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Die Enzyklika Laudato Si’ – Über die Sorge für das gemeinsame Haus  
5. August 2015

Die Enzyklika Laudato Si’ (8)

Die Weisheit der biblischen Erzählungen

Wenn wir die Komplexität der ökologischen Krise und ihre vielfältigen Ursachen berücksichtigen, müssten wir zugeben, dass die Lösungen nicht über einen einzigen Weg, die Wirklichkeit zu interpretieren und zu verwandeln, erreicht werden können. Es ist auch notwendig, auf die verschiedenen kulturellen Reichtümer der Völker, auf Kunst und Poesie, auf das innerliche Leben und auf die Spiritualität zurückzugreifen. Wenn wir wirklich eine Ökologie aufbauen wollen, die uns gestattet, all das zu sanieren, was wir zerstört haben, dann darf kein Wissenschaftszweig und keine Form der Weisheit beiseitegelassen werden, auch nicht die religiöse mit ihrer eigenen Sprache. Zudem ist die katholische Kirche offen für den Dialog mit dem philosophischen Denken, und das gestattet ihr, verschiedene Synthesen zwischen dem Glauben und der Vernunft herzustellen. Was die sozialen Fragen betrifft, kann man dies an der Entwicklung der Soziallehre der Kirche feststellen, die berufen ist, aufgrund der neuen Herausforderungen immer reichhaltiger zu werden. […]

Wir sind nicht Gott. Die Erde war schon vor uns da und ist uns gegeben worden. Das gestattet, auf eine Beschuldigung gegenüber dem jüdisch-christlichen Denken zu antworten: Man hat gesagt, seit dem Bericht der Genesis, der einlädt, sich die Erde zu „unterwerfen“ (vgl. Gen 1,28), werde die wilde Ausbeutung der Natur begünstigt durch die Darstellung des Menschen als herrschend und destruktiv. Das ist keine korrekte Interpretation der Bibel, wie die Kirche sie versteht. Wenn es stimmt, dass wir Christen die Schriften manchmal falsch interpretiert haben, müssen wir heute mit Nachdruck zurückweisen, dass aus der Tatsache, als Abbild Gottes erschaffen zu sein, und dem Auftrag, die Erde zu beherrschen, eine absolute Herrschaft über die anderen Geschöpfe gefolgert wird. Es ist wichtig, die biblischen Texte in ihrem Zusammenhang zu lesen, mit einer geeigneten Hermeneutik, und daran zu erinnern, dass sie uns einladen, den Garten der Welt zu „bebauen“ und zu „hüten“ (vgl. Gen 2,15). Während „bebauen“ kultivieren, pflügen oder bewirtschaften bedeutet, ist mit „hüten“ schützen, beaufsichtigen, bewahren, erhalten, bewachen gemeint. Das schließt eine Beziehung verantwortlicher Wechselseitigkeit zwischen dem Menschen und der Natur ein. Jede Gemeinschaft darf von der Erde das nehmen, was sie zu ihrem Überleben braucht, hat aber auch die Pflicht, sie zu schützen und das Fortbestehen ihrer Fruchtbarkeit für die kommenden Generationen zu gewährleisten. Denn „dem Herrn gehört die Erde“ (Ps 24,1), ihm gehört letztlich „die Erde und alles, was auf ihr lebt“ (Dtn 10,14). Darum lehnt Gott jeden Anspruch auf absolutes Eigentum ab: „Das Land darf nicht endgültig verkauft werden; denn das Land gehört mir, und ihr seid nur Fremde und Halbbürger bei mir“ (Lev 25,23).

Diese Verantwortung gegenüber einer Erde, die Gott gehört, beinhaltet, dass der Mensch, der vernunftbegabt ist, die Gesetze der Natur und die empfindlichen Gleichgewichte unter den Geschöpfen auf dieser Welt respektiert, „denn er gebot, und sie waren erschaffen. Er stellte sie hin für immer und ewig, er gab ihnen ein Gesetz, das sie nicht übertreten“ (Ps 148,5b-6). Daher kommt es, dass die biblische Gesetzessammlung sich damit aufhält, dem Menschen verschiedene Vorschriften nicht nur in Beziehung zu den anderen Menschen, sondern auch in Beziehung zu den anderen Lebewesen zu geben: „Du sollst nicht untätig zusehen, wie ein Esel oder ein Ochse deines Bruders auf dem Weg zusammenbricht. Du sollst dann nicht so tun, als gingen sie dich nichts an. […] Wenn du unterwegs auf einem Baum oder auf der Erde zufällig ein Vogelnest mit Jungen oder mit Eiern darin findest und die Mutter auf den Jungen oder auf den Eiern sitzt, sollst du die Mutter nicht zusammen mit den Jungen herausnehmen“ (Dtn 22,4.6). Auf dieser Linie wird die Ruhe am siebten Tag nicht nur für den Menschen vorgeschrieben, sondern auch, „damit dein Rind und dein Esel ausruhen“ (Ex 23,12). Auf diese Weise bemerken wir, dass die Bibel keinen Anlass gibt für einen despotischen Anthropozentrismus, der sich nicht um die anderen Geschöpfe kümmert.

[…] Obwohl „auf der Erde die Schlechtigkeit des Menschen zunahm“ (Gen 6,5) und es Gott „reute […], auf der Erde den Menschen gemacht zu haben“ (Gen 6,6), entschied er doch, über Noach, der noch rechtschaffen und gerecht geblieben war, einen Weg zur Rettung zu öffnen. So gab er der Menschheit die Möglichkeit zu einem neuen Anfang. Ein guter Mensch ist genug, um die Hoffnung nicht untergehen zu lassen! Die biblische Überlieferung legt deutlich fest, dass diese Wiederherstellung die Wiederentdeckung und die Achtung der Rhythmen einschließt, die durch die Hand des Schöpfers in die Natur eingeschrieben sind. Das zeigt sich zum Beispiel im Sabbatgebot. Am siebten Tag ruhte Gott von all seinen Werken. Gott gebot Israel, jeden siebten Tag als Ruhetag, als Sabbat, zu begehen (vgl. Gen 2,2-3; Ex 16,23; 20,10). Außerdem wurde alle sieben Jahre auch ein Sabbatjahr für Israel und sein Land eingerichtet (vgl. Lev 25,1-4), in dem man dem Land eine völlige Ruhe gewährte; es wurde nicht gesät und nur geerntet, was zum Leben und um Gastfreundschaft zu bieten unentbehrlich war (vgl. Lev 25,4-6). Und schließlich wurde nach sieben Jahreswochen, das heißt nach neunundvierzig Jahren, ein Jubiläum gefeiert, ein Jahr der allgemeinen Vergebung und der „Freiheit für alle Bewohner des Landes“ (Lev 25,10). […]

(Auszug aus Das Licht, das der Glaube bietet / Die Weisheit der biblischen Erzählungen 63, 67-68, 71)

Bisher erschienene Auszüge aus der Enzyklika

Der Text der Enzyklika Laudato Si’

Le texte de l’encyclique Laudato Si’

 
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