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4. November 2018

(Un)vergängliches Priestertum

Der Kommentar zum 31. Sonntag im Jahreskreis von Winfried Heidrich (4.11.2018)

Heb 7,23-28

„Im alten Bund folgten viele Priester aufeinander, weil der Tod sie hinderte, zu bleiben. Jesus aber hat, weil er auf ewig bleibt, ein unvergängliches Priestertum.“, heißt es in der Lesung vom Sonntag aus dem Hebräerbrief. Der uns unbekannt gebliebene Schreiber dieses wohl zwischen 60 und 80 nach Christus entstandenen Briefes stellt uns Jesus als den Hohepriester vor, der sein Leben nicht im Sinne eines kultischen Priestertums verstand. Jesu Priestertum war und ist die Aufhebung allen „vergänglichen“ Priestertums.

Im Galaterbrief schreibt der Apostel Paulus, dass, ob Jude oder Grieche, ob Sklave oder Freier, ob Mann oder Frau, Christen alle eins in Christus sind. (Gal 3,28) Auch hier das Bild einer Kirche/„ekklesía“, die sich unmittelbar auf Jesus Christus bezieht. In der Ekklesia des Paulus ist die Ungleichheit (Ethnie, Klasse, Geschlecht) in den kleinen Hausgemeinden der frühen Christen überwunden. In der Eucharistie begegnen sie dem Herrn unmittelbar, ohne vermittelnde Kultinstanz. Nicht zufällig nannte man die jungen Christen „Anhänger des neuen Weges.“ (Apg 9,2) Paulus spricht gar von einer „Neuschöpfung“ (2 Kor 5,17) des Menschen. Die Beziehung zwischen Gott und Mensch spiegelte sich also auch in einem neuen Kultverständnis wider.

Nun konnten weder der Schreiber des Hebräerbriefes noch Paulus ahnen, dass dem für die jungen Christen überholt geglaubten kultischen Priestertum des alten Bundes ein neues Priestertum folgen sollte, welches zwischen Gott und Menschen wiederum einen kultischen Vermittler zwischenschalten würde. Das theologische Konzept einer „Kirche von unten“, also einer Nachfolge freier und gleicher Frauen und Männer, wurde abgelöst von einem Kirchenkonzept, welches den männlichen (später auch zölibatären) Priester als Vermittler und Kontrollinstanz zwischen Gott und Menschen eingesetzt hat. Kirche wurde wieder hierarchisch und patriarchal. Dies gilt bis heute, gegen alle Befunde zeitgenössischer biblischer Exegese.

Wir lesen die Zeilen des Hebräerbriefes als seien sie gestern geschrieben: unvergängliches Priestertum Jesu versus vergängliches und zeitbedingtes Amtspriestertum der katholischen Kirche.

Die in ihrer Identität noch ungeformten jungen Christengemeinden hatten keine Vorstellung von Ämtern in einer „Institution Kirche“. Es gab sie noch nicht. Und heute, fast 2 000 Jahre nach Paulus, kann eine Kirche, die Weltkirche geworden ist, nicht ohne Form und Ämter auskommen.

Das theologisch-pastorale Problem ist nicht das Amt selber, sondern seine Festlegung auf eine unverzichtbar männliche Instanz zwischen Mensch und Gott. Das hat Folgen: Heute gehen der Kirche nicht nur die geweihten Amtsträger aus, zu auch deren Leid die Feier der Eucharistie oft zur eiligen Geschäftigkeit und Routine wird. Des Weiteren suchen sich gerade Frauen ob ihrer strukturellen Ausgrenzung vom Amt spirituelle Räume und soziale Aufgaben außerhalb von Kirche.

Das kirchliche Gemeindeleben ist ungesellig geworden und verrinnt, überall sichtbar an den leeren Pfarrhäusern. Unter dem Stichwort der „kleinen Herde“ verschließt sie ihre Augen vor diesem hausgemachten Schwund und baut weiterhin auf Tradition und Ämter, die der Verfasser des Hebräerbriefes überholt glaubte.

Aus dem unvergänglichen Priestertum ist auf tragische Weise ein vergängliches geworden. Die Besinnung auf die Zeilen aus dem Hebräerbrief könnte zu einem neuen Verständnis von Priestertum und Kirche führen.

Quelle: Luxemburger Wort

Winfried HEIDRICH
 
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