Théo KLEIN scj
 
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