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Regard protestant, orthodoxe, israélite  
24. Dezember 2018

Schreck, lass nach

Der Regard protestant zu Weihnachten von Volker Strauß

„Sie aber erschrak über dieses Wort und sann darüber nach, was dieser Gruß wohl zu bedeuten habe“: So das Lukasevangelium. Ein Engel war dem Mädchen Maria erschienen und hatte ihr die Geburt Jesu angekündigt. War Maria überrascht? Wohl eher aufgewühlt wird sie gewesen sein. Da bricht etwas Gewaltiges in ihr Leben ein, das nicht zu verstehen ist. „Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir!“, stellt sich der Engel vor. Tröstlich klingt das. Ob Maria beruhigt war? Sie werde schwanger werden und einen Knaben gebären, sagte er ihr voraus. Maria wagt zu widersprechen: „Wie soll das geschehen, da ich doch von keinem Mann weiß?“ Die Antwort: „Heiliger Geist wird über dich kommen, und Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Darum wird auch das Heilige, das gezeugt wird, Sohn Gottes genannt werden.“

Bitte nicht

Ein starkes Stück, das dem Leben schlagartig eine neue Richtung gibt. Die Tradition rechnet die Verkündigung zu den „Sieben Freuden Mariens“, aber Maria wird wohl eher das große Heulen gekommen sein. Ihr Einwand ist eine Abwehrgeste: Ach geh, „verschone mich, ich bin doch zu jung und nicht stark genug, um zu tragen, was Gott von mir verlangt“. Maria quittiert den Auftrag schlussendlich demütig: „Ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast!“ Begeisterung? Fehlanzeige! Das sind die Worte einer, die sich fügt. Die göttliche Gnade, die der Engel bei der Begrüßung andeutet, wird Maria weniger als Auszeichnung denn als Last empfunden haben. Als Beginn eines Abenteuers mit ungewissem Ausgang. Was würde auf sie zukommen? Und was hatte das zu bedeuten? „Und der Engel verließ sie“, so schließt Lukas die Szene.

Über die Vorgeschichte der Geburt Jesu erfahren wir nicht viel. Nur in Nebenbemerkungen geben Matthäus und Lukas knapp, aber feinfühlig Einblick in das Innere der beteiligten Menschen. Hat Maria in dieser Geschichte schon den Part einer Statistin, so bleibt Josef ganz stumm. In den Evangelien kommt er nicht zu Wort. Aber wir erfahren, was die Nachricht von der Geburt Jesu in ihm auslöste. Bei Matthäus heißt es, er habe sich überlegt, Maria in aller Stille zu verlassen. Das ist allerhand. Nur, Josef ist nicht eifersüchtig – denn er wollte seine Verlobte auf keinen Fall bloßstellen. Seine Fluchtgedanken sind Ausdruck des Versuchs, sich einem Geschehen zu entziehen, das ihm über den Kopf wächst. Gott muss gegensteuern. Er schickt Josef einen Traum. Ein Engel klärt ihn auf und bringt ihn so von seinem Vorhaben ab. Von Gott erwählt zu sein, ist Gnade. Aber die Gnade hat einen Haken: eine Erschütterung, die den Begnadeten entwurzelt. Josef stelle ich mir vor, wie er dasitzt, den Kopf in die Hand gestützt, und mit großen Augen ins Leere blickt. Ratlos vor einer Zukunft, die ihm Angst macht, bedrückt von einem Auftrag, dessen Konsequenzen er nicht absehen kann.

Was die Welt verändert

Josef und Maria sind auserwählt für eine besondere Rolle, die ihnen das Letzte abverlangt. Hinter dem Idyll der „Heiligen Familie“ stehen Menschen, die existenziell getroffen sind. Lukas deutet das an, als die Hirten zum Stall nach Bethlehem kommen, bleibt Maria still: „Maria aber“, heißt es, „behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“

Gott ist Mensch geworden, um die Menschen zu erlösen. Er hat sich erniedrigt, um die Menschen zu erhöhen. Am Rand des Römischen Reiches kommt mit der Geburt eines Kindes etwas in Gang, was die Welt verändert. Ausgerechnet Hirten, also die, welche in der Gesellschaft ganz unten standen, hören die himmlische Botschaft als Erste: „Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“ Das heißt: Bei Gott gilt ein anderer Maßstab, so der Apostel Paulus im ersten Korintherbrief: „Das Törichte dieser Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zu beschämen, und das Schwache dieser Welt hat Gott erwählt, um das Starke zu beschämen, und das Geringe dieser Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts gilt, um zunichtezumachen, was etwas gilt.“

Weihnachten ist die Verheißung von Frieden, Liebe und Versöhnung – zwischen Gott und den Menschen und den Menschen untereinander. Ein Geschenk und eine Herausforderung.

Frieden

Die Hingabe Gottes ist verbunden mit dem Anspruch Gottes an die Menschen, Ja zu sagen und eine Aufgabe wahrzunehmen in einem Geschehen, in dem sie nicht selber die Fäden ziehen. Sich einzulassen auf den „Frieden Christi“, der erst über die Welt kommt, wenn er in den Herzen der Menschen regiert.

„Zum Frieden seid ihr berufen“, schreibt Paulus an die Kolosser, „als Glieder des einen Leibes“. Das heißt: Gott braucht die Menschen, damit der göttliche Friede wirksam werden kann. Und wir müssen bereit sein, uns von Gott vor den Kopf stoßen zu lassen. Das ist schmerzlich. Maria hätte das sehr gut verstanden. Wer Gottes Hingabe annehmen will, muss bereit sein, sich selber hinzugeben. „Wer sein Leben retten will, wird es verlieren“, sagt Jesus im Matthäusevangelium, „wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, wird es finden“.

Der Autor ist Titularpfarrer der Protestantischen Kirche von Luxemburg.

Quelle: Luxemburger Wort

 
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