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22. Oktober 2021

Wenn Dir ein Blinder die Augen öffnet

Kommentar zum 30. Sonntag von Roger Nilles (24.10.2021)

Mk 10,46-52

Die Sonne brennt. Stimmenwirrwarr dringt zu ihm herüber. Staub wird aufgewirbelt und hüllt ihn ein. Er muss husten, sein Rücken schmerzt. Hoffentlich nimmt jemand Notiz von ihm hier am Wegrand und wirft ihm eine Münze oder ein Stück Brot hin. Hunger zehrt an seinen Kräften.

Es sind auffallend viele Leute unterwegs. Bartimäus spürt intuitiv, dass etwas im Gange ist, als die Menge aus Jericho hinauszieht. Sie wirkt aufgewühlt. Als er vernimmt, dass unter ihnen Jesus von Nazareth ist, fleht er um Erbarmen. Doch die, die ihn hören, wollen es nicht hören und gebieten ihm zu schweigen. Der blinde Bettler aber schreit noch lauter. Jesus bleibt stehen und lässt ihn rufen. Bartimäus wirft den fleckigen Mantel ab und läuft auf Jesus zu. Dieser fragt ihn: „Was willst du, dass ich dir tue?“ – „Meister, ich möchte sehen können“, antwortet Bartimäus voller Hoffnung.

Ich möchte sehen können! Er sagt das vermeintlich Offensichtliche. Der Blinde will (wieder) sehen, was auch sonst. Jesus erhört ihn, sein außergewöhnlicher Glaube an den Erlöser hat ihn gerettet.

Bartimäus aber war nicht nur blind, er war ein Bettler, am Rand des Weges wie der Gesellschaft, vermutlich allein, vielleicht auch krank, vom Leben oder von dem, was davon übrigblieb, gezeichnet, keine schöne Erscheinung… Er war ganz weit unten, würden wir vermutlich heute dazu sagen. Als Jesus ihn aber auf Augenhöhe anspricht und fragt: „Was willst du, dass ich dir tue?“, ist ihm nur eines so wichtig, dass er es vor dem Meister vorbringt. Er möchte wieder sehen. Mich umtreibt die Frage, wieso er es dabei belassen hat. Hätte er nicht antworten können (und hätte nicht ich an seiner Stelle gesagt): „Ich möchte wieder sehen, ich will nicht mehr arm sein, ich brauche eine Arbeit, eine Familie, einen Arzt, eine Wohnung, Geld und manches mehr?“ Jesus hatte ja nicht gesagt, du hast nur einen „Wunsch“ frei. Nein, der blinde Bettler will „lediglich“, dass Gott ihn sieht, sich seiner annimmt und dass auch er ihn sehen kann. Er klagt nicht über sein tragisches Los, auch wenn er, von außen betrachtet, allen Grund dazu hätte.

Dieser Bartimäus, liebe Leserin, lieber Leser, beeindruckt mich zutiefst. Er will wieder sehen, am Leben teilnehmen, mit seinen eigenen Augen die Wahrheit erkennen. Das reicht aus, dass sein Leben eine völlig neue Richtung bekommt; er ist wohl immer noch bettelarm, aber er folgt Jesus, denn er hat alles, was er braucht. Diese Perikope – die zweite Blindenheilung im Markus-Evangelium, aber in ihrer Aussagekraft ungleich stärker als die eher „klassische“ Heilung bei Betsaida (ich lade Sie ein, beide im Vergleich zu lesen) - lässt mich an Mk 10,17-30 über Reichtum und Nachfolge zurückdenken, die wir vor 14 Tagen gelesen haben. Hier wird beides (wenn auch unterschiedlich) sehr konkret. Bartimäus, der Sohn des Timäus, will „nur“ ein Zeichen, nicht Glück, Geld, Jugend und Gesundheit auf ewig. Er spürt in seinem ganzen physischen und sozialen Beschränktsein, worauf es wirklich ankommt, was entscheidend für sein Leben ist. Ich muss mir eingestehen, dieser Blinde sieht mehr als ich - nichts Unwesentliches trübt seine innere Sicht.

Wenn Gott uns, dich, mich heute fragt: „Was willst du, dass ich dir tue?“, denken wir zunächst an Bartimäus, denn er kann uns die Augen öffnen. Lassen wir den ganzen Forderungskatalog bei Seite, den wir manchmal im persönlichen Gebet oder in den Fürbitten bemühen, wenn wir Gott zeitgleich um alles Mögliche und Unmögliche bitten, und bringen wir tief im Herzen nur diese eine Sache vor ihn. Diese eine Sache, die unser Leben entscheidend verändern kann und uns mehr in seine Nachfolge führt.

Roger Nilles

Bistumskanzler

 
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