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Regard protestant, orthodoxe, israélite  
26. Januar 2019

Gott und Auschwitz

Regard Israélite von Alexander Grodensky

Im Vorfeld des Internationalen Tages des Gedenkens an die Opfer des Holocaust am 27. Januar ist die Frage „Wo war Gott in Auschwitz?“ mehr als aktuell. Was für ein Gott konnte so etwas geschehen lassen?

Wenn der allmächtige und allwissende Gott die Katastrophe („Schoa“ auf Hebräisch) verhindern hätte können, aber sich entschloss, sich nicht einzumischen, dann kann dieser Gott nicht gerecht und barmherzig sein.

Die Konsequenz dieser Gottesvorstellung ist, dass „der liebe Gott“ für alles verantwortlich ist, für Gutes wie für Böses und dass die Freiheit der Menschen eine Illusion ist.

Alles geschieht nach dem Willen Gottes.

„Holocaust“ ist ein griechisches Wort, das „Brandopfer“ im Sinne des Gottesdienstes bedeutet. Die Verwendung des Begriffs „Holocaust“ sagt schon einiges aus: Es sei ein gottgewolltes Opfer, da wird das Krematorium dem Altar gleichgestellt. Die Schoa geschah, so sagen manche, als Strafe Gottes. Kurz gesagt, die Juden sind selber schuld!

Welche Art von Lektion sollte diese Strafe rechtfertigen? Was haben eine Million in der Schoa ermordete jüdische Kinder getan, um so eine „Strafe“ zu verdienen? Wieder andere versuchen, sich mit dem Feigenblatt des Mysteriums zu decken: Die Wege Gottes sind unergründlich.

Gottes Definition von Gut und Böse unterscheidet sich von unserer eigenen.

Wenn aber ein Massenmord kein Übel ist, dann hat der Begriff des Bösen keine Bedeutung. So oder so, klarer wird es nicht. Gott bringt entweder Leid oder entscheidet sich, dieses nicht zu verhindern. Auf jeden Fall verdient ein Gott, der so grausam ist, vielleicht unsere Furcht, aber nicht unsere Liebe, schreibt Rabbiner Harold H. Kushner. „Vielleicht musste man in der Welt der Tyrannen darauf bestehen, dass Gott mindestens so mächtig war wie die irdischen Herrscher, die Leben und Tod kontrollierten und deren Willen keine Herausforderung billigten. Aber warum sollten wir heute die Macht als das höchste Gut verehren?“

Es gibt eine Alternative, die nicht weniger authentisch jüdisch ist: Gott ist kein „unbewegter Beweger“ oder allmächtiger Herr. Er liebt, trauert, ändert seine Meinung, bereut, wird zornig, überrascht oder frustriert und er feiert und leidet mit seiner Schöpfung und respektiert ihre Freiheit.

Unsere Freiheit, schlechte Entscheidungen zu treffen, bedeutet auch, dass wir uns selbst und andere Menschen hart schlagen können.

Die Quellen unseres Leidens sind unmittelbar, in der Natur, sie sind kein Urteil oder eine Strafe Gottes. Die eigentliche Frage sollte lauten: „Wo war der Mensch in Auschwitz?“

Der Autor ist Rabbiner von Esch/Alzette.

 
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