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10. Februar 2018

Welche Werte gibt es eigentlich jenseits der Grundwerte?

Der Regard protestant von Volker Strauss

Werte „Werte“ ist ein häufig verwendeter Begriff, vorzugsweise in Sonntagsreden, in Debatten im Parlament, in Leitartikeln und im Fernsehen, dazu gesellen sich Adjektiven wie „westliche“ oder „christliche“ Werte. Meistens enden diese Wortbeiträge mit einem Appell, unsere „Werte“ hochzuhalten oder zu „verteidigen“. Aber was exakt unter „Werte“ zu verstehen ist, wird fast niemals gesagt. Worum geht es? Wenn ich Bibel, biblisches Wörterbuch oder Lexikon bemühe unter dem Stichwort „Werte“ – dann lautet der Befund: Fehlanzeige. Sofern der Inhalt von Jesu Bergpredigt gemeint ist, die Feindesliebe, kann man fast allen Staaten dieser Erde Unkenntnis oder Missachtung dieses Wertes attestieren. Betrachten wir die Praxis, die „Brüderlichkeit“ heißt, dann merken wir, dass dieser Wert in der französischen Revolution säkularisiert, und als Solidarität, ihrem theologischen Ursprung völlig entfremdet wurde. Der nächste Blick ins Lexikon zeigt, dass die christlichen Werte, sofern fassbar, sich nicht bloß von einer Religionsgemeinschaft zur anderen ändern, sondern zudem im Verlauf der Geschichte unterschiedlich gewertet werden. Eine genaue Definition ist also nicht möglich.

Mit den „westlichen“ Werten verhält es sich ähnlich. Man kann die Gewaltenteilung dazu rechnen und die Menschenrechte, die in unterschiedlichen Fassungen vorliegen: jener der französischen Nationalversammlung von 1789, jener der Vereinten Nationen von 1946, oder den modernen Verfassungstexten der Gegenwart. Zwischen dem Wortlaut der Erklärungen und dem Handeln der Verfasser dieser Texten zeigen sich aber Differenzen: die Autoren der Verfassung der USA, welche sich explizit auf die Menschenrechte berufen, waren durchweg Sklavenhalter. Manchmal, wenn es besonders Bedeutsam wird, spricht man auch von Grundwerten.

Doch welche Werte gibt es eigentlich jenseits der Grundwerte? Und wie soll man sie benennen? Folgewerte? Minderwerte? Mehrwerte? Nebenwerte? Da gleicht die Rede über Werte schnell der Rede über des Kaisers neue Kleider.

Wir sollten eher davon sprechen, wie wir leben wollen und was uns wichtig ist: Familie, Loyalität, Reichtum, Gleichberechtigung? Die Art und Weise, wie wir leben wollen, zu verteidigen und dafür einzustehen, haben wir guten Grund und alles Recht. Der Begriff „Werte“ erweist sich bei näherem Hinsehen meist als hohle Phrase. Wir können ihn getrost vergessen. Er lenkt uns davon ab, was damit gemeint ist und was wirklich wichtig ist: Feindesliebe, Nächstenliebe, Brüderlichkeit, und die unverletzliche Würde von Männern, Frauen und Kindern.

Quelle: Luxemburger Wort

 
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