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Regard protestant, orthodoxe, israélite  
8. Juli 2017

Bestechender Glaube oder stechender Schmerz

Regard protestant von Karl-Georg Marhoffer (09.07.2017)

Der Sommer bringt es zutage, was Winter und Herbst sorgfältig verdeckt haben. Alle Heimlichkeiten auf Bauch, Schulter, Arm und Bein werden offenbar und mancher Angestellte im Servicebereich, Restaurant, Schalter, Büro oder Airline muss auch im Hochsommer lange Hosen oder Kleider mit langem Arm, schulter- oder bauchbedeckt tragen. Noch vor Jahren waren Tattoos mit dem Stigma des Häftlings besetzt.

Insbesondere in Ländern, in denen Christen verfolgt werden, ist es ratsam, die Stelle für das Tattoo mit Bedacht auszuwählen. Wie die Syrerin, die das Kreuz unter ihrem Pony tragen wollte, damit es in der Heimat nicht die Falschen sehen. Oder der 13-jährige Palästinenser, den seine Eltern bis um ein Uhr nachts von seinem Vorhaben abbringen wollten. Vergeblich: Am nächsten Tag saß er im Tattoo-Studio und ließ sich ein Kreuz und die Zeile „dein Wille geschehe“ auf Arabisch in das rechte Handgelenk stechen. „Das Tattoo wird mich zurückhalten, wann immer ich etwas Falsches tun möchte“, sagte er.

Tätowierungen – eine der ältesten Kulturäußerungen der Menschheit. An der über 5 000 Jahre alten Gletschermumie, besser bekannt als „Ötzi“, fand man rund 40 Hautbilder. Ob sie als Schmuck getragen wurden, eine eher medizinische oder eine bekenntnishafte Funktion hatten, ist noch unklar. Unstrittig ist, dass Körperbemalungen und Tätowierungen mit ganz unterschiedlichen Techniken entstanden sind – von der Bemalung über das Stechen bis zum Ritzen. Natürlich spielen sie auch in der jüdisch-christlichen Tradition eine Rolle.

Im 1. Buch Mose ist es Gott selbst, der den Brudermörder Kain mit einem Mal tätowiert, das zeit seines Lebens sichtbar machen sollte: Wer Kain totschlägt, soll siebenfach gerächt werden. Dennoch wird dem Volk Israel untersagt, sich „um eines Toten willen“ zu tätowieren. Priestern wird das Stechen und Ritzen ganz verboten – und auch jenen 450 Baal-Propheten, die sich auf dem Karmel einen Wettkampf mit dem Jahwe-Kollegen Elia lieferten, können die martialischen Techniken auch nicht helfen: „Und sie riefen laut und ritzten sich mit Messern und Spießen nach ihrer Weise, aber da war keine Stimme, noch Antwort, noch einer, der aufmerkte“ (1. Könige 18).

Im Christentum ändert sich die Bewertung: „Denn ich trage die Malzeichen Jesu an meinem Leibe“ (Galater 6, 17). Die Aussage war wohl eher im übertragenen Sinne gemeint, doch die Volksfrömmigkeit deutete das bald als Hinweis auf eine Tätowierung.
Indem die Qualen des Stechens für ein Kunstwerk ausgehalten werden, wird der körperliche Schmerz positiv besetzt und bekommt einen höheren Sinn. Diese Sinngebung rückt die Tätowierung in die Nähe einer religiösen Praxis.

Vereint werden Schmerz und Genuss, Protest und Norm, Oberflächlichkeit und Tiefgründigkeit, Kunst und Stigma, Ausgrenzung und Zugehörigkeit. Für Zugehörigkeit sind die frühen Christen ein gutes Beispiel: Tätowierungen galten bald als Erkennungszeichen in der Diaspora. Aus dem Exklusionsgedanken wurde ein Gemeinschaft schaffendes Bekenntnis: An Kreuz, Fisch oder dem Schriftzug „Jesus“ erkannten sie sich auch in fremder Umgebung. Sie machten ihre Zugehörigkeit dadurch sichtbar.

Matrosen ließen sich als Mahnung und Schutzamulett Kombinationen aus Kreuz, Herz und Anker in die Haut stechen. Manch einer aber sieht seine alten Tattoos heute als Jugendsünden.

Um wieviel hautschonender sind da Ring, Kette oder Sticker, die je nach Anlass ausgewählt und getragen werden können – unabhängig von Sonne, Regen oder Schnee.

Der Autor ist Titularpastor der Protestantisch-reformierten Kirche von Luxemburg

(Quelle: wort.lu)

 
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