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Hinab bis auf den Quellgrund der Seele

Kommentar zum 3. Fastensonntag des liturgischen Jahres A - Renée Schmit (9.03.2026)

Am dritten Fastensonntag hören wir das Evangelium von der Begegnung Jesu mit der Samariterin am Jakobsbrunnen (Joh 4). Es ist eine der eindrucksvollsten Szenen aus den Evangelien. Seit den ersten Jahrhunderten gehört diese Erzählbegegnung nach Johannes zu den großen Taufkatechesen: Bischöfe wie Johannes Chrysostomus und Cyrill von Jerusalem legten sie den Katechumenen aus, um ihnen den Weg zur Quelle des lebendigen Wassers zu erschließen.

Mit leiser Wehmut habe ich jedoch beim Lesen dieses Evangeliums an meine letzte Reise ins Heilige Land gedacht. Damals besuchten wir die Gedenkstätte von Sychar mit dem Jakobsbrunnen. Ein Ort voller Geschichte – und voller Spannungen. Die heutige Stadt Nablus liegt nämlich im palästinensischen Gebiet und unser Besuch im Jahr 2022 war damals nur unter strengen Sicherheitsvorkehrungen möglich. Bilder von bewaffneten Soldaten und religiösen Autoritäten, von Misstrauen und Angst, bleiben mir in Erinnerung. Solche Bilder sagen uns, dass Glaube nicht im geschützten Raum gedeiht, sondern mitten in einer komplexen und oft zerrissenen Wirklichkeit. So auch heute, wenn uns täglich Bilder von Konflikten und Gewalt erreichen. Aus der Ferne bangen wir mit ihnen. Für viele ist der Glaube Teil ihrer Überlebensstrategie und lässt sie über sich hinauswachsen.

So war auch zur Zeit Jesu bereits der Brunnen von Sychar ein Ort der Herausforderung. Die Begegnung mit der Frau kostete ihn Ansehen: Er, ein gläubiger Jude, der öffentlich mit einer verufenen Samariterin spricht – und sie auch noch um Wasser bittet? Wer den Namen „Sychar“ deutet, stößt auf Bedeutungen wie „verstopft“ oder „von der Quelle abgeschnitten“. Ein sprechendes Bild in Bezug auf die Frau und ihre ungeordneten Beziehungen. In ihrem Leben war auch etwas ins Stocken geraten.

Eine Erfahrung, die viele kennen, als Einzelne oder in Gemeinschaften. Auch die Kirche steht immer wieder vor der Frage, ob ihre Lebenskraft noch fließt oder ob sie Gefahr läuft, von ihrer Quelle abgeschnitten zu sein.

In der Fastenzeit tun wir deshalb gut daran, uns zu erinnern, dass Jesus gekommen ist, „damit sie/wir das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10,10).

Dieses Versprechen gilt und deshalb weicht Jesus der Begegnung mit der Frau nicht aus. Müde und durstig setzt er sich an den Brunnen und bittet die Frau um Wasser. Als Mensch unter Menschen durchbricht er gesellschaftliche und religiöse Grenzen – und setzt so eine Bewegung, die mit einer Bekehrung einhergeht, in Gang.

Bekehrung aber beginnt immer dort, wo Menschen den Mut haben, bis auf den Grund ihrer Seele hinabzusteigen. Die Geschichte am Brunnen lebt von diesem uralten Symbol: Im Wasser spiegelt sich das eigene Leben. Im Kontakt mit Jesus wird dem Gegenüber etwas klar. Zu bemerken ist, dass Jesus in diesem Prozess die Frau nicht bloßstellt. Er reduziert sie auch nicht auf ihre Brüche und Fehlentscheidungen. Mit feiner Empathie führt er sie dazu, ihre Wahrheit anzuschauen, um diese anzunehmen und vielleicht etwas zu ändern. Dies alles bleibt offen. Jesus kommt nicht um mit uns abzurechnen, sondern um zu heilen.

„Wer von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben“ (Joh 4,14). Dieses Wort ist Verheißung und Einladung zugleich. Wer seine eigene Geschichte im Licht Gottes betrachtet, taucht bereits ein in den Strom seiner Barmherzigkeit.

Dazu braucht es das Vertrauen der Samariterin. Ein Vertrauen, das wir in dieser Fastenzeit besonders allen Katechumenen wünschen die sich auch in unserer Erzdiözese, im Glauben auf Christus einlassen. Möge Er in ihnen lebendig werden und zu einer tragenden Beziehung für ihr Leben werden.

 

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